Skip to main content

Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 



W f 



*.'.!''•..■ 



— -»*7 z-^ 



' / /. 






Kh: 



..-yf 






m 



•t \x -, 






«^'•*** 






■nv^\.-^ 



'V *^ 



I 




3Vd^ *u i4hr 




Ö 



Jahrbuch 



des 



Yereins flir niederdentsche SpracMorscbung. 



Jahrgang 1883. 



IX. 



'• NORDEN und LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1884. 



f£j^J nr 



JAN 71885 



^-^/.■-■'>c ':( . u.^. 



Druck von Diedr. Soltaa in Norden. 



Inhalt. 



Seite 

Die Lippischen Familiennamen von 0. Preuss 1 

Mitteilungen aus einer mnd. Handschrift von Karl Schirm er 41 

Zum Dramenfragment von K. Sprenger 48 

Zum Mühlenliede von Herman Brandes 49 

Friederich von Hennenbergs geistliche Rüstung von W. Seelmann . . . 55 

Kinderspiele aus Schleswig-Holstein von Heinrich Carstens 60 

Bemerkungen zu Fr. Woeste'« Wörterbuch der westfölischen Mundart nebst 

Briefen desselben von H. Jellinghaus 65 

Eine niederdeutsche Spottschrift auf den Hamburger Patrioten von 1724 von 

H. Holstein 75 

Zwei Gedichte aus der Reformationszeit von Ludwig Hänselmann . . 83 

Das Berliner Weihnachtspiel von 1589 von Job. Holte 94 

Status Mundi von C. Walther 104 

Gories Peerse's Gedicht Van Island von W. Seelmann 110 

Niederdeutsche Inschriften in der Krypte der Domkirche S. Laurentii zu 

Lund von Dietrich Schäfer und C. Walther 125 

Beschreibung der Handschriftensammlung des Freiherrn August von Arnswaldt 

in Hannover von AI. Reifferscheid 132 

Die Hamburger Islandsfahrer von C. Walther 143 

Niederdeutsches Vaterunser mit Glossen von H. Deiter 145 

Zwei Briefe Jacob Grimms an Albert Hoefer von AI. Reifferscheid . . 146 
Heinrich August Lttbben. I. Gedächtnissrede von K. Strackerjan . . . 149 

II. Lebensdaten und Schriften 156 



Dieser Band gilt fiir die MitgUedsehaft im Jahre 1884. 



Die Lippisehen l'amiliennamen. 



Das Landesarchiy in Detmold bewahrt eine Anzahl sogenannter 
Schatzregister, in welchen der auf dem platten Lande in den ein- 
zelnen Jahren erhobene ^^Landschatz^, die spätere Kontribution, ver- 
zeichnet ist. Diese Listen gehen hinsichtlich einzelner Amtsbezirke 
des Landes bis ins spätere Mittelalter zurück, die älteste, datierte ist 
vom Jahre 1409, eine andere nicht datierte, die Kirchspiele Detmold 
(Landgemeinde), Heiligenkirchen, Meinberg und Kappel umfassende 
ist der Sprache und den Schriftzügen nach jedenfalls noch älter und 
muss, wie die Yergleichung einzelner Namen mit denen sonstiger aus 
dieser Zeit erhaltener Urkunden ergiebt, aus der Zeit von etwa 1350 
bis 1380 herrühren; vom Jahre 1507 an aber findet sich eine ganze 
Reihe solcher Register, welche sich auf alle Amtsbezirke des Landes 
erstrecken und den Namen jedes einzelnen Stättebesitzers und dessen 
Abgabe nach Kirchspiel und Dorfschaft verzeichnen. Da nun in 
unserm Lande die Namen der Bauernhöfe, im Gegensätze zu den 
wechselnden Namen der Hausbesitzer in den Städten, meistens von 
Alters her dieselben geblieben sind, indem es bis in die neueste Zeit 
feststehende Sitte war, dass der durch Aufheiratung, oder auch durch 
Kauf ein Kolonat Erwerbende mit Aufgabe seines bisherigen Familien- 
namens den auf der erworbenen Stätte haftenden Namen annahm, so 
sind jene alten Register für die Bildungsgeschichte und Erklärung 
unserer Familiennamen nicht ohne Wichtigkeit, indem sie es möglich 
machen, eine grosse Anzahl der bäuerlichen Namen rückwärts bis in 
recht frühe Zeit zu verfolgen — wir können mittelst unserer Listen 
und durch deren Yergleichung mit dem neuesten Kataster den Ver- 
änderungen einzelner Namensform^n durch einen Zeitraum von fast 
fünfhundert Jahren nachgehen. 

Zu Statten kommt uns dabei der Umstand, dass die Register, 
wie die in ihnen vielfach wechselnde Reihenfolge der Dorfschaften 
und der einzelnen Höfe in denselben zeigt, nicht nach einer fest- 
stehenden Schablone angefertigt sind, sondern dass der Erheber des 
Landschatzes jedesmal von Neuem die Namen der Kontribuenten bei 
der Hebung eingetragen hat, so dass wir also sicher sind, die Namen 
so angegeben zu finden, wie sie zur Zeit der Hebung die im Munde 
des Volkes wirklich üblichen waren*). 

*) In der Mehrzahl der Register haben wir allem Anscheine nach die wirk- 
lichen Originale der Hebelisten vor uns, indem bei jedem der Namen entweder ein 
ndedü*^, oder als Grund der Nichtzahlung ein »jpaKjper**, „verbrarW^ u. dgL beigefügt ist. 

Niederdeutsches Jahrbuch. IX. 1 



Auch gewinnen wir aus unsern Listen, wenn wir von der ge- 
ringen Anzahl der, meist nach ihren Gütern benannten heimischen 
Adelsgeschlechter absehen, einen Überblick über die ursprünglichen 
lippischen Familiennamen überhaupt, da die Namen des platten Landes 
bei der Übersiedelung der Bewohner desselben in die Städte auch 
die der Bürgerfamilien wurden, so dass unsere älteren städtischen 
Familiennamen — den späteren Zuzug aus der Fremde lassen wir 
hier unberücksichtigt — zum grossen Teile auch auf dem platten Lande 
nachzuweisen sind. 

Es ist nicht unsere Absicht, hier eine vollständige Aufzählung 
der älteren lippischen Geschlechtsnamen zu geben. Schon das Schatz- 
register von 1590 führt statt der im Jahre 1507 erst die Zahl von 
etwa 1500 erreichenden Kolonate deren bereits gegen 3000 nament- 
lich auf^), und wenn wir auch annehmen wollten, dass jeder der 
Namen dreimal wiederkehre — einzelne erscheinen oft sogar mehrfach 
in derselben Dorfschaft — so blieben doch noch immer gegen 1000 
Namen übrig, die wir zu nennen hätten. Aber unter diesen Namen 
besteht die Mehrzahl aus solchen, die auch anderweit in den neueren 
allgemeinen und besonderen onomatologischen Werken uns begegnen, 
und über deren Etymologie wir nach den Untersuchungen bewährter 
Forscher jetzt im grossen Ganzen ziemlich im Klaren sind. Wir 
wollen uns also damit begnügen, im Nachstehenden die einzelnen, aus 
ihrer Entstehungsart sich ergebenden natürlichen Gruppen der Familien- 
namen kurz durchzugehen und zu jeder derselben die für unsere 
landsässigen lippischen Namen zu machenden Bemerkungen zusammen- 
zustellen, in denen wir versuchen, das aus den erwähnten Schatz- 
registern bezüglich der Bildungsgeschichte der heimischen Familien- 
namen sich ergebende ivkundliche Material zu verwerten. Diejenigen 
Namen, die unserm Lande eigentümlich zu sein scheinen, wollen wir 
dabei besonders berücksichtigen — sie werden ziemlich vollständig 
zur Besprechung kommen. 

Vorab einige Worte über die Zeit der Entstehung der Familien- 
namen bei uns überhaupt. 

Es ist bekannt, dass die Zeit, wo der steigende Verkehr und die 
staatliche und soziale Entwickelung es mit sich brachten, an die Stelle 
der bis dahin allein gebrauchten Einzelnamen bleibende, vom Vater 
auf die Kinder sich vererbende Geschlechtsnamen zu setzen, im nörd- 
lichen Deutschland kaum über sechshundert Jahre zurückreicht. In 
unsern lippischen Städten machte, wie die heimischen Urkunden er- 
geben, schon im Laufe des 13. Jahrhunderts jener Brauch sich gel- 
tend. Aus den ältesten der oben gedachten Schatzregister, welche 
ein glücklicher Zufall uns erhalten hat, überzeugen wir uns nun aber, 
dass die gleiche Sitte bei uns auf dem platten Lande erst etwa 
hundert Jahre später aufkam. Die früheste jener Listen, die wir in 



1) Im J. 1854 betrug die Zahl der Stätten 7630. 



3 

die Zeit von 1380 setzen müssen, enthält noch bei Weitem mehr ein- 
zelne Personennamen, als solche mit beigefügten Familiennamen, und 
die letzteren haben meist nur erst die patronymische Endsilbe -ing. 
Neben dem einfachen Henne, Kort, Evert, Bernt u. s. w. erscheint 
nur hin und wieder ein Henke Lüdeking, Godeke Johanning, 
Henne Metting u. s. w. Man sieht, die Bildung der Familiennamen 
war damals noch im Flusse. Anders ist es schon in der Liste von 
1409 geworden — das Verhältniss hat sich hier bereits ziemlich um- 
gekehrt, die Bezeichnung der Stättebesitzer mit blossen Einzelnamen 
wird seltener, es mehren sich die Fälle, wo einer der alten Personen- 
namen als wechselnder Vorname gebraucht und ein anderer, nun auch 
zuweilen schon ohne patronymische Endung, als bleibender Familien- 
name ihm beigefügt wird, es erscheint z B. ein Hermann Bertram, 
Henke Lambert, Nolte Gybe, Deppe Huneke, und so geht es 
weiter, bis gegen Ausgang des Jahrhunderts die Einzelnamen nur 
noch ausnahmsweise vorkommen und dann fast immer mit einer Be- 
zeichnung nach der Lage der Stätte oder dem Gewerbe des Besitzers 
derselben, Zusätze, die dann später oftmals den Familiennamen abge- 
geben haben — aus Henne uppem Damme ist ein Dammeier, 
aus Bernt vor dem Holte ein Holzmeier, aus Hans im Broke 
ein Broker, aus Hermann to dem Toyte^) ein Toytemeier, aus 
Henne dem Molner ein Möller, aus Kord dem Schoyteler 
(d. i. Schüsselmacher) ein Schöttler geworden u. s. w. 

Hinsichtlich der Wahl der Vornamen, die übrigens in den frü- 
heren Listen gleich häufig dem Familiennamen vor- und nachgesetzt 
werden — es heisst z. B. ebensooft Otto Puls und Hampen Henne 
als Puls Henke und Hans Hampen — macht sich in unsern Hebe- 
listen bemerklich, wie der Kreis jener Vornamen sich immer mehr 
verengt. Von den vielen früher dazu verwandten Personennamen 
haben sich nur verhältnissmässig wenige erhalten. Noch in den frü- 
heren Listen des 16. Jahrhunderts finden wir vielfach die Namen 
Alhart, Amelung, Arndt, Bado, Deppe, Drude, Erich, Erp, 
Gerke, Henke, Idel, Nevelin, Schweer (d. i. Schweder, Swidher), 
Winand u. a. als Vornamen gebraucht, schon im Register von 1590 
aber begegnen uns fast nur noch die auch jetzt bei uns auf dem 
Lande allein in Gebrauch gebliebenen Vornamen, die sich vorzugs- 
weise im Kreise von Johann und Hans, Tönnies, Henrich, Bernd, 



*) Es ist (lies der in den Schriften über die Varusschlacht öfter erwähnte 
jetzt so genannte Tötehof am Fasse der das Hermannsdenkmal tragenden G r o t e n- 
burg. Daraus, dass dieser Hof und das neben ihm liegende Kolonat Warweg 
schon in Urkunden des 14. und 15. Jahrh. wiederholt die „twe Hus to dem 
Toyte* oder „in dem Toyte" bezeichnet werden, glauben wir mit gutem Grunde 
auf ein „T o y t** als den anderweit nicht überlieferten früheren Namen der Groten- 
barg schliessen zu dürfen. In unsern Listen heisst der Besitzer des Tötehofes 
1380 Nolte in dem Toyte, 1409 Hermann to dem Toyte, 1507 de 
Teutemeiger, 1564 Toidtluike, der des andern Hofes 1380 Waremeiger, 
1488 Bernt Warwey, 1516 Bernt Warweigh. 

1* 



Kort, Hermann, Lndwig, Simon, Bartold, Diötrich bewtegen^). 
Seltener kommen Wilm und Frederik vor, niemals Karl*). Auch 
der Name August ist bei uns auf dem platten Lande erst neueren 
Ursprungs, und ebenso Georg — die häufig vorkommenden Namen 
Jürgen und Jürgens sind nicht als Georg zu nehmen, es heisst in 
den älteren Registern statt ihrer stets Jordan und Jordens^). 

Was nun die Familiennamen selbst anlangt, so findet der nach 
den Resultaten der neueren Onomatologie feststehende Satz, dass den- 
selben ihrer grossen Mehrzahl nach altdeutsche männliche Per- 
sonennamen zum Grunde liegen, auch bei uns seine volle Bestätigung. 
Es war ja in der That auch das Einfachste und Natürlichste, dass 
man bei der Wahl der Geschlechtsnamen zunächst bei den bis dahin 
seit so vielen Jahrhunderten als Einzelnamen gebrauchten Namens- 
formen stehen blieb, dass man den vom Vater bisher geführten Einzel- 
namen nun auch zum erblichen Namen für seine Kinder werden liess. 
Weit mehr als die Hälfte unserer älteren Kolonatsnamen gehört in 
diese Hauptschicht der Familiennamen, und innerhalb derselben über- 
wiegen wieder bedeutend die altdeutschen Personennamen. 

Diese letzteren, mit welchen wir uns also zuvörderst zu beschäf- 
tigen haben, besitzen bekanntlich die Eigentümlichkeit, dass sie 
regelmässig aus zwei Stämmen verschiedener Bedeutung zusammen- 
gesetzt sind. Auf den Nachweis der Bedeutung der einzelnen Stämme, 
welche, weil diese in Überbleibseln uralten, uns zum Teil nicht ander- 
weit erhaltenen Sprachgutes bestehen, mehrfach noch dunkel ist, geben 
wir hier nicht näher ein und verweisen in dieser Hinsicht auf Förste- 
rn an n's Altdeutsches Namensbuch Bd. 1 (Nordhausen 1856) und auf 
die weiter unten zu erwähnenden Schriften von Strackerjan, An- 
dresen u. s. w. 

Von solchen altdeutschen Personennamen kommt nun zunächst 
eine ziemliche Anzahl in der Voll form als Stättenamen bei uns vor. 
Wir haben mehrfach Kolonate des Namens Albert, Erich, Fried- 
richsmeier, Günther, Lambracht, Reichard u. s. w., aber auch 
minder gewöhnliche Vollnamen treffen wir hin und wieder bei uns an, 
so z. B. Amelung, Friedebold, Günnewich (Gundwig bei Förstern.), 
Heidenreich, Hunold, Menolf, Rostert (Rusthart), Ehlebracht 



*) Von weiblichen Vornamen lernen wir nur wenige aus unsern Listen kennen. 
Da, wo Witwen von den Kolonaten steaern^ heisst es einfach „die Tiedemann- 
sche**, „die Korfsche" u. s. w. Nur vereinzelt kommen vor : Agnete, Alheit, 
Aleke, Barbara, Figge, Gertrud, Gese, Grete, Hille, Ilse, Jutte, 
Kunne, Mette, Stineke. 

') Ein Eolonat Karel in Brake führt diesen Namen erst seit vorigem Jahrh. 
Auch jetzt noch ist der Name Karl bei uns auf dem Lande nicht häufig. 

*) Nach Jakob Grimm (kl. Sehr. III S. 157) soll der Name Jordanes erst 
durch christliche Umdeutang aus Jornandes entstanden sein, und dieser sich^ mit 
Ausstossung des 6, aus Ebernand entwickelt haben. 



(Adelbrecht), Scholand, Sisenop (Sisinulf*), Stockebrand, Sud- 
mar. Nur teilweise jedoch finden sich die Vollnamen noch jetzt in 
ihrer ursprünglichen Gestalt, einzelne dagegen nur noch in abgeschliffe- 
nen, oft bis zur Unkenntlichkeit entstellten Formen, so dass uns zu- 
weilen erst unsere älteren Register auf die Spur führen und damit 
einen Beleg mehr dazu geben, wie wichtig es für die Erklärung un- 
serer Familien- sowol als Ortsnamen ist, zunächst die Form des älte- 
sten Vorkommens derselben zu ermitteln. Wer würde z. B. unter 
dem heutigen Namen Sobbe den alten Personennamen Sigwin ver- 
muten? Und doch ist die Identität beider Namen bei uns urkundlich 
nachweisbar. Ein Kolonat im Dorfe Hagen, Amts Lage, heisst in der 
Liste von 1488 Segewyn, 1523 Sewen, 1603 Seuwen, 1783 Sobbe, 
und von zwei andern Stätten, die beide noch 1507 ebenfalls Segewin 
beissen, lauten die jetzigen Namen bei der einen Söbbe, bei der 
andern Seffen^). Einzelnen kaum minder starken Entstellungen der 
ursprünglichen, nur noch aus den früheren Registern erkennbaren 
Namensformen werden wir noch bei den weiteren Gruppen begegnen. 
Wir führen beispielsweise schon hier die heutigen Namen Bröffel 
und Middeke an, von denen jener noch in Salbüchern des vorigen 
Jahrb. stets Brackvogel, dieser 1380 Middendorp lautet. Schon 
leichter ist die Entstellung in folgenden Namen erkennbar, bei denen 
wir die ursprüngliche Form, wie sie noch aus den Listen des 16. Jahrh. 
sieb ergiebt, in Parenthese hinzufugen: Bicker (Bickhart), Detering 
(Detharding) , Eiert (Eilhart), Frevert (Fredewart), Griemert 
(Grimhart), H artig (Hartwig), Hei weg (Helwig), Lammert (Lam- 
berdes), Meinert (Meinhart), Refer (Reinferding*), Weiner (Wen- 
deler). Auch die Namen Tob er ig und Schamhart gehören hierher, 
von denen jener 1536 Toethberg*), dieser noch 1721 Schabbe- 
bart*) lautet. 

Doch nicht immer geben unsere Listen den Schlüssel zur Lösung 
der Rätsel an die Hand, welche einzelne unserer Familiennamen in 

^) Diese uns freilich sonst nicht überlieferte Form (Förstern, hat nur eine 
Sisintrude) müssen wir für den noch jetzt mehrfach im Lande vorkommenden, 
sonst undeutbaren Namen Sisenop (1507 Szisenop) doch wol voraassetzen. 
nSisin** ist eine Erweiterung des noch dunkelen, in Sisbert u. s. w. erscheinenden 
Stammes „Sis^. 

*) Die Zwischenformen sind hier noch Sehen und Sebben. Dazu haben 
wir ausserdem die Deminutive Zöfchen und Söpeker. 

') Also zu Beginfrid, Beinfrid, der auch in dem, gewiss nicht Impera- 
tivisch zu erklärenden Namen einer früheren Detmolder Familie Rennefort steckt. 

*) Sicher nicht lokal, sondern als Teutbert (Förstem. hat auch Theot- 
berct) zu nehmen, schwerlich als Teutbirg, da -birg auslautend nur bei Femi- 
ninen vorkommt. 

•) Wol nicht mit Andresen (Über deutsche Volksetymologie S. 156) als 
r^Schafhirf* zu deuten, sondern als Schafthart zum Stamme Schaft = hasta 
gehörend, von dem Förstem. Scaftold, aber auch, ebenfalls mit ausgestossenem t, 
Scafhilt und Scafwat aufführt. Vielleicht ist auch der sonst schwer zu er- 
klärende frohere Lemgoer Bürgername Schapedot nur ein umgedeuteter Scaftold. 
Sicher haben wir den Stamm Schaft in unserm Namen Schacht, mit dem im Nieder- 
deutschen bekannten Übergange des / in ch, wie in Sticht = Stift, Kracht = Kraft. 



ihrer jetzigen Form uns bieten. Die Entstellungen der letzteren 
hatten sich meistens wol schon vollzogen, noch ehe die alten Per- 
sonennamen zu Geschlechtsnamen wurden. Es gilt dies insbesondere 
von denjenigen Veränderungen, die nicht, v^ie die obigen, bloss Folge 
der natürlichen Abschleifung sind, sondern bei denen noch ein anderes 
Element mitv^irkte, das man in neuerer Zeit als die Volksetymo- 
logie zu bezeichnen pflegt. Es hatte nämlich unsere Sprache schon zur 
Zeit der Bildung der Familiennamen einen grossen Teil der in den alten 
Personennamen steckenden Wortstämme längst eingebüsst. Man hatte 
z. B. für das so vielfach als Anlaut in den alten Namen verwandte 
Wort Diet, Thiot = Volk und ferner für die fünf sämtlich Kampf 
und Krieg bedeutenden Ausdrücke Badu^ Gund, Hadu, Hild und Wig 
damals kein Verständniss mehr, und ebenso war von den in jenen 
Namen vorzugsweise häufig den Auslaut bildenden Stämmen -hald und 
'böld (kühn), -bert und -bracht (glänzend), -gar und -ger (Speer), -hart 
(tapfer, engl, hardy), -her (Heer), -wdlt und -ölt (waltend), -wtdf und 
'tdf (Wolf) die Bedeutung nicht mehr geläufig. Es war also natür- 
lich, dass das Volk diese ihm ihrer Bedeutung nach nicht mehr er- 
kennbaren Namen durch anfangs vielleicht nur scherzhaft genommene 
Umdeutung, oder durch Anlehnung an bekannte, lautlich naheliegende 
Wortformen sich mundgerecht zu machen suchte, indem es z. B. das 
bert in Bart, das öld in hold oder später auch 'in Höh verwandelte. 
Diese Volksetymologie spielt in unsern lippischen Kolonatsnamen eine 
grosse Rolle und sie macht die Ermittelung der ursprünglichen Namens- 
form deshalb oft so schwierig, weil das Volk seiner umdeutung zu- 
liebe vielfach recht willkürlich zu Werke ging, so dass man beim 
Versuche einer solchen Ermittelung sich nicht davor zu scheuen braucht, 
hin und wieder über die sonst geltenden Regeln des mundartlichen 
Lautwechsels ohne Bedenken sich hinwegzusetzen*). 

Einige Beispiele solcher Namensumdeutungen, die sich schon in 
den Namen unserer frühesten Listen finden, sind folgende. Ein im 
Amte Sternberg vorkommender Stättename, den man später in 
Schweinebart verhochdeutschte, lautet schon 1466 Swynebarth, 
während er gewiss weder mit ^^Schwein^\ noch mit ,^Bart^' etwas zu 
thun hat, sondern aus Swindbert (vom Stamme stvind „geschwind"), 
wofür Förstem. auch die Form Swinbert nachweist, umgedeutet ist, 
aus Rikulf ist Riekhof geworden, aus Bodhart Potthast, aus Grasbod 
(Förstem. hat Grasulf, aber auch Hrasbod) Krassepot (1507 noch 



*) Vgl. z. B. die Umsetzung des & in jp in den Namen Schmidtpott (mit 
Anlehnung an Pott „Topf*) statt Smidbod, Potthof statt Bodulf u. s. w. 
Auch im Namen Piderit wird — vielleicht mit Anlehnung an „Peter*^ — ein 
solcher Übergang stattgehabt haben und der Name mit dem schon im 4. Jahrh. bei 
Ammianus Marcellinus (XXIX, 4) vorkommenden Bithurid identisch sein. Die 
Herleitung des Namens, den bereits 1442 ein Lemgoer Bürger führt, ist für beide 
Stämme dunkel, der erste findet sich auch in Biterolf und Bidegis, der zweite 
mehrfach, z. B. in Bertrit und Fiderit. 



Erassebod), aus Richwart^) Rekate und Rekotte, aus Hadumod 
Homotb, aus Robert Rubart, aus Meindag Montag, aus Chrodogaud 
Grotegut, aus Gisembert Giessenbier, aus Chlodobrecht^) Kohl- 
brei (1488 Koldebrig), aus Hartwig Hartog, aus Muotulf (mit Um- 
setzung, bzw. Ausstossung des l) Multhaup, Multhaupt und Mutup, 
aus Leidmuot Lethmate^), aus Athaulf Althof, aus Reginald 
Regenthal, aus Golram (-raban) Kulrave. Auch verschiedene an- 
dere sonst undeutbare Namen finden wahrscheinlich in solchen üm- 
deutungen die Erklärung, so z. B. die Lemgoer Bürgernamen Matten- 
klot und Widuwilt und der mehrfach vorkommende Stättename 
Mengedot, von welchen drei Namen der erste vielleicht mit dem 
durch Metathese des l aus Magoald entstandenen Namen des be- 
kannten Buchdruckers Maklot*) zusammenzustellen, der zweite als 
Widubald zu deuten und bei dem letzten an Megintet, Meintet^) 
zu erinnern ist. Ferner scheint ein jetzt ausgegangener Stättename 
im Amte Schwalenberg, den man 1530 in das imperativische Halewat, 
1590 aber in Halfwassen umgedeutet hatte, nichts Anderes als 
Heilwart®) (vom Stamme heil = salvus) zu sein, ein Name, der sich 
kontrahiert in Heil er t bei uns anderweit erhalten hat. Als eine 
Umdeutung wird man es auch anzusehen haben, wenn in den bei uns 
mehrfach vorkommenden Namen Süllwolt (d. i. Sigilwalt^) in den 
älteren Listen regelmässig ein f eingeschoben und dadurch ein Siilf- 
wolt („Gewaltthat^, s. Lübben, mnd. Wb. s. h. v.) entstanden ist. 

Einzelne derartige Entstellungen der Namen rühren übrigens, 
wie unsere Listen ergeben, erst aus der Zeit des 16. Jahrhunderts 
her, um dessen Mitte bei uns das Hochdeutsch in der Schriftsprache 
das Niederdeutsch zu verdrängen anfing, wobei man denn die Ver- 



*) So auch bei Andresen (Altd. PN. S. 78). Bei uns lautet der Name 1530 
und noch 1590 Bedequat, also damals wol als „zum Schlechten bereit" umgedeutet. 
Neben Bekate kommt auch noch jetzt bei einer Stätte in Bösingfeld die Form 
Requard vor. 

*) Wegen der älteren Form Koldebrig hat man wol weniger anColobert 
zu denken. Hinsichtlich der Metathese des l ist an R u d 1 o f neben Rudolf, 
Humblot neben Humbold u. s. w. zu erinnern. Auch Koldewei dürften wir 
danach für Ghlodowig nehmen — einem -wei statt -wig sind wir schon oben bei 
dem Namen War weg begegnet, neben dem wir auch noch die beiden Namen 
War wig und Farwich haben. 

*) In gleicher Art würden wir, wenn neben Waldemar einWaldemuot 
nachweisbar wäre, keinen Anstand nehmen, auch den Namen Waltemade hier- 
her zu ziehen. 

*) Man könnte aber auch an Madalgaud (Förstem. S. 922) denken, zum 
Stamme Modal, Mal „Gerich tsstätte^, der in unserm Ortsnamen Detmold steckt 
und zu dem auch wol unsere Stättenamen Mette und Metting gehören. 

*) S. Stark, die Kosenamen S. 123 Anm. 3 und vgl. M a g i t o d bei Förstem. 
S. 886, zum Stamme magan ■= valere. 

*) Oder auch Hilde wart, denn eine Stätte Hildebrand in Welstorf 
kommt 1590 als Heilebrand vor. 

') Förstem. hat allerdings den erweiterten Stamm Sigü zu Sig nur in Sigil- 
bert, Sigilolf u. s. w.. Stark S. 167 auch einen Suwel zu Sigwald. 



8 

hochdeutscliuiig zuweilen und zwar in meistens recht missglückter Art^) 
auch auf die Namen erstreckte. Erst damals wurde z. B. der Wasmod 
der älteren Register in einen Wachsmuth verwandelt, Greve in 
Greife, Berwart in Bierwirth, Knaup in Knopf, Düvel (d. i. Diebold) 
in Tofall und Teufel, Mensenkamp in Menschenkamp, Konning 
in König, Menning in Mönch, Frohling (Frodilo) in Frühling, Röve 
in Rübe, Hartog in Herzog, Kemper in Kämpfer, Bogeholt in 
Bögeholz u. s. w., Umsetzungen, die glücklicher Weise nur zum 
Teile dauernd geblieben sind. 

Manche alte Yollnamen, die sich noch in den älteren Listen 
finden, z. B. Snellraet, Fretholt (Umdeutung aus Fridolt), Klei- 
bold, Hilbold, sind später verschwunden, andere haben sich über- 
haupt nur in Ortsnamen bei uns erhalten, so z. B. Ermgaudin Erm- 
gassen, Friesmar in Freismissen, Elimar in Elbrinxen^). 

Weit zahlreicher als in diesen Y ollformen sind jedoch die alt- 
deutschen Personennamen in verschiedenen abgeleiteten Formen 
bei uns zu Familiennamen geworden. Einzelne jener Namen, wie 
z. B. Bernhard und Konrad kommen in dieser ihrer Vollform als 
lippische Kolonatsnamen überhaupt nicht vor, während sie dagegen 
beide in den mannigfaltigsten Sprossformen, wie sich weiter unten 
ergeben wird, unter jenen Namen eine Hauptrolle spielen. 

Von diesen Sprossformen kommen zunächst die hypokor isti- 
schen, die durch Kürzung und Kontraktion der Vollnamen entstan- 
denen s. g. Kose- oder Schmeichelnamen in Betracht, deren 
Bildungsgesetze zuerst von Strackerjan (Die jeverländischen Per- 
sonennamen. Jever 1864) nachgewiesen und dann von Stark (Die 
Kosenamen der Germanen. Wien 1868), Steub (Die oberdeutschen 
Familiennamen. München 1870), Andresen (Die altdeutschen Per- 
sonennamen. Mainz 1873) u. A. weiter entwickelt sind'). Diese 
Kürzungen erscheinen danach nicht als Produkte der reinen Willkür, 
wie sie die moderne Gesellschaft z. B. in den Namen Lolo für Char- 
lotte, Lulu für Luise kundgiebt, sondern wir haben sie als organische 
Sprachgebilde aufzufassen, die sich auf bestimmte Bildungsgesetze 
zurückführen lassen. Die Kürzungen vollziehen sich nämlich entweder 



') Etymologie war bekanntlich überhaupt nicht die starke Seite unserer Alt- 
vordern. Nicht bloss bei den Verhochdeutschungen, sondern auch bei den Umsetzun- 
gen ins Lateinische gingen sie meistens in die Irre. Ganz wunderlich ist vollends 
oft die Art, wie man bei der Wahl der s. g. redenden Wappen die Namen zu 
symbolisieren suchte. Eine Familie Theopold — sie ist im 17. Jahrh. aus 
Hüdburghausen bei uns eingewandert und hiess früher Deupold — nahm sich 
einen Januskopf mit doppeltem Gesichte, die Lemgoer Familie Gorvei einen Korb 
mit Eiern zur Wappenfigur u. s. w. Die Wappen der Adels- sowol als der Bürger- 
famUien sind für die Erklärung der Namen ganz wertlos. 

*| Fernere Beispiele s. weiter unten. 

•) Von Fick (Die griechischen Personennamen. Gott. 1876) ist neuerdings 
nachgewiesen, dass auch im Griechischen die einstämmigen Namen regelmässig durch 
Kürzung der aus zwei Stämmen susammengesetzten Yollnamen entstanden sind. 



9 

so, dass von den beiden Stämmen des YoUnamens der eine, und zwar 
meistens der erste Stamm ganz abgeworfen, und dem bleibenden 
Stamme ein o angehängt wird — aus Konrad wird Kono, aus Hugibert 
Hugo — oder so, dass der Yollname durch mehr oder minder starke 
Kontraktion beider Stämme eine Verkürzung erleidet, bei der vom 
zweiten Stamme ebensooft nur der anlautende als der auslautende 
Konsonant beibehalten bleibt — aus Tetmar wird Temme, aus Mor- 
hart Mordt. Jene Kürzungen hat man unter dem Namen einstäm- 
mige zusammengefasst, diese als zw ei stämmige bezeichnet. Wir 
wollen den Ausdruck Kosenamen, der das ^Boudoirmässige^, das 
Steab in ihm findet, jedenfalls durch den bei den neueren Onomato- 
logen ganz allgemein gewordenen Gebrauch längst abgestreift hat, hier 
beibehalten und im Nachstehenden die einstämmige Koseform mit 
^einst. Kf.^, die zwei stämmige mit ;,zweist. Kf.*^ bezeichnen, während 
wir die demnächst zu erwähnende Verkleinerungs- oder Deminutivform 
mit „Vklf." und „Dem.**, die patronymische Form aber mit „Patr.^ 
abkürzen und ;,PN.*' den Personen-, »FN.^ den Familien- und ;,0N/ 
den Ortsnamen bedeuten lassen. 

Beide Arten der Kosenamen finden sich bei unseren lippischen 
Kolonaten zahlreich vertreten. Was zunächst die einst. Kf. betrifft, 
so ist das dem ersten Stamme angehängte o in neuerer Zeit allgemein 
zu einem e abgeschwächt, oder auch ganz weggeworfen. Die älteren 
Register bis ins 17. Jahrhundert führen noch einen Gato, Bado, 
Hugo, Dido, Teuto auf, die erst später zu Kate, Bade, Huge, 
Diede, Teudt geworden sind — nur ein Bucko (nachweislich die 
einst. Kf. zu Burghard, s. Stark S. 24) hat sich noch jetzt als Stätte- 
name erhalten. Schon früher scheint das im Altsächsischen das o 
vertretende a verschwunden zu sein — nur eine Stätte im Dorfe Werl 
führt noch 1488 und 1507 den Namen Buba, jetzt heisst sie Bobe, 
doch kommt noch heutzutage im Amte Hohenhausen neben Bove, 
Bobe und Bube ein Buba vor. Von den Änderungen, welche bei 
der einst. Kf. ausserdem zuweilen das Stammwort durch Verdoppelung 
oder Assimilation des auslautenden Konsonanten erleidet, haben wir 
Beispiele in den Namen Benno statt Berne, Hille statt Hilde, als 
Belege zu den durch Abwerfung des Konsonanten bewirkten Kür- 
zungen die Namen Bahmeier, Tiemann, Uhmeier, deren unver- 
kürzte Form als Bademeier, Tydemann, üdemeier sich noch in 
der Liste von 1530 findet. Wir stellen hier eine Anzahl der bei uns 
am Häufigsten erscheinenden einst. Kf. zusammen und fügen jedesmal 
den mutmasslichen Vollnamen in Klammern bei, indem wir als solchen 
denjenigen wählen, der von den mit dem fraglichen Stamme zusammen- 
gesetzten Namen bei uns oder anderweit allein oder doch am meisten 
vorkommt. Wir setzen also z. B. neben die Kf. Meine den Voll- 
namen Mein hart, weil dieser so und kontrahiert als Meinert bei 
uns ein häufiger ist, während von den sonstigen Zusammensetzungen 
des Stammes mein (magan, megin = valere), wie Meinbert, Meinold 
und Meinulf die beiden ersten bei uns gar nicht vorkommen, die 



10 

letzte aber als Menolf nur einmal als Stättenarae sich findet Da, 
wo mehrere Vollnamen des gleichen ersten Stammes bei uns gleich 
häufig sind, ist dies zuweilen durch ein dem gewählten Vollnamen 
beigefügtes „u. s. w." angedeutet. Wir verzeichnen danach: 

Bade (Badomar), Benno, Beine, Beer (Bernhard), Blanke 
(Blankhart), Biomo (Blomhart), Bracht (Brachtold, Bartold), 
Brede (Brithart), Bruno (Brunold), Budde, Pott (Bodbert), 
Diode, Dude, Teudt, Dodt (Dietrich u. s. w.), Do hm (Dom- 
rich), Droge (Dragobod), Drude (zum Stamme tratU^ carus, 
in Drutbold), Eike (Ekhart), Erpe (Erpold), Föste, Festing 
(Fastrat), Focke (Volkmar), Fromme (Frumhart), Gante 
(Ganther), Giebe (Gebhard), Gehle, Johle (Geilhard), Giese, 
Geise, Güse (Gisbert), Göde, Götte (Godschalk), Graue, 
Grabbe^) (Grabart), Grimme (Grimhard), Grone (Gronoald), 
Hahn (Haginbert), Harde, Harte (Hartwig), Held, Helle, 
Hille (Hildebrand), Huge, Hue (Hugibert), Hüne (Hunold), 
Idol (Idelhart), Kamp (Kamphart), Kate, Kehde (Gadolt), 
Kohne, Kanne (Kaginhart), Köhne, Kühne (Konrad), 
Kracht (Craftheri), Löwe (Leonhart), Meine, Menne (Mein- 
hard), Nagel (Nagelhart), Noodt (Notbert), Piek (Bickhart), 
Prott (Brodhar), Pohl, Pollmann (Boldewin), Reue, Rode, 
Rade (Hrodbert«), Rieke, Rei (Richard), Schacht (Scaftold), 
Schlue (Slaughart), Seile (Seliger), Siek (Sigwin), Starke, 
Storch (Starcolf), üde, Uthe (üdalrich), Wege (Wichard), 
Wend (Winither), Witte (Widukind), Wiese (Wishart), 
Wolf (Wolfhart). 
Als Beispiele des seltenen Vorkommens, wo zur einst. Kf. nicht, 
wie es sonst Regel ist, das erste, im Vollnamen stets den Ton tra- 
gende Stammwort, sondern das zweite entweder allein, oder mit 
Hinzunahme des auslautenden Konsonanten des ersten Stammes ver- 
wandt wird, haben wir mehrfach die Namen Nolte (Arnold), Brand 
(Hildebrand) und Schalk^) (Godschalk), einmal auch einen Trams- 
meier (1530 noch Bertram). Ein weiteres Beispiel, wie sich eine 
solche Kf. erst in neuerer Zeit gebildet hat, bietet unser Name Solle. 
Der Vollmeierhof Solle in Hillentrup heisst 1507 MeygsoUe, 1516 
MeysoUe, 1590 Moesoll und noch 1711 Meisolle, erst seitdem ist der 
Name in ^Meier SoUe^ umgedeutet, während er anderweit bei uns 
noch jetzt als Mesolle, Meisolle*), Massol und Massolt vorkommt. 



^) Das b in Grabbe vertritt wol das w des Stammes graw „grau", könnte 
aber auch aus dem zweiten Gliede des Namens Grabart entnommen sein, zu dem 
dann Grabbe die zweist. Kf. bilden würde. 

') Über die sonstigen hierher gehörenden einst, und zweist. Kf. zu den 
Stämmen hlod und Hrod s. weiter unten. 

') Brand und SchallT erscheinen anlautend bei uns niemals und auch ander- 
weit nur selten, so dass wir beide Namen wol hierher ziehen müssen. Zu Brand 
gehört vielleicht auch Prante. 

^) Im J. 1596 kommt in Lemgo ein Haniball Meisolle vor, dessen Vor- 
name gewiss nicht auf den alten Karthager, sondern auf einen altdeutschen Ani- 



11 

an einer Stelle aber 1573 Meitzolt heisst und sich danach als der bei 
Förstern, beim Stamme mait, meiean = schneiden (vgl. Metzger und 
Meissel) aufgeführte Meizolt ausweist, wozu wahrscheinlich unser 
Stättename Meise die regelrechte einst. Kf. bildet. 

Kaum minder häufig als diese einst. Kf. begegnen uns in un- 
Sern Stättenamen zweist. Kürzungen alter PN. Hinsichtlich der 
Ermittelung der ihnen zu Grunde liegenden Yollnamen kann auch 
hier zuweilen die Wahl, freilich in beschränkterem Kreise, zweifelhaft 
sein, nämlich in den Fällen, wo es Yollnamen giebt, die nicht nur im 
ersten Stamme, sondern auch im an- oder im auslautenden Konso- 
nanten des zweiten Stammes übereinstimmen. Wir verfahren auch 
hier wie oben bei den einst. Kf. und nehmen z. B. Temme als 
zweist. Kf. zu Detraar und nicht für den zwar vorkommenden, aber 
bei uns ungebräuchlichen Thietmund. Eine Reihe der in unsern 
Kolonatsnamen erscheinenden zweist. Kf. ist folgende: 

Alf (Adolf), Arnd, Arent (Arnold), B ob e. Poppe (Bodbert), 
Deppe, Temme (Detmar), Dove, Duve, Dubbert (Thiut- 
bert), Druffel (Drudebold), Düvel, Topp (Dietbold), Dierk 
(Dietrich), Ebert (Eberhard), Flebbe (Flabert), Gert (Ger- 
hard), Hampe (Haginbert), Hei per (Hildebert), Hummer 
(Hugimar), Hüppe (Hugibert), Kord (Konrad), Lampe 
(Lambert), Mordt (Morhard), Mügge (Muotger), Offel 
(Otbold), Rebbe (Richbert), Rehme (Reimar), Schelper 
(Schildbert ^), Schweppe (Suidbert^), Schweer (Suidher), 
Seip, Seppmeier, Siebel (Sigbert oder Sigbold), Tappe 
(Dagobert), Tempel (Teganbold), Tente (Teinhart, Degen- 
hart), Tracht (Dragobod), Wemel, Wömmel (Wanbold), 
Werpe (Warbold»). 

Beide Arten der Kf. unterliegen nun aber weiter noch vielfachen 
Änderungen durch Anhängung verschiedener Deminutiv- und Patro- 
nymikalendungen. 

Anlangend die ersteren, so erscheint von den drei Verkleinerungs- 
suffixen Ä, ?, js (altdeutsch iio, ilo, ijso) bei uns, wie im Niederdeutschen 
überhaupt, vorzugsweise das h in den Formen ke^ hen und chen, meist 
mit den Bindelauten i und e — zu Meine gehört das Dem. Menke, 



walt oder Anibalt (Förstern, hat allerdings nur Anawalt, aber daneben zu dem- 
selben dunkeln Stamme, der bei .uns in Antze [Anizo] sich vertreten findet, einen 
Anibert) zurückzuführen ist. Übrigens haben wir auch noch eine Stätte Solle in 
Baiborn, von der schon 1630 ein Solhans kontribuiert, bei dessen Namen man an 
den Stamm Sol (Förstem. S. 1114) zu denken haben wird. 

*) Auf eine solche, freilich bis jetzt nicht nachweisbare Vollform scheint der 
appellaiiv undeutbare Name Schelper doch hinzuzeigen. Der frühere Detmolder 
Bürgername Schild, zu dem wir bei uns noch jetzt die patr. Formen Schilling, 
Schelling und Schiller haben, würden dann als einst. Kf. anzusehen sein. 

') Von Andresen zum Stamme Stiab „Schwabe** gerechnet. 

') Vielleicht aber auch zum Stamme Warp (Förstem. S. 271), wobei man 
denn ungern Werpup als Werpulf deuten könnte. 



12 

zu Beine Beneke, zu Alf Alveke, zu Beine (Reinhart) Reineke und 
Reinike, zu Hüne Hunke und Hünkemeier, zu Rebbe Reibchen 
u. 8. w. Auch in den Namen Tasche (1507 Taske) und Mische 
(1530 Miske^) wird eine Vkif. stecken und ersterer zum Stamme Tas 
(Tasprant und Tasrat bei Förstern.), letzterer vielleicht zu dem oben 
erwähnten Meise gehören. Weniger häufig treffen wir bei uns die 
Vklf. in l und -er, die erstere z. B. in Tolle, Theile, Tele und 
Thiele (zum Stamme TAiö^;, Tintel (zu Tente), Prottel (zu Prott*), 
die letztere in Fritzemeier und Henze (zu Heinrich) und, in 5, S5, 
seh und st übergegangen, in Mense (zu Meine), Milse (Mildizo, zum 
Stamme müd), Leis, Liesemeier, Lesemann (Liudizo, zum Stamme 
Lind »Volk, Leute^ in Liutbert, Liudger u. s. w.), Busse (Budizo zu 
Budde), Hasse (Hadizo, zum Stamme Hadu in Hadubert), Müsse 
(Muotizo, zum Stamme Muot in Muother, bei uns Mut her), Frische- 
meier, Dust (Dudizo zu Dude). Da dem ^ im Niederdeutschen regel- 
mässig ein t entspricht, so wird man vielleicht auch die Namen Bunte 
und Runte hierher zu rechnen und an die Stämme Bun und Run 
(s. Andresen S. 32 und 79) zu denken haben. 

Mehrfach treffen wir aber auch doppelte Vklf. an, wie z. B. in 
Henkel (h -h l), Fröhlke (l -h *, zum Stamme frod in Frodrich), 
Tielke und Tölke, Wessel (£f -f- ?, Wezilo zu Wernher und Wern- 
hart, s. Stark S. 93). Auch die Namen Tillil undLalk (1516 Lallik, 
1525 Lallek, vielleicht zum Stamme Lag) scheinen doppelte Vklf. zu 
enthalten, und in Henkelking ist das patr. ing gar an die dreifache 
Vklf. Henkelke angehängt. 

Sehr oft ist die dem Deminutivsuffixe vorhergehende Silbe ver- 
schluckt und dadurch die Vklf. undeutlich gemacht — aus Bodico ist 
Bock und Böke geworden, aus Lüdeke Luke, aus Fladeke (zum 
Stamme Vlat „Reinheit^ in Flabert) Flake und Flege, aus Nadeke 
(zum Stamme Gnade in Natbert*) Nacke, aus Wedeke (Widukind) 
Weeke, aus Drudeke Drüke, aus Briedeke (s. oben Brede) Bricke, 
aus Drageke (Dragobod) Drake, aus Diedeke Diek, aus Fridico 
Fricke, aus Fidico (ebenfalls einst. Kf. zu Friedrich, s. Stark S. 185) 
Figge, aus Adico (zum Stamme Ad, Adal) Akemeier, aus Hildico 
Hilkemeier, aus Boldico (zum Stamme bold in Boldewin, bei uns 
BoUewie) Böhlke, aus Gödeke Göke, aus Strudico (ahd. strudian 
^verwüsten" in Strutolf, s. Stark S. 82) Struck und Strunk, aus 
Hardeke Harke und Harrak, aus Lampeke Lemke, aus Thodico 
Thoke, aus Thiadico Taake, aus Udilo Uhle, aus Bridilo Brill, 

*) Die Detmolder Familie Miska gebort nicht hierher, sie ist eine eingewan- 
derte — Miska ist das madgyarische Dem. von Michel (s. Pott, PN. S. 93). 

') Nicht immer ist aber das auslautende l ein deminutives. In den vorhin 
angeführten z weist. Kf. Düvel, Siebel u. s. w. ist es ein assimiliertes Id, in Flügel 
(1507 Vlogel) und Sünkel scheint es ein r zu vertreten, da man jenen Namen wol 
auf Flo doger, diesen auf Sundger zurückzuführen hat. Ob auch im Namen 
Schnull (1530 Snuell) ein Deminutiv steckt, und welches, ist noch zu ermitteln. 

') Aus Natbert ist vielleicht auch der Name Nah er entstanden und nicht 
als «Nachbar** zu deuten. 



13 

aus Thiudilo Tolle, Thiele u. s. w., aus Protilo Pröhle, aus Bigizo 
Biese, aus Nidizo (zum Stamme Nid, invidia, in Neithart) Nese. 

In manchen Fällen hat die Vklf., wie die obigen Beispiele er- 
geben, den Umlaut bewirkt, doch rührt derselbe erst aus neuerer 
Zeit her — noch das Schatzregister von 1530 hat statt des späteren 
Fröhlke einen Frohlke, statt Drüke Druke u. s. w. Nur der Über- 
gang des a in e findet sich schon in den ältesten Listen, so z. B. in 
den Dem. zu Bade: Betke, Betge und Petig^). 

Verhältnissmässig selten ist bei uns in den aus altdeutschen PN. 
gebildeten FN. die Vklf. -mann^ eine Endung, die uns, abwechselnd 
mit -meier in den, lokale Beziehungen enthaltenden Namen, wie 
Brinkmann, Hagemann, Brokmeier, Bornemeier u. s. w.*) so 
häufig begegnet. Doch haben wir auch Gausmann (zum Stamme 
Gaud ;,Gothe* in Goswin), Hartmann, Tödtmann, Kühnemann 
(zu Konrad), Tiemann, Rennemann u. a. Zuweilen ist das -mann 
auch mit den unten zu erwähnenden patr. Namensformen auf -er zu- 
sammengesetzt, z. B. in Brodermann, Eikermann, Isermann, 
Frodermann, Ükermann (üdico), und hat, da z. B. von der Stätte 
Hartmann in Brake 1590 ein Lüdeke Harting steuert, auch wol 
selbst patronyme Bedeutung. 

Einzelne Namen kommen bei uns überhaupt nur in der Vklf. 
vor, und sind in der unverkürzten Form nicht erhalten. Wir haben 
neben Wieneke (zum Stamme Win ^Freund*^, in Winand) keinen 
Wino, neben Gerke keinen Gero, neben Flörke keinen Flor, neben 
ßeineke keinen Reino, sondern nur noch einen Bennemann^) und 
auch zu Henkel fehlt uns als FN. die einfache Form Henne, welche 
neben Henke und Hinke in den ältesten Registern statt des späteren 
Henrich den bei Weitem am häufigsten vorkommenden Vornamen bildet. 

Eine fernere abgeleitete Form, in der die altdeutschen PN. viel- 
fach zu PN. geworden sind, ist die patronymische. Zur Bezeich- 
nung der Abstammung dient zunächst als die natürHchste Form der 
hier mit EUipse des Wortes „Sohn^*) oder ;,Nachkomme* aufzufassende 
Genitiv. Dieser wird bei uns zur Bildung der Patr. vorzugsweise 
in der starken und nur seltener in der schwachen Biegung ge- 

') Es bestätigt sich also auch bei uns, was Lübben (Mittelhochd. Grammatik 
S. 39) über den Umlaut im Mnd. überhaupt sagt. 

*) Auch der Name der alten Lemgoer Familie Eothmann gehört zu den 
lokalen, denn ein Mitglied derselben heisst in einer Bürgerliste von 1430 Hermann 
in den Koten. 

') Denn der Name des Eolonates Renne in Haustenbeck ist anderen Stammes^ 
sein Inhaber war ein französischer Refugie Ren 6, dessen Namen man erst im vor. 
Jahrh. in Renne ummodelte, ähnlich wie den eines andern dortigen Ansiedlers La 
Porte in Pörtner. Dagegen steuert von der Stätte Renneman in Berlebeck schon 
1538 ein Rennen Gort (einst. Kf. zu Reinhart). 

^) Die Zusammensetzungen mit „Sohn" kommen bei uns nicht vor. Das im 
Auslaute lippischer Namen nur selten erscheinende -sen, wie z. B. in Lüersen, 
Bcheint eher eine doppelte Genitivform vorzustellen, und in einigen andern FN., wie 
in Iggensen, haben wir gewiss das -sen nur als das Lokalsuffix -hausen aufzufassen. 



14 

braucht. Letztere findet sich öfter noch in den älteren Listen, in den 
neueren ist das auslautende n meistens wieder abgeworfen — aus 
Figgen ist wieder Figge, aus Hampen wieder Hampe, aus Dumen^) 
wieder Do hm geworden. Der starke Genitiv erscheint z. B. in den 
Namen Beins, Bruns, Detmers, Dierks, Gerwes, Ricks, Bran- 
des, Siebrass^) und besonders häufig in den Zusammensetzungen mit 
Meier, wie Friedrichsmeier, Jürgensmeier u. A. Bei auslauten- 
dem ch und Je ist in der Schreibart an die Stelle des s oft ein x ge- 
treten, aus Backs (Badico) ist Bax geworden, aus Bucks (Bucco) 
Büxen, aus Ducks (Dudico) Dux, aus Bricks (Bridico) Brix, aus 
Erichsmeier Erxmeier. Lateinische Genitive mit i kommen unter 
unsem älteren Stättenamen nicht vor — die Namen Petri, Henrici, 
Gaspari, Rodovi (Radau) sind bei uns erst neueren Ursprungs. 
Doppelte Genitivformen stecken z.B. in Lüersen, Büxen, Jürgensen. 

Noch häufiger als der Genitiv haben zur Bildung der Patronymen 
bei uns die beiden Endungen ing und er gedient. 

Was zuerst das Suffix ing anlangt, neben dem wir nur einmal 
im Namen Amelung ein ung finden, so ist bei uns diese Patronymikal- 
form die ältere, sie kommt als solche in den frühesten Listen fast 
allein vor und lautet hier meistens incky aber auch wol ingk^ igk und 
ig^). Durch Verbindung mit den Vklf. k, l und z (s) entsteht dann 
king^ Ung und sing^ durch Anfügung an die Dentalen d und t aber 
ding und ting. In einzelnen Fällen scheint auch statt des ing ein 
Ung angehängt zu sein. Denn in den Namen Echterling (ebenso 
wie Agethe wol = Agizo, zum Stamme Ag^ mhd. ^cie == Schneide, 
Schwert), Erfling (Erpe), Ötterling (Authar), Pöpperling (Poppe), 
Austerling, Hermeling, Ermeling u. a. kann das l nicht zum 
Stamme gehören und wird auch kein deminutives l sein, sondern man 
wird eher an das in JüngUng, Fremdling u. s. w. unorganisch ein- 
geschobene l zu denken haben. Da ferner bei der nämlichen Stätte 
in Vahlhausen, die jetzt Austermann heisst, in den älteren Listen 
die Formen Osterrinch, Osterling und Austerding mit einander 
wechseln, so hat man gewiss bei der letzten Form nicht ein Aust- 
hart vorauszusetzen, sondern auch hier ein mundartlich eingeschobe- 
nes d anzunehmen, wie es ferner auch bei dem noch jetzt im Dorfe 



^) Von der Stätte Dohm in Meinberg steuert 1380 Henne Dumen. Auch 
der Name des alten Schaumburger Adelsgeschlechts der Dumen — in lateinischen 
Urkunden in Pollex übersetzt — wird also wol auf den Stamm Tuom (Judicium) 
in Domrich u. s. w. zurückzuführen sein. 

s) := Sigbrachts, denn ein Hoi Siebrassen bei Bielefeld heisst in einer Urk. 
von 1275 (s. Lamey's Diplomat. Gesch. der Graf. v. Ravensberg. Cod. dipl. Nr. 52) 
Sibrachtessen, Vielleicht ist auch unser FN. Prasse hierher zu stellen. 

^) Das ig kommt aber zuweilen auch statt iko als Vklf. vor. So heisst es 
z. B. bei derselben Stätte das eine Mal Lob big, das andre Mal Lobbeke, ebenso 
aber auch Y uhrig statt des späteren Führ ing. Ob der Name Helm ig als gleich- 
bedeutend mit dem ebenfalls vorkommenden Helmke als Dem., oder als Patr. statt 
He Im ing zu nehmen ist^ bleibt zweifelhaft, ebenso, ob in Haberich ein Habering 
oder ein Hadubrecht steckt. 



15 

Stemmen neben Petering vorkommenden Peterding der Fall sein 
wird ^). Das Suffix hat hier, und vielleicht auch sonst hin und wieder, 
wol nicht gerade eine patronymische, sondern mehr eine deminutive 
Bedeutung, so insbesondere da, wo es appellativischen Namen ange- 
hängt wird, wie in MöUering, Köstering, Schmeding, Meiering, 
Vögting. Wenn wir neben MöUering einen Mölling finden und der 
Name Scheiper einmal (1644) mit Sceping wechselt, so sind das 
Formen, die an Fritz Reuters j^Vating^ und „Mutting^ erinnern. Nur 
selten wird die Endung ing auch zur Bezeichnung der Herkunft und 
des Wohnsitzes gebraucht — von der Stätte KöUing in Lüdenhausen 
kontribuiert 1530 Johann van Collen^ vom Kolonate Hut ing in Ben- 
torf 1590 ein Borckhart in der Hütten und von der Stätte Höfing 
in Kirchdonop 1590 ein Johann in der Hoven, 

Zuweilen ist das g in ing abgefallen. Denn unser Stättename 
Ottolin ist, da wir die Vklf. lin, lein nicht haben, sicher nur als 
Otteling (Uodal) zu nehmen, ebenso Gobelin neben Göbel (Godebald) 
als Gobeling, Severin neben Seber (Sigbert) und Sewing als 
Severing, Nevelin neben Nebel und Nevel als Neveling, Heberlin 
statt Heberling und der früher bei uns vielfach als Vorname gebrauchte 
Levin nicht als der römische Laevinus, sondern als Lewing, zum 
Stamme Lew „Löwe^ (in Leonhart, Lienhart), der bei uns in den 
Stättenamen Löwe (15Ö7 Leuwe, 1530 Louwe), Leweke, Lieneke, 
Linke, Liening und Lüning sich vertreten findet. 

Auch hier hat die Volksetymologie wieder oft zu Verdunkelungen 
Anlass gegeben. Aus dem Namen, der noch 1590 Alberding heisst, 
ist, offenbar mit Anlehnung an Brink ^^Rasenhügel^ Albrink geworden, 
und ebenso werden Lehbrink und Hil brink als Lebering (zu Liut- 
bert) und Hilbering (zu Hildebert) zu erklären sein. Auch im Namen 
Bensiek hat wol nur die Umdeutung in Sieh „feuchte Niederung" 
zur Entstellung des patr. Bensing (zu Beins) Anlass gegeben, und die 
Namen Mönnich, König, Penning und Häring sind, wie die Formen 
derselben in unsern älteren Registern als Menning und Monning, 
Eoning, Benning und Herring nachweisen, ebenfalls nichts Anderes 
als die Patr. der einst. Kf. zu Meinhard, Konrad, Bernhard und 
Hermann. 

Als eine weitere gleich häufig gebrauchte Patronymikalform er- 
scheint neben dem Suffix ing bei uns die Silbe er, und der noch von 
Andresen (S. 16) gehegte Zweifel, ob diese Endung überhaupt und 
namentlich in niederdeutschen Mundarten patronymische Bedeutung 
habe, kann nach unsern Listen als beseitigt angesehen werden. Letz- 
tere ergeben für eine ganze Anzahl auf er auslautender Namen, die 
auf den ersten Anschein ein entschieden appellatives Gepräge haben, 
die Gewissheit, dass sie vielmehr nur die patr. Formen altdeutscher 
PN. sind. Wir wollen hier, um zugleich auch zu zeigen, wie die ver- 



*) Vgl über derartige Formen: Alb. Hoefer in Bartsch's Germania von 
1878 S. 16. 



16 



schiedenen patr. Formen im Laufe der Zeit bei uns gewechselt haben, 
eine Reihe von Eolonatsnamen, fast sämtlich aus dem Amte Detmold, 
zusammenstellen und deren Veränderungen nach den Jahren der ein- 
zelnen Register angeben, wobei wir die heutige Namensform ^) jedes- 
mal voranstellen: 



Breinker in Niederschönhagen. 
1380 Brendeker. 
1510 Henke Brendeking. 
1535 de Brendeker. 
1595 Brenneker. 

Driiner in Hakedahl. 
1488 Henke Druden. 
1523 Henke Druding. 
1538 de Drudener. 

Fi euer in Remmighausen. 

1380 Hinke Fygen. 

1410 Henke Fyginck. 

1488 de Fygener. 
Gehring in Hakedahl. 

1467 Henke Gerding. 

1507 Henne Gerdes. 
Gerves 

1394 

1507 

1530 
Göker 

1516 

1536 
Gosker 

1507 

1590 



in Meiersfeld. 
Henke Gherwenync. 
Henke Gerwin. 
Henke Ger wen. 
in Brüntrup, A. Hörn. 
Henke Godeking. 
de Godeker. 

in Brokhausen. 
Hans Goschalking. 
Gerke Goseling*). 



Hampe in Mosebeck. 
1380 Hampen Henne. 
1507 Hans Hamping. 
1530 Hans Hampen. 
1538 de Hempener. 

Henkler in Schönemark. 
1510 Henne Henkelking. 
1536 de Henkeler. 

Hermeler^) in Hornoldendorf. 
1410 Henke Hermen. 
1507 Hans Hermans. 
1530 Bernt Hermens. 
1595 Hermeling*). 

Eesting in Leistrup. 
1507 Nolte Karstens. 
1538 Henrik Karstinck. 
1590 Joist Kersting. 
1617 Franz Kesting. 

Kohring in Hakedahl. 
1380 Gort. 
1507 Johann Cording, 

Körner in Mosebeck. 
1380 Cone Cording. 
17.. Köhrner. 
1783 Körner olim Cording. 



^) Es haben uns für dieselbe neben dem neueren Landeskataster von 1783 
auch die Zähllisten des Landes vom J. 1880 vorgelegen. 

') An andern Stellen wechselt Gottschalk noch mit Goslich, Goslik und 
Gösselke. 

*) Unter diesem Namen wurde der Hof im Anfange des 17. Jahrh. dem 
jetzigen Gute Hornoldendorf einverleibt. 

*) Vielleicht steckt auch im Namen unserer erst von neueren Historikern in 
Ärminiusburg umgewandelten Herlingsburg bei Schieder ein kontrahierter „Herme- 
ling**, doch könnte auch ein „Herilo** zum Grunde liegen. Neben Hermeling kommt 
übrigens bei uns auch der Name Ermeling vor, der wol mit jenem nicht identisch, 
sondern auf den Stamm Irmin zurückzuführen und als einst. Kf. zu Irmfrid oder 
Ermgaud aufzufassen ist, wie man dies bisher auch hinsichtlich unseres Armi- 
nius zu thun pflegte, bis neuerdings (s. Bartsch's Germania v. 1883 S. 342) sich 
die Annahme geltend gemacht hat, dass wir in demselben keinen deutschen, sondern 
einen römischen Namen zu suchen haben, der dem Armin bei seiner Aufnahme als 
römischer Bürger von der durch Inschriften bezeugten gens Ärmenia gegeben wurde. 



17 

Korner in Stadenhausen. 1507 Misteken. 

1507 de Kordener. 1537 Mysseken. 

1532 de Korner. 1590 Missing. 

1590 Körner^). gj^t^^ i^ Mosebeck. 

Klöpper in Hornoldendorf. ^^^^ ^^ Sieveker. 

^?^ ^'""n?^ Clopping. 1590 Henne Sivekinck. 

1510 de Clopper. 
,.., .TT ijji» Töpker*)in Niederschönhagen. 

Lukermann m Hornoldendorf. /1^„ n m 

1380 Lüdeke. J^JJ »ene Topp. 

1523 Michael Lüdeking. ^023 Bene Topping. 

1721 Lückermann. Wellner in Heiligenkirchen. 

Mischer in Mosebeck. 1507 Grete Wendeling. 

1380 Henne Mystekinck. 1538 de Wendeler. 

Bemerkenswert ist dabei, dass die mit er gebildeten Patr. in den 
älteren Listen stets nur den bestimmten Artikel vor sich haben, da- 
gegen den auf ing ausgehenden regelmässig statt des Artikels ein 
Vorname beigefügt ist. Es scheint danach in der That die von Steub 
(S. 68) aufgestellte Vermutung bei uns sich zu bestätigen: die Silbe 
er giebt dem Namen eine gewisse weitere Bedeutung — während man 
bei ^.Henke Drtiding" noch eher an den Sohn des Drude dachte, hat 
^jder Dnidener^^ schon mehr den Begriff eines Inhabers des Hofes der 
Drudings und damit eines Repräsentanten der Familie angenommen. 
Die Nachfolger eines solchen Familienhauptes haben dann aber mei- 
stens die patr. Form des Namens, auch als sie später mit derselben 
einen Yornamen verbanden, beibehalten und nur ausnahmsweise, wie 
oben bei Hampe, kehrten sie zur einfachen Namensform zurück. 
Übrigens ergeben die obigen Beispiele zugleich eine ziemliche Mannig- 
faltigkeit in der Bildung der Patronymen. Man fügte die Silben ing 
und er ebensooft an die einfache Namensform an, als an die Yklf. 
— vgl. Kording und Gerding mit Breinker und Göker — , zu- 
weUen, wie in Tielke und Henkler, an doppelte, und in Henkelking 
gar an die dreifache Yklf. Doppelte patr. Formen zeigen von den 
ausgehobenen Beispielen die Namen Drudener und Kordener, ebenso 
wie ferner der statt des späteren Gör der (einst. Kf, zu Godhart) 

^) Der Name Körner, den man sonst wol als Querner ^Maller", oder aber 
als Kornkäufer gedeutet hat, und für den auch Pptt (PN. S. 100) keinen rechten 
Rat weiss, entpuppt sich also nun hei uns als ein Konradssohn, Daneben haben 
wir übrigens auch noch jetzt die Form Körtener. 

*) Töpker statt, des zu Topp zu erwartenden „Töpper*^ setzt wol nicht ein 
Dem. Töppke voraus, sondern erklärt sich aus der ümdeutung in „Töpfer^. Denn 
statt der sonst für die Ableitung von Substantiven zur Bezeichnung einer Person 
nach ihrer Th&tigkeit oder Beschäftigung gebrauchten Nachsilbe er erscheint bei 
uns vielfach ein her oder ger, wie z. B. in Mürker (Maurer), Korke r (Karren- 
führer), Imker, Spörker, Gleseker (neben Glesener = Glasmacher), Schnitger 
(Tischler) u. a. Bei einzelnen dieser Wörter ist aber vielleicht auch eine Ableitung 
von Yerbalformen anzunehmen, wie sie mit der Silbe chen oder ken als Intensiva 
von den einfachen Verben (z. B. horchen zu hören) gebildet werden. Es würde 
danach also z. B. „Mtlrker** von „mürken^ herzuleiten sein. 

Kiedwdeutiehes Jahrbueh. IX. 2 



18 

früher yorkommende Gordener und Görner, indem hier das er dem 
schwachen Genitiv Druden u. s. w. angehängt ist, während in Ben- 
siek dem ing der starke Genitiv Bens^) vorangeht. 

Hinsichtlich des durch die patr. Endungen ing und er bewirkten 
Umlauts gilt auch hier ganz das oben bei den Vklf. Gesagte — er 
ist mit Ausnahme des Übergangs von a in e (s. z. B. oben Hampe 
und Hempener) erst neueren Ursprungs, statt Röding, Führing, 
Görder heisst es in den älteren Listen Roding, Fuhring, Gorder. 

Ebenso tritt auch bei den Patr. zuweilen ein Verschlucken der 
dem Suffixe vorangehenden Silbe ein — statt Kordener heisst es 
Körner, statt Gordener Görner, statt Brendeker (zu Brand) B ren- 
ker, statt Sewering Sewing, neben Liideking erscheint Lükermann. 

Ferner haben wir auch manche Patr., für welche bei uns die 
einfache Form nicht vorkommt — für Mö bring fehlt ein Mohr, für 
Schöning (Sconolf bei Förstem.) ein Schön, für Milting ein Milde, 
für Hölter und Hölting der alte Name Haold, Hoholt (Hagwalt), 
für Höcker ein Hoek (Hugico), für Engeler ein Engel u. s. w. 

Nicht immer hat freilich die Endung er in unsern FN. eine patr. 
Bedeutubg. Abgesehen von den Fällen, wo sie die Ableitungssilbe 
von Zeitwörtern und Hauptwörtern zur Bezeichnung der Thätigkeit 
und Beschäftigung bildet, wie in den appellativischen Namen Schrö- 
der, Wagner u. a., und wo sie den Wohnsitz oder die Herkunft an- 
zeigt, wie z. B. in Broker, Prüssner, Jülicher, vertritt das er oft 
die als zweites Kompositionsglied in den alten PN. so häufig erschei- 
nenden beiden Stämme -her und -ger. Der erstere steckt z. B. in den 
Namen Gieseler*), Werder, Müther, Werner, Isermann, Lender 
(Landher), Seger (Sigher), der letztere in Berg er (Berenger), 
Decker (Dietger), Selker (Seliger), Lennier (Landger). Zuweilen ist 
aber das -er auch ein durch Abwurf des t verkürztes -harty so z. B. 
in Bicker (1640 Bickhart), wozu vielleicht auch Pecher gehört, 
Eller (Eilhart), Dinger (Degenhart), Hoier (Hugihart, s. Strackerjan 
S. 24). Da, wo dem -er ein m vorangeht, hat man regelmässig an 
ein altes -mar ^berühmt ^ zu denken, also bei Bell mer an Baldomar, 
bei Siemer an Sigmar, bei Bö mer an Hrotmar, in Seher vertritt 
das "ber ein -bert (Sigbert), in Refer das -fer ein -frid (Reinfrid). 

Viel häufiger aber sind bei uns die Namen, in denen wir un- 
serem Suffix eine patr. Bedeutung zuzuschreiben haben. Ganz sicher 
ist dies, wo bei der nämlichen Stätte die ältere Namensform entweder 
noch den einfachen Namen, oder auch nur statt des späteren er ein 



<) Doch könnten Bens und Beins auch Vklf. mit izo sein, ebenso wie in 
Mensen ein Menizo stecken kann. Der FN. Benz 1er (1653 Benseier) enthält 
doppelte Vklf. (z •+- l) mit patr. er. 

*) Za demselben Stamme (Gis, Gisal = obses), von dem wur die einst. Kf. 
Giese, Gese und Güse haben, gehören vielleicht auch unsere Kolonatsnamen Kese 
und Eeisemann und dann als Patr. auch Eeiser, nicht aber der Detmolder FN. 
Kasemeier, der erst neuerdings aus Kasimir — so heisst er nodi 1788 — um- 
gestaltet ist 



friihereB hig aufweist. Beispiele dazu bieten in dem obigen Verzeich- 
nisse die Namen Töpker neben Topp, Klöpper neben Klöpping 
u. a., und noch sonstige Belege ergeben sich mehrfach aus unsern 
Listen, indem z. B. ein Kolon Tielker in Mossenberg 1488 als 
Tylekink, Wültner in Hovedissen noch 1617 als Wultmeier, 
Wöhler in Ehrsen 1590 als Wolthenrich^), Beinker in Meinberg 
1507 als Hans Benekingk aufgeführt wird. Auch für den Namen 
Tellermann ergiebt die daneben bei demselben Kolonate in Hohen- 
hausen vorkommende Form Teigmann (d. i. Telligmann), dass wir 
es mit einem Patr. zu Thele (Thiele) zu thun haben. Doch auch da, 
wo ein solcher Nachweis für die einzelne Stätte sich nicht liefern 
lässt, werden wir in Ermangelung einer der sonstigen, oben ange- 
gebenen Voraussetzungen bei den zahlreichen auf er auslautenden 
Namen diese Endung in alle den Fällen regelmässig als eine patro- 
nymiscbe aufzufassen berechtigt sein, wo nach Abwerfung derselben 
ein sonst bei uns vorkommender einfacher Name sich ergiebt. Wir 
brauchen also z. B. für die Namen Kater und Wülker nicht nach 
einer appellativen Erklärung zu suchen, sondern nehmen sie einfach 
alsPatr. der bei uns anderweit erscheinenden Namen Kate (einst. Kf. 
zu Cadold^), Cathold) und Wulke (Wulfico, Dem. der einst. Kf. zu 
Wolfhart). Als weitere Beispiele solcher allem Anscheine nach patr. 
Namen nennen wir ausser den bereits angeführten noch: 

Ärgener zu Argemann (Arico zum Stamme Ar „Adler* in 
Arnold), Beseler zu Beis'), Betker zu Betke, Brechtker 
zu Bracht, Döhmer zu Dohm und Domeier, Ebker und 
Ebbeier zu Ebke und Ebel (einst. Kf. zu Eberhard), Eiker- 
mann*) zu Eike, Feder zu Vette (Feddo = Ferdo, Fredo zu 
Friedrich, s. Stark S. 185), Feger und Fiener zu Figge, 
Göhner zu Göde, Grönner und Gröning zu Grone, Gröp- 
per zu Kropp, Hilker zu Hilkemeier, Hillebrenner zu 
Hildebrand, Kemper zu Kamp, Kenter zu Gante, Keuper 
zu Kaup, Linker zu Lieneke, Mischer zu Mische, Plenker 
zu Blanke, Pöhler zu Pohl, Popper neben Pöpperling zu 
Poppe, Röhr (1488 de Roder) neben Röding zu Reue (1507 

') Wol nicht auf Wald, sUva, zu beziehen, sondern ein ähnlich wie Rehm- 
herm, Deppenhenne a. s. w. zusammengesetzter Name, dessen erster Teil zam Stamme 
^waUen'^ in Walter u. s. w. gehört. In Wultmeier wird die zweist. Kf. von 
Wulf hart stecken. 

*) Der Stamm ist dunkel. Will man ihn mit Jak. Grimm im Volksnamen 
der Quaden finden, so würden auch wol unsere Namen Quaditz und Quest 
(Qaadizo) hierher gehören und yielleicht auch Quatfass, dessen zweite Silbe dann 
etwa als das auslautende -uxm in B er was, Ger was u. s. w. zu nehmen wäre. Auch 
Kehde darf man mit Kate zusammenstellen. 

') Für die Zusammengehörigkeit der zwei Namen spricht, dass beide nur 
einmal und zwar in derselben Dorfschaft (Rischenau) vorkommen. Will man Beis 
nicht für Biso^ sondern für kontrahiert aus Beins nehmen, so würde Beseler mit 
Benseier (s. oben) zusammenfallen. 

*) Nicht aber auch Eikmeier, denn von einem Kolonate dieses Namens in 
Brake steuert 1607 Goschack under den Eken, 

2* 



20 

Rode), Scherper zu Scharf, Schlür zu Schluhe, Schreier 
zu Schrei (1530 Scrigg) und Schreck, Sentker (1520 de 
Senneker) zu Senke (zum Stamme Sand in Sandher), Spru- 
tener zu Sprute, Stöcker und Stüker zu Stock^), Stock- 
meier und Stuckmann, St räker zu Struck, Strunk und Strunk- 
mann, Sünkler zu Sünkel, Thüner und Tüneker, Döneker, 
Düning und Dönnich zu Thun und Thon*), Tielker zu 
Thiele, Uhder zu ühde, Vogeler zu Vogel (zum Stamme 
Fitgy 8. Förstem. S. 437), Völker zu Volkhausen, Wegener 
zu Wege, Wülfer zu Wolf. 
Bei einzelnen Namen bleibt es freilich ungewiss, ob wir sie 
richtig hierher gerechnet haben. So kann z. B. in Kemper und in 
Pöhler, zumal daneben auch Kampert undPöhlert vorkommt, ein 
Kamphart und Boldhart, in Völker ein Volkher stecken u. s. w. 

Eine weitere Beihe von Namen des Auslauts e r lässt sowol eine 
patronymische als eine appellative Auffassung zu. Man darf z. B. den 
mehrfach bei uns vorkommenden Koller und Koller m ei er sehr wol 
als „Köhler^ erklären, ihn aber auch, zumal daneben ein Kölling 
erscheint, als Patr. von Kölle zu dem noch dunkeln Stamme Col 
(Colobert, Coloman') bei Förstem.) stellen, auf den als Kf. zu Colobert 
auch wol am Richtigsten der von Andern aus Jakobus erklärte Namen 
Koppe^) zurückzuführen ist, und ebenso mag der bei uns häufige 
Name Bödeker (zuweilen kontrahiert zu Buk er) wol nicht immer als 
Böttcher, sondern gleich oft als Patr. zu Böke (Bodico) zu nehmen 
sein. Auch ob der Name Wegener als Patr. zu Wege, oder als 
Wagenmacher aufzufassen, der Böger mit Bögeholt zusammen- 
zustellen und zum Stamme Batig (Baugulf bei Förstem.), oder aber 
als Bogenmacher zu erklären, der Hötger für Hotgar zu nehmen, 
oder als Hutmacher zu deuten ist, kann zweifelhaft sein. Ebenso 
lassen die Namen St elter und Stell er eine appellative Erklärung 
als SteUfuss und Stellmacher zu, können aber allenfalls auch zu den 

^) Förstern, hat zwar keinen Namen dieses Stammes, doch scheinen unser 
Stockebrand, so wie die anderweit vorkommenden FN. Stöckhart und Stock- 
mar in ihren Auslauten mit Sicherheit auf alte PN. hinzuweisen. Für Stockebrand 
liesse sich freilich auch eine appellative Deutung aus dem bei Wo est e, WB. der 
westf. Mundart s. v. Stokebrand (= Unruhstifter) Angeführten begründen. 

') Ob diese beiden Namen dem Stamme Thiud, Diot, Diet, Det, der durch 
das Hervortreten des einen oder des andern der das i begleitenden Vokale und durch 
den Wechsel des Anlauts zwischen t und d auch in unsern Namen so proteusartig 
sich gestaltet, beizuzählen und etwa als patr. Genitive zu Dude, Doht aufzufassen 
sind^ kann zweifelhaft sein, da Förstem. auch einen Donefred aufführt^ zu dem 
Thon und Thun die einst. Ef. bilden könnten. Am Wenigsten möchten wir Thon 
zu Antonius stellen. 

•) Auch Kuhlemann ist wol nicht appellativ zu erklären, sondern hierher 
zu ziehen, zumal daneben auch Kuhlo und Kuhle vorkommen. Vgl. Strackerjan S. 31. 

*) Bei uns kommt neben Koppe und Kaup noch der Name Gopei (1525 
Copeyge) vor, der möglicher Weise das Dem. Koppke enthält. An andern auf ei 
auslautenden Namen haben wir nur noch Barkei, Pollei und Gorfei. Vielleicht 
gehört auch Vieregge (1507 umgedeutet in „deveir Eggede^, 1530 Vereyge) neben 
Vi e ring hierher. • 



21 

Stämmen stdt (bei uns vertreten in Stölting) und still (in Stillfrid) 
gezogen werden. 

Eine nicht unbedeutende Anzahl von Patr. steckt auch in unsern 
lippischen Ortsnamen, wie es freilich deren heutige Form nicht 
immer auf den ersten Blick erraten lässt. Nehmen wir aber die uns 
urkundlich überlieferten älteren Namensformen zu Hülfe, so überzeugen 
wir uns, dass insbesondere von den vielen auf -hausen ^) und -dorf (-trup) 
ausgehenden') Ortsnamen deren erster Teil meistens in patr. PN. be- 
steht. Der Name des ersten Ansiedlers gab zunächst den Namen für 
seinen Hof ab und dann auch für den Komplex der um ihn angeleg- 
ten übrigen Höfe. Hiess Jener z. B. Bruno, so nannte man die um 
seinen Hof umher entstandene Ansiedlung Bruningtorp (später 
Brüntrup), er selbst hiess vorzugsweise der Meier zu Brüntrup. 
So führen unsere Schatzregister unter den Kontribuenten aus einer 
Dorfschaft regelmässig einen der Kolonen, und zwar meist den ersten, 
einfach als „de Meiger^ ohne weitere Namensbezeichnung auf, und 
auch noch jetzt trägt z. B. der Meier zu Stapellage keinen andern 
FN. als „Meier^. Nur Ausnahmsfälle sind es, wenn z. B. der Besitzer 
des Haupthofes in Wissentrup nicht der Meier zu Wissentrup, sondern 
Wissmann, oder der Meier zu Brokhausen nicht so, sondern Brok- 
meier heisst. 

"Wir lassen hier ein Verzeichniss derjenigen lippischen Orts- 
schaften folgen, hinsichtlich deren es nach der früheren urkundlichen 
Namensform festzustehen scheint'), dass sie nach dem ersten Ansiedler 
beoannt sind, indem sie dessen Namen entweder in der Vollform, oder 
in einer seiner Kf meistens mit der Patronymikalendung ing, die dann 
oft später abgeworfen, oder auch in genitivische Formen übergegangen 
ist, bewahrt haben. Die PN. stellen wir den ON. voran und fügen 
bei letzteren in Klammern die ältere urkundliche Form*) bei, soweit 
sie von der heutigen abweicht. 

Albert in Alverdissen (Alverdinchusen) und Malmershaupt 
(Albertshop). 

Amal, Amelung in Ahmsen (Ameleshusen). 

Ans, As, Os, Asmar in Asendorf, Nösingfeld (Osincvelde), 
Oestrup (Ossentrop) und Asmissen^). 

^) Als ein elliptischer Dativ Flur, des im Niederdeutschen in der Mehrzahl 
schwach hiegenden j^Hus*^ aufzufassen, also „to den Husen^. 

') Das Lokalsuffix -heim, das anderwärts, z. B. gleich jenseits der Grenzen 
miseres Landes in Nieheim, Steinheim, Bergheim, Griesheim^ so häufig ist, findet 
sich in keinem lippischen ON. 

*) Wir übergehen hier also die ON., welche auch eine lokale oder sonstige 
appellative Ableitung zulassen, wie z. B. Matorf (1345 Marktorp), Somersell, 
Eschenbruch, Meinberg. 

*) Die älteren Formen der ON., soweit sie schon in unsern frühesten Schatz- 
listen sich nicht mehr finden, entnehmen wir den vom Archivrat Falkmann und 
dem Verf. dieses Aufsatzes herausgegebenen „Lippischen Regesten** (4 Bde. Detmold 
1861-68). 

'^) D. i. Asminghausen und dies ^ Asmeringhansen, wie unten Sewinghausen 
= Severinghansen. 



22 

Ayo in Ayenhaus. 

Bado, Bede in Bentrup (Bedentorp, Beyentorp). 

Bavo in Bavenhausen, vielleicht auch in Papenhausen. 

Bernhard in Barntrup (Berinctorp, Berninctorp) und Beren- 
trup (Bardincthorp). 

Bertel in Berlebeck (Bertelwik^). 

Betto*) in Betzen (d. i. Bettenhusen). 

Bicco, Becco in Besten (Bykeseten) und Bechterdissen 
(d. i. Bighardinghausen). 

Bill, Billung in Billinghausen, Bällinghausen und Pillen- 
bruch (Pillincbrok). 

Biso in Biesen (Bizenhusen) und Bistrup (Bissentorp). 

Bod, Bodizo, Bodbert in Pottenhausen, Bösingfeld und 
Pöppinghausen. 

Bruno in Brüntrup (Bruninctorp). 

Bucco in Büsten'). 

Diede, Dude, Dedel, Dodel in Tintrup (Tydendorp), Duden- 
hausen, Dehlentrup (Dedelinctorp), Döldissen^). 

Dingold, zum Stamme Thinc ;,Gericht", in Dinglinghausen^). 

Düring in Döringsfeld und Dörentrup. 

Eckard, Eckwart, Eginhard in Meiersfeld (tom Eggerkes- 
velde), Ehrentrup (Eggerinctorp), Eckendorf (Ecwordinc- 
dorp), Entrup (Eyntorp). 

Eder, Ether in Ehrsen (Ederdissen). 

Eimer, Egilmar in Elbrinxen (Elmeringhusen). 

Erhard in Ehrdissen (Erderdissen). 

Ermgaud in Ermgassen (Ermgadessen). 

Erlo^) in Örlinghausen. 

Ewe in Evenhausen. 

Falah^) in Vahlhausen. 

Freismar in Freismissen (Vresmerssen). 



*) Das Dorf bestand früher aus zwei Teilen, die noch 1407 Bertelwyk und 
„up der Beke" hiessen, später wurden beide Namen zu dem heutigen Berlebeck 
zusammengezogen. Bertel kann entweder Bartholomäus, oder Bartold, aber auch 
Albert sein, zumal eine Stätte dieses Namens sich im Dorfe findet. 

^ Von Stark S. 26 nachgewiesen als Ef. zu Bertram. 

*) D. i. Buckeseten, wie oben Bykeseten, von „aüeen". Vgl. Förstemanii, 
Die deutsch. ON. S. 103. 

*) Von Dodel mit patr. ding st&tting, wie oben Austerding statt Austering, 
oder von Dodalhard (Förstem. S. 841). 

*) Oder = Dingeringhausen und dann zum PN. Th in eher gehörend, der 
auch im ON. Dingerdissen (bei Heepen) steckt, den man freilich auch auf 
Thinchart zurückführen könnte. 

•) Vielleicht aber auch Orlich, und dies, mit Metathese des J, = Olrich, 
Ulrich. Vgl. die FN. v. Orlich und Urlichs. Noch jetzt findet sich im Dorfe 
Örlinghausen eine Stätte Ulrich. 

^ Dunkelen Stammes. Förstem. denkt an den Volksnamen der Falen (Ost- 
und Westfalen). Eine Lemgoer Familie Vahle kommt noch im 17. Jahrh. vor. 
Nicht hierher gehört Fallentrnp, für das man erst 1683 diesen Namen erfand, 
als damals der heimgefallene Hof Eesemeier zur Domäne wurde. 



23 

Fromme in From hausen (Vromenhusen). 

Gaud, Goz in Göstrup (Gosinctorp) und Göttentrup, 

Gerke in Jerxen (Jerikessen). 

Graue, Graw in Grastrup (Gravestorp). 

Halcmar^) in Harkemissen (Halkermissen, Harkelmissen). 

Harte in Hardissen (Herdessen). 

Hiddo, Hildeward in Hellinghausen (Hedelinchusen), Hid- 

desen, Hiddensen (Hiddenhusen), Hiddentrup, Hillen- 

trup (Hilwardinctorp). 
Henze in Henstrup (Hensinctorp) und Hestrup. 
Hero, Herbrecht in Herrentrup (Herinctorp), Herbrechts- 
dorf (Herbertincdorp), Herberhausen (Herber ghusen*). 
Hoto, Kf. zu Hotolf, in Hohenhausen (Hodanhusen), Hön- 

trup (Hodinctorp). 
Hohmar (oder Hagimar?) in Hummersen (Homerssen, Ha- 

merssen). 
Hohwart in Hovedissen (Hoverdessen). 
Hugo, Hugimar in Huxol (Huxholt), Hummerntrup. 
Huno, Hunrich in Hüntrup (Huntincdorp), Humfeld (Hune- 

veld), Hünderssen (Hunrikessen). 
Ingo in Iggenhausen. 
Iso in Istrup (Isincdorp). 
Eaganhart in Kachtenhausen. 
Krepp in Gröpperhof. 

Lando, Ef. zu Landbert, in Lenstrup (Lendestorp). 
Lag, Log in Lockhausen. 
Leis (Liudizo), Lüdeke, Lüder inLeistrup (Lesen torp, Lesten- 

dorp), Lükhausen (Ludechusen) , Lüerdissen (Lüder- 

dissen), Lüdenhausen (Ludinchusen). 
Mack, Meeg, zum Stamme magan^ magin, in Mackenbruch 

und Menkhausen (Meginchusen). 
Müsse in Müssen'*). 
Od, Ot, Othal, Uodilo, Othard, Ubbo*) in Ottenhausen, 

Oetenhausen (Otinchusen) , Öhlentrup (Odelincdorp), 

Ullenhausen, Ohrsen (Oderdissen), Übbentrup (übbinc- 

dorp). 
ßadilo, Radheri in Bentorp (Bedelincdorp), Reelkirchen 

(Relinkerken), Retzen (Rettersen). 
Rehm in Remmighausen. 
Richbert in Ribbentrup (Ribbrachtincdorp). 



*) Zum Stamme haüag, sanctus, den wir in Halgmann (1507 Halligmann) 
▼ertreten haben. 

*) Das g ist wol nur in Folge der Umdeutang in JSerberge eingeschoben. 

') D. i. Müssenhausen, wie oben Biesen aus Bizenhusen. 

*) Von Stark S. 129 nachgewiesen als Kf. zu Ulbod (Uodalbod), dessen d 
sich im ON. Ubbedissen (bei Heepen) erhalten hat. Zu übbo wird auch der 
Name des Uphofes in Wehrentrup gehören. 



24 

Hrod in Röntorf (Bodincdorp), Eöhrentrup (Rorincdorp). 

Sabbo^) in Sabben hausen. 

Seile in S eisen (Selehusen). 

Sibilo, Seber (Sigbert), Silico in Sibbentrup (Siblincdorp), 
Sevinghausen (Severinchasen), Silixen (Silikessen). 

Smid, Kf. zu Smidbod, in Schmedissen (Smitbessen, Smidissen). 

Schweder in Schwelentrup (Swederincdorp). 

Struck in Struchtorp (Struckdorp). 

Tewe, Ef. zu Dietbold, in Tevenhausen. 

Volkhart in Volkhausen (Volkerdissen). 

Wado, Ef. zu Wadbert, in Waddenhausen. 

Wanbold in Wantrup (Wamelincdorp). 

Walter in Wellentrup, A. Schieder (Walderincdorp). 

Weif, Kf. zu Weifhart, in Wellentrup, A. Örlinghausen 
(Welpinctorp). 

Wels, Waldizo in Weist rup (Welsincdorp). 

Wido in Wentrup (Wedincdorp). 

Wendel in Wendlinghausen. 

Wero, Kf. zu Wernher, in Wehrentrup*) (Werincdorp). 

Wilibald (oder Wilbod?) in Wilbasen (Wilbodessen). 

Wiso in Wissentrup (Wissincdorp) und Wistinghausen. 

Wulf in Wülfer (Wulveringen) und Wülfentrup (Wulferinc- 
dorp^). 
Vielleicht wird man einzelne der von uns hier und auch der 
schon oben gegebenen Deutungen für bedenklich halten, und auch 
wir selbst müssen zugestehen, dass hin und wieder eine andere Er- 
klärung des Namens als die unsrige mit dieser gleiches Becht hat. 
Schon der Gleichklang mancher alter zur Bildung der PN. verwen- 
deten Stämme, wie z. B. Tcuon „kühn'' neben Kuni ;, Geschlecht", Hub 
„lieb" neben Liut ;, Volk" und hlod „laut" *) u. A. muss die Ableitung 
oft zweifelhaft machen. Mit gutem Grunde hat auch schon Andresen 
auf die Möglichkeit hingewiesen, dass ein FN. mehrfachen Ursprung 
haben, ihm hier die eine, dort die andere Bedeutung unterliegen kann. 
Auch bei uns geben die früheren Listen nur in seltneren Fällen in 
dieser Hinsicht so sichere Auskunft, wie nach dem Obigen z. B. beim 
Namen Sobbe. Es kommt dabei zunächst in Betracht, dass, wie 
schon früher erwähnt ist, die Bildung der Kf., deren Zurückführung 

*) Wol a]B zweist. Kf. zu Salbert zu nehmen. Vgl. Strack S. 127. 

') Dagegen hat das Dorf Wehren an der Werre von dieser den Namen, 
es heisst 1590 „in der Wehren**. Ganz grundlos hat man erst neuerdings das erste 
e in Wehrentrup mit einem ä vertauscht. 

') Auch von den Namen der vielen, aus den „Lippischen Regesten** ersicht- 
lichen Wüstungen des Landes ist die Mehrzahl auf PN. zurückzuführen. Wir 
nennen hier nur die ausgegangenen Orte in der Umgegend Detmoldes: Dedingdorf 
oder Dedendorf (s. oben unter „Diede"), Rödlinghausen (Hrodilo), Oder- 
missen (Otmar oder Otram). 

*) So kann z. B. der erste TeU unseres Kolonatsnamens Lübbertsmeier 
mit gleichem Rechte als Liubhart, Liutbert und Hludbert gedeutet werden. 



25 

auf den YollDamen gerade die Erklärung mancher unserer heutigen 
aus alten PN. entstandenen FN. besonders schwierig macht, in eine 
weit frühere Zeit fällt, als die unserer ältesten Begister, und dass 
gewiss schon den AufsteUern der letzteren das Bewusstsein der Ent- 
stehung der einen Namensform aus der andern, die Zusammengehörig- 
keit der Kf. und des entsprechenden Vollnamens für die meisten Fälle 
nicht mehr beiwohnte. Nur ganz ausnahmsweise finden wir in den 
älteren Listen bei denselben Stätten z. B. statt des späteren Namens 
Hille noch einen Hillebrand, statt des jetzigen Deppe noch einen 
Dethmar^), statt eines späteren Meine noch einen Meinert (d. i. 
Meinhart), ein Beweis also, dass man beide Namensformen anfangs 
noch neben einander gebrauchte. Auch scheint in einigen andern 
Fällen aus der Wahl der Vornamen, wie wir sie zur Bezeichnung des 
patr. Verhältnisses in den älteren Listen den FN. vor-, oder nach- 
gesetzt finden, hervorzugehen, dass man damals der ursprünglichen 
Identität der beiden, im Laufe der Zeit zuweilen ziemlich auseinander- 
gegangenen Namensformen sich noch bewusst war. Wenn es z. B. 
wiederholt und mehrfach sogar im nämlichen Register bei verschie- 
denen Stätten heisst: Bado Bettike, Bernt Beining, Nolte Ar- 
nolding, Cord Cordes und Cone Cording, Henke Hanke, Tele 
Tölleking, Cord Corf, Steffen Stieve, so liegt die Vermutung 
nahe, dass man den Vor- und Zunamen in gleichem Sinne zusammen- 
stellte, wie es z. B. in denselben Listen bei Beine Beineking, 
Albert Alberdinck, Jordan Jordens geschah. Hinsichtlich der 
übrigen oben angeführten Namen bis auf die beiden letzten ist jene 
Identität ziemlich gewiss. Aber auch hinsichtlich des bei uns häufig 
Yorkommeuden, anderweit nicht zu erklärenden Namens Stieve unter- 
liegt dessen Deutung als Stephan keinem Bedenken, da dieser Name 
als Vorname bei uns sonst nicht vorkommt und es noch im Salbuche 
von 1783 bei einer Stätte in Sonneborn ;, Steffen, olim Stieve" heisst*). 
Zweifelhafter ist dagegen die Zurückführung von Korf auf Kort, 
indem hier die Deutung als zweist Kf. zu Karfrid (so bei Steub 
S. 55) oder auch Karlef doch wol näher liegt. Auch wäre es mög- 
lich, dass hier nur eine gewisse Neigung zum Reime und zur Alliteration 
im Spiele wäre, wie sie sich auch sonst in unsern älteren Listen in 
der Wahl der Vornamen kund zu geben scheint, wenn es z. B. heisst: 
Henne Benne, Hans Hampe, Hermen Henke, Henke Menke, 
Kord Kock, Gosmann Krossmann u. a. 



^) Deppe ist also bei ans die zweist. Kf. nicht zu Dietbert oder Dietbold, 
sondern zu Dethmar, was sich daraus erklärt, dass neben Dethmar mehrfach die 
Form Depmar erscheint. Von den beiden Stätten Oberdeppe und Niederdeppe 
in Somersell steuern 1488 ArndDepmars und Hermann Dethmars. Der Über- 
gang des t in p findet sich auch im ON. Detmold, das noch im 14. Jahrh. mehr- 
fach als Deptmolde und Depmolde vorkommt, was noch jetzt im Munde der 
Umwohner der Stadt als „Deppel** sich erhalten hat 

') Bei andern Eolonaten dieses Namens steht in den älteren Registern immer 
»de StieYe^ 



26 

Erschwert wird auch die Erforschung der ursprünglichen Form 
oft durch die vielfachen Abweichungen in der Schreibart desselben 
Namens, wie wir sie mehrfach in Listen aus nahe an einander liegen- 
den Jahren, ja zuweilen in ein und derselben Liste vorfinden, Ab- 
weichungen, denen wol nicht immer Verschiedenartigkeit in der Aus- 
sprache, sondern oft blosse graphische Eigentümlichkeiten des Auf- 
zeichners zum Grunde liegen. So wechseln z. B. vielfach bei ein und 
derselben Stätte Bening, Benning und Beining, Wise und Wisse, 
Wever, Wefer und Weber, Wedige, Weege und Weich, Knop*), 
Knaup, Knab und Knomp, Beddike, Pettike und Petig, Treus, 
Dreus und Dreves, Ardening und Arnding, Hüppe und Hyppe, 
Strüker und Stryker, Dopp und Topp, Künne und Kinne, 
Elligis, Ellies und Yliges, Eggering und Eggerding, Grosche 
und Krösche, Rei, Reyg und Rech, Pöpperling und Pepper- 
ling, Breie und Brede, Millies, Mellies, Molliges und Melius, 
Fillies und Filius*), Varsse, Vorsse, Versse, Vosse, Vosche 
und Fasse'), Kleie, Klie und Kligge*) u. a. 

Eine grosse Mannigfaltigkeit einer Reihe von Namensformen des- 
selben Stammes ergiebt sich auch bei uns daraus, dass in unsern FN. 
das in den beiden Stämmen hlod (laut, berühmt, griech. xluro^) und 
Hrod (Ruhm, griech. xpÖTo;) im Altdeutschen anlautende h ebensooft 
abgeworfen ist, wie als g oder k sich erhalten hat. So erscheinen 
von den mit Mod zusammengesetzten Namen Ludwig (in den älteren 
Listen stets Lodewig), Ludolf, Lülf, Lüdeking neben Klocke, 
Kluck (Chlodico), Klopp (Chlodobert), Klütmann, und von den bei 
uns besonders zahlreichen in Zusammensetzungen mit Hrot bestehenden 
Namen die Vollnamen und zweist. Kf. Rubart (Hrotbert), Röve, 
Röttger, Rügge, Römer (Hrotmar), Rodewalt (1536 Rowolt), 
Rolf (Hrotulf) und die einst. Kf. Rothe, Reue, Rohe, Rott, Röt- 
teken, Röding, Röhr, Rose (Hrodizo), Rull, Roll (Hrodilo) neben 
den Vollnamen und zweist. Kf. Grotegut (Chrodogaut), Krepp 



*) Wol mit Steub S. 103 als Chnodbero (zum Stamme Chnodo, got Knods 
„Geschlecht") zu deuten. Die Form Knomp braucht darin nicht irre zu machen, 
da sie erst später erscheint, und ein eingeschobenes m und n auch sonst in unsern 
Namen sich findet, so z. B. Bunse neben Buse^ Strunk neben Struck. Zu dem 
Stamme Chnod gehören ferner noch bei uns Knolle (Chnodilo), Knoch (Chnodico) 
und Knöner (Chnodomar). 

') Solche Latinisierungen kommen in unsern Listen auch sonst vor, so heisst 
es z. B. neben Rieks (Richard) zuweilen Ricus, neben Mick es (Mikhart) Micus, 
ohne dass man etwa an Henricus und Helmicus zu denken hätte. 

^) Wegen der älteren Formen wol als zweist. Kf. zu Faragis (zum Stamme 
faran „gehen**) zu erklären, die man dann in fersch, fasch „frisch** (s. Woeste, 
Wörterb. der westfäl. Mundart S. 287) umdeutete. 

') Vielleicht die einst. Kf. zu unserm Namen Kleibolt (vgl. Glidebald bei 
Förstem. S. 318). Auch Glede und Kleimann können hierher gehören, und aus 
letzterem ist möglicher Weise der bei uns häufige Name Klemme entstanden, den 
Fick (Göttinger PN. S. 13) als Hliumnand deuten will. Doch gestattet Kleimann 
auch eine appellative Erklärung, da ein Kolon d. N. in Nienbagen, A. Schötmar, 
nach dem Salbuche ein Grundstück „der Klei*' besitzt. 



27 

(Chrodobert), Gröpper, Gröppel, Grobe, Grupe, Krome (Chrod- 
mar), Krömeke, Krumme und den einst. Kf. Grote, Grauting, 
Kroll (Chrodilo), Krull, Krücke (Chrodico), Krukemeier, Kroes 
(Chrodizo), Krosmann, Krösche (1644 Grosche) und Kruse. Wenn 
man auch die Bedenken Andresen's*) bei einzelnen von Steub (S. 103) 
hierher gezogenen Namen teilen will, so möchten wir doch darauf, 
dass hinsichtlich solcher Namen auch eine appellative Deutung sich 
darbietet, nicht so grosses Gewicht legen, zumal wenn diese auf eine 
80 entfernte lokale Beziehung, wie sie z. B. für Klopp und Klocke 
die gleichnamigen abgelegenen Orte in Mähren und Ostpreussen bieten, 
zu rekurrieren genötigt ist. Neben dem auch von Andresen hierher 
gerechneten Krudewig (Hruotwig) findet sich übrigens bei uns auch 
noch der Name Krudewulf (1458), der sich nur in der kontrahierten 
Form Krudup noch erhalten hat und zu dem der vielfach im Lande 
Yorkommende, wegen seiner früheren Form Kruwwel (so 1488 und 
noch 1590) wol nicht mit dem obigen Krull und Kroll zusammen- 
zustellende Name Cruel die zweist. Kf. bilden wird. 

Ein nicht ganz unbedeutendes Element zur Bildung unserer FN. 
haben neben den altdeutschen PN. auch die seit der Christianisierung 
bei uns eingedrungenen kirchlichen Namen gegeben. Besonders 
häufig erscheint der Name Johann — wir haben einen Meierjohann, 
aber auch einen Hansmeier; daneben Johanning, Hanning, Hanke, 
von denen der letztere aber auch ebenso wie Henne und Henke zu 
Heinrich gehören kann. Ferner gehören hierher: Adam, Franzmeier, 
Jakob, Mertens, Peter und Petringsmeier, Simonsmeier und 
Vietmeier. Verändert haben sich Alexander in Sander, Anastasius 
(oder Statius?) in Stats und Stass, Andreas in Dreves und Dreus, 
Antonius in Tönnies, Tons und Danjes, Balthasar in Baltzer, 
Bartholomäus in Meves, Christian inKersting, Kesting und Käst*), 
Gregorius in Görries^), Hieronymus in Grolmsmeier, Jodocus in 
Jobst und Jösting (nicht = Justus), Jordanes in Jürgens, Kaspar 
in Jasper, Kilian in Kiel, Liborius in Borries, Matthäus in Tewes, 
Matthias in Thies und Tigges, Moritz in Marris und Mors, Ni- 
kolaus in Klas, Klages, Klasing und Klausing, Paulus in Pagel, 
Pohl und Puls*), Sebastian in Bastian, Stephan inStieve, Valentin 
in Feld un d Falkmann^). 

») In Kuhn's Zeitschr. f. vergleich. Sprachk. Bd. 21 S. 465. 

') Auch Kessemeier gehört wol hierher — eine Stätte dieses Namens in 
Fromhausen heisst 1555 Eerssemeier. 

*) Bei einer Stätte Görries in Nienhagen steht im Salhuche von 1783 ölim 
Gregorius, sonst kommen noch die Formen Gerries und Gers vor. 

*) Doch lässt sich Pohl auch, wie oben geschehen, als einst. Kf. zu Boldewin 
und Puls als deren genitivische Patronymikalform nehmen. 

^) Denn das Eolonat Falkmann in Ehrdissen hiess bis in vorige Jahrh. nur 
Valtmann und Veitmann. Der Übergang des t in k findet sich auch sonst, so 
z. B. bei der Stätte Eimkemeier bei Ullenhausen, die früher Emtemeier hiess. 
Vgl. auch Zinkgreff neben Zintgraf (Centgraf). Vielleicht darf man danach auch 
den sonst nicht zu deutenden Luckebart als Liutbert nehmen. 



28 

Bei einzelnen dieser Namen bleibt die Herleitung zweifelhaft. 
Sander, kann auch als Sandher, Tigges als Dietgis erklärt, Siem- 
sen ebensowol auf Simon als auf Sigmar zurückgeführt werden u. s. w. 
Koppe ist schwerlich aus Jakob und ebensowenig Saak aus Isaak 
entstanden, der erstere Name vielmehr, wie schon oben erwähnt, die 
zweist Kf. zu Colobert, der andere vielleicht aus Salico, dem Dem. 
der einst. Kf. zu Salbert kontrahiert. Ebenso wird man in Merk, 
Merkel, Markmann und Marx eher die Kf. zu Markwart, als 
einen Markus zu suchen haben. Auch die Namen Ellies und 
Fillies gehören wol nicht hierher. Denn Ellies ist wegen des Tones 
auf der ersten Silbe schwerlich als Elias, sondern eher als Adaig is 
zu nehmen und Fillies gehört wol zum Stamme Fü, von dem neben 
dem bei Förstem. angeführten Fili her t auch ein.Filger vorkommt*). 
An Wiligis wird man weniger zu denken haben und auch wol nicht 
an Pamphilius, da dieser Name so nur einmal 1590 (1570 heisst 
es richtiger Pamphilus) im Dorfe Talle vorkommt, wo er später zu 
Pampels geworden ist, während den Namen Fillies noch jetzt mehrere 
Stätten im Lande führen. Dagegen haben wir den Namen M ellies 
(1507 Melius) als Melchiors^) hierher zu ziehen, denn im Dorfe 
Tintrup findet sich statt des 1590 genannten Millies Bernt später 
ein Melchert. Der im Amte Detmold vorkommende Vietmeier 
verdankt gewiss dem Schutzpatron der Detmolder Kirche S. Yitus 
seinen Namen, der freilich als latinisierte Kf. zu Widukind deutschen 
Ursprungs ist. 

Ausser diesen kirchlichen Namen haben wir es mit von aus- 
wärtsher importierten Namen hier kaum zu thun. Unsere landsässi- 
gen lippischen Namen, wie sie die älteren Schatzregister au£Führen, 
bewegen sich sonst ausschliesslich auf altsassischem Sprachgebiete. 
Für eine frühere slavische Einwanderung, die ältere Schriftsteller 
der einst im Lande begütert gewesenen alten Adelsfamilie de Wen d^) 
zuliebe angenommen haben, legen auch unsere FN. kein Zeugniss ab, 
obwol Namen, welche auf den Stamm TFiwd, Wend zurückzufuhren 
sind, in den verschiedensten Sprossformen als Wendt, Wind, Wenke, 



•) S.: Mor. Heyne, altniederdeutsche Eigennamen (Halle 1867) S. 9. 

') Also bei uns nicht „Aemilius", wie bei Alb. Heintze, die deutschen FN. 
(Halle 1882) S. 90 angenommen wird. 

<) Schon 1248 in einem Gottschalk Wineth, 1263 Stavus genannt, vor- 
kommend und neben den von Schwarz, von Böse und von Wrede zu den weni- 
gen Adelsgeschlechtern des Landes gehörend, die nicht von ihren Besitzungen den 
Namen trugen, wie die von Exterde (früher von Exter, Dorf bei Vlotho), von 
Donop (1227 Johannes de Donepe) und die ausgestorbenen von Vornholte, von 
Bega, von Kallendorp, von Heidelbeck, von Iggenhausen, von Freis- 
miss en. Ob von den Namen der erstgedacbten vier Familien — sie Messen früher 
de Wend, de Swarte, de Böse und de Wrede und nahmen erst später das „von^^ 
an — die drei ersten als Kf. alter PN., oder appellativ zu deuten sind, bleibt 
zweifelhaft. Für Wrede haben wir zur Erklärung nur das alte Adjektiv torede 
„grausam, hart** (vgl. Lübben, mnd. WB. s. v. wrlt). Der Anlaut Wr findet sich 
bei uns ausserdem nur in den beiden, noch zu deutenden Namen Wrampe und 
Wrenger. 



2» 

"Wendtker, Wending, Wendel, Wendeling, Wellner (früher 
Wendeler) und Winter vielfach bei uns vorkommen^). 

Als ziemlich vereinzelt erscheint bei uns der noch nicht genügend 
erklärte, aber wol fremdstämmige Name Parseval, so noch 1511 in 
Detmold genannt, wo er jetzt zu Passfal sich abgeschliffen hat. 
Daneben kommt vielleicht noch der Name Presun in Betracht, den 
bei uns mehrere Stätten im Amte Sternberg führen. Die früheren 
Listen haben die Formen Bersaun, Presaun und Persenne, geben 
also für die Erklärung des auswärts auch Persohn und Persuhn 
lautenden dunkelen Namens keinen Anhalt. Mit Andresen^) auf einen 
y^Peterssohn^ zu raten, scheint uns wegen des auf der ersten Silbe 
ruhenden Tones bedenklich, und auch das mittelniederdeutsche Presun 
^prison" giebt keine genügende Erklärung. Vielleicht ist an das 
lateinische persona zu denken, das im Mittelalter, wie noch jetzt das 
englische parson einen Geistlichen bedeutete*) — wir hätten dann 
ein Seitenstück zu den FN. Priester und Pape*). Fremdländisch 
lautend, aber altdeutsch ist der mehrfach im Amte Sternberg vor- 
kommende Name Viole^). 

In einer weiteren Anzahl unserer lippischen FN. erscheinen alte 
PN. auch als Glieder von Zusammensetzungen, und zwar entweder 
so, dass ein PN. mit einem andern vereinigt, oder so, dass ihm irgend 
eine appellative Bezeichnung beigegeben ist. Von Zusammensetzungen 
der letzteren Art sind besonders häufig die, wo das Wort Meier, 
oder auch eine Gewerbebezeichnung dem PN. vor- oder nachgesetzt 
wird. Wir haben als FN. vielfach einen Meierarend neben Arends- 
meier, einen Meierkord neben Kortemeier, einen Möllenbernd 
und Möllenbenne (verhochdeutscht in Mühlenbein), ferner einen 
Schäferkord, Garnjost*), Krügerbartold, Richterkesting u. a. 
Doch auch lokale und sonstige appellative Bezeichnungen werden 
mit dem PN. verbunden, wie z. B. in Schlingjakob, Oberkrome, 
Lütgebrune, Altenbernd u. a. Öfter geben für derartige Zu- 
sammensetzungen erst die älteren Formen unserer Register die Er- 
klärung — der jetzige Name Brinkoch z. B. lautet 1530 Brink 



^) Auch in unserm ON. Yinnen (1183 Winithi, 1507 Vinäen) könnte der 
Name Wend stecken, mit dem öfter zur Ableitung des Namens einer Ansiedelung 
von Yolksnamen gebrauchten Suffix -ithi. Vgl. Förstemann, die deutsch. ON. S. 228. 
Dieselbe £ndang findet sich auch in den früheren Formen unserer ON. Wo b bei, 
Belle, Leese : Wicbilethe, später Webbelde, Bellethe, Lesede und ist vielleicht 
hier ebenfalls dem Namen des ersten Ansiedlers angehängt. 

') Über deutsche Volksetymologie. 4. Aufl. S. 157. 

') So fasste auch wol der Chronist Gobelinus Persona (f 1424) seinen 
Namen auf — er stammte wahrscheinlich aus der damals in Paderborn erscheinen- 
den Familie Presun. 

*) Falls man diesen Namen nicht mit Förstern, zu Bavo, Babo, Babulf stellen will. 

^) Der Stamm, zu dem Förstem. auch den Namen Wieland rechnet, ist noch 
Dicht genügend erklärt 

') Die Erklärung giebt ein 1590 erscheinender Gerke Gorenköper, d. i. 
Garnaouäufer. 



30 

Gort (d. i. Kord am Brinke), statt des jetzigen Kordvahr heisst es 
1640 Kort Vader (Kord der Vater), statt Warnevogt noch 1783 
Werneke Vogt. 

Was aber die andere Art der zusammengesetzten Namen anlangt, 
wo die anfänglich den Vor- und den Zunamen bildenden beiden PN. 
später zu einem FN. verschmolzen sind, so lassen sich bei vielen 
hierher gehörenden Namen, wie z. B. in Düvelhenke, Reuotte, 
Jobstharde u. a. die beiden Namensglieder noch klar erkennen, bei 
einzelnen erfahren wir sie auch hier erst aus unsern älteren Listen, 
aus denen z. B. die Namen Branolte als Nolte Brandes, Henkord 
als Henne Kordes, Hanselle als Hans Seile, Merkord^) als 
Kord Merk, Manhenke als Henke Meine sich ausweisen. 

Bei andern, sonst nicht zu deutenden Namen müssen wir wol 
ebenfalls auf solche Zusammensetzungen rekurrieren. So ist gewiss 
der bei uns mehrfach sich findende Name Tintelnot nichts Anderes 
als ein umgedeuteter TintelnoUe, da ausserdem ein Tintelhenne, 
Tünderhans und Tündernolte^) und daneben Tindel und Tintel, 
beides Dem. zu Tente, vorkommen. Auch Manetter (1507 Lodewich 
Maneter, 1530 de Mann Eter, 1590 Hans mann Eter) wird aus Meine 
und Et her (zum Stamme J^cl in Edward) zusammengesetzt, und ferner 
vielleicht in den Namen Pustkuchen (1411 Pustekoke) und Pankoke 
(so schon 1550) das zweite Namensglied als Kord (vgl. oben Brinkoch 
= Brinkkord) zu nehmen und bei dem ersteren Namen an eine Um- 
deutung des gleichzeitig vorkommenden Namens Bussenkord zu 
denken sein^), während bei Pankoke für den ersten Namensteil allen- 
falls auf den Stamm „Banc^ zu raten wäre, von dem wir das Patr. 
Penker haben und für den bei Förstem. ein vielleicht auch unsern 
Pankoke einfach erklärender Pancoard sich findet. Ebenso könnte 
man in den beiden Namen Gevekot und Blasekatte (schon 1527 
Blasekat) als zweites Namensglied einen durch Ausstossung des r 
verdunkelten Kord (vgl. oben Meerkötter neben Meerkort) annehoien 
und daneben als anlautendes Namensglied für Ersteren ein „Geb^ 
(einst. Kf. zu Gebhard), für Letzteren ein y^Plass^ (wie in Plass- 
meier, s. unten). 

Mehrfach begegnet uns in Zusammensetzungen das seiner Ab- 
stammung nach noch dunkele j,lag^y das wir als einst. Kf. der von 
Förstem. unter den Stämmen j,Lag^ und „Laie" aufgeführten Namen 
Lagipert, Laigobert u. s. w. anzusehen haben, so in Häringslake 
(1590 Heringslag), Honeria (1507 Honderlage*), Engelage. Diese 



*) Bei einzelnen Stätten ist der Name, gewiss durch Anlehnung an „KoUen^'j 
zu Merkötter geworden. 

*) Umgedeutet, mit Anlehnung an tündern „zaudern**. 

') Doch weist Förstem. auch einen Pusto nach, und bei uns findet sich im 
Dorfe Kohlstädt ein Kolonat Püster. 

*) Honder ist die zweist. Kf. zu Hondrich und dies =:Hunr ich, mit ein- 
geschobenem d, wie in Hendrich, wozu wir die ähnliche Ef. in Hinder haben, 
statt Henrich. 



31 

Ef. fuhren aber die älteren Register öfter auch als Vornamen auf, es 
heisst z. B. 1590 Laig Vosse und, mit wunderlicher Latinisierung, 
bei derselben Stätte noch 1783 Lajus Fasse, so wie, ebenfalls noch 
1783, Lajus Hagedorn. Ferner erscheint das ^^lag^ als Kompositions- 
glied in den Namen Laghusemann, Oberlag, Niederlage), so wie 
einfach in Lages, Loges, Locke, Lahmann (1507 Lagemann), 
steckt im ON. Lock hausen und vielleicht auch, als zweist. Kf. zu 
Lagbert, in den FN. Lappe und Lobbe*), so wie im ON. Lopshorn 
(1471 Lobdeshorn, 1550 Lobeshorn). Als auslautende Hälfte in alten 
PN. haben wir das ,ylag^ bei uns nur in Gundelach und Wittlag 
(Withlec bei Förstem.^). 

Für Zusammensetzungen müssen wir ferner wol eine Reihe son- 
stiger, einstweilen noch nicht genügend erklärter bei uns, und teil- 
weise auch anderwärts vorkommender Namen halten, für die auch 
unsere Register keine früheren auf die Spur führenden Formen an die 
Hand geben, so z. B. Froböse, Froriep, Hackemack*), Buse- 
kroes, Rübenstrunk, Enabach (1507 Knakeback), Platena (1536 
Platenoghe), Pollduwe^), Stapperfenne u. s. w. Auch die Namen 
Berkhan, Sturhan und Kluckhon enthalten gewiss in der zweiten 
Hälfte einen ^^Johann^, oder auch einen „Henne^ (Kf. zu Heinrich). 

Soviel von unsern auf alte PN. zurückzuführenden FN. Diese 
Namensgruppe bildet, wie schon bemerkt, bei uns entschieden den 
Hauptstock, und neben ihr ist, der Zahl nach, eigentlich nur noch 
eine andere, die auf lokale Beziehungen hinweisende Namensschicht 
Yon grösserer Bedeutung — wir glauben nicht zu irren, wenn wir 
meinen, dass bei uns von der nach Abzug der ersten Klasse bleiben- 
den Hälfte der Namen wiederum reichlich die Hälfte zu dieser zweiten 
Gruppe gehört, und für die übrigen Klassen zusammengenommen kaum 
ein Viertel übrig bleibt. Da die lokalen Beziehungen meistens in 
den heutigen Namensformen sich noch deutlich kundgeben, so dürfen 
wir uns hier kürzer fassen. 

Die Wohnsitzbezeichnung knüpft sich bei unsern Kolonats- 
namen vorzugsweise an Bergy Brink, Brok (Bruch), Beck und Beke 
(Bach), Born, Loh^ Hagen, Diek (Teich) an, und die Deutung der 
Namen Bergmann, Brinkmeier u. s. w. ist von selbst klar. Ob 
die Namen Barkhausen, Barkemeier, Berkemeier und Berkhan 
auf Berg oder auf Birke zurückzuführen sind, ist zweifelhaft — die 



') Daneben in demselben Dorfe, Schönhagen, noch eine Stätte Middelegge, 
d. l Mittellag. 

') Dagegen wol nicht in den Namen Laub er und Laubker, die, ebenso wie 
rielleicht Lorber (1507 Loirbeir) eher alsLobaher (Förstern.) za nehmen sein werden. 

*) Nicht auch im Namen der Stätte Gutschlag in Rüensiek, denn deren 
Inhaber heisst 1536 Johann Gütersloh, 1590 Gutesselo, also wol „am CHUersloh" 
und nicht = Gozleih bei Förstem. 

*) Etwa alliterierende Verunstaltung von Hagimar, oder Halcmar? 

') Daneben auch noch das wol nur aus der Patronymikalform PoUduwer 
kontrahierte PoUdur. 



S2 

früheren Formen lauten: Barchusen, Barghusen, Hans im Barke, 
Berkjohann, Berchenne. Von den sonstigen hierher gehörenden 
Namen bedürfen viele, wie z. B. Klasmeier, Schnatmann, Schling- 
mann, Begemann (an der Bega), Yogelsang, Erawinkel u. a. 
ebenfalls keiner Erklärung. Die höhere oder tiefere Lage der Stätte 
wird durch ein den Namen vorgesetztes Ober- oder Nieder- (z. B. 
Oberbracht und Niederbracht), oder auch einfach mit Ober und 
Nieder^), letzteres auch in Niere, Niermann und Nehrmann 
(1530 Nerdermann) kontrahiert, bezeichnet, bei der Lage an Bächen 
auch durch ein dem Namen beigefügtes „dar aven^ und j^dar neden^^ 
woraus die beiden bei uns häufigen Namen Drave oder Drobe und 
Tornedden*) entstanden sind. Von den Weltgegenden ist der Osten 
in den Namen Österhaus, Ostmann, Austermann vertreten, der 
Westen in Westermann, der Süden in Sundermann, Soermann 
(1680 Sauermann), Suerjohann. Aus dem „Bäumer^^ dem Inhaber 
oder Anwohner eines Schlagbaumes an der Grenze oder Zollstätte ist 
der Name Böhmer geworden, der einfach als solcher, aber auch mit 
Zusätzen als Schönebäumer, Schuckenbäumer (1507 Johann vor 
dem Schuckenbome) vorkommt, bei uns also nicht als „Bodomar^ zu 
erklären ist. 

Einzelne Beziehungen auf Örtlichkeiten werden uns auch hier 
erst durch unsere älteren Schatzregister klargestellt. So kontribuieren 
z. B. von den Stätten 

Baumert zu Grastrup 1590 Bernt vorm Bome, 
Brüggemeier zu Meinberg 1380 Henne up der Brücken, 
Bültemeier zu Erder 1507 Johann upper Bulten, 
Erdmeier zu Sabbenhausen 1536 Johann in der Erden, 
Gelhaus zu Schötmar 1480 Gerke im Geldehuse, 
Gruttmann zu Wellentrup 1530 Deppe upper Gruth, 
Haustädter zu Ehren trup 1590 Katrine uf der Hausstede, 
Heuwinkel zu Billinghausen 1536 Heywinkel im Heye, 
Kehmeier zu Lassbruch 1530 Hermann Kemenade, 1590 

Eemener, 
Knoenmeier zu Werl 1488 Kord in den Knoden, 
Lakemeier zu Belle 1530 Henne in der Lake, 
Lessmeier zu Billinghausen 1507 Bernt uppen Lessen, 
Marbke zu Greste 1590 Jost in der Mark, 
Mesch zu Brokhausen 1380 Hermann up der Mersch, 
Plassmeier zu Heidenoldendorf 1530 Gese uppen Plasse, 
Pleckemeier zu Welstorf 1572 Johann ufien Flecke, 
Beese zu Lothe 1530 Johann in den Rysen, 
Rienmeier zu Betzen 1535 Hermann uppen Ryne, 



*) Von den beideQ Eolonaten Ober and Nieder in Ötenhausen steuern 1507 
ein Overhans und ein Nedderdeppe. 

') Noch 1590 heissen z. B. die Kontribuenten Yon den Stätten Drave und 
Tornedden in Berlebeck Hans dar aven und Hans dar nedden — beide liegen an 
der Berlebecke, die erstere oberhalb der letzteren. 



33 

Schirneker zu Papenhausen 1530 Nolte in den Schireneken 

(Grenzeichen), 
Schlemeier zu Osterhagen 1572 Lüdeke in den Sleen, 
Sepmeier zu Reizen 1530 Hermann uppen Sepe, 
Steins zu Hornoldendorf 1590 Johann Steinhues, 
Stratemann zu Berlebeck 1590 Gerke up der Straten, 
Sültemeier zu Heiden 1488 de Meyger tor Stilte, 
Tinnemeier zu Hillentrup 1590 Johann uf der Tinnen, 
Wiehmeier zu Hedderhagen 1507 Kord tor Wedeme (zur 
Pfarre gehörend). 
Einzelnes in den vorstehenden Wohnsitzbezeichnungen entbehrt 
freilich noch der genügenden Erklärung. Dass unter 8ep (= Siepen), 
ebenso wie unter Lake eine feuchte Niederung, unter Rysen ein Ge- 
hölz, unter Heye eine Heide zu verstehen ist, scheint nicht zweifelhaft, 
aber was Knoden^ Gruth, Lessen u. A. bedeutet, bleibt noch zu er- 
mitteln. Auch die Deutung von Geldehus ist unklar, da eins der 
Kolonate Gelhaus im Dorfe Schötmar, das andere im Dorfe Brake 
liegt, bei beiden also von einer städtischen Gilde nicht die Rede 
sein kann. 

Die fremdstämmige Herkunft bezeichnen bei uns die Stätte- 
namen Hesse, Sasse, Holste, Prüssner, Holländer, Mansfelder, 
Jülicher (1516 Bernt van Guleke), Jutte und Jütting^), Frese, 
Döring. In den beiden letzten Namen könnte man freilich auch Kf. 
zu den alten PN. Frismar und Turincbert oder Durinchard 
suchen, ebenso wie der Stättename Schwabedissen (1325 Swave- 
dissen — das Kolonat wird auchSwachhof genannt) gewiss zunächst 
auf den PN. Suaphart (vgl. oben Hovedissen = Höh wartin ghausen) 
zurückzuführen ist. Einzelne Fremdlinge lernen wir wiederum erst 
aus ansern Schatzlisten kennen. So besitzt z. B. 1536 die Stätte 
Geller in Lieme ein Johann von Geldern, die Stätte Hans von 
Ohlen bei Blomberg Hans von Olden (wol Oelde im Stift Münster), 
das Eolonat Dali mann Johann van Dülmen, die Stätte Die sm ei er 
Hinrik van Dissen, das Kolonat Kölling Johann van Coln, von der 
Stätte Düe steuert 1617 Johann van Duen (Dünne im Mindenschen), 
und der Inhaber des Litzenkruges bei Blomberg heisst 1669 der 
Lützenburger (Luxemburger). Vielleicht dürfen wir aus den mehr- 
fachen auf das linke Ufer des Niederrheins weisenden Namen Hol- 
länder, Geller, Jülicher, wozu noch 1380 ein Swolner (aus ZwoU) 
und ein Kolonat Flammenkamp (1507 Hermann im Flamenkampe) 
bei Meinberg kommt, so wie aus dem Namen eines bis ins 14. Jahr- 
hundert mit der Bezeichnung „de Vlemesche Hufe" erscheinenden 
Reviers in der Nähe der Stadt Hörn, den Schluss ziehen, dass auch 
bei uns einst eine niederländische Ansiedelung stattgefunden hat, 
wie wir sie mehrfach im nördlichen Deutschland antreffen, seitdem 
zuerst um das Jahr 1106 der Erzbischof von Bremen Holländer als 



•) Doch wol eher den Jütländer, als den Juden bezeichnend. 

Kiederdentsohes Jahrbuch. IX. 



34 

Kolonisten zur Urbarmachung der Moorgründe seiner Diözese be- 
rufen hatte ^). 

Nur selten erscheinen bei uns Stätten, deren Namen mit Ellipse 
der Präposition ,^von^ oder y^aus^ die Herkunft aus einheimischen 
Orten bezeichnen, wir finden nur die Namen Meinberg, Blomberg, 
Schwabedissen und Hovedissen*). Ausserdem bezeichnen Delker 
und D elkener nach unsern Listen Herkunft aus der Ortschaft Dalbke. 
Auch der auffallende Name Blattgerste (1488 Blatgarste) wird ein 
lokaler sein, da eine Örtlichkeit dieses Namens bei Lügde im Jahre 
1559 vorkommt. Sonst würde man allenfalls auf ein Bladegast 
(statt Baldegast — Förstem. hat zum Stamme ^^bald^ ein Blatchar 
und Blatgis) raten dürfen. 

Von einiger Wichtigkeit ist neben den beiden vorigen noch die 
dritte Gruppe der FN., umfassend diejenigen Namen, welche dem 
Amte, Stande oder Gewerbe des ersten Namensträgers ihren 
Ursprung verdanken. Zu den auf Amt und Stand sich beziehenden 
gehören bei uns die Namen Richter, Richts, Richtsmeier^), Vogt*), 
Vögting und Vagedes, Greife und Grefe, Frohne, Schlüter 
(Beschliesser), Kost er. Was das Gewerbe anlangt, so sind von den 
fünf Grossmächten der deutschen Namenswelt, als welche man sonst 
wol die Meier, Müller, Schneider, Schmidt und Schulze auf- 
zuführen pflegt, nur die vier ersten auch in unsern lippischen Kolonats- 
namen sehr zahlreich vertreten, nicht aber die fünfte — wir haben 
den Schuldheiss nur in einer unserer älteren Stätten, im Eolonate 
Schulte zu Horste, die Pentarchie verengt sich also bei uns zu einer 
Tessararchie , und in dieser wechselt ausserdem bei uns die eine 
Grossmacht den Namen — der Schneider kommt in unsern älteren 
Listen nur als Schroer und Schröder, später Schröder vor, erst 
in neueren Registern erscheint er vereinzelt als Snyder*). Daneben 
findet sich verhältnissmässig selten der Schomaker, häufiger der 
Holscher (Holzschuhmacher) — man ging eben wol noch mehr in 
Holzschuhen, oder auch barfüssig — ; ebenfalls seltener der Tischler 
als Snitker, neben dem zahlreicher vorkommenden Holthauer, 
Wagener, Redeker und Spinnreker, d. h. Spinnradmacher, der 
aber auch als Spilker sich findet; ferner der Timmermann, der 



') Vgl. 0. Preuss, die baulichen Altertümer des Lippischen Landes. 2. Aufl. 
(Detmold 1881) S. 79. 

*) Wol nicht auch der Detmolder FN. Varenholz, welchen wir wegen des 
Tones auf der ersten Silbe eher als Warinold zu nehmen, wie mit dem ON. Varen- 
holz in Verbindung zu bringen haben, der seiner Ableitung als y^mtm Holtet' gemäss 
den Ton auf der letzten Silbe trägt. 

») Von der Stätte Richts in Kohlstädt steuert 1590 Bernd Richter. 

*) Auch im Namen Foetknecht wird der erste Teil eher auf Vogt, wie auf 
Fu88 zu deuten sein. 

*) Den Namen der Statte Nagelschneider in Kohlstädt erklärt das Salbuch 
von 1783, in dem es heisst „Nagel, oLim Schneider". 



35 

Yatthauer, der Tubbenhauer*), der Bödeker, d. i. Böttcher, der 
Dreier*), der Schöttler. Ferner erscheint vielfach der Köhler als 
Koller und KöUermeier, der Fischer, der Weber, der Smed, 
der Herde (Hirte), der Krüger als Kroger, meist aber als Be er- 
mann (Biermann), einmal (1507) auch als Taferner, der Koke, der 
Imker, der Tegeler (Ziegelmacher), der Oliesleger, der Slepper^), 
der Solter*), der Kremer, der Plöger (Pflüger), der Pieper, der 
Büngener (Trommler), der Fedler, der Peuker, der Swertfeger, 
der Hötger (Hutmacher ^). 

Wahrscheinlich kommt aber auch einzelnen dieser Namen nicht 
immer eine appellative Erklärung zu. Hinsichtlich des Koller, Bö- 
deker u. s. w. haben wir dies schon oben bemerkt, und auch für 
den Koke — daneben erscheint einmal ein Kokel und ein Koke 1er 
— würden wir der Deutung als coquus^ da das Vorkommen eines 
solchen auf dem platten Lande doch einigermassen befremdend ist, 
gern eine andere Erklärung vorziehen, die uns etwa auch hier eine 
stattgehabte Umdeutung annehmen lassen könnte, doch tragen wir 
selbst einstweilen Bedenken, auf den obigen Nachweis, dass Brinkkoch 
= Brinkkord ist, auch für den einfachen „Koch" zu rekurrieren*). 
Auch für den Pieper und den Peuker könnte deren musikalische 
Deutung dadurch einigermassen zweifelhaft werden, dass der Erstere 
mit den Namen Popper und Popper sich zu begegnen scheint — 
ein Lüdeke Peppersack zu Langenholzhausen in der Liste von 1507 
heisst in der von 1530 Lüdeke Pyper Saek — , und dass, den Pauker 
anlangend, neben ihm auch die Namen Pok und Pauk (zweist. Kf. 
zu Paugolf, zum Stamme Batig ;,Bogen^, vgl. Strackerjan S. 17) vor- 
kommen, zu denen er die patr. Form bilden könnte. 

Eine vierte Schicht unserer FN. bilden diejenigen, welche man 
anfeine besonders hervortretende körperliche oder geistige Eigen- 
schaft des ersten Namensträgers zurückzuführen pflegt. Da es eigent- 
lich etwas Auffallendes enthält, dass man bei der Wahl der erblichen 



*) So laatet noch 1590 der Name der jetzigen Stätte Tippenhauer — von 
Tuhben „Zuber«. 

■) Wol weniger ein Drechsler als ein das Steingut auf der Scheibe Drehender. 
In einer Urkunde von 1610 heisst es „de Schöttelndreier, Redeker und Molden- 
hauer**. Ob auch der Name Dreimann (1530 Dregmann) hierher, oder zu Droge 
gehört, ist zweifelhaft. Dagegen wird der Dreckmeier (schon 1530 Dreckjohann) 
wol von der Bodenbeschaffenheit der Stätte den Namen haben. 

*) Den betreffenden Eolonaten lag der Jagddienst des Wildschleppens auf. 

*) Vielleicht eher ein Einsalzer, als ein Salzhändler. 

^) In der Stadt Lemgo erscheinen unter den Handwerkern ausserdem noch 
1330 Johann de Patinenmecker (frz. patins „Frauenschuhe"), 1430 Kord 
Mestwert (Messerschmied, -wert von „wirken", wie in „Schuhwirt**, woher der 
FN. Schubert), 1438 Hans Mestemeker (dass.), Helmich de Trippenmeker 
(Trippe „Pantoffel", oder Tripp „Halbsammet"), 1636 Heinrich Bergmann de 
Boemsieder (Baumseidemacher). 

^ Ecke könnte allenfalls aus Eoneke (Dem. zu Eöhne) kontrahiert sein, 
oder aus dem noch bei uns Torkommenden Eörke (d. i. Eördke, Dem. zu Kord). 

3* 



36 

FN. diese an derartige, doch nur dem bestimmten Individuum bei- 
wohnende Eigentümlichkeiten anknüpfte, zumal wenn der Vater die- 
selben nicht auf seine Kinder vererbt hatte, so ist es erklärlich, dass 
diese Attributivnamen verhältnissmässig selten sind, namentlich 
nicht so häufig, wie die die vorige Klasse bildenden, von Amt und 
Gewerbe herzuleitenden Namen, bei denen es eher begreiflich erscheint, 
wie sie zu FN. werden konnten, weil es zur Zeit der Bildung der 
letzteren noch wol mehr die Regel bildete, dass die Söhne Amt und 
Gewerbe des Vaters fortsetzten. Man verfährt daher gewiss rationeller, 
wenn man bei der Erklärung der vielen anscheinend hierher gehören- 
den heutigen FN. alle diejenigen, welche auch als Kf. altdeutscher 
PN. sich aufiFassen lassen, als solche und nicht als Attributivnamen 
nimmt. Allerdings bildet ja auch in den alten PN. oftmals das be- 
treffende Eigenschaftswort den ersten Teil der Namensform, allein es 
hatte hier doch keine individuell attributive Bedeutung — der Vater, 
der dem Kinde auch schon in der vorchristlichen Zeit bald nach der 
Geburt den PN. beilegte, konnte ja die. Eigenschaften des Kindes 
noch nicht voraussehn, er konnte bei der Wahl des Namens allenfalls 
nur dem Kinde den Wunsch fürs Leben mitgeben, dass es das werden 
möge, was der Name bedeute. 

Wir glauben also gerechtfertigt zu sein, wenn wir das Kontingent, 
das unsere lippischen FN. zu dieser Namensklasse stellen, auf ein 
ziemlich geringes Mass zu reducieren geneigt sind. Freilich führen 
unsere älteren Listen noch eine nicht unbedeutende Reihe von Kolonats- 
namen auf, hinsichtlich deren sie durch Beifügung des bei den andern 
nicht appellativen Namen in der Kegel und abgesehen von den oben 
erwähnten Patr. fehlenden bestimmten Artikels zu erkennen geben, 
dass man den fraglichen Namen damals, weil man ihres Verhältnisses 
zu den alteii PN. sich nicht mehr bewusst war, eine attributive Deu- 
tung unterlegte, sie als adjektivische Beinamen betrachtete. Es er- 
scheinen z. B. unter den Kontribuenten vielfach die Namen de Bunte, 
de Dove, de Duchtige (jetzt Düchting), de Frische, de Grote, 
de Kloke, de Körte, de Krumme, de Kruse, de Lahme, de 
Lütke, de Kike, de Rode, de Slue, de Starke, de Swarte, de 
Weidige (jetzt Wellige), de Wiese, de Witte u. a. Aber nichts- 
destoweniger glauben wir diese Namen, mindestens insoweit als wir 
sie als regelrecht gebildete Kf. alter PN. nachzuweisen vermögen, 
richtiger in unsere erste Namensscfaicht versetzen zu müssen, wo ja 
auch der grössere Teil der obigen Namen bereits unter den einst, 
und z weist. Kf. eine Stelle gefunden hat — der Witte ist danach 
nicht ein Weisshaariger , sondern ein Widukind, der Körte kein 
Kurzer, sondern ein Konrad, der Lütke kein Kleiner, sondern ein 
Lüdeke u. s. w. Recht klar ist z. B. die attributive Umdeutung bei 
dem Namen Stieve, den man als den Steifen^ Unbeugsamen auffasste, 
während wir ihn oben als „Stephan^ nachgewiesen haben. Zweifel- 
hafter kann man hinsichtlich des im Lande häufig vorkommenden 
Namens Grote sein, doch scheinen auch hier die daneben sich 



37 

findenden Formen Groting und Grauting, so wie der sicher als 
Chrodogaut zu nehmende Grotegut (so schon 1590) unserer obigen 
Zurückführung des Namens auf den Stamm j,Hrod^ vor der Deutung 
als ;,der Grosse" den Vorzug zu geben, und ebenso sprechen für die 
Herleitung der Namensfamilie Reue (1507 de Rode, 1530 de Rade), 
Böhe, Rode, Raute von demselben Stamme doch wol die neben 
ßöding als fernere patr. Formen bei uns vorkommenden Namen de 
ßoder und de Rader (jetzt Röhr), welche die Erklärung als Bufus 
unwahrscheinlich machen. Für eine weitere, übrigens nicht gerade 
grosse Anzahl Namen, wie z. B. Blinne, Verzagt und Unverzagt 
(schon 1488 Kord Unversagede), SchemmeP^ haben freilich auch 
wir einstweilen keine andere als eine appellative Erklärung. Der 
anfangs nur persönliche Beiname scheint bei ihnen erblich geworden 
zu sein und den ursprünglichen FN. verdrängt zu haben. 

Mit diesen vier Klassen müsste nun eigentlich eine rationelle 
Namensforschung sich begnügen, in eine derselben müsste, sollte man 
denken, ein jeder FN. sich einreihen lassen. Weil uns aber doch 
noch immer eine Reihe von Namen aufstösst, welche einer solchen 
Einreihung zu widerstreben scheinen, so hat man für sie nun noch 
eine weitere Hülfskategorie mit der Überschrift ^^Namen zufälligen 
Ursprungs^ aufgestellt und dieselbe dann wieder in eine ziemlich 
bunte Reihe von Unterabteilungen, als da sind: Teile des mensch- 
lichen Körpers, Werkzeuge und Geräte, Speisen, Tier- und Pflanzen- 
namen u. 8. w. zerlegt. Das führt denn allerdings zu einem recht 
bequemen und zugleich ziemlich radikalen Hülfsmittel für die Deutung 
dieser widerspenstigen Namen. Für welche derselben lässt sich bei dem 
Reichtume unserer Sprache in ihren verschiedenen Dialekten da nicht 
am Ende irgend eine Erklärung auftreiben? Allein es kommt doch 
nicht allein darauf an, für den Namen an sich eine Deutung zu finden, 
sondern man wird bei der gefundenen Erklärung nur dann stehen 
bleiben dürfen, wenn irgend eine Beziehung des ersten Namensträgers 
zu dem der Deutung untergelegten Begriffe denkbar ist, wenn dieser 
Begriff etwas das Individuum Kennzeichnendes enthält und insofern 
an sich zu einem Beinamen überhaupt geeignet erscheint. Danach 
aber wird man einzelne der durch die obigen Hülfsrubriken zu Gebote 
gestellten Erklärungen gewiss von vorn herein zurückweisen müssen. 
Wie sollte man z. B. vernünftiger Weise dazu gekommen sein, einzelne 
Teile des menschlichen Körpers schlechthin zur Namensbezeichnung 
zu verwenden, einen Menschen Kopf oder Fuss, Niere oder Leber 
zu nennen? Der Name Schwarzkopf, Plattfuss u. s. w. kann ja 
einen guten Sinn haben, aber Jemanden einfach als Kopf oder Fuss 
zu bezeichnen, Körperteile, die doch allen Menschen gemein sind, das 
wäre geradezu sinnlos. Auch den auf abstrakte Begriffe führenden 



^) Der Name lautet 1539 „de Schemelge*', ist also wol als der Grauhaarige 
zu nehmen. 



38 

appellätiven Deutungen von Namen, wie z. B. MtU, Kummer u. dgl, 
können wir neben der für jene Namen aus den alten PN. Muotulf 
und Kunimar sich ergebenden genügenden Erklärung keine Kon- 
kurrenzberechtigung zugestehn. 

Man hat solche in unsere natürlichen Schichten nicht unter- 
zubringende Namen wol als Hausschildernamen zu erklären ge- 
sucht, und das mag für die Gegenden, wo, wie in den süddeutschen 
Städten, die Häuser vielfach einen bestimmten und dann meistens 
bildUch an ihnen versinnlichten Namen tragen, hin und wieder, ins- 
besondere bei den sonst schwer zu deutenden Namen Papst, Bischof, 
Landgraf, Einhorn u. a. seine Richtigkeit haben. Aber bei uns, 
wo, abgesehen von den Wirtshausschildern und den wenigen Apotheken 
uniserer Städte, niemals eine solche Sitte geherrscht hat, kann von 
dieser Erklärung jedenfalls nur in sehr beschränktem Umfange die 
Rede sein. Wir müssen uns also für unsere heimischen Namen nach 
andern Deutungen umsehen. Und solche haben sich ja für eine ganze 
Anzahl der von Andern in diese Zufallsschicht gesetzten Namen bereits 
ergeben — den König haben wir als einen umgedeuteten Konning, 
d. i. Konradssohn, den Mönch als einen Menning, d. i. Meinharts- 
sohn, den Hummer als einen Hugimar, den Pfenning als einen 
Benning, den Kohlbrei als einen Ghlodobrecht nachzuweisen gesucht. 
Ebenso haben ferner, um noch einige weitere Beispiele zu geben, 
unsere Namen Montag und Freitag gewiss Nichts mit den beiden 
Wochentagen zu thun, sondern sind die alten PN. Meindag und Frit- 
tag, wie Ladage und Laudage^) = Liutdag ist, und gleich wenig 
unterliegt der Name Altrock trotz des bei uns daneben erscheinen- 
den Stättenamens Wittrock einer appellätiven Deutung, beide sind 
vielmehr die alten PN. Altroch und Witroc (Widuroc), deren dunkler 
Stamm ausserdem in Rocholl und in unserm Kolonatsnamen Roog 
(1721 Rogge) sich findet. Auch von den scheinbaren Tiernamen 
werden manche aus dieser Rubrik auszuscheiden und in die erste 
Schicht zu versetzen sein, wie wir dies schon oben hinsichtlich des 
Storchs, des Hahns, der Meise gethan haben, und wie man es 
ferner in gleicher Weise hinsichtlich des Bocks und des Schweins 
mit gutem Grunde thun kann, von denen Jener so wenig als hircus, 
wie Dieser als porcus zu deuten, sondern Bock als aus Bodico ent- 
standen, Schwein aber als Kf. eines der mit dem Stamme Swan, cygnus, 
zusammengesetzten Namen Swanhart, Swanold u. s. w. aufzufassen 
sein wird, da die ältere Form (noch 1516) Swen und Swenn, später 
Swein lautet, nicht aber Swin^ wie es heissen müsste, wenn man damit 
das später durch Umdeutung hineingelegte ;, Schwein^ gemeint hätte ^). 



') Auch der von Fick in seinen Göttinger FN. S. 14 genannte und anders 
erklärte Land ahn (statt Laudagen) gehört sicher hierher. 

') Eher würde man noch an das andere Wort „Schwein^ zu denken haben, 
das ursprfinglich — vgl. das engl, swain — einen jungen Hirten überhaupt, aber 
bei uns als „der Schwein'' insbesondere den iScAtoetneÄirfen bezeichnet. Vgl. Woeste 
a. a. 0. s. V. Swene. 



89 

Schliesslich haben wir noch der ebenfalls in diese Schicht ge- 
hörenden s. g. Spitz- oder Spottnamen zu gedenken, die man auch 
auf keinen andern als einen zufälligen Ursprung zurückzuführen weiss. 
Aach hier wird man aber doch wol davon ausgehen müssen, dass 
derartige auf augenblicklichen Vorgängen und vorübergehenden Zu- 
ständen beruhende Beinamen nur ausnahmsweise zu bleibenden FN. 
den Anlass gegeben haben können. Man sollte glauben, solche scherz- 
hafte Namensbezeichnungen hätten regelmässig mit der Person, an 
die sie sich anknüpften, wieder verschwinden müssen und kaum jemals 
auf die folgenden Generationen übergehen können, denen vielleicht der 
Anlass zu dem Spottnamen schon gar nicht mehr bekannt war. So 
ist es denn auch nicht zu verwundern, dass bei uns von derartigen, 
besonders gern in imperativischer Form auftretenden Benennungen, 
wie wir sie noch hin und wieder in unsern älteren Listen finden, nur 
verhältnissmässig wenige sich erhalten haben. So hat z. B. noch das 
Schatzregister von 1530 die Namen Hauwenkerl, Schindenkerl, 
Wehrenkerl, Wikdenkerl, Slaedoth, Berenstert, Ossenkop, 
Sypolenkop*), aber in den späteren Listen sind sie nicht mehr zu 
finden, sie erschienen der neueren Generation doch wol zu anzüglich, 
als dass sie sich weiter hätten vererben sollen. Dagegen haben wir 
Ton ähnlichen, dem Anscheine nach als Spitznamen aufzufassenden 
FN. noch jetzt einen Hatenkerl, Hatenbur, Sundergeid, Spar- 
brod, Kleinsorge, Plogstert^), Kuhfuss, Kettelhake, Brak- 
Yogel u. a., alles Namen, deren oft gewiss nur anekdotenhafte Ent- 
stehung im einzelnen Falle wir natürlich zu ermitteln nicht mehr im 
Stande sind. Bei manchen derartigen Namen mag aber auch wieder 
die spätere Volksetymologie thätig gewesen sein und die ursprüngliche, 
anders zu deutende Namensform verdunkelt haben. Überhaupt wird 
gewiss die ganze hier in Rede stehende Zufallsschicht, der z. B. noch 
in Vilmar's und Hoffmann's von Fallersleben Namensbüchern 
eine so ungebührliche Ausdehnung gegeben ist, auch noch nach der 
ihr schon von Andresen zu Teil gewordenen wesentlichen Lichtung 
femer immermehr auf einen geringeren Umfang sich beschränken 
lassen, wenn wir aus weiterem urkundlichen Materiale bisher unbe- 
kannte ältere Namensformen kennen lernen, die uns die Deutung der 
neueren vermitteln. Schon jetzt möchten wir übrigens von den auch 



^) Sollte vielleicht auf diesen Spitznamen, za dem der 1488 vorkommende 
Sipelenhovet eine Variation bildet, der sonst nicht zu deutende Name des Kolo- 
nates Sibille in Schlangen zurückzuführen sein? Wollte mau freüich mit Steub 
S. 114 die Möglichkeit der Versetzung des Tones annehmen, so würde die Deutung 
des Namens als Sibel (Kf. zu Sigbold) näher liegen. Für Steub spräche allenfalls 
der bei Stark S. 141 angeführte Sie ff statt Silef (d. i. Sigolf). Auch für andere 
schwierige Namen würde sich damit eine Deutung ergeben, z. B. bei Schlichte 
mid Schlichting vielleicht an Sigilech, bei Sprick und Sprenger an den Stamm 
Sper zu denken sein. Doch scheint uns Steub's Vorschlag, ehe sich weitere Belege 
dazu nachweisen lassen, einstweilen noch bedenklich. 

*) Eine lippische Pastorenfamüie latinisierte den Namen in Stivarius (stiva 
"s Pflugsterz). 



40 

bei uns yorkommenden angeblichen imperativischen Spitznamen doch 
einzelnen ihre Eigenschaft als solcher bestreiten und z. B. unsern 
Machendanz lieber für einen aus Macco und Tons, oder auch 
Danz (Kf. zu Thancmar) zusammengesetzten PN. als für einen zum 
Tanze Auffordernden oder Aufgeforderten halten, auch in unserm 
Ho top nicht ein „Hut auf^^) suchen, sondern ihn als eine Abschlei- 
fung des alten Namens Hotolf (zum Stamme Hut = custodia) er- 
klären, wie wir ferner in ganz ähnlicher Weise unsere Namen 
Mutup und Wakup^) für nichts Anderes als Imperativische ümdeu- 
tungen der alten PN. Muotolf und Wacolf ansehen zu dürfen glauben. 

Das wären die Bemerkungen, die wir für die verschiedenen 
Namensgruppen aus unserer heimischen Namenswelt zu machen ge- 
habt haben. Wir bescheiden uns, dass neue Gesichtspunkte für die 
deutsche Onomatologie durch unsere Arbeit gerade nicht gewonnen 
sind, meinen aber in dieser insofern den richtigen Weg gegangen zu 
sein, als wir bemüht gewesen sind, soweit es möglich war die ältesten 
Namensformen zur Erklärung der neueren heranzuziehen. Manche 
von unsern Aufstellungen mag man für bedenklich halten, bei ein- 
zelnen Namen ist es uns aber gelungen, auf jenem Wege ihre sichere 
Deutung zu ermitteln. Wir glauben, dass überhaupt Untersuchungen 
der Namen eines beschränkteren Bezirks auch ferner insofern nicht 
ohne Interesse sind, als sie wenigstens hin und wieder zu Resultaten 
führen, die auch für die Lehre von der Bildung unserer deutschen FN. 
im Allgemeinen zu verwerten sind, und dass dies insbesondere der 
Fall sein wird, wenn die Untersuchung nicht gerade auf einen Stadt- 
bezirk mit seinem durch den Zuzug meist ziemlich bunt gewordenen 
Namensvorrat sich b^ezieht, sondern statt dessen die landsässigen, von 
Alters her heimisch gewesenen Namen einer bestimmten Provinz 
zum Gegenstande einer näheren Betrachtung gemacht werden. Jeden- 
falls sind wir schon zufrieden, wenn es uns gelungen ist, durch die 
obige Übersicht nachgewiesen zu haben, wie auch unsere lippischen 
FN. die Richtigkeit der von der neueren Onomatologie für den Ursprung 
der deutschen Geschlechtsnamen überhaupt aufgestellten Lehre zu be- 
stätigen geeignet sind, deren Resultat wir ja wol in dem Satze zu- 
sammenfassen dürfen: 

dass unsere heutigen Familiennamen ihrer Mehrzahl nach aus 
früheren Personennamen, entweder altdeutschen, oder späteren 
kirchlichen Ursprungs, entstanden sind, und dass da, wo nicht 
die, meistens leichter erkennbaren Beziehungen auf Herkunft 



^) So bei Heintze 1. c. S. 146. Dagegen rät Pott S. 613 statt dessen auf 
einen Mann „mit hohem Schöpfe^ (Top = Zopf). 

2) Zweifelhafter ist es, ob wir auch in unserm Namen Backup die letzte 
Silbe als ein kontrahiertes -wulf ansehen und auf ein Burgulf raten dürfen. Da 
die Kf. Bucco bereits, wie wir oben gesehen, einen zweistämmigen Yollnamen reprä- 
sentiert, so würde man dabei zu einer regelwidrigen Namensform von drei Stämmen 
kommen, wie wir sie freilich ausnahmsweise z. B. im Namen Petzold haben. 



41 

und Wohnsitz, oder Stand und Gewerbe die Entstehung des 
heutigen Familiennamens klarstellen, dieser regelmässig auf 
einen früheren Personennamen zurückzuführen ist, dass wir 
also bei der Deutung unserer nicht von selbst verständlichen 
Geschlechtsnamen in erster Linie jene alten, in den neueren 
Formen durch Abschleifungen und Umdeutungen vielfach ver- 
dunkelten Personennamen und deren Sprossformen in Betracht 
zu ziehen und erst in zweiter Linie nach einer appellativen 
Erklärung uns umzusehen haben. 

DETMOLD. O. Preuss. 



Erst nach dem Schlüsse dieses Aufsatzes ist uns das neue inter- 
essante und reichhaltige Buch Andresen^s „Konkurrenzen in der 
Erklärung der deutschen Geschlechtsnamen^ zugegangen, auf das wir, 
wenn es uns eher vorgelegen hätte, mehrfach Bezug zu nehmen ge- 
habt haben würden. Das Buch zeigt von Neuem, wie gross die An- 
zahl der Namen ist, die eine verschiedene Deutung zulassen. In den 
meisten Fällen, wo der Verf. zwischen den konkurrierenden Erklärun- 
gen eine Wahl getroffen, wird man ihm gewiss beizustimmen geneigt 
sein, bei einzelnen Namen, wie z. B. Schabbehard und Rennefort da- 
gegen tragen wir Bedenken, seiner von der unsrigeu abweichenden 
Deutung uns anzuschliessen. 



Mitteilungen aus einer mnd, Hs, 



Auf der Bibliothek des Kön. Christianeums zu Altona befindet 

Aa. 9. S 

sich sub Nr. 17 R — '-—^ — eine Pergamenthandschrift in 12*^, deren 

lo 

Inhalt ein Kalendarium und ein Gebetbuch in mnd. Sprache ist. Das 
Buch, vielfach defekt, ohne Titelblatt etc. enthält jetzt noch 130 Bl. 
Die Ausstattung ist schön, ja kostbar (s. d. nähere Beschreibung bei 
Lucht, Progr. d. Gymn. z. A. 1878 p. 19 f.). Geschrieben ist das 
Werk gegen 1500, wie aus der Erwähnung des Papstes Sixtus IV. 
(reg. 1471—1484) p. 96: De dyth beth left .... de vordenet van 
den Pawes Sixto deme veerden fo vaken als he dat . . . (Lücke) — 
hervorgeht. (Hiernach ist die betr. Angabe bei Lucht zu berichtigen). 
Das Kalendarium umfasst jetzt nur noch auf 12 Blättern die 
Monate April — ^Juli, September — Dezember, sowie eine Anweisung zur 
Berechnung der beweglichen Feste. Da etwas Derartiges m. W. noch 
nicht gedruckt ist, teile ich es unten mit. 

METZ. Karl Sohirmer. 



4^ 



>H«-»Ä4äs3^>>^>j Kf^cÖ C* ^ ^ O f^a 



bDM "^ M ' 



a d © Aio*^N*-»w 





»Ol 

■s 

I 



c8 

■S 

P 






00 'ö 

<1P 



I 



I 






i 



1=3 

Ph 03 



08 Ph Ä 

« CJ O) 
H^ QQ TS 



<D «M 6d<^ ^ O fö O) *« bß-^l ^ O »Ti <t> ««-• feß-^l ^ Ü »Ti a> ««-• bD<J ^ O Pö « *^ 



M' 



M so 






g S" ö gs B0 a 



fl©ftö*>H«-»«-Mf^j->^>j t>rv«Ö C» -^ ^ O Fö 4) «M bOja •^^^^SSOÄC* 






M 



* B s 

a ä o 

S IC 
p. ä> 

n;^ 9 CO 
;? .S iJ 

PL| GQ "XJ 



s 



4 

f^ 


t 


o 


Pl 


> 


.a 


OQ 


o 




t-^ 






1 


1 


^ 


cS 



<a 

OQ . O 

'S S.s 

P^ CQ 02 



Ha 



o 

p^ 



Ph 



i 






Ph 



O i^J « '^ tiO<1 pQ o »ö ® *^ tlß"**1 pQ O i^J O) '^^ U)*^ ^ o rS « **^ tO'**1 ,o o 'Ö 



^ 



R 



^-^aöop40*»H«-»«-M(^53^>^ j^oö o <i ^ o Fö ® '^ fecd •-< ^ -^ a 



0) 

«1 



M 



S^Ä 



GQ QQ 



i 







oS 



U)*^ ^ ö »^ « ««-• U)*^ ,aoixJO'*^6|) <j^ü»Tia?**^ tiß<1 ,a o »ri o ««-i 6d<J 



X 



X 



43 



© «w bO^ •'^^'-'800 



ftO^M«-» 0Q+9>.53'>4>^ Nr\oÖ C»-^^"ünS<D««bD 



. .2 ö " 

00 f-i o cd 

°»' © 0) o 

Po 08 

« « « s 



I 

p-l 



a 









I 



03 
o 

Ja 



1 

§■5 2 g 






.a 



o 






I 



I 



I 
1 



<j ^ o «^ « *♦-• to*^ ^ O »Ö © **^ bß"^ ,0 O »Ö fl? **^ U)"**! ,0 ^ rs fl? **^ tD*^ .fi «? 






p- ö 



M 



B R 






^Xi O ^ (ü «M 6d^ •^^'^SflOft »<-»H«->aQ>s>.f3Hk» NPPÖ C* -^ ^ O 



2 
'S 
'S) 



s 



i^;^ 






^^ 




gg 


^ ä 


'S-' 






S oj 


II 


S 3 


'S 


Qcn 


HhI 






f 






II 



g 



5 

OD 

I 



g>ä 



O) o3 

•I 2 



**^ fto*^ ^ o rS « '♦^ U)"^ ,0 o i^J o '•'^ ftÄ)*^ ^ O fö « <*H tß^J ^ o i^J « *«^ ÖC 



>< 



1^ ^1 a - ü 



X 



► SS H >> NfN«Ö C»-<^0^<D«wbD Ä"^^'^afl©Ao* M «-» u 4a 



I 

I 

d 

I 



I 
s 

I 



I 







1. 




.^ 



o 









CQ CQ ^ PL( 






t«"^ ,a o 'ö o ««-• bD<1 ^oi^o«m6j5 -«j^^orö«**^ U)*^ ^ o »ri « «*-• bD<1 ^ 



^ g' 



ö^ H' 5s Bb aü 
^ ^ >i^ H" '^^ 



44 



^aöOAO<>H«-»oQ-»*>.0H>ib^ «Öo-^^o^©«M feD^ .^ ^ ^ g p3 o 



;:^ 
f 






08 



8 



^ 

^ 

o 



I 

P-I 

OD 

! 



.s 
^ 

k 



I 



I 



03 

o 

I 



a 






§.SP5 



1^1 

OQ P Eh Co OQ 



Sä 

Q OD 



§ 



<*H ftD<J ^ O rd © **^ tC<1 ,0 



O "XJ o **^ 



tlD-^ ^ O rö «> «*H ö|)<j ^ O ^ ® «W bO-'^l 



« |e s! 



1" ö gf: |b ag 



g> 



^.rt^^grtOAo<>H«-»aQ-Mp^0 H^a Nr«Ö c* <{ ,0 « »ö <D '♦^ tiD^ •'^ ,i4 



M 



»ö 'S 

5^ 






© 



s 



I 



I 

PQ 



g S ® 5 






o 






rÖ « *►-• tC<j ,0 O Fö 0? *w tC**^ ,0 O rö «> '^ tD*^ ^ O r^ o *►"• U)*^ ^ O »Ö 



M 



X 



6@ g- ö 



1^ 






S 



a 



E> 



^Itu weten wo. 

menighe weke 

vnde wo vele 
auer daghe dat dar Jyn twij- 
Jchen Wynachten vnde dem 
Sondaghe des groten Ya/tel- 
auendes Wynachten dach 



mede in to rekende. Jo Jee an 
in der figuren hyr neghejt 
ghejcreuen den Sondaghes 
boeckjtaflf vä dem yare des 
du wult Joken den vajtela- 
uent vnde gha de lynien da 
le dar de Sondaghes boeck- 



45 



De Jondages bockjta 


A 


B 


c 


D 


E 


F 


G 


De auer daghe 







I 


II 


III 


IUI 


V 


VI 




I 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


VII 


VII 


VII 




II 


VI 


VI 


VI 


VI 


VI 


VI 


VI 


Jtaff 
talle 
nien 


III 


IX 


IX 


IX 


IX 


IX 


VIII 


VIII 


IUI 


VIII 


VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


ynne 
de i 
Xteit 


V 


VI 


VI 


VI 


VI 


V 


V 


V 


g- g- ?• ö 

1^ CD «^ 


VI 


IX 


IX 


VIII 


VIII 


VIII 


Viii 


VIII 




VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


VI 


VI 


s d 

to < 
reer 
ghul 


VIII 


X 


X 


X 


IX 


IX 


IX 


IX 




IX 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


VII 




X 


VII 


VII 


VI 


VI 


VI 


VI 


VI 




XI 


IX 


IX 


IX 


IX 


IX 


IX 


IX 




XII 


VIII 


VIII 


VIII 


VII 


VII 


VII 


VII 


Iden t 

L dem ya 

Vnde Jo 

Q in Jick 


XIII 


VI 


VI 


VI 


VI 


VI 


VI 


V 


XIIII 


IX 


IX 


IX 


IX 


VIII 


VIII 


VIII 


all 

re ir 
vele 
beJl 


XV 


VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


VII 


ff " 
5 ^ S^ 


XVI 


VI 


VI 


VI 


V 


V 


V 


V 


A 3 


XVII 


IX 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


VIII 


& 


XVUl 


VII 


VII 


VII 


VII 


VI 


VI 


VI 




XIX 


X 


X 


IX 


IX 


IX 


IX 


IX 



46 



H- 1 




a 
1— 1 




> 


> 


»—1 

> 


B 

> 


X 


X 




a 


a 

X 


a 

X 


^ 


> 

X 


> 
X 


l-H 

> 

X 


X 


De gulde tall 


5 


P 


e 


u 


m 


b 


8 


i 


& 


q 


f 


X 


Q 


c 


t 


k 





r 


g 


Aries 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 


"> 


r 


g 


y 





d 


T 


1 


A 


! 


h 


Aries 


•i 


r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


J 


h 


5 


P 


e 


U 


m 


b 


8 


i 


Thaunis . 


A 


X 


h 


i 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 


Thaurus 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


Oemini 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


j 


h 


? 


P 


e 


u 


m 


Gemini 


d 


V 


1 


A 


J 


h 


i 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


Cancer 


e 


u 


m 


b 


8 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 


■3 


r 


g 


y 





Cancer 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


X 


h 


5 


P 


Cancer 


g 


7 





d 


V 


1 


A 


J 


h 


5 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


Leo 


h 


3 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 




q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


Leo 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 


r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


X 


Virgo 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


X 


h 


3 


P 


e 


u 


m 


b 


8 


Virgo 


1 


A 


; 


h 


5 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


Libra 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


Libra 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


I 


A 


J 


h 


5 


P 


e 


u 


Scorpio 





d 


V 


1 


A 


J 


h 


3 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


Scorpio 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 


Scorpio 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


X 


h 


3 


Sagittarius 


r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


J 


h 


? 


P 


e 


u 


m 


b 


8 


i 


& 


Sagittarius 


! 


h 


? 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





Capricornus 


s 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


Capricornus 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


1 


A 


J 


h 


5 


P 


e 


u 


m 


b 


Aqaarius 


V 


1 


A 


j 


h 


5 


P 


e 


u 


m 


b 


S 


i 


& 


q 


f 


X 


n 


c 


Aquarius 


u 


m 


b 


3 


i 


& 


q 


f 


X 


Q 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


Piscis 


X 


n 


c 


t 


k 





r 


g 


y 





d 


V 


l 


A 


X 


h 


5 


P 


e 


Piscis 


y 





d 


V 


1 


A 


J 


h 


5 


P 


e 


u 


m 


b 


s 


i 


& 


q 


f 


Piscis 



47 



ys. Jo mennighe vuUenka 
mene weken bijjtu ock hebbe 
de twijchen Wynachten vnde 
vajtelauende. vnde de auer 
daghe Jyn Jo vele alje de tall 
in Jyck holdende is de neghejt 
ynder den Sondaghes boeck 
Jtaue ghejcreuen Jteit, Jte 
wen er du nu wejt den Son- 
dach des groten Vajtelauendes 
Jo kanjtu licbtliken vinden 
vnde weten de anderen be- 
wechliken tyde vnde feste alle 
gader. Alje wen er dat me Al- 



leluya Jchall legghen. Wen er 
dat Paejchen kamende is. We 
er dat de bedel daghe Jyn vnde 
Jo vor dan. Wente alle tydt 
XIIII. daghe vor dem Sonda 
ghe des groten Va/telauendes 
Jo lecht me AUelaya. Jtem des 
neghejten Sondaghes dar na 
Jo is alle tydt de erste Sondach 
in der vajten. Yort dar na. 
auer VI. weken. Jo is Paejche 
dach. Vnde dar neghejt auer 
V. weken vnde j dach Jo Jyn 
de bedel daghe. vnde vort. 



auer ij. weken myn enen 
dach. Jo heflftu den hilghen. 
Pinxjter dach, vnde dar ne- 
ghejt des donredaghes auer 
VIIL dagen Jo is dat fest des 
hilghen lychammes. Jte 
de ander figure is klare 
in Jyck myt den teken to 
Jokende wen me wyl laten in 
der äderen. 

Jck beghero wil nicht 
vorgheten den Jcri- 
uer. Wejet Jtede dechtich 
myt .j. Pf. nr. vfi Aue Maria. 



48 



Zum Dramenfragment 

Jahrg. VI. (1880), S. 137 ff. 



Dass wir in diesen Blättern die Kladde des Dichters vor uns 
haben, glaube ich wegen der Fehler, die vorkommen, nicht, halte sie 
vielmehr für die Schreibübung eines Ungeübten aus dem Gedächtniss, 
wie uns z. B. auch das Ludwigslied überkommen ist. Über einige 
Textstellen stimmt meine Ansicht mit der Walthers nicht überein. 

A. 6. In dem undeutlich überlieferten Verse kann vorvat (oder 
vr bat, der Herausgeber ist selbst darin nicht sicher) leicht vorlat 
'Entscheidung, Bestimmung' sein. Ich lese: 

Vader^ ek motet gheten in der meyghet vorlat 
'Vater, ich muss es auf die Entscheidung der Magd ankommen lassen'. 
A. 13 — 15 verstehe ich nur, wenn ich sie mir von Sampson an 
seinen Vater gerichtet denke. Auch ist eine kleine Änderung nötig; 
die von hrut (V. 14) in drtiit^ (mhd. trüt, mitteld. drut 'Geliebter, 
Gemahl'). Lyfghedyng als Kosewort ist an den Vater gerichtet. 'Leib- 
gedinge' als Kosewort ist noch gebräuchlich, übertragen schon Parz. 
103, 17. se statt si ist bei dem unachtsamen Schreiber wohl dadurch 
entstanden, dass er zwischen wese und st schwankte. Ich lese also: 
Lyfghedyng der werlde gut, 
Lovet, (dat) ek wese*) or drut, 
De mynen ogJien wöl behaghet 
d. h.: 'Vater, erlaubt, dass ich ihr Gemahl sei, die meinen Augen 
wohl behagt'. Vgl. Judicum 14, 3 Dixitque Samson ad patrem suum: 
hanc mihi accipe, quia placuit oculis meis. 

Darauf macht der Vater eine zustimmende Gebärde, und Sampson 
wendet sich nun wieder zur Philisterin: 

älsus so schedet wy van dy, myn leve maghet, 
dat du dar up nemest rat 
'Nun scheiden wir von dir, liebes Mädchen, dass du es dir überlegest'. 

NORTHEIM. ; R. Sprenger. 



*) Oder fi^. 



49 



Zum Mühlenliede. 



Die geistliche dichtung von der mühle ist zuletzt von H. Jelling- 
haus im Nd. jahrb. III, 86 — 90 aas einer dem 18. jahrh. angehören- 
den nd. hs. des Stadtarchivs zu Kiel veröffentlicht. Der herausgeber 
ist der ansieht, dass der text der Kieler hs. (J) der ursprünglichen 
form des liedes an vielen stellen näher komme als derjenige eines 
offenen bei Ludwig Dietz zu Rostock um 1520 erschienenen blattes, 
welches Ludwig Uhland in den Volksliedern unter no. 344 und Wacker- 
nagel, Kirchenlied II, 867 abgedruckt haben (U). Diese behauptung 
Jellinghaos' zieht K(rause) in einem längeren artikel in der beilage zu 
DO. 183 der Rostocker zeitung vom 8. aug. 1879 in zweifei, weiter 
macht er, nachdem Walther in einer anmerkung zu Jellinghaus' Publi- 
kation schon auf drei bildliche darstellungen des im mühlenliede be- 
handelten gleichnisses in den kirchen zu Doberan, Retschow und 
Tribsees hingewiesen hatte, noch auf ein viertes hierher gehöriges 
altarbild in der klosterkirche zum hl. kreuz zu Rostock aufmerksam 
und meint dann, *die bilder seien nicht aus dem gedieht entstanden, 
sondern die allegorie des künstlers habe offenbar erst den gedanken 
des dichters hervorgerufen.' Weshalb das umgekehrte nicht der fall 
gewesen sein kann, wird nicht erörtert. Als entstehungsort des liedes 
sieht K(rause) Rostock an, und auch den autor glaubt er ^fast' in 
Ecbert Harlem, welcher in den zwanziger und dreissiger jähren des 
16. jahrh. zu Rostock professor war, gefunden zu haben. 

Die unhaltbarkeit von Krauses annahmen bezüglich der ent- 
stehungszeit und des Verfassers crgiebt sich, wenn wir die hd. fassun- 
gen des liedes zu hilfe nehmen. Dass die nd. fassung sowohl diesen 
als auch der in einer hs. des 15. jahrh. erhaltenen nl. zu gründe 
liegt, beweisen die zahlreichen kleinen änderungen in den hd. texten, 
wenn es sich um technische ausdrücke handelt, die die vorläge darbot, 
und die bereits von Hoffmann von Fallersleben in der Schlussbemerkung 
zu seiner publikation der nl. version (H) in den Nl. geistlichen liedern 
no. 121 dieser letzteren gegenüber citirten besseren nd. lesarten: 
Gregorius, Augustine, vorwachtet vns de rine (str. 7), dar van so krige 
m riken solt (str. 22). — Nach dem ältesten hd. druck, Nürnberg 
1537, hat das lied Wackernagel, Kirchenlied II, 868 veröffentlicht (N). 
Fast wörtlich stimmt dazu ein 'Bergkreyn von der Mül,' welchen 
0. L. B. Wolff, Sammlung historischer Volkslieder p. 75 aus einer 
Sammlung bergkreyen in 1 2^ s. 1. et a. herausgegeben hat (W). Nach 
einem dritten druck durch Johannes Winnigstede, Quedlinburg 1552. 
8^, ist das mühlenlied abgedruckt bei Wackernagel, Kirchenlied II, 
865 (Q). Ausser in diesen drucken ist es, so weit mir bekannt ge- 
worden, zwei mal handschriftlich überliefert: 

KiaderdenUohea J»hrbiioh. IX. 4 



50 

1) im cod. 4058 der k. k. hofbibliothek zu Wien (Vi), bl. 
120^ — 122', im jähre 1509 geschrieben. (Tab. codd. mss. 
III, 150 sind falsche blattzahlen angegeben, zwei blätter 
des cod. tragen dieselbe nummer 118) 

2) im cod. 4117 derselben bibliothek (Vj), bl. 65^— 68', von 
frater Johannes Hawser 1518 geschrieben (1548 Tab. codd. 
mss. III, 163 beruht auf einem druckfehler). 

Das mühlenlied ist somit nicht am 1520 entstanden, sondern älter. 
Dies wird auch durch eine bemerkung Winnigstedes bezeugt, der es, 
als er noch pfarrherr zu Höxter war, in einem sehr alten buche der 
Coryeyer stiftsbibliothek gefunden haben will. Sehr alt ist freilich 
ein dehnbarer begriff, dass man indess nicht ein um höchstens zwei 
decennien früher verfasstes werk so bezeichnen wird, scheint mir ein- 
leuchtend. Schon eher kann man an ein buch denken, dessen ent- 
stehen um etwa ein Jahrhundert früher fällt. Das wäre die mitte des 
15. jahrh. Älter ist das lied sicher nicht, denn es lehnt sich ziemlich 
eng an eine ähnliche dichtung Muskatblüts (in Grootes ausgäbe no. 29) 
an, so dass man annehmen muss, dass diese dem dichter bekannt 
war. Lässt man auch Rostock als heimat gelten, so sind doch Krauses 
angaben über zeit und Verfasser auf alle fälle unrichtig^). 

Für die entscheidung der von Jellinghaus angeregten frage ist 
es von Wichtigkeit, die ursprüngliche gliederung des gedichtes za 
kennen. Um aber bei dem versuche, die richtige reihenfolge der 
Strophen festzustellen, nicht auf blosse Zahlenangaben beschränkt zu 
sein, welche kaum auf den ersten blick eine klare Vorstellung ermög- 
lichen dürften, werde ich in die folgenden bemerkungen die ent- 
sprechenden Strophen der bisher ungedruckten hs. V2 einflechten, der 
ich vor der etwas älteren hs. Vi den vorzug gebe, weil sie, wie man 
später erkennen wird, eine für diesen zweck a» und für sich geeig- 
netere Ordnung der Strophen bietet. Die aufeinanderfolge der ersten 
sechs Strophen ist in allen drucken und in den beiden hss. dieselbe. 
Einleitend geschieht der absieht erwähnung, eine mühle zu errichten 
und das erforderliche baumaterial aus dem walde herbeizuschaffen. 
In rücksicht auf den Charakter der dichtung wird der wald Libanon 
genannt. Kunstreiche meister werden zur Unterstützung bei' dem ge- 
planten werke aufgerufen, an ihrer spitze Moses, der in dem alten 
testamente den unteren mühlstein liefert. Den oberen stein stellt das 
neue testament dar. 

1. 2. 

Ain mul ich pawen wil, Zw holcz wil ich vären . 

ach got, west ich wie! hyn in den wald, der ist nit ferre 

vnd hyet ich handtgeratt gehilfen hyet ich gerne, 

oder west ich wovon dy da westen all, 

ach got, so wolt ich heben an. wie man pawm feilen solt. 

^) Vgl. auch Seelmann im Jahresber. über die erscheinungen auf dem gebiete 
der germ. phil. I, 184. 



öl 



3. 



Der wald der hayst Libanus, Moyses, du pist darpey, 

da wachsen cedren süsse, den ersten stain zw perayten, 

cypressen pey den Aussen daz er lig vest, 

ynd palma stolcz, so tregt er schwär: 

oliua daz vil nucz holcz. dy alten ee mayn ich darpey. 

4. 6. 

Ach mayster hoch, von kunsten Dy newen ee, den obristen stain, 

reich, den legt man auf den alten, 

wil du mir 1er geben, daz er lauf pald 

haben synnes eben, nach maysters kunst, 

vnd fuech es schlecht, dy trifit ist des heyligen geystes 
secht, so wirt dy mul gerecht. gunst^). 

Za Moses gesellen sich: Hieronymus (Jeronimus: J und H, Jeremias: 
Vs), Ambrosius, Gregorius und Augustinus, denen die sorge für die 
'rine' und das kammrad obliegt Unter den einzelnen fassungen 
weichen an dieser stelle allein J und Q von der reihenfolge ab, indess 
selbst wenn Winnigstede, wie er behauptet (cf. Wackernagel, Kirchen- 
lied p. 866), die ursprüngliche anordnung am besten bewahrt hätte, 
woran die Übereinstimmung aller anderen fassungen und die Unmög- 
lichkeit, von dem triebwerke erst am schluss der dichtung und ganz 
zusammenhanglos zu sprechen, gewiss zu zweifeln erlauben, so würde 
das scheinbare zusammengehen von J und Q trotz alledem nicht für 
die richtige Ordnung in J beweisen, da es sich in J nur um eine um- 
Btellang dieser strophe und der sonst ihr folgenden handelt, nicht 
aber wie in Q um die einfugung in einen viel späteren abschnitt. 
Ehe die mühle in betrieb gesetzt werden kann, muss für wasser ge- 
sorgt werden. Die Speisung übernehmen die bekannten vier ströme: 
Geon, Phison, Euphrates und Tigris. Erst nachdem wasser vorhanden, 
hat es sinn, die hilfe der zwölf apostel zur ingangsetzung des werkes 
in anspruch zu nehmen. Die folge der Strophen sieben bis neun in 
U, N, W, Yi und V2, welche nach einander das räderwerk und das 
wasser einführen, bevor sie den wirklichen betrieb erörtern, ist die 
ersichtlich richtige, die bereits erwähnte Umstellung von strophe 7 
und 8 in J, ferner die von 8 und 9 in H und die ganz abweichende 
Ordnung in Q, für deren ursprünglichkeit sich nichts als Winnigstedes 
Zeugnis anfuhren lässt, beruhen ohne zweifei auf irrtum. 

7. 8. 

Jeremias, Gregorius, Geon, Vison, Eufrates, Tiger, 

Ambrosius mit Augustino, dy vier fliessen 

vermacht dy mul gar eben, wol auß dem paradise; 

vnd daz daz kamprad sy haben wassers genug, 

also wol we rd pewart. sy geben auch der mul iren fluß zw. 

^) Die verderbte fassung der hs : dy iyeff ist dem heyligen geyst ... ist nach 
Q geändert. 



52 

9. 
Ir Xij poten tret herfur, 
macht vnß dy mul genge, 
daz sy nit peleyb stende, 
ir seyt außgesant, 
zw malen in de kristenlandt. 

Die tätigkeit der mühle kann jetzt beginnen. Der folgende abschnitt 
(Strophe 10—15) berichtet von einer Jungfrau, die einen sack weizen 
bringt. Es ist dieselbe, von der der prophet Jesaias erzählt hat, sie 
werde dem menschengeschlechte zum segen einem söhne das leben 
geben. Die Weissagungen des Jesaias und anderer propheten sind in 
einer winternacht (so in U, an der heyligen kristenacht Vi, midder- 
nacht J und H, ganz widersinnig: osternacht Q, als man singt in der 
heyligen osternacU N und W) um die morgenstunde zur Wahrheit ge- 
worden, und die Christi ankunft lange ersehnt, freuen sich dieser 
gewissheit. Der letzterwähnte umstand ist in J, Vi und Vs über- 
gangen, sonst halten Vi, wo allerdings irrtümlicher weise eine weit 
später fallende strophe (str. 21) den abschnitt eröffnet, ferner Vs, 
wo die Strophe, welche die Jahreszeit angiebt, ausgefallen, sowie J 
und H die angedeutete reihenfolge inne. In U, Q, N und W erscheint 
die Ordnung gestört,, da sie die angaben über die nacht der geburt 
von der näheren bezeichnung der stunde durch mehrere Strophen 
trennen und so den zwischen beiden zweifellos bestehenden engen Zu- 
sammenhang willkürlich aufheben. 

10. 13. 

Ain junkfraw pracht ain saklein [Der propheten sind alzuuiel, 
mit waycz gar wol verpunden, die davon haben gesungen, 

zw der vorgesprochen stund vns ists so wol gelungen 

zw der mul kam ain prophet, das ist voUebracht, 

der daz wol vernam. das geschach in der heiligen kriste- 

1 ^ nacht.] ^) 

Ysais laut darvon ^ , ix j i n 

hast vns gesungen, J^ ^/ ""f^^ ^^ '^^^^f enpßeng, 

wie wol ist vns gelungen, J^^ ^^ ^^^ "f"^ f ^ ^^"& 

wann wir sein gewiß, ^^^ vmsternuß vnd zwang 

daz got der herre ein mensch ge- ^^ *^ am end; 

Doren ist ' ^ herre, des pistu lobsam genent. 

ID. ■ 

12. [Die seiner lang gebeitet hatten, 

Sein nam der haysset got, geschrien tag vnnd nacht: 

den sollen wir alle loben; 'wir mügen hie wol auff trachten, 

genadigkleich von oben wir sind des gewis, 

her kam, das vns gottes son mensch worden 
des frewen sich fraw vnd man. ' i8t\]*) 

') Fassung von Q, doch mit änderung des sinnlosen einer heiligen osternacht 
in der heiligen kristenacht 'n9i,c\!L Yt. -^ Yi ist nicht zar ergänzuüg von Ya benutzt, 
weil die zweite in Ys fehlende Strophe sich in Yt ebenfalls nicht findet. 

•) Nach Q. 



53 

Der Back, den die jungfraa gebracht, wird den vier evangelisten über- 
geben. In Q rückt die dies berichtende atrophe mehr dem ende der 
dichtuDg zu, in N und W fehlt sie gänzlich. An die eyangelisten 
ergeht nacheinander und an jeden in einer besonderen Strophe die 
aufforderung, getreide aufzuschütten: an Matthäus, der von Christi 
geburt geschrieben, an Lucas, der seinen tod, an Marcus, der seine 
auferstehung, an Johannes, der seine himmelfahrt geschildert hat. 
Diese den hervorragenden momenten im dasein Christi angepasste 
Strophenfolge liegt yor in J, U, H und Y2. In Q sind die strophen 
18 und 19 umgestellt, ausserdem schliesst sich den evangelisten in 
einer weiteren strophe der apostel Paulus an: 
(Q 19) Paulus, du auserweltes fas, 

schüt au£f die Mülen, las malen: 

du kanst vns wol verkleren 

das Testament, 

das Euangelion vnd Sacrament. 

N und W bringen Matthäus an die letzte stelle, und die reihenfolge 
in Vi : Marcus (auferstehung), Lucas (tod), Matthäus (geburt), Johannes 
(himmelfahrt) steht in ihrer Planlosigkeit allein da. 

16. 18. 

ir all vier ewangelisten, Lucas, rey0 den sak enczwaye, 

ir Bolt euch wol petrachten, shut auf dy mul, laß reysen: 

daz ir vns aufthut du machst wol peschreyben 

daz vermacht saklein, daz opfer groß, 

daz vns pracht ain iunkfrawlein. wie got der herre sein heyligs plut 
j7 vergoß. 

Hatheus, nu laß auf den sak, ^ * 

schuts auf in gottes namen: Marcus, du starks lebelein, 

du lern vns allesamen, schut auf dy mul, laß schroten, 

du pist wol gelert pey gotte, wie got stund auf von dem tod, 

wie der herre ain mensch geporen daz geschah, 

ward, da er vns rufiet zw der osternacht. 

20. 

Johannes, adlar von hohem flug, 
du magst vns wol gelernen 
dy himelfart vnsers heren, 
hilf vns allen, 
daz wir komen dar. 

In den ausgangsstrophen wird die mühle der benutzung empfohlen 
und den päpsten, kaisern, predigern anheimgestellt, über sie zu wachen. 
Wer der seelennahrung bedarf, möge sie aufsuchen. Die bekannte 
anrufung der gnade gottes für den dichter bildet den schluss. Es 
haben diese Ordnung J, U und H gemeinsam, am bedeutendsten 



54 

weicht Q von ihr ab. Q fugt auch eine sonst nicht vorkommende 
atrophe ein: 

(Q 25) Man gibt euch das Meel vnnd Maltz, 

dauon jr könnet leben, 

das jr der Mülen dienen, 

empfanget jhren Sold, 

das thut, so wird euch Gott hold. 

Die Strophen 22 und 23 sind in sämmtlichen hd. fassungen ohne 
grund umgestellt (im nachfolgenden abdrucke von V2 habe ich aus 
diesem gründe an der strophenfolge geändert), W und N lassen äber- 
dies die Strophen 21 und 24 fallen und Vi hat die 21. strophe bereits 
im anfange eingeschaltet 

21. 23. 

Dy mul dy get vnd ist perayt. Der sein sei speysen wil, 

vnd wer da wil mallen, der mach sich her schnelle 

der mag wol hertragen zw diser mul gesellen, 

sein kornelein, sy ist gewiß, 

so wirt es ym gemallen klain. sy melt vnd nieczet nicht. 

22. 24. 

Papst, kayser, prediger, Der dise mul gepauet hat, 

vermacht dy mul gar eben, got mu0 yn von hynnen gelayten, 

secht zw vns ist gegeben wann er von hynnen schaydt, 

wol, (mel vnd molt Vi) in engeis weyß, 

darzw auch vil reyces komen sol. got für yn in das ewig paridey0. 

Aus dieser Übersicht folgt zunächst, dass Winnigstedes strophen- 
folge nicht die ursprüngliche gewesen ist, weiter aber, dass auch J 
an einer stelle von der richtigen Ordnung abweicht, und dass diese 
fassung nicht die vollständige strophenzahl, die 24 beträgt, besitzt. 
In letzterer beziehung steht es mit U günstiger, wo die dichtung un- 
verkürzt erscheint, eine willkürliche Umstellung ist jedoch auch hier 
zu constatiren. Da nun U des öfteren besser liest als J (3, 3; 6, 1; 
19, 4), so ist in U sicher die fassung zu sehen, die der ursprünglichen 
form des liedes am nächsten kommt. Was schliesslich die übrigen 
fassungen angeht, so ist die nahe Verwandtschaft der nd. Versionen 
mit der nl. und der hd. Vs zu beachten. 

BRAüNSCHWEIG. Herman Brandes. 



öö 



Friederich von Hennenbergs 
geistliche Rüstung. 

Die nachstehend zum Abdruck gebrachte geistliche Allegorie ist 
in der Wolfenbüttler Hs., Heimst, Msc. nr. 1233, auf Bl. 94—100 
enthalten, welche im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrh. und, wie 
H. Brandes Jahrb. YII, 24 gezeigt hat, in der Nachbarschaft des 
Oberharzes geschrieben ist. 

An zwei Stellen v. 132 und am Ende des Gedichtes wird ein 
Friederich von Hennenberg genannt. Leider fehlen alle Anhalts- 
punkte zur Bestimmung seiner Zeit und seiner Zugehörigkeit zu dem 
hennebergeschen Grafengeschlechte, über dessen Anteil an der deut- 
schen Dichtung L. Bechstein in seiner Ausgabe des Otto von Boten- 
lauben ausfuhrlich gehandelt hat. 

Ach god dorch dyn gewer [Bh 94] 

EnruUe al myn beger 

Hyr vp duffer erden wyth, 

Dat ick beholde mynen ftryth. 
5 De werlt is aller kunften vul 

Hyr vnde dar, dat weyt ick wol. 

Der lüde ys vele vp erden. 

De dar hau eyn wunffchet leven 

Vnde meynet, ohne hebbe dat god gegheuen. 
10 Eyn yflick leuet fo eyn vee 

Vnde eyn gheret anders nichtes mee. 

Wen he fyn lyflF ernere 

Vnde des hungers fick erwere 

Vnde klede(n) vor dem kolden. 
15 De zede hebben beyde jungen vnde olden. 

De olden fynt alfo gemod, 

Konden fe weruen eyn overfwynde gud, 

Myt hate vnde ock myd gyricheit. 

Doch fecht vns de papheyt, 
20 Dat woker vnde haed, 

Roff edder ryke ftad 

De zele kunnen nicht erneren; 

Vor deme duuel kunne fick erweren, 

We nu myd guden dingen 
25 Syn leuent konde henne bringen, 

Alze ome de mate lerde, 

11 eyn = en 'nicht', ebenso v. 88, 113. 147. 169; vgl v. 167 heyn. Auch in 
^ iibrigen Stücken derselben Handschrift ist eyn gewöhnlich för en gebraucht. 



Ö6 

Ynde fick to godde kerde 

Vnde erworue eyn redelyck gud 

Ynde droge dar by armod 
30 Vnde leyte fyck erbarmen 

Ynde deyldet myt den armen 

To beydenthaluen by den weghen. 

De mochte wol ewichliken leuen. 

Duffe rede wil wy laten ftan. 
35 Ynfe lenent wil eynen [ende] hän, [El, 95] 

Dar [an] merke wede wyl, 

We fyn hir nicht wen eyn gokelfpel, 

Dalingk leuendich vnde morne doth, 

Twar dat ys de noth. 
40 Ach god, eyne herevard fchal ick varen. 

God fuluen mote my bewaren 

Yppe de reyfe, de ick te, 

Dat my de leyde duuel äe! 

Dat my de duuel nicht beflyke, 
45 Des help my Maria, konninghynne ryke! 

Ach god dorch dyne vaderlike truwe 

Vorlye my lutter bycht vnde wäre ruwe! 

Sende my erft an 

Dynen werden hilgen licham, 
50 Dar .fpyfe myne armen zele mede I 

Dat ys here vader myn gebede. 

Eyn rouer heyt ßck Jurian, 

Wan he to rechtem ftryde fcholde gan, 

So leyde her fyn wapen an ilck. 
55 Des fuluen wapen begere ock ick. 

De olynge, de de preffter ftryckt an yth fyner hanth, 

De legge my an vor den ferwanth 

Ynde wape my balde, dar ick yn loue, 

Dat ick dufte koner ly, 
60 Offt meck yemant wolde veyden. 

God fuluen mote my beleyden 

Ynde bringk my vp de rechten baue. 

Nu legge my dat harnfch ane 

An houede vnde an voed beydel 
65 Dat lyff ys nu bereyde. 

Nu reke my dat beynwapen her, [Bl. 96] 

Nach godde fteyth al myn begher, 

Nach fyner leuen moder fote. 

Nu wapene myk de vöte, 
70 Dat myck nicht fchaden mach 

Steke, hauwe edder flach! 



67 mhd. sarw&t st. f. *£rieg8gewand, RüstUDg'. 



57 



Wedder den leyden duuel ynghehnr, 

De dar bernet yn deme vur, 

Dat grufener is dat cleyt, 
75 Dat neyman mach hinder län, 

Weyde veyde fcal beftan. 

Na make my den kragen tho mate! 

Nu legge my an de platen, 

Dat fchal de hilge crefzem fyn, 
80 Den ftryck hyr an dat leuent myn! 

Myn wapenrock fy, here, de dock, 

Den Joseph vmme deck floch, 

Do he deck yan dem cruce näm. 

Dar twyde my armen fander an! 
85 Dat houet wel ock gewapent fyn 

Myt deme hilgen facramente dyn, 

Dat fchal fin myn yferen hoedl 

De hande eyn willens nicht eynberen, 

Wede fick wil ftrydes erweren, 
90 De m6d ock wapenfaanfchen han, 

De te meck de prefter an! 

Dyn cruce, here, fy myn fwerdt! 

God fuluen he£ft des meck erwerd, 

Dat ick nach ohme byn geftalt. 
95 Nu reke myk her eynen fchylt. 

De na goddes marter fij gheftalt, 

De benympt deme duuel al fine walt! 

Duffen duren ferwanth 

Den entfangh ick van des prefters haut 
100 Vnde van goddes feghen, 

So linget my wol vp allen wegen. 

Myn engel, de my bath vtekoren 

Vnde deme yk in der dope warth beuolen, 

Vnde funte Andreas, 
105 De myn apoftel vp erden was, 

(Vnde my goddes crafit) 

De twe moten my bewaren 

Vnde yn mynen ftryth varen. 

Sunte Johannes van der Jordanen, 
110 Du geueft godde den hoghen namen, 

De dar heytet Jhefu Cryft, 

Wente du fyn doper byft. 

Eck eyn wils dy nicht yorlan, 

Du fcbalt de houetbanren hän. 
115 Dat fchicke eck ynder dyne vanen 

Alle, de fyn yn der marter fchare. 



74 gmsener (also neutrum, vgl mnd. Wich) 'Waflfenrock'. 77 krage 'Hals- 
berge'. 106 Diese Zeile scheint überflüssiges Einschiebsel su sein. 



Ö8 



So ftrijde wy funder vare. 
Noch wij orer viue han. 
Sunte Peter by de myddel van. 

120 De hilgen apoftel twelue 
Nym, here, to dy fuluen 
Vnde nym feffe vp juwelke fydt, 
Dat fe yns bewaren wyd 
Vnde vnfen ftryd bewaren 

125 Vnde yn der fpyttzen varen. 
So fchicke yck hinder de banner 
Eyn alzo cre£fttich her, 
Dar wil ick fulnen ynne fyn. 
Eck meyne, here, de enge! dyn 

130 Vth den koren negene. 
0£ft vns denne bejeghene 
Van Hennenberch eyn flFrederick, 
God vore ohne yn fyn hymmelrick! 
Ick vrochte fere der duuel häd, 

135 We fchicken vns to der were bäd, 
De hilghen dre konningh wolgeftalt 
Se hebben by godde grote walt, 
Se fyn van hogher ard geboren, 
God fuluen hath fe vterkoren, 

140 An dem twel£ften dage 

Entfengk god yan one de erften gaue, 
De ohme ghegeuen ward 
Vnde fyner leuen moder tzard. 
Lucas, Marcus, Matheus, Johannes, 

145 Gy hilligen ver ewangeliften, 

Eck fchycke gyck vor yn de fpiffen. 
Eck eyn wils jw nicht vorlän, 
Gy fchullen alle gleuingen hän. 
De ritter funte Jurian 

150 De fchal de renre banre hän. 
Dar fchycke eck vnder fine vanen 
Alle de van godde hebben den namen, 
De teyn duffent rydder fynt genanth, 
Se fynt des alle wol bekanth. 

155 Eck weyt, dat fe ohme nicht entfleyn. 
Scholde he vor den keyfer theyn, 
Scheide he varen ouer mer. 
So hedde he wol eyn wunffchet her 
Vnde wol ghefchicket to der wer, 

160 De flän de renner van dem weghe. 
So beholde we den fegher. 



150 rennebanre *StaIldarte^ 161 Lies s^he. 



ö9 

Sunte Mauricius royd fyner felfchopp 

De hefft ock by gode macht, [Bl. 99] 

Syn her ys kre£ftich vode wyth, 
165 De beftan de viende vp de open fyth. 

Eck fegge oth dy vnde ys myn gewyn, 

Grypeftu fe, vor fe myd dy heyn, 

Eck Wernes dy vnde byns bericht, 

Giffftu one dach, fe eyn holden dy nicht. 
170 Vnfen vader Adam 

Wylle wy ock yn vnfem ftryde hän 

Myt alle fynen ghefellen, 

De god fuluen lofte vth der helle, 

De dencken an den olden haed 
175 Vnde ftellen fyck to der were bäd, 

Wu fe de duuel vorreyt 

Do he fe vth dem paradyfe fteyt. 

Lucie, Dorothee, Agnete, Margarete 

Vnde alle goddes juncfrauwelyn, 
180 6y fchallen vnfe binderhode fyn, 

Efft dar jennich hillighe wolde vleyn, 

Dat oth de hilgen juncfrauwen anfeyn. 

Offt nu jennich hillige vngenanth fyn, 

De bidde ick dorch Marien kynt, 
185 Dat fe hüte fyn bereyt, 

Offt dyffe fbryth to famende gheyt. 

Jhefus Griftns fchal vnfe lofe fyn, 

Maria fyn leue moder fcal de anrenninge fyn. 

Des möge wy alle nemen fromen. 
190 Malk dencke, van wenne he fy ghekomen. 

Mercket alle, wath ick hebbe gefecht, 

Holdet vp vnde louet eyn olt ritter recht. 

Nu hebbe ick wol eyn wunffchet her 

Vnde wol gefchicket to der wer, [Bl. 100] 

195 Alfzo my fulues duncket god. 

Ach god dorch dyn hillige blöd 

Lad vns an dynem vrede teyn, 

Dat wy nummer viende feyn, 

Dat wy dyn hillige antlaeth moten fchauwen 
200 Vnde Marien, der hymmeifchen juncfrauwen I 

Wente fe ys eyn fonerynne 

Twyffchen dem armen funder vnde orem leuen kynde. 

Van Hennenberch eyn ff[r]ederick 

God vore ohne an fyn hymmelrick! 



187 lose 'Losang'. 188 anrenninge 'Schlachtruf?' 

BERLIN. W. Seelmann. 



60 



Kinderspiele 
aus Schles^vig-Holstein• 

(Fortsetzung aus Jahrb. YIII, S. 105.) 



15. Lftuferspiele. 

a. Löipern (Läufern). Mehrere Knaben (selten aber mehr als 
vier) werden sich einig ;,en Pütt to löipern^. Eine möglichst ebene 
Bahn wird ausgesucht. Jeder Mitspieler setzt einen Läufer auf die 
Bahn, und zwar so, dass die einzelnen Läufer etwa iVa Meter von 
einander entfernt sind. Die Reihenfolge beim Spiel wird dadurch 
bestimmt, dass jeder Spieler vom Mal aus mit seinem ;,Murmel^ (ein 
grosser Läufer aus Marmor, Thon, Eisen oder Blei) nach dem vor- 
dersten Läufer wirft. Wer am nächsten dabei liegt, wirft zuerst, 
dann der Zweitnächste u. s. w. Nun beginnt das Läufern. Nummer 
eins wirft seinen Murmel nach den hintersten Läufern, damit ihn die 
anderen Spieler mit ihren ;,Murmeln^ nicht so leicht treffen, und sucht 
dabei, wenn möglich, auch Läufer zu treffen. Trifft er einen Läufer, 
so ist der sein Eigentum, und er sucht sofort mehr zu treffen, oder 
doch, wenn er zu weit von einem Läufer entfernt ist, mit seinem 
Murmel in die Nähe eines anderen Läufers zu gelangen, damit er, 
wenn die Reihe zum zweiten Male an ihm ist, denselben desto leichter 
treffen kann. Darin besteht überhaupt die Kunst des Läuferns: sicher 
aus ziemlicher Entfernung einen Läufer zu treffen und sogleich auch 
wieder mit dem Murmel in die Nähe eines anderen Läufers zu kommen, 
damit auch dieser gleich gewonnen werde. Trifft Nummer eins keinen 
Läufer mehr, so folgt Nummer zwei, dann Nummer drei u. s. w., bis 
endlich Nummer eins wieder an die Reihe kommt. Jeder meidet mit 
seinem Murmel sorgfältig die Nähe eines anderen Murmeis; denn 
dessen Murmel getroffen wird, der scheidet so lange aus, bis ein 
neuer ;,Putt^ beginnt, und muss überdies auch noch alle Läufer, die 
er etwa schon gewonnen hat, an den, der seinen Murmel getroffen hat, 
herausgeben. Ist an irgend einer Stelle die Bahn nicht recht eben, 
so ruft derjenige, der werfen soll „miens!^ und ebnet die Bahn. 
Kommt aber ein anderer Spieler mit dem Ruf ^miens!*' ihm zuvor, 
so darf er die Bahn nicht ebnen. Zuweilen gilt es bei diesem Ruf 
auch mit dem Murmel in die Bahn hinein zu treten, falls dieser ab- 
seits liegt, wobei aber stets die richtige Entfernung von dem betreffen- 
den Läufer inne gehalten werden muss. Hierbei giebt es oft, wie 
überhaupt bei dem Läufern, eine Summe von Kreteleien. — Das 
Werfen geschieht vom JMal aus stehend, in der Bahn aber stets hockend, 
und zwar so, dass der linke Fuss da steht, wo der Murmel liegt. 



61 

Jeder ^Putt^ dauert so lange, als noch Läufer in der Bahn liegen. 
Aber die Reihenfolge ist bei jedem „Putt^ eine andere. 

Bergenhusen in Stapelhötm. 
In der oben beschriebenen Weise ist das Spiel auch in Feddering 
(Norderditmarschen) bekannt. Nur ruft der Spieler, der zwei Läufer 
in einem Wurf trifft, ^bögh!^ und ihm gehören beide. Kommt aber 
ein anderer mit dem Ruf „bäni böghl'' ihm zuvor, so gehört ihm nur 
der erst getroffene Läufer. Will der jedesmalige Werfer die Bahn 
ebnen, so raft er auch hier „miensl" und darf solches thun, während 
er es unterlassen muss, wenn sein Gegenpart mit dem Ruf „bäni 
miens!^ ihm zuvor kommt. In Ditmarschen gilt bei diesem Spiel 
selten das Werfen, sondern das sogenannte „Knipsen^ oder „Scheiten^, 
wobei der Murmel auf die Innenseite des Zeigefingers gelegt und mit 
dem Daumen fortgeschnellt oder auch an der Erde, ohne auf den 
Finger gelegt zu werden, blos mit dem Daumen fortgeschnellt wird. 
Grosse Thonkugeln mit Glasur heissen in Feddering ^Duttaier^. 
Sollten das dieselben sein, die Schütze's Idiotikon 3, 48 ^ Judas- 
löper" nennt? 

b. Humpeln. Vier Läufer werden in einen Haufen (Hümpel) 
gestellt. So viele S'pieler als vorhanden sind, so viele Haufen werden 
gemacht. Nur die Abstände der einzelnen Haufen von einander sind 
etwas grösser als beim vorigen Spiel. Sonst ebenso. 

Kleinsee bei Bergenhusen in Stapelholm, 

c. Külken. Es wird dies nur von zweien gespielt. In ein 
rundes Loch, Kül genannt, wirft ein Spieler eine Anzahl Läufer, wozu 
sein Gegenpart die Hälfte hergegeben hat, stark hinein, so dass die 
meisten im Loch liegen bleiben, mehrere aber hinausfliegen. Liegt 
eine gerade Anzahl im Loch, so gehören alle dem Werfer, sonst dem 
Gegenpart. Kleinsee bei Bergenhusen in Stapelhclm. 

Wenn in Dahrenwnrt bei diesem Spiel alle Läufer im Loch 
liegen bleiben, oder auch alle hinausfliegen, so nennt man sie „Huttel- 
giit^, und jeder der Umstehenden sucht sich so viele davon zu greifen, 
als er erlangen kann. 

Handelmann S. 112 nennt das Spiel „in't Lock löpern'^ oder 
flSchoppsen". Nach demselben werden die ausserhalb des Lochs lie- 
genden entweder von dem Werfer oder seinem Mitspieler mit dem 
Zeigefinger in's Loch geschoben. 

d. InH Lokk räken. Yon einem Male aus suchen eine Anzahl 
Spieler Läufer in ein Loch zu werfen. Treffen sie beim Werfen einen 
andern Läufer, so müssen beide, der Werfer und der, dessen Läufer 
getroffen wurde, wieder werfen. Wirft einer seinen Läufex in's Loch 
(halt em rüt), so müssen beide wieder werfen. Wer nicht gut wirft, 
setzt nach, d. h. wirft mit einem andern Läufer nochmals. Meistens 
wird aber ohne Nachsatz gespielt. Haben alle Spieler geworfen, so 
schiebt derjenige, der im Loch oder demselben am nächsten liegt, so 
Tiele Läufer, als er erreichen kann, mit dem Zeigefinger der rechten 
Hand in*s Loch, die ihm dann alle gehören. Schiebt er keinen mehr 



62 

hinein, so versucht derjenige, der am zweitnächsten bei dem Loch 
liegt, sein Gläck, dann der drittnächste u. s. w. Ist die Bahn nicht 
eben genug, so raft der Spieler »bögh (boug)!*' und er darf die Bahn 
ebnen. Ruft ein anderer Spieler vor ihm „bäni!^ so darf er solches 
nicht thun. Die Reihenfolge wird stets durch den Ruf: „lets! tweit- 
lets!^ etc. bestimmt, und zwar dergestalt, dass derjenige, der mit 
dem erstgenannten Ruf zuerst kommt^ zuletzt wirft u. s. w. — Das 
Spiel heisst jetzt kurzweg ;,18pern, löipern^, früher hiess es j^in't Lokk 
raken^. Dahrenwurt bei Lunden. 

Wenn in Feddringen bei diesem Spiel zwei ins Loch werfen, so 
miissen alle Spieler wieder werfen. Wer beim ersten Mal Umwerfen 
in's Loch trifft, dem gehören alle Läufer. — Bei Handelmann S. 112 
ist dieses Spiel mit unserm „Külken^ verbunden. 

e. Murmeln. Wird meistens nur von Zweien gespielt, und 
zwar so, dass einer des andern ^^Murmel^ zu treffen suchte wofür er 
vom Mitspieler jedesmal einen Läufer erhält. Kommt einer aber mit 
seinem „Murmel^ dem ^^Murmel^ des Mitspielers so nahe, ohne ihn 
zu treffen, so dass er die Entfernung abspannen kann, so erhält dieser 
einen Läufer von dem andern. Bergenhusen in Stapelhdm. 

Handelmann S. 113 nennt dieses Spiel Spannjagen, oder 
boppsen und spannen. Wer nach demselben dem Läufer des an- 
dern so nahe wirft, dass er spannen kann, gewinnt zwei Läufer. 
Wenn der Läufer des Werfenden gegen den liegenden jagt, so be- 
kommt der Werfer einen Läufer. Dies heisst boppsen oder Dopps. 
Bleiben beim Boppsen die Läufer einander so nahe, dass der Werfende 
auch noch spannen kann, so hat er drei gewonnen. Dies heisst 
boppsen und spannen. Engl, bossout; boss and span. 

f. Majoren, majour'n. Eine Anzahl Läufer wird in kleinen 
Abständen in Frontreihe aufgestellt. Der an der linken Seite stehende, 
gewöhnlich ein kleiner ;,MnrmeF, heisst Major, Majour. Von einem 
Mal aus wird mit Läufern nach dieser Reihe geworfen. Trifft jemand 
einen Läufer aus der Reihe, so gehören ihm alle Läufer, die rechts 
von dem getroffenen liegen. Wer den Major trifft, hat alle gewonnen. 

Feddring in DUmarsdken. 
Handelmann S. 113 nennt dieses Spiel auch Merkurjagen. 

g. Häl ut d' Lokk oder häl ut'n Pütt. Mehrere Spieler setzen 
jeder einen Läufer in ein Loch. Von einem Mal aus wird nun mit 
einem Läufer nach diesem Loch geworfen. Wer hinein trifft, gewinnt 
einen Läufer aus dem Loch. So geht es fort, bis kein Läufer mehr 
im Loch oder „Putt^ ist. Die Reihenfolge wird durch's Loos be- 
stimmt. Heide. 

h. Spann, Ansmiet'n.. Die Spieler stellen sich an einer Wand 
auf. Alle werfen ihre Läufer stark gegen die Wand, so dass sie 
ziemlich weit zurückprallen. Trifft einer den Läufer eines anderen, 
so gewinnt er einen Läufer von dem, dessen Läufer er getroffen hat. 
Trifft er einen Läufer so, dass er ihn auch noch spannen kann, d. h. 
mit der grössten Entfernung zwischen Daumen und Zeigefinger messen 



63 

kann, so gewinnt er zwei Läufer. Kommt er einem Läufer so nahe, 
dass er blos spannen kann, so gewinnt er einen Läufer. — Die 
Reihenfolge wird dadurch bestimmt, dass man vom Mal aus nach der 
Wand wirft. Wer am nächsten an derselben liegt, wirft zuletzt, wer 
am weitesten abliegt, zuerst. Feddring. 

i. Nägenlokk. Auf der Erde werden neun Löcher in drei 
Reihen gemacht. Das mittelste Loch heisst ^^Puttlokk^. Jeder Spieler 
setzt in das „Puttlokk^ gewöhnlich zwei Läufer. Von einem Mal aus 
suchen die Spieler nun ihre Läufer in das „Puttlokk^ zu werfen. 
Wer in dasselbe trifft, gewinnt Alles; wer in ein Loch zwischen den 
Ecklöchern wirft, gewinnt den halben Einsatz; wer in ein Eckloch 
wirft, gewinnt seinen Einsatz; wer vorbei wirft, setzt nochmals den 
Einsatz. — Die Reihenfolge wird durch's Loos bestimmt. 

Hennstedt^ Kreis Segeberg, 

Nach Handelmann S. 113 werden in das Mittelloch die meisten, 
und in die Ecklöcher doppelt so viel, als in die anderen gesetzt. Die 
Reihenfolge wird durch Auswerfen nach einem Strich bestimmt, und 
zwar so, dass derjenige, der dem Strich am nächsten wirft, zuerst 
wirft. Wer vom Mal aus in ein Loch trifft, leert dasselbe. Wer in 
ein leeres Loch trifft, muss die frühere Zahl wieder zusetzen. 

k. Na'n Pütt scheten (scheiten). Auf der Erde wird ein 
Kreis, gewöhnlich mit einer Heugabel, gemacht. Die Spieler setzen, 
je nachdem sie sich einig werden, innerhalb des Rings jeder einen 
oder zwei, oder gar noch mehr Läufer, auf, so, dass alle Läufer eben 
innerhalb des Kreises auch einen Ring bilden. Von dem Mal aus 
wirft nun jeder einen Läufer möglichst nahe an den Ring. Wer dem- 
selben am nächsten liegt, wirft zuerst und zwar von der Stelle aus, 
wo sein Läufer liegt. Auch hierbei gilt nur das Fortschnelleu mit 
dem Daumen. Es gilt nicht nur einen Läufer im Ring zu treffen, 
sondern auch aus demselben hinauszuschnöllen. Dabei darf er so 
lange schiessen, als er Läufer aus dem Ring hinausschnellt, die dann 
alle sein Eigentum sind. Trifft er zwei Läufer, so ruft er schnell: 
„bogh (boug)!^, und beide gehören ihm. Kommt aber ein anderer 
mit dem Ruf ^bäni bögh!^ vor ihm, so darf er nur einen Läufer 
nehmen. Kommt sein Läufer innerhalb des Rings zu liegen, so bleibt 
er dort so lange liegen, bis ein anderer ihn trifft (rutschütt). Es 
gilt auch den Schütter eines andern in den Ring hinein zu treiben. 

Dahrenumrt. 

16. SchostSnspilL 

Ein gewöhnlicher Ziegelstein wird aufgerichtet. Aus einer Ent- 
fernung von fünf bis sechs Schritt wirft jeder Mitspieler (je mehr 
derer sind, desto besser) einen Sechsling (nach jetzigem Gelde nicht 
völlig 4 Pfg.) gegen den Stein. Gewisse Lieblingssechslinge, welche 
Glück verheissen, aber stets wieder eingewechselt werden, werden be- 
nutzt. Wessen Sechsling nach dem Werfen dem Stein am nächsten 
zu liegen kommt, ist der Erste, welcher dann, wenn keiner mehr 



64 

nachsetzen will, sämmtliche Sechslinge aufnimmt, diese auf der Ober- 
fläche der ausgestreckten rechten Hand zwischen Zeige- und Mittel- 
finger in einer Beihe ordnet, hoch empor schleudert und zur Erde 
niederfallen lässt. Welche Sechslinge das Bild der Krone zeigen, die 
sind gewonnen. Der nächste in der Beihenfolge nimmt die übrigen 
auf, um mit ihnen dasselbe Manöver zu wiederholen. Selten bleibt 
eine Chance für die Letzten, die sich somit auf besseres Glück beim 
nächsten Turnus trösten müssen. 

Angeln. (Nach A. Hansen, Angler Skizzen.) 
Der letzte Teil dieses Spiels ist in Ditmarschen, Stapelholm u. a. 0. 
bekannt unter dem Namen „Krön un Munt''. (Näheres darüber ver- 
gleiche im Korrespondenzblatt U. 94; HI. 19, 46, 62; IV. 29.) 

17. PikkpäL 

Jeder Knabe hat einen unten zugespitzten Pfahl, Pikkpäl genannt. 
Auf einem Rasen wird ein Bult (Sode) ausgestochen. Der erste Spieler 
sucht nun von dem Mal seinen Pfahl so nach der gemachten Öffnung 
zu werfen, dass derselbe in der Erde stecken bleibt. Der zweite sucht 
dann mit seinem Pfahl den Pfahl des ersten heraus zu treiben. Wessen 
Pfahl heraus gestossen wird, der muss eine Strecke Wegs laufen. 
Unterdess stechen alle Mitspieler so viel als möglich Bülten (Soden) 
aus auf Rechnung des Unglücklichen. Am Ende des Spiels muss 
jeder Spieler das auf seinen Namen gemachte Loch wieder ausfüllen 
und seine Strafe erleiden, die darin besteht, dass man ihm so viel 
vor dem Hinteren giebt, als er Bult zum Füllen bedarf. 

Heide. 

Nach Schütze, Idiotikon 1, 315, heisst das Spiel in Kellinghusen 
Fikken — Nach Handelmann heisst es in den Niederlanden fijcken, 
in Baiern „pickeln^ und schmeerpickeln, in Ostreich ^schmeerpecken^, 
in Luzern ^spicken^, in Schwaben „Stöckles^, in der Schweiz ^Pflöckli- 
spiel^, in England „loggats", bei den alten Griechen „)ti>v^a>t<r[/.6c''. 
Die Redensart: „He trock den Pahl un naite ut^ erklärt sich wohl 
aus diesem Spiel. (Vergl. Handelmann S. 89, s. auch den schleswig- 
holsteinischen Hauskalender f. 1882). Nicht unwahrscheinlich ist es, 
dass auch der Name „Fikker, da's aische Fikker^ d. i. ein unange- 
nehmer Streich, eine hässliche Geschichte, eine verfehlte Sache, diesem 
Spiel seine Entstehung verdankt. Oder umgekehrt? 

DAHRENWÜRT bei Lunden. Heinrieh Carstens. 



65 



Bemerkungen 

zu Fr. Woeste's ^A/'örterbueh der ^vestfälisehen 

Mundart 
nebst Briefen desselben. 



1. Woeste's Bezeichnung der Laute. 

Woeste hat im Laufe der Jahre seine Orthographie des West- 
fälischen gänzlich verändert. Er begann vor 1848 mit möglichst ge- 
nauer Wiedergabe der gehörten Laute und hat in seinem Wörterbuche 
mit möglichst genauer Anpassung an die ältere niederdeutsche Schreib- 
weise geendigt. So ist es gekommen, dass das Wörterbuch dieses 
feinfühligen Kenners der niederdeutschen Volkssprache zwar den west- 
fäiischen Wortschatz in Fülle darstellt, aber für den Sprach- und 
Dialektforscher nur unter besonderen Voraussetzungen brauchbar ist. 
Vielleicht würde der Verfasser, wenn er die Vorrede zu seinem 
Wörterbuche noch hätte schreiben dürfen, die von ihm angewendete 
Laatbezeichnung dem Publikum verständlich gemacht haben. Wie 
dieselbe nun dasteht, bedarf sie eines besonderen Schlüssels. Selbst 
ein Westfale hat Mühe sich in derselben zurecht zu finden. 

Ich will deshalb versuchen, den Wert derjenigen Woeste'schen 
Lautbezeichnungen festzustellen, welche von der gewöhnlichen phone- 
tischen Orthographie abweichen. 

Woeste's ä ist kurzes ä (engl, o in the lot, what), z. B. aller 
'Alter', ach 'ach', ad er 'oder'. 

Woeste schreibt S. 4 0ller 'älter', 0lst 'ältest', S. 118 kaeller 
'kälter', S. 122 K^tte <Käthe', S. 182 n&chte 'Nähe'. Der Laut in 
diesen Wörtern ist ä, der Umlaut des kurzen ä. 

Woeste's ä ist tonlanges reines ä, nicht ä, z. B. gräwen 'graben', 
mäken 'machen'. 

Woeste's ä ist ä, z. B. schäp 'Schaf, läten 'lassen', stän 'stehn'. 

Woeste's & vor einfachem Konsonanten ist ä, der Umlaut zu ä, 
z.B. m&neken 'Möndchen', n&len 'säumen', h&ren 'hören', pr&ler 
'Schwätzer', h&rne 'Hörner', &men 'atmen'. 

Woeste's 9 ist {&, ea, z. B. br9ken, dr9gen, dr9pen, ^ten, 
frmer, sm9ren, br9nnietel, W9lke sind zu sprechen briäken, 
driägen u. s. w. Oder in andern Landschaften dreagen, breaken. 

Woeste's ie ist le, z. B. liepel 'Löffel', nietel 'Nessel'. 

Woeste's Ie ist fe, meist entstanden aus ide, z. B. kiel 'Kittel', 
Terllen 'vergangen', llerwek 'gliederweich', verstriens 'rittlings'. 

Woeste's 9 ist ua, u&, z. B. 9 wen 'Ofen', b9en 'geboten', h9f 
'HoP, b9ken 'stampfen'. 

Niedardevlsohes Jahrlraoh. IZ. 5 



66 

Woeste's ^ ist üa, üä, z. B. bftken 'stampfen', ^weken *Öfchen', 
d^wer *Tober', b^ren 'heben', d^r 'durch', m^r 'mürbe'. 

Dagegen schreibt Woeste die Laute uo, ue und üö mit ue, üe, 
z. B. fuegel 'Vogel', wuenen 'wohnen', kuemen 'kommen', be- 
dueselt 'beduselt', suege 'Sau'; küening 'König', se lüegen 'sie 
logen', müeglik 'möglich'. 

Woeste's e ist äi, öi in Wörtern wie ed 'Eid', heme 'Heimat', 
sepen 'seifen', sten 'Stein', ben 'Bein'. 

Den Laut ai schreibt Woeste ae in Wörtern wie schaeper 
'Schäfer', aeger 'eher', kaese 'Käse', faelen 'fehlen'. Wenn ein 
Unterschied zwischen Woeste's ae und ai existiert, so beruht er darin, 
dass in ae das ä gedehnter gesprochen wird. 

Woeste bezeichnet gotisches au durch ö: he böd, löpen. In 
seinen älteren Aufsätzen schreibt er den Laut seiner heimatlichen 
Iserlohner Mundart eau, äu (breaut, däude). Nirgends in West- 
falen ist got. au: ö. An vereinzelten Orten im äussersten Süden von 
Westfalen ist es ou, in der Grafschaft Mark äu oder au, im Sauer- 
lande und im Paderbornischen meist äu. 

Den Umlaut zu got. au schreibt er jetzt ö, früher äi, d. i. nhd. 
äu in „Bäume''. 

Woeste's ü hört man nur westlich von Iserlohn, im östlichen 
Teile Westfalens herrscht überall iu, wie denn auch in Woeste's 
Heimat, in Iserlohn und Hemer iu gesprochen wird. Früher schrieb 
Woeste heus 'Haus', roius 'Maus'. 

Woestes ä wird östlich von Iserlohn uü gesprochen, z. B. m&se 
wie muüse, däwel wie duüwel. 

Woeste schreibt i = altem i. Früher schrieb er y und erklärte 
es als e mit nachgeschlagenem i. Altes i, got. ei wird nur an der 
untern Ruhr und Lippe und an der Ems und Haase wie i, ii ge- 
sprochen, sonst lautet es in der Provinz Westfalen meist ui, e-i. 

Missverständlich ist auch das ai, welches Woeste für den Umlaut 
seines au = altem 6 neben dem Zeichen aü verwendet. Er schreibt 
bauk, pl. baiker, saiken 'suchen', baiten 'heizen', faut,^ pl. faite. 
Der Laut ist au mit zu ü heruntergedrücktem u. Also wäre die 
richtige Schreibung baüker, faüte, wie denn auch Woeste selber 
diese Orthographie anwendet in faüen 'futtern', faüe^ 'Fuder', 
vlaümen 'trüben', inbaüten 'einheizen'. 

Nicht i^berall hat Woeate seine Orthographie festgehalten. An 
einzelnen Stellen führt er Wörter und Redensarten halb in seiner 
eigenen, halb in phonetischer Sehreibweise an. So steht .S. 56 op 
dui heww iek mui dr9en == auf dich habe ich mich verlassen. 
S. 137 kö 'Kuh' statt kau. S. 241 slö 'schlau', sprich sleäu. 
Die Laute, welche Woesta mit 9 und ie, mit (. und üe bezeichnet 
hat, scheint er einige Male nicht auseinander zu halten«. S. 203 
musste fl^g^l nicht fliegel^ S. 148 k^ke nicht küeke, S^ 108 
h^len nicht hüelen stehen. S. 33 ist bläge statt blägß zu setzen. 

Sehr zu bedauern ist, dass Woeste nicht ein Wort über die 



67 

Aussprache der Konsonanten, soweit sie vom Hochdeutschen abweicht, 
gesagt hat. So erfährt man nichts über den Gebrauch von s und X, 
Yon g) ch und j. Übrigens mussten Wörter wie briggen, diggen, 
daigen mit j geschrieben werden und das h in Wörtern wie dihsen, 
tih kann keine phonetische Bedeutung haben. 

2. Woeste's gelegentliche Bemerkungen zur Geschichte 
westfälischer Vokale 

zeigen, dass er sich über die Entwickelung einzelner sonderbare An- 
sichten gebildet hatte. 

S. 13 „das heutige au ist teils uo, teils aw^. Ein solches uo 
hat bei den Sachsen niemals existiert, wohl aber bei den Rheinfranken. 
S. 18 ;,da es ein altwestf. huak (ags, hacod, hecht) neben snuak 
(heute snauk) gegeben haben wird^. Ein solches ua, aus welchem 
dann ;,durch Umstellung (!)^ au würde, hat es natürlich nie gegeben, 
wohl aber mögen in Westfalen lebende fränkische Herren und Kleriker 
dasselbe geschrieben und gesprochen haben. Wie fest Woeste an 
dies altwestfälische uo glaubte, sieht man an seinen Bemerkungen zu 
bröer, brauer, und zu kraume = Krume: ^^Au in unserem Worte 
= älterem uo*^. 

Ferner S. 23 zu bedaiwen: „blduobjan, was zu bedaiwen ver- 
lautete«. 

S. 29 zu beswaigen: ;,goth. svogjan =. alts. swuogian liefert 
lautrecht swaigeu^. 

Noch wunderlicher ist die Vorstellung von einem aus ia ^^durch 
Umsetzung^ entstandenen westfälischen ai. 

S. 56 zu draisk: „Man vergleiche ahd. drisk = dreijährig. 
So wäre i in iu verschoben und dann wie häufig das aus letzterem 
entstandene ia umgesetzt". S. 222 saik 'siech': „Umgesetzt aus 
alts. siek, siak**. 

S. 113 bemerkt er zu itik = Essig: »Aus etik entstand ^tik, 
dann itik". Vielleicht ging es umgekehrt zu. Aus iatik, eatik 
wurde an der westfälischen Südgrenze itik, nördlich von Westfalen ätik. 

S. 35 unter blote heisst es: „ue kann hochd. uo entsprechen, 
wie gued := guot^. Was gud neben god betrifft, so ist doch wahr- 
scheinlich, dass diese Formen immer im Niederdeutschen neben ein- 
ander existiert haben. 

Kühn sind Woeste's Bemerkungen über die Entstehung gewisser 
Konsonanten. Man vergleiche, wie er f$r = nicht trächtig, strote 
= Kehle und snaigen -= mausen entwickelt. S. 2 heisst es: „Aus 
as. er wurde erder. Dafür trat eder, dann eger, aeger ein, aeger 
wie unger (under), fungen (gefunden)^!! Das g in aiger entspricht 
doch offenbar dem w in ewig und in got. aivs. Es ist auch kein g, 
sondern j. 

3. Etymologien. 

Trotz solcher« Schrullen ist Woeste auf seinem Gebiete der beste 
Etymologe. Über die Herkunft einer Menge dunkler ndd. Wörter 

5* 



68 

wird nach den Ausführungen des Westfälischen Wörterbuches kein 

Zweifel mehr sein. Man lese u. A. die Artikel alaf, barwes, be- 

gine, docke, gös 'Ohnmacht', ösemund, pgten, verg&set, w^er- 

lechen, word. 

Zu einigen Artikeln vermag ich aus andern Mundarten Er- 
klärungen und Berichtigungen zu liefern. 

äpsen in ik well di wgt äpsen, ich will dir was pfeifen, äpsen, 
pl. = lächerliche Geberden, Affereien ist verbreitet. Lyra S. 2 1 . 
Ravensberg. Grammatik S. 139. 

belter, m. ein rundes Stück Holz. Die ursprünglichere Bedeutung 
erhielt sich im ravensb. bälter, junger Baum, dann Knittel, 
mhd. baelzer = Pfropfreis. Es hat auch die Bedeutung Junger 
Bursche", ;,Flegel«. 

bnsken, m. *Bund Heu, Stroh'. Näheres über das Wort bei Kuhn, 
Westfäl. Sagen U, 82 aus Steinfurt: de büsk = das Reisig und 
bei Klöntrup: buske = Faschine, Gebind, Strauchholz. Münster- 
land: de büske, f. auch de büsken = das Bündel (Holz). 
Verschieden von büsk, m. 

butt 'junger Ochse' und 'grob'. Der Grundbegriff von bud ist unreif, 
wie schon Leo, Rectitudines S. 20 bemerkt hat. bud 'grob, 
plump' ist gemeiuniederdeutsch. In Twenthe bud de = lompert. 
An der holländischen Grenze heissen die alten Junggesellen 
^ybudden**. Vgl. Ravensb. Grammatik S. 103 unter but. Dazu 
noch die Redensart, wenn zwei arme Verlobte zusammen kommen 
wenn büttken to büttken kümmt. Engl, bud == Knospe. 
Etwas abseits steht Waldeckisch (Gurtze 457) butte, f. ein un- 
gewöhnlich kleines Thier, westf. butt, butte, m. Knochen, fer- 
buttet = unvollkommen gewachsen. 

dontken 'Liedchen'. „Im Bielefeldischen ist donte 'Zechgelage'. Dies 
Ravensbergisch- Osnabrückische döönte wird auch mit Gebe- 
hochzeit übersetzt und kommt von doon, doonen 'schenken, 
geben'. Lyra S. 43. dööntekost. Festtagsessen. 

Dppen 'Dortmund'. — ;,Aus alts. Throtmenne (Werd. Reg.) wurde 
Dortpmunde". Vielleicht ist Throtmenni entstanden aus 
Thropmanni. Throp = Dorf. Also Dorf-Menne. 

dowen, ;,den Hafer halb dreschen — steht wol für dölwen.*^ Im 
Münster lande ist döwen, duldÖwen das Korn so dreschen, dass 
noch Körner in den Ähren bleiben. Nahe steht auch wohl mnd. 
düfslag und westf. duffen = mit Fäusten schlagen 

dast, m. 'Strauss — ? = drüst'. Auch sonst in Westfalen neben 
drüst. En drüsken blaumen, nüete; driussel, eine Troddel 
Früchte. Waldeckisch dust, n. der Strauss z. B. Blumen. Auch 
in osnabr. dussholt = Unterholz ist duss = dust, drüst. 

gail 'geil'. Aus gagil. Dies wird bestätigt durch ravensb. gäjel 
'geil'. 

-iug. ;,Auf dem Hellwege findet sich ein merkwürdiger Wechsel dieser 
Endung in Familiennamen mit -mann.^ Dieser Wechsel entstand 



69 

so, da8s die Pastoren und Amtleute des 18. Jahrhunderts die 
zahllosen Familiennamen auf -ing in solche auf -mann verwan- 
delten. Im Kreise Herford existieren die Namen Lippelmann 
und Liebling, plattdeutsch Lips und Lippling. Beide kommen 
von Philippus. Im Volksmunde lauten sogar Namen wie Ober- 
mann, Timmermann noch jetzt: Üawerink, Timmerink. 

kajack ^^Ruf der Gans**, käjäk heisst sonst 1) die Luftröhre der 
Gans, 2) ein Röhrchen von Bast, auf dem die Kinder das Geschrei 
der Gans nachmachen, 3) von Menschen, ein unbedeckter Hals. 

krammelte 'Hirtenstab\ Genauer ist die krummele, auch krüngele, 
ringele genannt, ein Stock mit Ringen. 

linken 'schwach sein\ Es existierte noch in diesem Jahrhundert in 
Westfalen ein linken ptc. lunken 'zusammenschwinden\ De 
snai linket. 

fflntten, pl. „Abfall, Schrot in einem Altenaer Statut^ ist verlesen 
statt mucken, ravensb. miuken in gleicher Bedeutung. 

Bu 'nie', ist ein Wort, welches wenigstens im nördlichen Westfalen 
und im angrenzenden Niedersachsen gänzlich ungebräuchlich ist. 

pasch ^= Strauss. Woeste vergleicht engl. posy. Sollte es nicht 
einfach ^^Palmsonntagsstrauss^ sein? 

pülke 'sanft, leise\ Auch im Münsterlande ;,du most pülke laupen''. 
In Twenthe pol 'poezelig'. Wohl zu pulen 'streicheln, nagen\ 

st^rtpäe 'Nebenpate, Geldpate'. Genauer ist es der Pate, welcher 
mit dem Täuflinge nicht gleichen Geschlechts ist. Er wird auch 
äspäe genannt, weil er (angeblich) beim AusderTaufeheben 
die Hand unter jenen Körperteil legen muss. 

stöt als Ortsbezeichnung wird nicht synonym mit knapp, Hügel sein. 
Ygl. mnd. Wb. stot. 

swickle 'weiss'. Es existieren noch swicken 'wanken, flimmern', 
swick-steren 'Fixstern', swiksterd 'Bachstelze'. 

täster, f. n'Sehne im Fleische'. Es ist zu vermuten, dass st für ht 
eingetreten ist (!)". Es kommt von westf. täsen 'Wolle zupfen', 
zu welchem sich noch täster 'Fetzen', tästerig 'zerfetzt' finden. 

Tewes 'Tobias'. Es ist vielmehr Matthäus. 

tolle, f. Zweig z. B. vom Heidelbeerstrauch. Genauer heisst das Wort 
de toll, m. plur. tolle und es kommt in Westfalen in den Be- 
deutungen: Dolde, Büschel Haare, Baumwipfel vor. 

tweteboek 'Zwitter'. Auch twietenbok, kwittkenbock 'Bock ohne 
Hörner', 

&ling, dummer Mensch, Narr, holl. uil. Im Kreise Ahaus auch noch 
ülig = übel, ungezogen. 

, f. Kröte. ;,Ags. ^ce, f. rana = büke; usse entstand aus fite 
für fike, da t und k sich vertreten können". Dies ist gewiss 
nicht richtig. Das Wort muss uwisa gelautet haben. Waldeckisch 
uwwel 'hässlicher Mensch'. Paderborn üggel 'Scheusal', engl, 
ugly 'hässlich'. 



70 



Briefe you Fr. Woeste. 

Iserlohn, 11. April 1874. Von den mir vorgelegten ravensb. Wörtern habe 
ich einige noch einmal erwogen und schreibe Ihnen darüber, so wie über ein paar 
andere, die auch Ihrer heimat angehören. 

1. Südwestf. ädr5tig, verdriesslich, schliesst sich doch wo! an ags. äthreät, 
tsedium, ahd. ardriuzan, mhd. urdrützec. ä (für är) entstand unter dem einflusse 
von r (vgl. är, auris) aus ör, und dieses aus ur. Die bedeutuogen des lipp. ödreutig 
(Mda 6, 860), faul, langsam, verdrossen zur arbeit schliessen sich an die grund- 
bedeutuog pigere, die des mnnst. ärdrötsig, widerspänstig, gieog leicht ans dem 
begriffe verdrossen hervor. 

2. Südwestf. äter, n., kette die den hinterpflug an den vorderpflug bindet, 
wird doch nicht, wie ich dachte, aus atter = after zu erklären sein, da ein lipp. 
inätern (Mda. 6, 213) mit der bedeutung «einen zäun mit „braken^ anfertigen" 
vorkomt. Diese Verwendung führt auf ein mitteldeutsches ater, welches alts. edor 
(septum), mwestf. edertün entsprechen kann. Oberdeutsch gilt etter, m. und n. ge- 
flochtener zäun Der ursprüngliche sinn unseres äter muss sonach der eines aus 
lindenbast geflochtenen starken seiles sein. Das frühe mittelalter verbrauchte viel 
hast zu seilen; vgl. schon den „widere (bastschliesser, seiler) te iuc-tämon (joch- 
zäumen).** Vermutlich ist ater, atter — g-atter, vgl. g-itter. Das ä in äter vertrit 
jedenfalls eine ulte kürze, übrigens muss das wort mit der sache aus mitteldeutsch- 
land entlehnt sein. 

3. Südwestf. belter, m. rundes stück holz; lipp. bälter (Mda. 6, 50), stock, 
setzt ein alts. baltari voraus. Bekantlich liefert die wurzel b-1 viele ausdrücke, 
welche etwas rundes bezeichnen, in unserem beispiele die cylinderform. Der gürtel 
(eine cylinderform) heisst ags. belt, ahd. balz, welche nicht vom lat balteus entlehnt 
zu sein brauchen. 

4. Ravensb. bill, schnabel, ist ags. bile. In Gr. Wb. wird unter bille (ente) 
gefragt, ob es mit bile (rostrum) zusammenhange. Sicher nicht! Bille, südwestf. 
pille, pile rührt von dem nach der stimme der enten gebildetem lockrufe „pill! pill!" 
Aber mit bille, Werkzeug des steinhauers, hängt bill, schnabel, zusammen, vgl. 
Kil.: „bille. vetus securicula, instrumeutum lapicidse, vulgo billa." Bill (schnabel); 
billen (Kil. billen den molensteen) = beck (für bick): bicken (südwestf. picken). 
In bill muss der begrif eines spitzen kegeis liegen. 

5. Lipp. eBnebadding (Mda. 6, 59), mastdarm; Dähnert 106: endbutt; 
südwestf. engebuddek (für endebuddek), dicke wurst, wozu der dickdarm ver- 
wendet wird. Wir haben in Südwestfalen auch butt, darm, in butt-ungel, darm- 
fett; ausserdem butten, bauch (grober ausdruck), urspr. = engl, body; ütbüdden, 
ausweiden, die eingeweide herausnehmen; büttelen, den bauch aufschneiden. In 
Altena hat man puddek, m. wurst, also = franz. boudin; vgl. engl, pudding. 
Offenbar drückt die wurzel b-d den begrif rundhohl, concav und convex aus. 
Das alts. adj. budin, budden hatte diese bedeutung in Budden-arson und budin getö 
(hohlgerät, fässer). 

6. Lipp. liaimern, ravensb. flimern, schmeicheln; dazu flaimerig, fltmerig 
(Mda. 6, 208). Dort wird auf 5, 422 verwiesen, als ob das wort mit flaumfeder 
zuzammenhangen könne. Aber flaumfeder lautet bei uns plüme. Ich rate auf ein 
Stammzeitwort *wliuhan, woraus dann *wlihan hervorgieng. Der anlaut wl ist aus 
fries. lioenjen, schmeicheln (vgl. nds. lartjen für wlartjan = wlartön, ags. fleardjan, 
woraus iranz. flatter) zu schliessen, da ein ursprüngliches f wol nicht abgefallen 
sein würde. An wliuhan reiht sich südwestf. deminutivverbum flohnken und 
f löhnen bei Hans Sachs. Die anderen formen schliessen sich an das praßs. oder 
prset. von wlihan; also ags. flean, hd. flehen, mnd. vlen, holl. vlegen. Ravensb. 
flimern setzt ein subst. '''wlihama (Schmeichelei) voraus, vgl. ags. leöma für leöhama. 
Merkwürdig steht diesen formen goth. gathlaihan gegenüber. Ich denke, unsere 
Stämme liebten keine anlaute tl, pl; sie begnügten sich mit einem dem th entnom- 
menen h, welches sie dann mit w vertauschten und später zu f verhärteten. 

7. Lipp. mik, m. regenwurm. Der Mda. 6, 355 angenommenen ableitung 
von made, meddik pflichte ich bei. Wärel hier aus iu hervorgegangen, so würden 



71 

die Lipper moik sprechen! t inuss hier = e + i sein. Mit ptk (mark im holz) 
aus peddik verhält es sich ebenso, jedoch gieng dem peddik ein pithik voraus, wie 
ags. pidha, engl, pith lehren. 

8. Südwestf. piekert, m. ein primitives gebäck auf der ofenplatte. Es wird 
ableitung von pick (pech) sein, weil der teig anklebt; vgl. ostfr. picker ig, anbackend 
(Stürenburg)^ 

9. Pilpo^ge, kaulquappe, froschlarve. Pfl, eigentlich pfeil, bezeichnet die 
gestalt des tieres. Zu Rheda heisst es pi9]k, was ich unserem pidrk (für piddik), 
Pfahlwurzel, gleichstelle; bei Iserlohn nent man die froschlarve dickkopp. 

10. Lipp. pnitk, ravensb. pitk (Mda. 6, 864), kleines schwächliches kind; 
Schamb.: pftje. Pit, pitt muss klein, zart bezeichnen. Wir haben für pitk ein 
pittmeseken, vgl. engl, titmouse. Pit, pitt ist = tit, titt; vgl. altn. tita, res teoera; 
mhd. zeiz entspr. ags. t4t. £& hat sonach ein st. v. pitan, pet und tttan, tet gegeben. 

11. Lipp. senkatte (Mda. 6, 483), weibliche katze. Vgl. 1. Mose 7, 2 
(Magd. Bibel): «den he und syne see** für Luthers: „das männlein und sein weib- 
lein**; ib. 3. Mos. 3, 6: „idt sy ein he schäp edder ein se schäp** für Luthers: 
„es sey ein schöps oder schaaf**. 

12. Lfpp. strawftlen, ravensb. strawölen (Mda. 6,48ß), sich mit anstrengung 
durcharbeiten (durch schnee, morast, gesträuch). W51en wird wühlen sein. Stra 
scheint verstärkend für stramm zu stehen; vgl. strambulsterig. 

13. Südwestf. strnäte, f. Speiseröhre, luftröhre (de unrechte struäte), itaL 
strozza. Ursprünglich wird das wort strota gelautet haben. Nach abfall des 
schätzenden s verschob sich t zu th, daher ags. throte, engl, throat, weiter verschoben 
lieferte es ein hd. drosse, woraus erdrosseln. 



Iserlohn, den 3. Juni 1874. Von den Wörtern, über welche Sie meine raei- 
oung zu hören wünschen, glaube ich die meisten mehr oder weniger etymologisch 
zu begreifen; einige sind mir aber noch wildfremd geblieben. 

abänner scheint nicht die partikel ä zu enthalten, ich denke, es ist är-bänner, 
ohrbänder, da sie mit zwei obren (obren) an den staken befestigt werden. 

älwern, erdbeeren. aus erd wurde äl, wern ist bern; wir sagen alberten. 

blom, trübe (b = w) ist wlöm, wluom, unser ilaum (schon ahd. w zu f ge- 
worden in flaum, sordes), dän. flom (flutwasser). daneben bei Teuth. „gloym (= ge- 
loym), onclair**; Luth. bibel: glum. Stammverb '''wlaman, wluom. Verwant: wlame 
(Leyendoctr.) und ostfr. wlemelse, vermutlich auch longob. lama (fisch teich, ?schlamm- 
teich), lat. lama (sumpf), verbum flaümen (wluomjan). 

bricke. wenn b = w, gehört es zu wricken, hin und her rütteln, drehen; 
nds. brickeln, drehholz? bricke, zu brekan, ist sonst 1. viereckiges stück in form 
eines damensteins oder Ziegelsteins; daher schwed. bricka, damenstein, engl, brick, 
franz. brique; oder 2. gekrümtes holz, so bei uns das krummholz, an welches der 
fleischer ein geschlachtetes tier hängt, wir sagen: so schef (krumm) as ne bricke. 

biesebänn (b = w) ist unser wiaseböm, wiesebaum, heubaum. 

fairkoje (?) fuir =:^ fir. bei uns fiaere kaue, fiaer, nicht trächtig, zeitweilig 
unfruchtbar, das schwierige wort auch engl.: farrow cow. ich denke fiaer ^ fair 
(wie wiaer = wair), fairo = thairo (f=th); thairo entspricht goth. s-tairo, sterilis 
(s schützte t vor der Verschiebung in th). 

gaste, anderwärts giste, nl. gust, gustig führt auf *giusan, '''gisan, agitare, 
pellere; daher altn. gustr = engl, gust (windstoss). verwante Wörter sind ahd. 
keisan, ags. gasen, agitatus, sterilis. 

bucht, Strauch (ch = f) zu heven, heben. Kilian: hocht. ahd. huftdi, virecta. 

ktaigen, k = ge; also getigen, was aus getidigen zusammengezogen ist. 
unser tiggen, tigen (tendere) lautet noch bei Tunnicius tidigen. 

kttX, gefängnis. ich denke = gehuks, zu hucken, büken. Kil. hock, ovile, 
septnm, cavia. bergisch huck, winkel. 

Ininsk ist launisch, zu lüne, was offenbar auf mondwechsel geht; cfr. Gesch. 
d. d. spr. 1026. 

mangel, wir mengel, ist mandel (g für d); vgl. amande. 



72 

nfille hat anlautendes k verloren; ags. cooll (cacnmen), engl, knoll. graod- 
verb. *knillen neben knallen. Vorwanf : ahm. nill (prnis); südwestf. nilln& (peitsche). 

verpaisen, besser unser verpresen, rerprsesen, stamt von bras, epnlae. ver- 
brassen steht Selb. Qu. 1, 26. 

prall ; Lipp. proll Mda. 6, S64. Wir haben nur pl. prüllen, verworrene wert- 
lose dinge. Stürenburg scheint mir das rechte zu treffen, wenn er auf entstehung 
aus bruddel verweiset, merkmal des verworrenseins konte auf traube, dolde vom 
Volke angewendet werden. Vgl. fr. brouiller, nd. verbruddeln. verbroddeln. 

pailen bezeichnet wesentlich wol das laufen mit schallenden tritten. Südwestf. 
he pselde w§g. es ist also = südwestf. pselen, pelen, gewöhnlich = schallende 
schwere schlage ansteilen und lässt an lat. pellere denken. In Scheveclod 109: 
palen, rudern, to paddle. 

quaken erinnert an queckholder für weckholder (wachholder), nd. waken 
(wachen) hat ein k verloren, wie erquacken (Stinchin v. d. kröne) ^^ erwachen lehrt. 

salen, trockene kleeblätter sehen schwärzlich aus. ahd. salaw, salo, 
fuscus, ater; südwestf. saul. 

sehamper, auch beim Teuth., wird eigentlich abstossend bezeichnen und 
mit schampen, afschampen, schampsten zusammenhangen. 

schielt zu schelen, bei Hamm schellen (et schellt en pennink, macht einen pf. 
unterschied), unterschied machen, differieren, schelen ist ags. sciljan transit distin- 
guere, dividere, welches auf scelan^ separare, glubere zurückführt. Wat schielt dui 
dat? bedeutet genauer: was iür einen unterschied macht dir das? 

släif, altn. sleif gehört zu slappen, dem ein '''slipan vorausgieng. slappen = 
ahd. laffen ist lecken, synon. slappholt, südwestf. 

snareke = smacke. aus sm wurde öfter sn. smacken, klatschen. 

beswoigen, oi für uo + i (biswuegian) ; vgl. alts. ags. swögan, nd. swogen, 
sw^gen. die empfindung eines schalles, mit welchem die Ohnmacht oft begint, wird 
zum Worte beswoigen geführt haben. Bei Soest noch ein st. v. beswaugen. 

tiekebäanen. eben so Osnabr., in der Soest. Schrae 21^ heissen sie tecken, 
wobei, denke ich, oönen ausgelassen ist. ich halte tieke (südwestf. tiäke) für tecke, 
zecke, weiss aber freilich nicht, was dieses insect mit den kleinen buffbohnen zu 
schaffen hat. für diese annähme dürfte unser wibbelbönen = käferbohnen sprechen. 
Kiliau hat weuel, boonworm, midas; vermiculus in fabis nascens. [Vgl. Ravensberg. 
Grammatik S. 108. J.] 

toibeD, uüser taüwen, taiwen = tuoviau, mwestf. töven, aufhalten, anhalten, 
Stammv. *tavan. tavjan, tundere, c^cre, molestare. 

twiagen ist sehr merkwürdig! wie dringen = dragen, so twiagen = twagen. 
es ist kein anderes wort als twahan, twagen, waschen, welches also ursprünglich 
ein hin- und herbiegen des zu reinigenden gewandes ausdruckt. 

wand, gewand, natürlich zu windan. 

wispeltüete, südwestf. wispeltüte, 1. Wirbelwind, windhose. eine tüte, ein 
trichter, der sich bewegt (wispelt). 2. unverständliches gemurmel, blendwerk, albernes 
gerede, aber im plur. 

wett erinnert an den rechtsterminus wcdde, der ursprünglich merces, prsemium 
bezeichnet. 

wöpkenbraad auch bei I^yra p. 46: „wopkenbraud , wurstbrod^. wopke 
scheint aiso im Osnabr. ausdruck für blutwurst zu sein. Mir scheint wopke mit 
wabe und wäfel zusammenzuhängen und die Scheibe des blutpanharstes zu be- 
zeichnen. Ein nd. wöbke (kleine art enten, Richey) kann nicht aufklären. 

nogel ist nach lat. ungulutum gebildet 



Iserlohn, den 24 Juni 1874. Ganz ist in Ihrem briefe vom 18. d. m. die 
bei mundartlichen Stoffen so nötige deutlichkeit der handschrift noch nicht einge- 
treten, da ich das wort für „wegstaub** und ein anderes dem „mlse^ verglichenes 
nicht zu lesen weiss. Ihr „sich-merken-wollen** erinnerte mich dabei an den «kohl- 
treiber**, der seinem künden, dem Schwelmer pastor, als dieser ihm das fluchen 



73 

rfigte, antwortete: ,Nfti, hser, flanken nn swiaeren dat dan eck nich, ftffer haol mick 
Üwig uo äiwig der Döüwel, de kuolen sidd guod!** 

Aber scherz bei seite und zur sacke! Ich bespreche die Wörter, welche Sie 
mir vorgelegt haben. 

1. btton, n. a. Zimmerdecke; b. nneigentlich: bodenraum; mnd. bone, m. und f. 
Die bedeutung a ist bei uns weitaus die häufigere; sie ist auch die ältere, ursprüng- 
lich muss in diesem werte der begriff des bedeckens liegen. Dies erhellet nament- 
lich auch aus berg. und westmärkischem banne, f. Oberhaut, rinde, z. b. serdäppel 
med der bttnne; ^kenbünne. Auch höhne (faba) scheint mir zunächst die schote, 
dann die fruchtkeme bezeichnet zu haben. Ihr ravensberg. schätbüanen fällt 
also nicht auf, bestätigt vielmehr meine auffassung. Es nennt die deckenden 
häutigen scheiden, aus welchen der schuss (schuät, sch&t) oder die ähre 
hervorbricht. 

2. hfimsken (beschwichtigen) steht zunächst für hürmsken. Verdünnung des 
m zu n ist nicht selten, vgl. näter (marder), nftpen = m^pen (maulen), snaien oder 
snaigen für süddeutsches schmaügen und hd. sich schmiegen. Weiter ist hürmsken 
= hirmsken, wie hülpe = hilpe. Ahd. hirngan (quiescere) und *altwestf. hirmiskou 
Verden aus einem a^j. hirmi (ahd. gahirmi, quietus) entsprungen sein. Hirmisk6n 
(hämsken) konte so ruhig machen bezeichnen, wie j&dschen zum Juden machen 
ausdrückt. 

3. ^eck, n. und m. wird ursprünglich actjectiv sein, vgl. rheinl.: sidd' er geck! 
Dieses muss den begriff des drehbaren und verdrehten enthalten haben, wie 
sich aus der Verwendung zu ergeben scheint. 1. drehbarer deckel, deckel mit einem 
gewerbe. Staphorst 1* s. 469. 476. 2. hampelmann. Lyra 102. 3. drehbarer 
mantelstock, südwestf. 4. giebelaufsatz, mag früher auch drehbar gewesen sein, um 
als wind&hne zu dienen. 5. eine ( ? köpf) krankheit der kälber. Seih. Westf. Urk. 
6. verdrehter mensch, narr. 

4. kMudden-käin (trockenwinkel für flachsknoten), bei Lyra 199: knuttenbahn. 
Es ist unwahrscheinlich, dass sich ein franz. coin (lat. cuneus) unter die alten aus- 
drücke des bäuerlichen lebens verirrt hat. Lieber sehe ich darin ein koje, koye, 
kooi, berg. kaue, behälter, verschlag. Für das n von käin vgl. man täne, f. 
lehe (südwestf.), tohn (Richey); sIeine, Schlehe. M. Chr. II, 437. 

5. liit, n. (mädchen) ist zwar nicht Singular von luie (lüde), aber nahe damit 
verwant Die alte form war wol liudi; daher der umlaut ui. Beide Wörter mögen 
aas alts. hliodan (mwestf. schw. f. loden), wachsen, herstammen. 

6. Bise, übel, kann aus misse entstanden sein; das mhd. subst. misse = 
error, eigentlich aber abweichen vom wege. Grimm Qram. II, 470. 

7. pinllain, wegstaub. Vom franz. boue ist schon deshalb abzusehen, weil 
des wertes eigentliche bedeutung windhose, Wirbelwind sein wird. Dies ver- 
mute ich aus folgendem Grimm führt in der D. Myth. s. 209 ein auf dem Eichs- * 
fdde gebräuchliches pulloineke (Wirbelwind) an, dessen pul an Phul und Balder 
erinnern soll. Ich zerlege in puU-loineke. Loineke(n) scheint nd. form für mhd. 
lönelin = lennelin (meretricula), zu ahd. lenne (meretrix). Pulle, piule ist blase, 
beule (südwestf. bulle); Kilian: puyle j. buyle, tuber. Ich will es beutelhure, 
triebt er hure übersetzen, was keine unpassende schelte für die verderbliche wind- 
hose scheint 

8. ribbet, altes weih; bei Lyra 177 ,'n ault ribbet, ein altes weih, rappel- 
tasche^. Mit rappeltasche hat Lyra, vielleicht ohne es zu wissen, die etymologie 
gegeben. Bei Philander 2, 641: rippert, seckel (als soldatenwort). Rheinl. rtpert 
1. dicker bauch; 2. anhängetasche der bettelweiber. Dem ibb kann ein Ib (ip) 
entsprechen; vgl. pille : ptle; cille : ktle. Verwant kann sein unser riäp (korb- 
gerippe, altes weih), bei Kantzow und Göthe: reff. Fern bleibt ags. hraev (cadaver), 
dessen heutige form räiw ist (räiwe-strd, leichenstroh), dessen mnd. r^ oder ree in 
r^roff M. Chr. I, 192. 198; reeroiff 247, leichenberaubung, raubmord. 

9. speckmius, Spitzmaus, hat mit speck (lardum) nichts zu schaffen. Bei 
uns heisst sie spiotmüs (spiessmaus), nicht spitsmüs. Speck wird für spett (spiess) 
stehen; k wechselt nicht selten mit t; vgl. kriawek ^ kriawet (krebs), pucks = puttB, 
kwidk = twiok. Möglicherweise hat man statt peicke, peeck (M. Chr.) hin und 



74 

wider speicke) 8peeck gesagt. Schmitz Soester Daniel 46 bat „mit knsen und speicken^, 
wofür indes die alte octavausgabe peicken (pieken) hat. 

10. vertaget, eng befreundet. Alts, thagön (schweigen), mnd. verdagen (ver- 
schweigen); mnd. verdagen, einen tag bestimmen, lassen sich begrifflich nicht mit 
dem vorstehenden vereinigen^ weichen überdies durch ihr th und d ab. Ich vermute 
vertaget ist = verlanget. Ein altwestf. '''fartangdn kann constringere ausgedrückt 
haben; vertangede (vertägede) sind darnach eng verbundene. Verwante Wörter, 
aus welchen diese bedeutung sich schliessen lässt, sind: tang (fucus), eigentlich etwas 
sirangförmiges, davon der pl. tenge, kniffe, tücke; tauge, zange; tangenbroer, 
kamerad; alts. bitengi, enge, gedrang; tanger, scharf, beissig; rawestf. betengen, be- 
drängen. Grundbegriff ist das enge-, gedrängt-, geklemmt-sein. Ohne n 
schliesst sich taggen, Rheda: tacken, zanken, an. 

11. nake, bube. Kein engl, urchin (ige!, Stachelschwein, kobold [Shakesp.], 
loser junge), da dieses sich erst aus altfr. iregon (lat. ericeus) gebildet hat, die be- 
deutung „loser junge** die jüngste ist und vocalisch durchaus nicht zu uake passt. 
Das ua in uake deutet auf ua = o = got. u eines ptc. ukans zu ♦iukan, auk, 
welches Ycrbum auch die grundlage von ökan (augere) und ök (auch) sein wird. 
Es scheint passend, das kind als zusatz, augmentum zur familie aufzufassen. 

12. wik, entrich, könte wädik (für wärdik) enthalten, wie mik = madik. 
wärdik wäre Weiterbildung von ward, wie der entrich nach der stimme genant sein 
kann; vgl. ostfr. waarte. 

Iserlohn, 12. September 1874. Sie fragen in Ihrem briefe vom 6. d., wie 
man die vocalveränderungen der 2. und 8. singul. prses. anzusehen habe. Mit dem 
umlaute verhält es sich wie im mhd. und nhd., nur dass zumeist auf den einfachen 
oder grundvocal der ersten person zurückgegangen wird, vielleicht ein zeichen, dass 
diese umlautungen schon zu der zeit begannen, als die einfacheren laute des mnd. 
noch galten. Die dabei statt findende vocalverkürzung ist notwendige folge einer 
durch elision eintretenden position. Diese elision hat aber sehr willkürlich statt 
gefunden. Die Iserl. Mda. z. b. verlangt raupe, raipes, raipet; kriupe, kruipes, 
kruipet; schrei we, schre'iwes, schrei wet; dre'iwe, dreiwes, drelwet und daneben doch 
bleiwe, blifs (bliss), blift (blitt). Manche von diesen Verkürzungen galten schon im 
mnd., ohne dass ein umlaut bezeichnet wurde; but, schut, tut verkürzten sich oder 
besser traten in dieser kürze auf zu einer zeit, wo noch biudan, sciutan, tiuhan galten. 

teilet und ribbet« Über letzteres haben Sie schon mitteilung erhalten. Es 
steht sicher für ribbert. Dabei könte eine Zusammensetzung mit hard statt gefunden 
haben; vgl. Gr. gram. Ö, 339. 340. Wahrscheinlicher ist mir aber, dass das wort, 
wie viele andere, ein unorganisches t erhalten hat, zu dessen annähme formen auf 
*er geneigt sind; vgl. Magdeb. Bib. Prov. 6: fülert (fauler); jüngere beisp.: bastert 
(knicker aus alabaster), drinkert (trinker), gaffert (gaffer), käffert (keichhusten), 
malmert (knicker aus marmor). Mit teilet wird es sich eben so verhalten; es ist 
das als familienname vielfach vorkommende Teller mit zugefügtem t. Bekantlich 
sind viele familiennamen schelten, meiner indessen nicht, weil er sich an einen hof 
bei Lüdenscheid knüpft, der seinen Namen erhielt, als er eine Zeitlang mansus non 
vestitus, woeste hove, gewesen war. 

SEGEBERG in Holstein. H. Jellinghaus. 



75 



Eine niederdeutsche Spottschrift 

auf den Hamburger Patrioten von 1724. 



Lange vor den Bremer Beiträgern und dem Göttinger Dichter- 
band bestand in Hamburg eine Gesellschaft litterarisch gebildeter 
Männer, welche in regelmässigen Zusammenkünften ihre eigenen 
litterari^chen Arbeiten vorlasen und beurteilten. Es waren dies die 
Mitglieder der „Teutsch- übenden Gesellschaft^, die der besonders 
durch sein ,,Irdisches Vergnügen in Gott^ bekannt gewordene Barthold 
Heinrich Brockes 1714 mit Mich. Richey und König stiftete. Es ge- 
hörten zu dieser Gesellschaft noch Triewald, Joh. Albert Fabricius, 
der grosse Philolog, Höefft und Joh. Hübner. Man wollte teils durch 
Übersetzen aus fremden Sprachen, teils durch eigene namentlich 
poetische Arbeiten den Gebrauch der deutschen Sprache zu Ehren 
bringen und sie selbst veredeln. Schon nach drei Jahren löste sich 
die Gesellschaft auf und an ihre Stelle trat die „patriotische Gesell- 
schaft^, welche Brockes in Gemeinschaft mit Fabricius und Richey 
gründete und zu der die gebildetsten und angesehensten Mähner der 
Stadt zählten, wie die Prediger Daniel Zimmermann und Joh. Thoraas, 
Schubart, der Rector Joh. Samuel Müller, Georg Behrmann, die Rats- 
herren Klefecker und Widow, Luis, H. J. Faber. Graf v. Brockdorf, 
der Syndicus J. S. Surland, J. A. Hoflfmann, J. G. Hamann, Anckel- 
mann und Weichmann. Ihr Organ war die moralische Wochenschrift 
„Der Patriot^, welche am 5. Januar 1724 zum ersten male erschien 
und bis 1726 bestand. Diese Wochenschrift, „die verhältnismässig 
geistvollste und entschieden wirksamste unter allen deutschen mora- 
lischen Wochenschriften*'*), hatte den Zweck, ihren Lesern eine Be- 
lehrung über die wichtigsten Fragen „der Rechts- und Sittenlehre, der 
Staats- und Handlungskunst^ zu verschaffen und durch Aufdeckung 
der gesellschaftlichen Schäden die sittliche Wohlfahrt zu fördern. 
Sie wollte „mit natürlichen und vernünftigen Gründen in allen den 
geselligen Umgang, die Haushaltung, Kinderzucht und gemeine Wohl- 
fahrt betreffenden Sachen andere gern von Thorheiten abführen und 
ihnen dasjenige sagen, was entweder sonderbar oder so lebhaft zu 
sagen die Umstände eines heiligen Amtes und Ortes nicht allemal 
zulassen^. 



♦) Hettner, Litteraturgeschichte des 18. Jahrh. III», 321. — Gervinus Gesch. 
der deutschen Nationallitteratur III^, 668 bezeichnet den „Patriot** als einen höchst 
elenden Vertreter der deutschen Journalistik, in welchem die moralische Satire gegen 
die in Schuppes Zeit sehr zurückgegangen sei. 



76 ' 

Schon die ersten Nummern des „Patriot^ erregten einen wahr- 
haften Sturm in Hamburg und veranlassten eine Flut von Gegen- 
schriften, die teils in der Wochenschrift selbst, teils in Einzelschriften 
beantwortet wurden. Aus der Reihe der Gegenschriften, zu denen 
auch der auf den nachfolgenden Blättern gedruckte ^^Kindertreck- 
Discours^ gehört, führen wir folgende an: 1) Beweiss, dass der Patriot 
auf dem Wege der Bestialität einher trete. Aus allen seinen 16 Piecen 
vorgestellet. 1 724. 4 Bl 4**. — 2) Patriota Papizans oder der nach 
dem Pabstthumb grässlich stinckende Patriot, aus dessen 3. und 
4. Stück erwiesen durch Hanss Beissan. Freystadt, den 5. Febr. 1724. 
4 Bl. 4^ — 3) Der vom Pharisäischen Giflft und Pestilentz unsinnige 
Patriot, welcher auf einen solchen Grund, der der Teufel selbst ist, 
Heucheley säet, und so entdeckt von Job. Wilhelm Abbe. 1724. 
12 Bl. 4**. — 4) Patriot, Schnatriot. Ein wenig beleuchtet vop einem 
ehrlichen Schlesier. 4 Bl. 4®. — 5) Der Fräulein und Mademoisellen 
Studentinnen Protestation und Declaration wider die ihnen von dem 
Patrioten nulliter und unvernünffbiger Weise oflferirte Narren-Kappe. 
2 Bl. 4^ — 6) Sehr gelinde Reflexions über den sogenannten Patrioten. 
1724. 4 Stück a 4 Bl. 4^ (Über Nr. 1—8 des Patrioten). — 7) Neu- 
modisches Nasen-Futter und Kappen-Zaum vor die Huren oder Copia 
Herrn Bronckert von Wohlleben aus Braunschweig an seinen Lands- 
mann den Patrioten zu Hamburg, mit der Braunschweigischen Post 
abgelassen, von diesem aber dem Publico biss dato noch nicht com- 
municirten Schreibens. Braunschw. 1724. 4 Bl. 4^ — 8) Patriot 
liegt in Koht: Vivat Ihr Gnaden, Rode Tüffeln und kene Waden. 1724. 
4 Bl. 4^ — 9) Der vorhin unsinnige, nun aber noch unsinnigere 
Patriot. — 10) Zweener Oberländischen Pferde-Regenten im Schertz 
und Ernst über des Patrioten thörigte Alfanzereyen gehaltene Con- 
ference. 1724. 4 Bl. 4^ u. s. w. 

Wir lassen nun die niederdeutsche Spottschrift*) folgen. 



*) 'Der Verfasser derselben ist' (wie Dr. C. Walther mitteilt) ^Sebastian 
EdzarduB. Ausser dem niederdeutschen Discurs hat er gegen den Patrioten, wie 
Schröder im Lexikon der Hamburgischen Schriftsteller II, 145 f. aufzählt, noch nenn 
Schriften veröffentlicht, alle hochdeutsch, mit Ausnahme einer, in welcher einige 
Personen hoch-, andere niederdeutsch sprechen: Et wart nich geschehen, dem Patrio- 
ten to Ehren, föfftein mahl up enen Morgen Besöck angebrocht, o. 0. (Hamburg) 
1724. 4 Bl. 4?. Das flamburgische Schriftsteller-Lexikon kennt 133 meist Pseudo- 
nyme Schriften von ihm ; in dem Exemplare dieses Lexikons, welches die Hamburger 
Stadtbibliothek besitzt, sind viele Nachträge dazu von Klose's Hand, der das Lexikon 
fortgesetzt hat. Später gelang es mir, ihm noch eine so grosse Anzahl Flugschriften 
zuzuweisen, dass man seine bis jetzt nachweisbaren Schriften auf ca. 200 beziffern 
kann. Ein solcher Vielschreiber nimmt es mit der Sprache und der Orthographie 
nicht genau. Er gebraucht z. B. ä bald für oe (äver *über', mägt* mögt'), bald für 
^ (fääe 'sagte'), wie er statt äver auch över, einmal vor und dann wieder vär schreibt. 
Zu diesen Ungenauigkeiten des Verfassers kommen dann noch die Fehler des Setzers, 
der offenbar das Hamburger Niederdeutsch nur ungenügend kannte, sonst stünde 
nicht statt des ii des Verfassers so oft ü z. B. Tüdt 'Zeit', toüdt 'weit'. Statt des 
inlautenden v hat der Druck häufig f, bisweilen b. Im Druck steht stets schl, schm, 
sehn, schw, waJbrend sl, sm, sn, 8w allein der Hamburger Sprache gemäss, stets ck 
sowol nach langem (Kick, ock) wie kurzem Vokal (skk)!' 



7? 

Kindertreck-Diseonrs, Kver den Patrioten, In good Plattdfitsch 

Cfefeelden, Van Acht Hadames, nn ene Wartsfru. 

Im Jahr 1724. 4 Bl. 4^ 

Serrana. Ancje^), bringt doch noch ene Kick her vor Madame 
Maturia. 

Ancje. Ja Madame, hier is al ene. 

Malaria. 0, de Meut war nich van uöden. De Patriot mug 
dar man wedder wat van in sin Papier bringen. 

Ancje. Oh ne Madame. Ick bin all en olt Warts-wieff. Wenn 
ick noch enne nettgeschnörte Lütckemagd') wäre, so mug de Ratriot 
menen, et war en Röckvatt. 

Yocon ie. Wo heet he? Ratriot»)? 

Ancje. Heet he nich so Madame? 

Maturia. He rätert wol wat her. Doch heet he nich Ratriot. 

Ancje. Wo heet he denn? Heet he wor Pratriot. 

Voconia. Prat het he genog, de nicks nüt is. 

Ancje. Heet he denn Pralriot? 

Severa. Pralens un Grotspreckens het he ock övervlödig. 

Ancje. Is et denn noch nich recht? So mug he minenthalben 
Eatriot heten. 

Fannia. Dat war gar to hart. Meen ji, dat et en Kater is? 

Ancje. nu besinne ick mi. He schal Pultriot oder ock 
Patriot heten. 

Serrana. Ne ne, he heet Patriot. 

Ancje. Patriot, Patriot, nu wil ick et wol beholen. Man wat ^) 
is Patriot vor en Deert? Is^) et en Papagoy oder süs wat? 

Maturia. Ne, he is en Minsch. Un wiel he meent, de^) Lüde 
in Hamborg sunt Yeh, so wil he se to Minschen macken. 

Pomponia. So wart he Diogenes wat schlachten. Da heff ick 
wol eher van hört, dat he an hellen Dage^) mit ener^) Lüchte is 
herumgegan und hefft Minschen gesögt ^). 

Fannia. Dat segt he ock in sinen ersten Nummer. 

Cerella. He giffc jo vor, dat he bi de Minschen- Freters wesen 
is^^). Wunder, dat de en nich all lang verteert hefft. 

Fannia. Se mägt en wol vor kenen Minschen ansehen hebben*^). 
Sü8 harden se [em]^*) wol nich lopen laten. 

Yoconia. Wat mackt man nich ümt Geld! Har de Hollander 
segt, as he tom erstenmahl enen Apen gesehen. De Americanische 
Minschen-Freter[s] '*) mägt ock wol dacht hebben et war en Ap vört 
Geld gettiackt*'). Süs harden se en twehundertmahl upgeten, wenn 
he twe Jahr lang sick har bi enen upgeholden. 



^) Ancje ist vermutlich von dem Setzer aus Antje *Änchen^ verlesen, denn so 
oder Anneken oder Anke lautet in Hamburg der Name. •) Der Druck bietet 
L&ckemagd. ") Rarriot. «) was. *) Ist. •) die. ») Tage. «) enen. •) = gesöcht 
»gesuckf. '») ist. ") haben. ") fehlt im Druck. ") gemacht. 



78 

Aurelia. Is he gantzer twe Jahr alleen bi den Minschen-Freters 
gewesen? Wo lang mag he denn wol Overall mit Reisen tobrächt ^) 
hebben. 

Voconia, Etlicke twintig Jahr. 

Severa. Man Fru Licentiatin, Het se denn den Patrioten 
nich lesen? 

Äurelia. Och ne. Ick heb de velen lefen Kinder un enne 
starcke Husholdung: davan kan ick nich so vel Tiidt affbrecken, so 
en Tandt to lesen. 

Severa. Se het grot Recht. Ick heff ock man de ersten veer 
Stück halen laten. Hernah heb ick dat Tag mine Ogen^) nich mehr 
giint. Daför lese ick leverst Quirsfelds Historisches Rosen-Gebüsch^) 
oder süs en good Boock. 

Maturia. Ick heb man en klenen Husstand un nich veel darin 
to don. Also heb ick de Dorheit began und alle sine Nummers dör- 
lesen. Man ick wart ock möde un warder de Tiid^) nich mehr mit 
verdarfen. 

Severa. Wat segt er aver er Herr van, Fru Doctorin? 

Maturia. Min Herr segt, de Kerl wil gern Pickeln un döcht 
er nich to. 

Voconia. Dat is ock de rechte Warheit. Wat is dat nich 
vor en dummen Schnack, wenn sös Fruens-Persohnen to hope wären ^), 
schuUen nich mehr as fiff davan to euer Tiidt ^) sprecken un de söste 
schul tohören? Wenn fiff Fruens-Lüde up enmal sprocken, so würden 
se jo er egen Wort nich vernehmen känen. 

Maturia. Dat mag he wol so verstahn, de fiff schullen man 
mit enander sprecken, de sösde aber Overall nicks, sünderu man en 
blot Stillschwiegen darto don. 

Severa. Dat schickt sick doch ock nich. De to hop sünd, 
mägt ock wol mit enander sprecken, un kan man doch nüms den 
Mund tobinden. 

Serrana. Dat schul ick ock seggen. 

Pomponia. Ja de Lüde mägt urdelen wat se wilt. De Patriot 
fragt er nicks nah. Denn he schrifft, he furcht sick vor nicks. 

Aurelia. Mein salige Herr hefft mi wol vertelt^), dat er ins 
en General to Herrn Decanus Langermann kamen, de sick velerwegen 
beröhmt har, he war dörch sine Atheisterey so wiet^) kamen, dat he 
sick gar nich fürchte. De salige Herr Decanus bar eben sine Curie 
bauen laten, un em mit Fliet ene Treppe henup geföhrt, de noch 
nich recht fast har legen. Alle Ogenblick har de^) Atheist segt: 
Ich falle, ich falle. Herr Langermann äverst har schmustert un gesegt : 
Ich meynete Ihr Excellentz '^) fürchteten sich nicht. 



^) lies tobröcht. *) Agen. ') Erschien zu Nürnberg 1685. Quirsfelds Buch 
war eine Fortsetzung von Peter Lauremhergs bekanntem Schwankbuche: Acerra 
phUologica, 100 Historien, 1637. *) Tüd. «) l woran. «) Tüd. ») verteelt «) wüdt. 
») die. ") Eccellentz. 



79 

Pomponia. Ich glöv sülffst, wann er man een mit en rüge 
Hansch kam, de Patriot ging wol sinen Gang. 

Maturia. De Calviners holt so wat up en. Ick schick Vor- 
gängen in en Galvinische Avisen-Bode, un wul ene Schrifft halen 
laten, de wedder den Patrioten herut kamen. Man de Dener brach 
thor Antwort, den Patrioten hären se wol, aber nich wat contra war. 

Serrana. Dat wart davan kamen, wiel he, als dar segt ward, 
bj dem Engelischen Prester int Hus wesen schall. 

Maturia. Verständige Reformeerden heffter sülvst en Misfallen 
an. Mester .... da uns Vorgängen de Ehre, un eet mit uns, denn 
min Hr. fort em sine Sacken. De säde, de Minsch mot entweder van 
eoe Religion so vel als van de andere holen, oder ock kenen Verstand 
hebben, süs wür he nich by enen Prester van euer andern Religion 
sick int Hus legt hebben. 

Voconia. Off de Junffern Universität bald angeit? Mine 
Nabersche er Dochter wülder gern mit in. Se denckt Junf. Magisterin, 
oder gar Junf. Licentiatin, un Junf. Doctorin to warden. Wenn se 
DU ins freyde, so wür er Mann Herr Magister, Hr. Licentiat, Hr. 
Doctor mit her. 

Pomponia. dat war so god als en halffen Brutschatt. Min 
Söhn sä vergangen to mi: Mama, ick heff nu nich nödig mi den Kopp to 
tobrecken, wenn ick wil Licentiat oder Doctor warden. Ick dörf man 
80 ene Jungfer freyen, de im neuen ^) Warck Licentiatin oder Doctorin 
worden is. So heff ick den Titel umsüs. 

Aurelia. Dat let sick hören, un so kun ick ock an minen 
Sahn vel Geld sparen. 

Serrana. Er Sahn wart nu braff groot. Schal he nich bald 
na Universitäten reisen? 

Aurelia. Ick denck em noch en paar Jahr by mi to beholen. 

Pomponia. De Fru Doctorin er Broder is wis all weggereiset. 

Maturia. Ja vergangen Michelis. 

Voconia. He studert wis ock in de Rechten. So ward he wol 
na Halle gan sin. 

Maturia. Ne Madame, dat wul min Herr dorchut nich hebben. 

Voconia. Worum denn nich? Ick weter doch veel de dar 
hen treckt. 

Maturia. Dat kan wol wesen. Man min Herr segt, de Rechten 
wart dar nich god dräfen. Dar kam ock ins en Student hef, de war 
wol säven Jahr by Thomasius int Hus west. De beede minen Herren, 
he^j mug em doch to wilen wat tho dou geben. Min Herr wult ins 
mit hem^) versöcken und let hem^) ene Acte maken. Pa bar he ut 
dem Schwaben-Speigel en hupen henin schreven, dat, hier im Gericht 
nich gilt, har ock up de Hamborgischen Statuten sick unnütt mackt, 
un se reformeren willen. Min Herr mus des Nachts : noch upsitten, 
un en andere^) macken, denn se schul den andern Dag ingebenwarden. 

*) l neyen. •) de. ■) l, em. *) andeer. j ^ 



80 

Severa. Ich hör ock, de Patriot schall in Halle studert hebben. 
Yiellicht^) het he dar so dal Tüg lehrt, dat he na in sine Papieren 
inbringt. 

Serrana. Et schall dar ock in de Religion nich veel dägen. 
De König van Preussen heffter jo neulick*) enen van de Professeurs 
wegjagt, wiel^) et en halben Atheist war. 

Matur ia. Dat is de Wolff, denn de Patriot Num. 8 recommendert. 

Severa. wat het Sine Majestät dar recht angedahn! So 
wardter wol in de andern Furcht kamen. 

Maturia. Ick heb wol hört, so lang dar Thomasius un sin 
Anhang is, steit er nich veel godes davan to verwachten. 

Severa. Mit den Theologen to Halle müt et ock nich tom 
besten bestelt sin. Min Süster-Sähn studeert Geestlick, un wiel he 
kene Geldern mehr heft, frog ick minen Herrn Bicht-Vader um Rath, 
off he wol na Halle trecken mug. De sede, jo nich, da wären de^) 
Pietisten, de verförden veel Lüde. 

Serrana. Wo beten se, Madame, Vietisten? 

Severa. Ne Madame, Pietisten. Se schölt üterlick ene grote 
Hilligkeit vörgefen, äverat under den Schin allerhand böse Lehren den 
Studenten bybringen. Dar schall ock en under wesen, de August 
Herman Franck heet. Van dem kan ick my wol besinnen, dat he 
vor velen Jahren in Hamborg war, un up S. Glas Karckhof Tohop- 
künfften heel, darto em nümms beropen bar. 

Aurelia. Wiel^) se van Beroop segt, wol mag denn den 
Patrioten beropen hebben, Hamborg to reformeren. 

Serrana. Da wart he sick wol sülffst to beropen hebben. 

Severa. so is he ock van de Schlieckers^), davor Doctor 
Luther so ernstlick^) warnet. 

Corellia. Man wat holt se darvan, dat he sick so genau be- 
kümmert, wo veel Ammens in Hamborg sunt? He schrifft, dar wären 
up veer Düsen solcker Fontainen^). 

Maturia. he schrifft jo bald in allen sinen Stücken van 
Ammes. He mut süs sine Chartequen nich vuU kriegen känen. 

Serrana. Ick bin froh, dat ick de Fontainen nich nödig heff. 
Ick kam, Gott sy Danck, noch god mit min sögen to recht. 

Voconia. So hefft se kene sös Gläser mit warm Melck an den 
Doctor schicken dörfen, se to pröfen. 

Serrana. Ne. De Meut bin ick äverhaven wesen. 

Maturia. De Patriot schrifft ock, de Docters ere Kunst würd 
an nüttlicksten*) sien, wenn se ock den verborgenen Saamen van de 
Zancksucbt, van de Nedderträchtigkeit, van dem Averglofen dörch ere 
Yergröterungs-Gläser sehen künden. 

Serrana. He mug wol dencken, de Lüde schölt na düssen de 
Melck to em schicken. Dar kün he noch en Stück Geld van macken. 



>) l Villicht. •) l neylick. ") wftl. *) die. ») wül. «) Schluckers. ') ernst- 
lich. ^ Fotttainen. *) n&ttlichsten. 



gl 

Maturia. Dat leet sick h&ren. He het en Water ut China 
bekamen, wenn he da sine Ogen mit wascht, so kan he sehen, of de 
Lüde Ehrgietzig oder Wollustig oder Geldbegierig sünt^). 

Serrana. Wo süt he denn an, dat se Ehrgietzig sunt? 
Maturia. Uth eren Koppen süt he enen zarten flüchtigen und 
blauen Dunst in de Höhe stiegen. 

Serrana. So wart sine Stube jo wol immer so füll van blauen 
Dünsten siin^), denn he is füll Ehrgietz. He schnidt, as ick^) hör, 
up van Negentein*) Spracken, de he kan. 

Voconia. He wart dencken, as jenner säd, um en Bitcken 
mut man kene Lägen verdarven. 

Pomponia. Wy spreckt hier so frig. Wenn de Patriot dat 
DU erfuhr, so krag wy in sinem nechsten Nummer eent up den Flunck. 
Voconia. Wat wy mit enander spreckt, mag he wol weten. 
Ick wult em wol int Gesicht seggen. 

Pomponia. He beröhmt sick jo, dat wedder Staats- noch 
Wecken-Stufen van enig Fruen-Minsch sine Kundschappers un Kund- 
schapperinnen [verschlaten^)] un unbekannt sind. 

Serrana. Ene Staats-Stufe holt mi min Mann nich. Doch denck 
ick nich, dat de Patriot enen Naschlötel to mine Wecken-Stufe hett. 
De Kienschmidt, den wi brücken, is en ehrlick Mann, de mackt kene 
Naschlöttells. 

Voconia. Man plegt ock van den Lüden nich veel to holen, 
de sick mit Naschlöttels behelpen. 

Fannia. Wenn hier aver*) ene Kundschapperinn wäre, de veer 
oder sös hundert Ricksdaler värt averdregen^) van em krege. Da let 
sick noch en god Adriancken för niacken. 

Voconia. Ne, umsüfs wol ickt em wol seggen, äverst Gold mug 
ick dar nich vor nehmen^). Dat stünde wat klenstedisch. 
Maturia. Umsüfs hat het^) am leffsten. 
Ancje. Mit Verlofi, Madame, wet de Patriot all, wat in de 
Wecken-Stufen vörgeit? 

Voconia. Wo? Denck ji dar wat van**) to trecken? 
Ancje. Och ne. Ick bin min Lefdage**) kene Putzen- 
mackersch*^) wesen. Da seh Madame mi nich vor an. 

Voconia. Ne, dat do ick ock nich. Man wenn ji veer bet sös 
hundert Daler krigen künden, da war ji doch alle ju ") Dage mit holpen. 
Ancje. Wat hulpen mi sös hundert Daler, wenn ick minen 
ehrlicken Namen verlöhr? 

Serrana. Un wenn ji se ock harden, so war ji man en hupen 
Meut un Sorgen hebben se to bewahren. 

Pomponia. Da wüst ick goden Raht to. Se mufs Madame 
bidden, se in Verwarung to nehmen. 

Serrana. Et war doch beter, dat se dat Geld belade, un kreg 
er Rente vä r. 

') aftnt. •) sün. ») ich. *) Negenstein. ») fehlt •) rver. ^) öfertragen. 
') nich vernehmen. ») l het he't. ") ydnt. ") Leftage. ") Putzermackerfch. ") ja. 

Kiederdentsches Jahibuoh. IX. g 



82 

Pomponia. Man wenn dat Geld so fast belegt wurd, dat se 
dar nicks van wedder kreg? 

Voconia. so mug se et lefers in de^) Lotterie inieggen. 
För sös hundert Daler kon se ene gode Parthey Zedels kriegen. Wenn 
er^) denn dat grötste Lot tofeele, se künne se noch ene grote Fru 
warren und Spitzen drägen, de Ele to 24 ß. 

Serrana. ün en Fechel van 2 Dalern. 

Maturia. Denn kunn se ock ene Hufs-Bibiliotheck anschaffenj 
un över de Mahltüd twe Spitz-Gläser Wien drincken. 

Ancje. Wat en Kiffiiothek is, dat wet ick^) nich. De twe 
Spitz-Gläser mit Wien wäsen noch dat beste. Se musten aver heel 
kleen sien, denn se muchten mi süs in den Kopp schlahen. 

Voconia. Averst in rechtem Ernst, wul ji wol den Gontract 
mit den Patrioten ingahn? 

Ancje. Madame. Dem Patrioten*) an sinen Ehren unverfäng- 
lich. Wenn jemand, he mug wesen wol he wulde, van mi verlangde, 
ick schul em Hemlichkeiten todrägen, so wulde ick em de bringen, 
de unse lütke^) Junfer in de Weege verrichtet. 

Serrana. Da mug en wol wenig mit gedeent siin^). 

Voconia. Ancje Warts Fru schnackt eben so klüfftig as min 
Kutscher. De Dummerjan har sick ock den Patrioten updan: Dat 
kreg ick to hören, do frog ick em, water em bi dücht. Madame, 
säde he, wenn mi de Patriot man veertein Daler im Jahr gäven wull, 
so mug he de gehemen Reliquien') alle Avend uth den^) Peerdestall 
gern afhalen. 

Das Gespräch macht einen im ganzen harmlosen Eindruck, aber 
es ist doch nicht ohne Witz und Humor. Der Angriff richtet sich 
hauptsächlich gegen die Errichtung der Mädchen-Universität, d. i. 
einer höheren Ünterrichtsanstalt für die Töchter gebildeter Familien, 
und gegen die pietistische Richtung des Verfassers des Patrioten. 
Hettner erwähnt als ein charakteristisches Zeichen des „Patriot* das 
kokette Versteckspiel mit der Person des Verfassers, die Reise in 
fremde Weltteile — im Gespräche wird sein zweijähriger Aufenthalt 
bei den Menschenfressern erwähnt — , die hie und da novellistische 
Form, die Briefe und Zuschriften, und bemerkt, dass alles dies 
deutlich und mit offenem Eingeständnis auf das Vorbild der englischen 
Wochenschriften hinweise. „Mit Recht konnte sich die Wochenschrift 
'Der Patriot' (1725, Stück 69) rühmen, dass vor ihr nichts vorhanden 
gewesen sei, das dem Tatler, Spectator und Guardian gleichkomme, 
und dass mit wenigen Ausnahmen auch alle nachfolgenden Nach- 
ahmungen nur immer schlechter geworden seien. Sie wurde sogleich 
im ersten Jahr in fünftausend Exemplaren abgesetzt und erschien in 
wiederholten Nachdrücken und Auflagen ^).^ 

*) die. *) en. ®) ich. *) Patroten. *) lücke. •) gedennt sün. ^) Reliquen. 
^) dew. **) *Der Patriot' erlebte 1728 und 1729 eine zweite, 1747 eine dritte und 
1765 eine vierte Auflage. 



83 

Von Interesse ist das Gespräch durch die Erwähnung der Zu- 
stände der Universität Halle, namentlich der Vertreibung des Philo- 
sophen Wolf und des Aufenthaltes von Aug. Herrn. Francke in Hamburg. 

Unter den Verteidigungsschriften, welche die Verfasser des ^Pa- 
trioten^ herausgaben, nennen wir; 1) Der Patrioten - Katechismus. 
1724. 16 S. (Eine kurze Belehrung über den Inhalt der ersten acht 
Nummern des ;,Patrioten" in Frage und Antwort.) 2) Vertheidigung 
des Patrioten wider alle seine Gegner. Ridentem dicere verum quid 
vetat? Gedruckt im sechsten Schaltjahr des jetztlauffenden Seculi. 
4 Bl. 3) Der unvernünfitige Griticus. Stück 1 und 2 als eine be- 
queme und nützliche Beylage bey dem wohl-intentionirten Patrioten, 
auf einer hohen Standespersohn inständiges Ansuchen kürtzlich ver- 
fasset von einem Neutralisten, (14. März 1724), je 2 Bl. 4®. etc. 

Übrigens begnügte man sich noch nicht mit dem ;,Patriot^. Es 
erschien auch ;,Die Patriotinn^ (6 Stück vom 13. März — 17. April 
1724); und gegen diese: „Gelinde Reflexiones über die Patriotinn, in 
Frage und Antworten abgefasset von Infucato Aletophilo.^ 1724. 
4 Bl. 4®. Ferner „Der allgemeine und alles verbessernde Patriot*^ 
vom 31. December 1727 — 5. Februar 1728 (6 Nummern von je 2 
BL 4®), ;,Der Patriotische Medicus** vom 6. November 1724 — 28. 
April 1727 in 63 Nummern von je 2 Bl. 4®; Der aufrichtige Com- 
pagnon^ vom 20. März — 24. April 1724 in 6 Nummern von je 2 
Bl. 4®; der ;,Reformirte Hamburgische Patriot^ in 2 Nummern von' 4 
V. 6 Bl. 4^ 

GEESTEMÜNDE. H. Holstein. 



Z^vei Gedichte aus der 
Reformationszeit. 



Der letzte von den Officialen, die in Braunschweig seit Ende des 
14. Jahrhunderts vermöge des päpstlichen Privilegiums de non evocando 
cives ad fynodos in geistlichen Sachen zu Gericht sassen^), war Jo- 
hannes Kerkener. Derselbe, von dem jener Vermerk über den Ver- 
fasser des Chronicon picturatum herrührt, welchen Leibnitz in dem 
auf Königl. Bibliothek zu Hannover vorhandenen Exemplare des ersten 
Druckes dieser Chronik entdeckt und in der Vorrede zu seiner Aus- 



>) S. Deutsche Städtechroniken Bd. XVI S. xx ff. 

6* 



84 

gäbe derselben^) veröffentlicht hat. Kerkeners Sammelfleisse verdanken 
wir auch die Überlieferung der beiden, meines Wissens hier zum 
ersten Male mitgetheilten Gedichte. 

Sie finden sich in einem aus Privathand 1746 in das Herzogl. 
Landes-Hauptarchiv zu Wolfenbüttel gelangten, grösstentheils hand- 
schriftlichen Miscellanbande von 490 BU. Pap. n. 2®, der auf der Innen- 
seite seines vordem Pergamentdeckels folgende Nachricht von Kerkeners 
Hand trägt: Ille Über fpectat ad dominum Joannem Kerkener, offi- 
cialem Brunswickfenfem, et per dominum Hinricum Wunftorp anno 
1507 datus, qui fuit ibidem findicus. Quem dictus Joannes Kerkener 
in multis augmentavit, ab aliis coUigendo. Datum anno 1534. Et 
nunc anno 1538 a novo ligatus et in multis renovatus et emendatus. 

Die weit überwiegende Mehrzahl der in diesem Codex vereinigten 
Einzelschriften besteht aus Copien geistlicher Privilegien, kanonistischer 
Rechtsdeductionen, Streitschriften, Processe und was der Art sonst 
noch die beiden Sammler von Amts und Standes wegen anging. Nur 
hin und wider sind auch Aufzeichnungen eigentlich historischen In- 
halts eingemischt: ausser einigen von Kaisern und Reichstagen des 
15. und 16. Jahrhunderts ausgegangenen Drucksachen eine Zeitung 
aus Venedig 1537, Nachrichten von der hansischen Versammlung zu 
Lüneburg 1535, von Münzverhältnissen der Stadt Braunschweig, 
ein Brief Bugenhagens an den braunschweigschen Superintendenten 
Martin Görlitz 1530 und ziemlich gegen Ende des Bandes unsere 
Gedichte. 

Beide sind von der Hand eines Zeitgenossen Kerkeners, des 
braunschweigschen Notarius Hinricus Spangen, geschrieben. Das erste 
füllt einen ganzen Bogen, zwischen dessen zwei Blätter beim Binden 
andere Stücke eingelegt sind, so dass sie nach der modernen Zählung 
als 458 und 461 figuriren. Es ist unzweifelhaft zu Braunschweig aus 
den Kreisen der katholischen Opposition gegen das zur Obmacht ge- 
langte Lutherthum und namentlich gegen das gewaltsame Verfahren 
seiner Bekenner — einer Opposition, der wie Kerkener so auch Spangen 
angehörte — hervorgegangen: nach 1532, da einige der Mass- 
nahmen gegen die Klosterfrauen zum H. Kreuz, die es schilt, erst in 
jenes Jahr fielen (s. unten Note 10), vor 1534, da es die Stadt Han- 
nover noch wegen ihres treuen Ausharrens beim alten Glauben preist 
(V. 35). — Das zweite Gedicht hat auf anderthalb Seiten von Bl. 474 
Raum; das damit zusammenhangende Blatt, von dem es ebenfalls durch 
Einlagen geschieden ist, jetzt BL 481, enthält auf seiner Rückseite 
nur die von Kerkener geschriebene, Ursprung und Entstehungszeit des 
Gedichtes noch sicherer als die eigentliche Überschrift bestimmende 
Notiz: Rithmuß, anno 1538 poft nativitatem Chrifti in Luneborch, 
celebrata dieta inter ducem Luneborgenfem et fenatum urbis lunaris 
ibidem, ad hofpitium cancellarii clam ejectus (das letzte Wort unsicher). 

*) Script, rer. Brunsvic. t. III introd. p. 10 f. 



85 

I. 

Eyn nye gedicbt van Brnnswigk. 

1 De heyl de ys gekomen her 
Van Lutter, orem vader: 

De guden wercke en helpen nicht mer, 

Se werden vorworpen alle gader; 
Jefus Chriftus hefft idt alle gedan, 
He is ock vor fe in den hymmel gegan — 
Wijk van one alle forgel 

2 Dede nu wil eyn nye chriften fyn, 
So ick nu höre fingen, 

Schal flichtes den loven planten daryn 
Unde fodan werke fortbringen, 

Szo nu bedriven de kyftenheren, ^ 

De Martynere unde Swyngeleren, 

Dartho de predicanten. 

3 Se hebben allen hilligen entfecht 
Unde fyn ore vyende geworden, 

De facramenta dale gelecht. 
Alle horfam unde ock orden. 

Myt den holten hilgen hebben fe gefwormet, 

De fteynen cruce wol geftormet, 

De fulveren worden ore vangen. ^ 

4 De bannere hebben fe uthgefteken ^ 
In allen kercken unde klufen, 

Up allen radthufen desgeliken, 
Se repen fzo lüde: 'Alle ufe!' 

Wo balde fe den roff vordelden, 

Dat de kyftenheren nouwe dat hefte behelden! 

Se wolden de wäre vorflyten. 



4,4 ufe] vnfe. 4,6 neuwe. 



1. Die nach Bugenhagens Eirchenordnang eingesetzten Gemeinde Vertreter, 
denen als Verwaltern der Kirchengüter die Veräusserung des in Beschlag genommenen 
kirchlichen Schmucks und Geräthes ohlag. 

2. 1528 im Frühjahr hatten die Verordneten der Bürgerschaft dem Bathe 
den Befehl abgedrungen, alle Messaltäre abzubrechen und das Material bei Bau und 
Besserung der Stadtveste zu verwenden, was dann wider Willen des ohnmächtigen 
Rathes zu einem radicalen Bildersturme ausschlug. 

3. Zum Zeichen des währenden Marktes: s. Urkundenb. der St. Br. I, S. 67 
§ 67. Dieser öffentliche Verkauf der Kirchenkleinodien nahm seinen Anfang, als 
es galt, die Mittel zur Büstung des Schmalkaldischen Bundes aufzubringen, dem 
Braunschweig 1531 beigetreten war. 



B6 

5 De cafel was teyn gülden wert — 
Men krech ohn vor veer fchilly. 
Wart he van eynem chriften begert, 
So fpreken fe to ohme: 'Wat wil gy? 

'Idt hört den fekenbroderen tho, 

'Betale gy ohn, he bleve alfo 

'Unde queme wedder tho goddes deinfte.' * 

6 Se hebben de wäre nicht dure betalt, 
Dat fach men an dem kope; 
Mennich fruwe hefft fe van ohn gehalt, 
De man moth darumme vorlopen. ^ 

Sammyth heflft geziret der megede tydten. 
De to jaren by der wegen fytten — ^ 
Owe des guden leydes! ^ 

7 Do duffe flachtinge was gewannen, 
Dartho papen unde monnicke vorjaget, 

Myt ganfem here togen fe tho den nfinnen. ® 

Ludeke Krage ^ fprack unvorfaget: 

'Gevet my, werde domina, juwe handt 
'Anderen elven junckfrowen^® to eynem panth, 
*Gy moten myn fangen wefen!' 



5,5 feckenbroderen. 6,1 betalet. 6,5 tydte. 7,2 unde feKU, 

4. Zur BegütiguDg der katholischen Opposition gab der Rath die Erklärung 
ab, der Erlös sollte vor allem der Armuth zu statten kommen. 

5. Als böser Schuldner, sofern er der Putzsucht seiner Frau zu Liebe diese 
Kaufgelegenheit über sein Vermögen wahrgenommen hatte. 

6. Der „Jungfrauen Kindsmütter**, wie ein beliebtes Spottwort in den Kirchen- 
büchern des 17. Jahrb. lautet. Das öffentliche Prunken der lutherischen Frauen 
und Töchter mit Kleidern, die aus Messgewändern gefertigt waren, erregte bei den 
Anhängern der alten Kirche viel Anstoss und häufige Tumulte. 

7. Klage über die ungesetzliche Duldung und Straflosigkeit (leyde 'Geleit^ 
gefallener Mädchen? 

8. Im Kreuzkloster auf dem Rennelberge vor Braunschweig. Die weiterhin 
berührten Vorgänge werden erläutert durch die Mittheilungen W. Tunica's, Zur 
Gesch. des Kreuzklosters, in der Zeitschr. des Harz-V. 1883 S. 289 ff. 

9. Dieser und die weiterhin bis V. 10 Genannten — mit einigen Ausnahmen : 
s. Note 16 — waren solche Mitglieder der fünf Weichbildsräthe, die sich mit 
besonderm Eifer an dem Verfahren gegen die Klosterfrauen betheiligteu. 

10. Den freiwillig aus dem Klosterleben Geschiedenen, welchen eine Abfindung 
aus den Mitteln des Convents zugesichert war: 'Item ße makcn to gelde körn, fchape 
und wat ße loßkrigen mögen, und vornoget darmidde de perßonen, de fick to der 
werlde wedder gegeven hebben, und geven one grote fummen geldes. Item l^e hebben 
alrede den junkfrauwen under einander fampt dene de van oen gegin fynt, itlik 
kerkengudt vordelt, und defulffen, de van one gän fynt, willen noch myt one to der 

delinge gan Item xj vorlopen, ij noch darbinnen, eyn yder x fl. gegeven.* 

So eine von den vom Campe auf Isenbüttel (vgl. Note 12) bei Herzog Heinrich ein- 
gebrachte Klageschrift der Klosterfrauen, unter den aus dem J. 1532 aufgeführten 
Funkten. 



87 



8 *Nu wolan!' fprack Hans Syman, 
*Duth clofter fchal tho gründe. 
'Jherufalem" make wy darvan, 
*Wath achte wy des clofbers frunde? '* 

'De penningk nemet erften war, 
'AI wat dar is befchreven gar, 
'Stät vaft in duffen faken!" 

9 Szegemeyger, du rechte Hansworft, 
Wat dot juw de nunnen tho lede, 
Dat juw (b na orem blote dorll? 

Gy regeren na neynem frede. 

6y dre olden doren in eynem verbünde, 
AI wat juw beten de gaffel munde, ^^ 
Dat dore gy raden, wyß raden. 

10 Hobbert unde Kettelere, ^* 
Hinrick Burmefter, du ftadtbove, 
Hinrick Schrader/^ du artzewokenere, 
We wil dy, Hinrick Barteides, loven? 

Doctor Quickquick *^ wonet in der Oldenwick, 
Bode Remmers Gernegrot unde dergelyk 
Sodan vul ffennin^'' dut volck is idt alle. 

11 Nu kunne gij wol fes junckfrowen vangen, 
Gy mögen juw des wol fchemen; 

De van Sampeleve fchal juw wedder langen, 
Den late gy ganU betemen. 



9,1 du] de. 9,2 leyde. 9^3 dorftet. 10,2. 10,8 du] de. 10,6 dergeliken. 
10,7 ffeni. 

11. „Ein zerstörtes Jerusalem?" Oder „ein Wirthshaus?" Von der scherz- 
haften Bezeichnung eines solchen — dort wahrscheinlich des Klosterkellers zu Eid- 
dagshausen — mit biblischen Ortsnamen liefert das „Schichtbuch** (Deutsche Städte- 
chron. XVI S. 245 Z. 4628) ein Beispiel: 'Jhericho is dar nicht verne, dar drinckt 
me dat beer gerne.' 

12. Namentlich die vom Campe auf Iseubüttel, deren Altvoderen die Gründer 
und vornehmsten Wohlthäter des Klosters gewesen waren, intercedirten vielfach mit 
Fürschreiben und Klagen bei Herzog Heinrich dem jüngeren (vgl. Note 10). 

18. gaffel 'Gabel, Mist-, Heugabel etc.' gaffelmund scheint hier Scheltwort 
zu sein. 

14. Dieser und der Z. 6 genannte Bode Eemmerdes gehörten zugleich zu 
den fünf von Raths wegen bestellten Vormündern des Klosters. 

15. Nach Ausweis der Degedingebücher belieh er Zeit seines Lebens unge- 
wöhnlich viel Häuser in allen Weichbilden, und man sagte ihm nach, dass er sein 
grosses Vermögen unredlich als Münzmeister erworben hätte. 

16. Muthmasslich Autor Sander, ein aus der Schule der älteren Humanisten 
hervorgegangener Jurist, derzeit Hauptwortführer der lutherischen Partei in der 
Bürgerschaft; seit 1534 Syndicus der Stadt Hannover. 

17. vul fenin 'faules Gift', bildlich 'stinkende Verräterrei, Verräterbande'. 



88 

Gy nunnenkempen, tredet nu hyr vor, 
Juwe fiende flan juw wanth int dor, 
Ffy juw der groten fchande! ^® 

12 Do fprack fick de borgermefter Ludeke Krage: 
'Och, gulde dut tygen de nunnen, 

,Ick wolde fo flitigen mede jagen, 

*Nu moth ick in de tunnen!' *^ 

Hans Syman wolde ock nicht vore, 

He dorfte nicht kiken uth dem dore — 

Pulte brayder,*® der nunnen balde. 

13 'Nu fchal vaft eyn ewangelisker man 
*Unfe overfte rethmefter wefen'. 
Borgermefter Szegemeyger den fpreken fe an — 
He hadde in der bybylen to lefen. 

He fprack fyn wort fo wolbedacht: 
Ick was mede in der hilgen flacht, 
'Seyt juw na eynem andern umme. 

14 Scholdem duffe fake nicht geven an, 
Dat de fchade nicht groter en wuffe^ 
Szo mofte totreden de grote man, 
Auetor SnoppenkyP* myt den buffen. 

De he hefft van den klocken gegoten, 

Oren heren funte Magnus in der muren bef loten: 

*Ja twar, wy wilt uns weren!' 

15 De duffes quades eyn radtgever is, 
Men moth ohn doctor Emden** nomen; 
He kricht fyn Ion, unde dat is wiß, 
Doctor Stoffmel moth ick romen. 

Ick hebbe nicht gehört all myn dage, 
Dat over eynen queme fo vele clage: 
Market an duffer ftadt vorleyder. 



11,6 inth den doren. 12,5 nichts fore. 13,1 fchal idt vaft. 18,5 fyn] fo. 
13,7 juw] nu, andern] ander. U,l Scholden. 

18. Das rücksichtslose Auftreten der lutherischen Machthaber wird hier und 
im Folgenden ihrer Zaghaftigkeit beim Zusammenstoss mit auswärtigen Stadtfeinden 
gegenübergestellt. Näheres über die angedeuteten besondern Yorfälle ist nicht 
überliefert. 

19. In einem Mummenfass war während des Aufruhrs von 1513 ein Bürger- 
meister aus dem Thore gen Hannover entwichen. 

20. Schimpf Worte? 'Hurenbrtider, kühn bei den Nonnen'? 

21. Unbekannt. 

22. Levin v. Emden, derzeit Eathssyndicus in Braunschweig und Haupt der 
lutherischen Bathspartei; nachmals Bürgermeister in Magdeburg. 



89 

16 Dat men one*' de flotel van der fyden nympt, 
Deit ohm im harten behagen, 

ünde vort by alle kyften gynck, 

Men fcholt noch nicht eyns klagen. 
Segel unde breve, darbeneven 
Alle kleynode moft me one overgeven — 
Ty ranne, wur hefftu dat gelefen? 

17 Na duffem ftande, alle gedan den nunnen, 
Synt fe myt frevel in de kerken gelopen, 
Alle altare myt groter macht gewannen, 

In de grünt gan$ nedderbroken. 

De fteyne denen wol in der ftadt graven ** 
Duth fchal wol allen tyrannen behagen — 
here godt, ftur dynen vienden! 

18 Martinus, unfe fupratente, *^ 
Men mot fere veil van juw holden, 

Yan WinckeP^ unde van den anderen venten, 

Ja mere als van den olden. 

Gy beyden pyler van der bovenkercken, 
In velem quaden late gy juw merken, 
Uprorich in alle juwen faken. 



18,1 fupratenten. 18,6 marken. 



23. Den Nonnen: *ltem anno domini etc. zxxij des mitwochen vor pingeften 
hebben de Erb. Baetheren fampt anderen, darto gefchicket, den junkfraawen ange- 
legen eyne notelen, wurin vorfatet weren vele artikel, de den ergedachten junkfrauwen 
grote befweringe inbrochten, nomeliken dat, dat me eyn nye regiment wolde myt one 
anrichten bynnen unde baten dem clofter. Und nemen der domina alle ore walt 
and macht und dwungen 0e myt groten drauworden, 0e one fcholde de flottel over- 
antworden, und nemen de flottel, wur l^e hengeden ane der domina und der vor- 
0aminge willen. Und entßetteden de domina van oren regiftern und orer macht, 
und befchreven allent wat dar waß, dat öe kortcs darna wolden de klenodia der 
kerken in de ftadt voren. Wurumme öe eyn Erb. B&t fulffefte venklik nam und 
leten ße in eyn kleyn h&ß befluten und van twen markmefteren fulfachte waren. 
Dar ße ßeten went an den teynden dach'. Klageschrift der Klosterfrauen (s. Note 10). 

24. Dasa dergleichen auch im Kreuzkloster verübt worden wäre, besagt die 
Note 10 erwähnte Klageschrift nicht, die solche Thatsachen doch schwerlich ver- 
schwiegen hätte. Wahrscheinlich greift der Vf. hier nochmals auf die V. 3 be- 
rührten Vorgänge in den Stadtkirchen zurück. 

25. Martin Gerolitius, 1529 nach Bugenhagens Abgange eingesetzt. 

26. Coadjutor; vordem Mönch, dann Prädikant zu Halberstadt, war er vor 
Bugenhagen zur Ordnung des neuen Kirchenwesens nach Braunschweig berufen 
worden, hatte sich aber diesem Werke nicht gewachsen gezeigt. 



90 

19 Here Kopman,^' dy deyt ock behagen, 
Gewalt unde vele unrechtes, 
Monnicke unde papen gans to verjagen, 
Du bift der Swyngel geflechtes. 

Dat alle nunnen worden vormort, 
Dat is van dy fo vaken gehört; 
Gelick Munter kanftu fwarmen. 

20 Du bift der erften prediker eyn, 
De duffe erlicken fladt vordarven, 

Van ander gebracht duffe erliken gemeyn, 

Yele moten darumme ftarven. 

Ick weit noch eynen van juwem orden: 
Wu fchere wore he eyn proveft geworden 
In der fchalckheit achter den oren! 

21 Her Luleff Wytte,*» hedde he gedocht, 
He wore hyr nicht gekomen; 

Alle lande hadde he dorchgefocht, 

Van den fromen nicht angenomen. 

Nu wil he den nunnen den Credo leren — 
Eyns wert dy eyn ander wedder vorferen, 
Dy unde dyne hoerkyndere. 

22 Duth aeß moten fe gans leckerafftigen kroppen, 
Darvor hefft he twie prediget 

Van fevenhundert kinderkoppen. 
Im dicken hemeliken vordecket. ^^ 



20,7 dem. 21,1 hadde. gedacht. 21,3 hadde he fehU. 



27. Prädikant im Spitale U. 1. Frauen vor der langen Brücke, nachmals auch 
bei den Lutherischen übel beleumdet. Rudis fed expeditae linguae, folum dulce 
nomen Jefu fonuit, legem neglexit. ipfe turpis vitae fuae confcius, aliorum peccata 
nunquam ferio arguit aurae popularis et vanae gloriae cupidisfimus, aliis carpendo 
laudem captavit. aliquamdiu in caemiterio fedens, ad populum verba fecit, cum 
locus in Templo non effet, quod in co nonnulla reficerentur. Fuit permoleftus Martino 
Gerolitio eique lacrymas faepe expreffit. Initio f incerus, fed poftea addictus partibus 
Zwinglianis, effecit fua petulantia, ut concionatorum Brunsyicenfium confeffio fidei 
de f. caena dominica transmitterelur d. Luthero Wittebergam, cui, fententia in melius 
mutata, nomen dedit fuum (er unterschrieb sie ebenfalls), ut apparet infpicienti, 
ideoque porro toleratus eft in officio, cum reliqui pertinaces juberentur folum vertere. 
Crus fregit et vitiata forore Ailardi Seeboden, vicarii Kuningenfis, (Rüningen eine 
Stunde von Braunschweig) urbe expulfus eft anno 40, anno minifterii fui 15. Venit 
Warbergam, inde Scheningam, ubi rebus humanis exemptus eft. So charakterisirt ibn 
der noch im 16. Jahrh. zusammengetragene Catalogus miniftrorum verbi in Br. 

28. Sonst nicht bekannt, nach Z. 5 wohl einer von jenen zwanzig den Klo- 
sterfrauen nach und nach aufgedrängten Prädicanten. S. deren Klageschrift. 

29. Angeblichen Folgen des unebrbaren Lebens der Nonnen, Mit dergleichen 
Übertreibungen wurde die Yolkswuth gegen dieselben geschürt. 



91 

Sunte Peter brocbte he wedder to Rome, 
He vorleith büß unde boff in dem dorne: 
'Dencke nicbt lange to blyven.' 

23 Gyfeke,'® ick bebbe an dy gefeyn, 
Du predigeft all na dem behage, 
Der guden werker baters biftu eyn, 
De dar ftedes over klagen. 

De guden werke dorff me nicbt vorbeiden, 
Du fcboldeft de guden yan dem quaden leyden 
Unde achten nicht de perfonen. 

24 De de ungewieden kelker anbeyden, 
De to Tunte Olricke de miffen fingen, 
Don den nunnen vele to leyde, 
Duffe ftadt to uproere bringen. 

Unde fchendige Jürgen'^ to funte Michaele 
De oppert dem duvel ßo mannige fiele: 
Bruket nu juwere tydt, gy boven! 

25 Gy predicanten fchullent my vorgeven, 
Dat ick juwer nicht en dencke, 

In korter wile fchole gy dat affleven, 

Ick wil juw laten fcbencken, 

Wen gy nu to dem dore uthgan 

Unde de anderen juw umme de koppe flan, 

Sunte Johannes drunck in der flaffchen. 

26 gy erliken benfeftede, 
Wu iffet juw nu ßo gelungen! 
Lange regeret in grotem frede, 

Van fodanen erlofen boven underdwungen. 
Ja, beren unde forften de konden des nicbt 
Dat nu anrichten duffe bofen wiebt, 
Went gy des erften laccbeden. 

27 Gy beren unde forften desgeliken, 
Gy willent my nicbt vorkeren. 



24,1 De fehlt. 24,5 Michael. 25,6 juw fehlt. 26,1 henstede. 26,2 ifret] is. 

«30. Ebenfalls nicht bekannt. 

31. Georg Drosen aus Aschersleben, 1528 von dem katholischen Pfarrherrn 
als „Heuerpfaff** zum Prädikanten angenommen. Im Catalogus (s. Note 27) heisst 
es von ihm: Yaluit voce gravi et pene ftentorea, ideoque fub papatu vifus eft prae 
reliquis idoneus, qui Lotharii Regii (zu Königslutter: bei dem alljährlichen Lutheri- 
schen Ablass: Städtechroniken XVI S. 395 N. 1) die Petri et Pauli promul garet 
indulgentias et venerandas monftraret reliquias fanctoram. 



92 

Dat geiftlike gudt wolde gy toryten, 

6y dachten dat gans to vorteren. ** 
Godt van hymmel wil idt anders han, 
De fynen fchullen nummer vorgan: 
Bedencket unde ftraffet dat quade! 

28 Nu latet uns de van Hildenfem anfeyn, 
Wu ritterliken fe hebben gefochten; 

In orem rade bleven fe eyn, 

Yorjaget de nicht en dochten. 

Vorlaten van allem mynfchenkyndt, 

Van allen forften, de in dem ryke fynth — 

Godt unde de hilgen hebben fe gefrochtet. 

29 Maria ohr hogefte patrone, 
Sunte Barwardt darbeneven, 

Do du ohn ere! Budftu ohne hoen, 

Du ketter machft nicht leven. 
Godehardt unde Epiphanius 
De fynt myt one in goddes huß, 
Erem fchutteßheren unde landeßforften. ®' 

30 De van Hannover in oldem loven 
Blyven vaft by orem landeßheren, ^ 
Der faen0e darumme all unentflogen, 
Nemant kant one to quade keren. 

Unde wan fe bleven alle chriften gemeyn, 
Myt oren forften unde rade eyn — 
Neyn tyranne mochte fe vorwoiten. 

31 Lübeck, Hamborch, Go01er, Embeck, Gottingh 

unde dergelick 
Syn van dem ryke getreden, 
Meydeborch, Bremen unde Brunswigk 
De fcholden frome lüde befchermen. 
De torne goddes wil over juw gan, 
Beyde, juwe heren unde gy, hebben mißgedan: 
Bekert juw, gy vorftockeden herte! 



29,3 Buftu. 29,6 hu8ze. 80,4 kan one. 81,4 fcholen. 

32. Diesen Vorwurf erhebt auch das weiterhin abgedruckte zweite Gedicht. 

83. Über die Vorgänge in Hildesheim, wo die Neuerer erst 1542 zur Gewalt 
kamen, vgl. Lüntzel, Die Annahme des evangelischen Glaubens-Bekenutnisses von 
Seiten der Stadt Hildesheim (1842). 

34. Auch dort widerstand der Rath dem Andrängen des neuen Wesens bis 1534. 



93 

IL 
Hoc Carmen fnit factnm in Lnneborch et affixnm, nnde dnt 
Lnneborgenris dietam ibidem celebravit, et fnit dieta ad ftatim 

tnne diffointa. 

Dat den godt fchende, 

De alle dingk anfanget by dem uurechten ende, 

ünde ßo alle recht vorkert, 

Unde doch gudt vor ogen gebert. 

Hoch platzen unde doch ftive kratzen 

Kunnen ock woU unfe katzen. 

M. hertog H. W. J. z. J. h. etc. 
Alle wat nu der papen, monnicke unde nunnen mach fyn, 
Neme ick alle under einem guden ewangelifchen fchin. 

Narre. 
Ja, welcker duvell hat dy de gewaldt vorlehent, 
Tho roven dat alleine tho goddes eren unde gebrueck ys gewendt? 

Cantzler. 
Dat deit myn g. h. tho behofi fyner armen landt unde lüde, 
Darmyt he kome uth fchulden, denfulvigen fchaden ock vorhude. 

Narre. 
Ja, wert nicht grote beteringe darvan, 
Men fchindet, fchavet doch gelikewoU yderman. 

Edelman. 
Ick wolde, dat myn g. h. were uth den fchulden, 
Dat de buer my ock konde betalen myne gülden. 

Narre. 
Ja, gy hern hebbet one myt juwem woker darto gebracht 
Unde tho dickemaell darover in de vufte gelacht. 

Borger. 
Ach here godt, wo lopt duffe fake doch fo gar argeliftich, vorwandt 

unde gefwinde fore, 
Dat men alle privilegia, lofflike herkumpft alleine mit ftolterende 

bloitlich vorlegen dore! 

Narre. 
Ja, dat fyn wol fliehte faken, 
Men wolde fe gerne wes nederich maken. 

Buer. 
Barmhertiger godt, wo duffe plage nicht wert enden thohandt, 
Szo moeth ick doch vorlopen uth dem landt. 



V. 12 könne. 



94 

Narre. 
Ey, würben wultu lopen edder geen? 
Weiftu idt nicht tho finde der leiten teiken eyn? — 
Szo moeth de narre ftedes de duder fein! 

Obfequium amicos, veritas odium parit: 
Deinft bringet fruntfcbop, de warbeit maket baet. 

BRAUNSCHWEIG. Ludwig Hänselmann. 



Das Berliner ^Veihnachtspiel 

von 1889. 



Unter den im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen dramatischen 
Darstellungen der Geburt Christi ist, seitdem uns die verdienstvollen 
Arbeiten Weinbolds, Schröers und Hartmanns über die süddeutschen 
volkstümlichen Weihnachtspiele belehrt haben, insbesondere diejenige 
dem Interesse der litterarhistorischen Forschung näher getreten, welche 
1589 zu Berlin am Hofe des Kurfürsten Johann Georg von den Kindern 
desselben und einiger Edelleute aufgeführt und 1839 von Gottlieb 
Friedländer nach der in Berlin befindlichen Handschrift herausgegeben 
wurde*); neuerdings (1882) hat Albert Freybe eine ziemlich über- 
flüssige Übersetzung derselben veranstaltet. Den Verfasser, welcher 
sich nicht genannt hat, suchte Wilken^) in dem Berliner Domküster 
Georg Pondo aus Eisleben, aus keinem andern Grunde, als weil dieser, 
von 1579 bis 1610 in Berlin nachweisbar, sich mehrfach mit der Ab- 
fassung und Auffuhrung von Schauspielen beschäftigt hat. Da das 
Stück deshalb oft als Pondos Weihnachtspiel citiert worden ist, will 
ich von dieser Benennung der Kürze halber ebenfalls Gebrauch machen. 

Die erste Scene, welche die Verkündigung der Geburt Christi 
unter den Hirten darstellt, musste schon als eins der wenigen poetischen 
Denkmäler des märkischen Dialekts die Sprachforscher anziehen, da 
die Hirten sämtlich in niederdeutscher Mundart reden ^). Vor allem 



*) Von den Varianten, welche eine Vergleichung des Friedländerschen Ab- 
druckes mit der Handschrift (Mscr. Boruss. Quart 71) ergab, notiere ich nur: 
6,*<* wulffe. 7," minen. 7,* Thewes. 7,® fkengifken. 7,** min. 8,« Vmb vns. 
18,^ truwen. 18,** f khir. 20,» der. 20,«» gantze. 21,* hus. 21,» erfchein. 26,« der. 
26,' alleene. 26,® en. 27,» dig. 29,* gelawet. a und ü, grosse und kleine Anfangs- 
buchstaben sind öfter verwechselt. Bei den Citaten gebe ich jedesmal die Zahl der 
Seite und der Yerszeile anf dieser an, da eine durchgehende Verszählung fehlt. 

') Berliner Historisch-genealogischer Kalender für 1820 S. 179. 

») Höfer in den Märkischen Forschungen 1, 150 (1841). 



95 

jedoch fiel das Verhältnis auf, in welchem diese Partie zu den in 
unserm Jahrhunderte in Süddeutschland und im deutschen Ungarn 
aus dem Volksmunde aufgezeichneten Weihnachtsdraraen steht. — 
Schröer^j bemerkte zuerst, dass einzelne Verse wörtlich übereinstimmen, 
Hartmann*) setzte diese Beobachtungen fort, und jetzt lassen sich 
von den 392 Versen, die der erste Akt samt ,dem Prologe enthält, 
58 auch in zwölf Spielen aus Schlesien, Bayern, Österreich und Ungarn 
nachweisen.. Ich gebe hier eine Übersicht über diese Verse, indem 
ich dabei folgende Abkürzungen verwende: 

B rzzz Spiel aus dem bayerischen Wald. Hartmann, Volks- 
schauspiele S. 474 — 516. 
E = Eisenärzter Spiel. Oberbayerisches Archiv 34, 143. 
G = Handschrift aus Grainet. Volksschauspiele S. 524*. 
K = Kremnitzer Spiel. Schröer im Weimarischen Jahrbuch 

3, 391—419 (1856). 
Og = Ober grunder Spiel. Peter, Volkstümliches aus Öster- 

reichisch-Schlesien 1, 394 (1865). 
Ou = Oberuferer Spiel. Schröer, Deutsche Weihnachtspiele 

S. 61—123. 
Ow = St. Oswalder Spiel. Pailler, Weihnachtslieder und 
Krippenspiele aus Oberösterreich und Tirol 2, 225 
bis 281 (1883). 
R = Rosenheimer Spiel. Oberbayerisch. Archiv 34, 154— 187. 
S = Seebrucker Spiel, ebd. 34, 112—138. 
V = Vordernberger Spiel. Weinhold, Weihnachtspiele und 
Lieder aus Süddeutschland und Schlesien 1853 S. 
134—171. 
We = Wessener Spiel. Oberbayerisches Archiv 31, 138—142. 
Wo = Wolfs berger Spiel. Lexer, Kärntisches Wörterbuch 
1862 Sp. 293—302. 

Prolog. 6,1 t = R l {. 

Akt I. Scene 1. Gespräch der Hirten von der Kälte und den 
Wölfen. Sie legen sich nieder zum Schlafe und werden durch den 
Gesang der Engel geweckt. 

6,5—7,* = B 155—162. 165-168. K 3982o-2^ 399,» f. 
Og 388,7->l 389,2 f. i» f. Ow 24 1,»-»^ 
1^-20^ V 155,1 f. 
7,7 f. = B 170 f. 
7,»-i* = B 172—176. O^r 389,15 f. i» f. Ow 241,2i f. 

25 f. 242,1 f, 5. Wo 296,1* f. i«. 
7,1^-18 = B 187—190. Og 390,«-ii. Ow 242,15-^8. 
8,1-* = G 1^5. Ow 242,i»-22. 

*) Deutsche Weihnachtspiele aus Ungern 1858 S. 22. 175. Vergl. E. Wilken, 
Geschichte der geistlichen Spiele in Deutschland 1872 S. 55. 

') Weihnachtlied und Weihnachtspiel in Oberbayern, im Oberbayerischen 
Archiv 34, 16 (1875) und Volksschauspiele S. 522 (1880). 



d6 

8,« f. = 6? 6 f . 

8/®-" = B 193 f. 198 f. Og 395,» f. »-^«. Ow 243,»^ f. 
Ä 380-388 E. We (zu 10 f. vergl. Ober- 
bayerisches Archiv 34, 145 V. 72). 

9,* f. =5 200 f. 

9,»-^ =£202—206. Jf399,^ ^ Om; 243,»*-»'. R. 
We 40—43. E, S, 

9,«~»ö = 5 207 f. K 399,«. 0^ 394,*-*'. S 362. 
TT« 44-46. 

11," f. = Og 395,» f. 
I. 2. Die Erscheioung der Engel. 

13,» {. = S 441 f. We. 

13,' l =r. K 40»,» f. r 156,3. 

14,*-* = S 446. TTe. r 156,5. d^ 
I. 3. Die Hirten gehen zur Krippe. 

18,»® = JS:..406,^ S 524. 
Wie ist nun diese Übereinstimmung zu erklären? Es lässt sich 
an den Volksdramen deutlich erkennen, wie bedeutendere Werke der 
Kuustdichtung auch in die unteren Schichten des Publikums drangen 
und hier als Vorbilder einen bestimmenden und andauernden Einfluss 
ausübten. Wer das Wesen der Volkspoesie und die wechselseitigen 
Beziehungen zwischen ihr und der gelehrten Dichtung richtig auffassen 
will, wird den Wegen, auf welchen eine solche Beeinflussung vor sich 
ging, mit Vorliebe nachspüren. So leben drei Stücke des Hans Sachs 
noch heute teilweise im Volksschauspiel fort: der Sündenfall, Christi 
Geburt und Herodes»); ein andrer Dichter des 16. Jahrhunderts, der 
Augsburger Meistersänger Sebastian Wild, hat die Grundlage des 
Oberammergauer Passionsspieles geschaffen^); die Einwirkung einer 
späteren Litteraturperiode zeigen das Rosenheimer Dreikönigspiel, 
welches mehrere Strophen aus Spees Trutznachtigal enthält*), und 
eine Redaktion des Puppenspiels vom Doktor Faust, in welcher Verse 
aus Gryphius' Leo Armenius wiederkehren*); auf eine Reminiscenz 
in demselben Texte an Grimmeishausens Simplicissimus hat Lich- 
tenstein in der Zeitschrift für deutsches Altertum 26, 18 aufmerksam 
gemacht, im Oberuferer Weihnachtspiel V. 385—389 ist ein Scherz 
aus Eis Charts Gargantua Cap. 6 Ende ziemlich wörtlich citiert. Bei 
dem Berliner Weihnachtspiel jedoch, das bis zum Jahre 1839 nur in 
einer einzigen Handschrift existierte, liegt die Sache anders. Die 
Gemeinsamkeiten der süddeutschen Spiele mit demselben können nicht 
durch eine direkte Benutzung desselben erklärt werden, sondern führen 



*) Dass auch das Jüngste Gericht des Hans Sachs auf das Kremnitzer Weih- 
nachtspiel eingewirkt habe, wie Hartmann, Oberbayer. A. 34, 13 annimmt, scheint 
mir nicht hinreichend sicher. Die Au£fassung des Todes als eines Schützen ist im 
Drama des 16. Jahrhunderts überhaupt ausserordentlich häufig. 

*) Hartmann, Das Oberammergauer Passionsspiel in seiner ältesten Gestalt, 1880. 
Hartmann, Yolksschauspiele S. 406. 
Greizenach, Geschichte des Yolksschauspiels vom Doctor Faust 1878 S. 64. 



\ 



97 

auf eine gemeinschaftliche ältere Quelle, welche man zunächst in der 
raündhchen Tradition suchen wird. Wenn nun Pondos Stück keine 
originale Dichtung ist, so entsteht die Frage, ob der niederdeutsche 
Dialog der Hirten damals überhaupt in der Mark im Volksmunde 
lebte — und dies wäre für die Geschichte des Volksschauspiels in 
diesen Gegenden von Wichtigkeit — oder ob der Dialekt eine Zuthat 
des Dichters zu dem ihm irgendwoher zugekommenen Texte ist. Schon 
eine genauere Betrachtung der Verse selbst legt das letztere nahe; 
denn es finden sich Reime, welche auf eine frühere hochdeutsche 
Fassung hindeuten: 8,® bedeudt : thidt^ 9,^ gelider : neder^ 18,^ allgemein : 
sin^ 18,^® Men : fin^ auch wohl 8," tidt : fredt (statt freudp). Wenn 
ferner 44,^* mitten zwischen den Reimpaaren eine Waise steht und 
48," wiederum eine, welche mit jener reimt und dem Sinne nach sich 
gut an sie anschliesst (Hie leitt er in Marien fchoß : Kindlein klein 
vndt Konnig gros), so liegt die Vermutung nahe, dass die dazwischen- 
stehende Dialogpartie eine Interpolation zu einem ursprünglicheren 
Texte ist. Was dagegen Schröer über die beabsichtigte Nachahmung 
des österreichischen Dialekts bemerkt, scheint mir nicht zutreffend; 
gutt ist keineswegs mundartliche, sondern eine gewöhnliche Schreibung, 
welche auf der Neigung, die Endkonsonanten zu verdoppeln, beruht^), 
der Reim an : on ist auch bei norddeutschen Dichtern häufig, der 
Ausdruck gespan Niederdeutschland nicht fremd. 

Ich vermag nun zwei von Pondo benutzte Vorlagen nachzuweisen 
in den kurz zuvor im Druck erschienenen Weihnachtspielen des 
Christoph Lasius und Ambrosius Pape. Lasius, ein geborener 
Strassburger, war 1546 bis 1555 Pfarrer an der Nicolaikirche zu 
Spandau und führte seine Komödie daselbst 1549 auf; dieselbe ist 
dann 1586 zu Frankfurt an der Oder gedruckt und kürzlich nach 
dem einzigen bekannten Exemplar von mir in den Märkischen For- 
schungen 18, 109 neu herausgegeben worden. Pape hatte als Pfarrer 
zu Klein-Ammensleben im Magdeburgischen die Geburt Christi in 
zwei Dramen ausführlich behandelt und das erste, welches bis zur 
Anbetung der Hirten reicht, 1582 zu Magdeburg veröffentlicht^). 
Zu bequemerer Vergleichung teile ich hier die in Frage kommenden 
Scenen mit und bezeichne zugleich die bei Pondo wiederkehrenden 
Verse mit Sternchen. 



*) Andere bei Hartmann, Yolksschaaspiele S. 524^. 

^) Ph. Dietz, Wörterbuch zu Martin Luthers deutschen Schriften 1, XVI 
(1870). Frommann, Versuch einer grammatischen Darstellung der Sprache des Hans 
Sachs. Progr. Nürnburg 1878 S. 10. 

») NäTIVITÄS CHRISTI. \ 3)ic fd^onc önb | gufbcnc iptftoria öon ber | gno* 
benreici^eti aKenfd&wcrbuiig önb | fr^üd^cn ©cburt önfcr« $®91919^ önb | §ci(onb8 3efu 
^xi^ii, ou« bcn (&nanQtlu \ ftcn SRott^ceo önb ßuco gebogen, önb | in ein fur^c 5lction 
9letmmei)e | öerfaft, t>nh in ben brud | öerorbnet: | $urd^ ^mbroftum $apen öon | 
SÄogbcburgf. | . . . | ©cbrudt ju SRogbcburgf. | Anno Chrifti \ 1582. | 8 Bogen %\ 
Auf §öii steht: ©ebrudt ju SRagbeburgf | burd^ Sifl^ctm 9lof«. | 1582. | (Berlin). 

Niederdentiches Jahrbach. IX. 7 



98 
[Gv a] . ACT. V. SCE. II. 

Tityrus. Mopfus. Corydon. 

Tityrus. 
Gott du Vater in Ewigkeit, 

Wenn ich bedenck meins Lebens zeit, 
Was mir von meinen jungen Jarn 

Für leid vnd vnfal widerfarn, 
^ So wird mir fo bang vnd fo weh, 

Das ich für fchrecken fchier zergeh, 
[Gv b] Man fagt im Sprichwort fünft gemein 

Nach Regen kom ein Sonnenfchein, 
Nach Trübnis kome wider Freud: 
*• Abr an mir ifts gefehlet weit, 

Dann es hat niemals mein Elend 

Sich in die griogfte Freud verwend. 
Vnglück, trübfal, jamer vnd not 

Hab ich noch ftets gnug früh vn fpat, 
" Weis jm auch noch kein ende nicht, 

Dauon mein Hertz wol brechen möcht: 

* Ach ich gleub nicht, das diefe zeit 

* Gefunden werdn elender Leut, 

* Als die in folcher angft vnd not 

w * Erobern hie das teglich Brot, 

Wie ich thun mus vnd mein Gefelln: 

Abr horch, horch, wie die Hunde belln, 
Es werden Wolff verbanden fein: 

Wolauff wolauff jr Brüder mein, 
^ Vnd nemet ewer Schefflein war. 

Damit keins kome in gefahr. 

Mopfus. 
Weicht weicht jr WölfF von vnfer Herd, 

Vnd fchawt das keinr gefangen werd: 
Huyt jr Gefellen blaft jn zu, 
^ Auff das wir für jn haben ruh. 

Corydon. 
[Gvj a] * Lieben Brüder was fol ich fagn? 

* Wil mich die Kelt doch fchier verjagn. 

* Mein blafen ift jtzund verlorn, 

* Für froft zitter ich mit dem Hörn. 
^' * Ein folch Kelt hab ich nicht gedacht, 

* Als ich jtzund fühl diefe Nacht. 

Mopfus. 
Ich halt die Wölff fein nun dauon, 

Drumb laft vns wider liegen gohn. 
Wolln vns einraken in das Ncft, 
*^ Solchs dünckt mich fein das allerbeft. 

Tityrus. 
Hilff Gott wie wird jtzund fo fchnel 

Der gantz Himel fo klar vnd hell? 
Sich fich Wetterleuchts dorten nicht? 

Corydon. 
Ein Wunderzeichen jtzt gefchicht 
** Am Himel, das feht jr jo wol. 



Mopf as. 
Mich dünckt, wenn ich es Tagen Fol, 
Ich hör ein hauffen Meyde fingn, 

Welchs in der Lufft gar ihiit erklingn. 

Corydon. 
[Gvj b] Ich hör warlich auch ein Gefang. 

Tityrus. 
'^ Nun wird mich ausdermaffen bang 

Vnd weis fehir nicht wie mir gefchicht. 

So helle fcbeints für meim Geficbt. 
Ach helfft jr Heben Brüder mein, 

Sunl't mus ich ftracks des Todes sein. 

ACT. V. SCE. III. 

Gabriel. Tityrus. Jerameel. Mopfus. Corydon. 
Chorus Angelicus. Vriel. 

BB Fürchtet euch nicht jr lieben Kind, 

Das ich zu euch kom fo gefchwind: 
Sihe ich bin von Gott gefand, 

Das ich euch machen fol bekand 
Ein wunder new vnd groffe Frewd, 
** Die allem voick zu jeder zeit 

Begegnen wird, fo fie nur glaubn, 

Vnd fich derer nicht felbft beraubn. 
Dann diefe Nacht ift euch geborn 

Chriftus der Heiland aaserkorn 
'* Von dem lang geweiffagt ift, 
[Gvij a] Wie man in den Propheten lift, 

* Zu Bethlehem in Dauids Stadt, 

* Wie Micha das verkündet hat. 
Drumb macht euch auff, vnd geht dahin, 

'® Ir werdet dafelbft finden jn, 

Zum Zeichen folt jr haben diß, 

Auflf das jr feid der fachen gwip: 
In Windeln wird gewickelt fein 
Das newgeborne Kindelein. 
'• Ir werds nicht finden in der Wiegn, 
Sondern in einer Krippen liegn, 
Beim Vieh in einem Stalle blos, 

Vnd da nichts ift als Armut gros. 
Habt gar kein forge vmb ewr Herd, 
*<* Wie fie die weil erhalten werd, 

Sondern erkund die newen mehr, 

Vnd laufft darnach bald wider her. 

Tityrus. 
Ja ja wir wollens gerne thun, 

Dieweil geborn ift Gottes Sohn. 
®* Wir wollen gehn jtzt bald in eyl, 

Ein jedr nimpt jm wol fo viel weil. 

Gabriel. 

* Nun tret herzu jr Engel all, 

* Vnd finget eins niit reichem fchall 



7* 



100 

8» * Zu lob dem Heiland Jefu Chrift, 
[Gvij b] * Der diefe Nacht geboren ift. 

[Die Hirten sprechen ihre Freude und Verwunderung zu einander aus. Der 
Chorus Angelicus singt: ^Ehre fey Gott im höchften Thron*)** etc.] 

[Gviij a] Vriel. 

* Wir farn widrumb durchs Firmament 

* Zu Gott der uns hat her gefend. 
116 * j)em fein ^jj. allezeit bereit, 

* Von anfang bi(J in Ewigkeit. 

ACT. V. SCE. IUI. 

[Die Hirten treffen mit drei andern, Mehalcas, Gallus und Thyrsis zusammen 
und erzählen diesen ausführlich, was sie gesehen und gehört. Pondo lässt die Hirten 
in ähnlicher Weise an Joseph Bericht geben.] 

[Hj b] Lieben Nachbarn hört mir doch zu, 

Da wir zu nacht lagn an der ruh, 
Wards am Himel fo hell vnd klar, 
"^ Das wir fehn kunten gautz vnd gar. 

Als wenn die Sonn gefchienen wer 

Des wir erfchrocken mechtig fehr, 
Vnd kam vns allen an ein graus, 

Das wir nicht wuftn wo ein vnd aus. 
"^ Darzu hörten wir ein Gefang, 

Der herrlich vnd gar füffe klang, 

* Welcher wol fein mucht in der Lufft. 

* Wir verbergten vns in ein Klufft, 
Das wir den fchein nicht muchten fehn, 

190 Vn^ allem fchrecken fo entgehn. 

[Hiij a] ACT. V. SCE. V. 

[Anbetung der Hirten.] 

Wie nun Pondo die Stücke des Lasius (L) und Pape /P> für 
seine Zwecke verwandte, mag wiederum eine tabellarische Übersicht 
verdeutlichen. 

Prolog. 5,3-« = L 4—7. 

I. 1. Gespräch der Hirten, Einschlafen und Erwachen. 
6,^-* = L 65-67. 

6 5-8 _ p i7_20. 

7/5—8,2 == P 31—36. 

12,8 f ^ p 137 f 

I, 2. Verkündigung des Engels Gabriel. 

P 67 f. 



13,»— 14,« 


= L 75—78. 81 f. 85 


145-8 


= i 89 f. 73 f. 


1511-16 


= L 107 f. 113—116. 


16,» f. 


= L 117 f. 


IßS-l» 


= P 123-126. 87—90, 



") Ebenso in Jakob Funckelius um 1553 zu Zürich gedrucktem Weihnachtspiel. 



101 

I. 3. Anbetung der Hirten. 

17 ii-16 _ £ 119 f 129—132. 

18,*-" = L 133 f. 137 f. 141—150, 

19,'»— 21," = L 163—195. 197—206. 

26,»-8 = L 209—214. 

26,»»->« = L 215—220. 

27,"— 28,4 = L 221—224. 229—238. 

28,^—29,* = L 239—253. 264. 

II. ]. Die heiligen drei Könige erkundigen sich nach dem 
Messias bei zwei Hohenpriestern und einem Boten. 

32,1-« _ i 303—308. 311 f. 

33,*-" = L 379—383. 385 f. 389—393. 

34,». '^^ = L 358—366. 447—454. 

35,1-« _ £ 459—464. 421 f. 

35,"-" = i 520 f 523. 324—328. 

36,'-" = L 349—356. 333-340. 404—406. 

36,»«— 87," = i415f. 319f. 341—346. 500-505, 510 f. 

38,^ = L 603. 

II. 2. Die Könige kommen nach Bethlehem, wo ihr Knecht 
den Joseph befragt. 

39'-" = L 269—276. 660—662. 

40,"-" = L 667 f. 657 f. 663 f. 

41,» f. ~ L 665 f. 

41,9—42,« = L 681 f. 295—298. 683—688. 313 f. 

42,9-1* _ jr 689—694. 

II. 3. Anbetung der Könige. 

43,7_44," = L 695—706. 303—308. 

44," = L 707. 

48,"— 49,* = L 708—710. 713—716. 721—724. 

49,^-50,»* = L 725—746. 751 f. 755 f. 759—762. 

50," f. = Z 771 f. 

51,«-" = L 773—780. 791 f. 795 f. 

51,«»— 53," = L 797—808. 813—824. 827—838. 

54," f. " f . = X 841—844. 

55,"f. 56,"f. 

" f. =z L 845 f. 

IL 4. Gespräch Josephs und der Maria. 
Im Ganzen sind also 275 Verse des Berliner Weihnachtspieles 
aus Lasius und 20 aus Pape entlehnt. Dass aber der Verfasser 
wirklich diese Stücke selber in Händen hatte und dass jene Gemein- 
samkeiten nicht etwa auf eine andere frühere Quelle zurückzuführen 
sind, das geht hervor aus der selbständigen Stellung, welche Lasius' 
Drama der Tolksmässigen Tradition gegenüber einnimmt, während Pape 
au mehreren Stellen mit den Volksscbauspielen übereinstimmt. Von 
dem Verfahren Pondos bei der Abfassung seines Stückes einen an- 
schaulichen Begriff zu geben, ist schwer, wenn man nicht beide Texte 
nebeneinander abdrucken lassen will. Indes geht doch schon so viel 



102 

aus unserer Tabelle hervor, dass im ersten Akte der Anschluss an 
Lasius ziemlich genau, natürlich mit manchen Auslassungen und Er- 
weiterungen. Die letzteren sind sämtlich aus dem Bestreben hervor- 
gegangen, dem lehrhaften Element einen weiteren Spielraum zu ge- 
währen; die Engel heben die Bedeutung der Menschwerdung Christi 
hervor, und die Reden der Hirten enthalten weitere Betrachtungen 
über die Niedrigkeit des neugeborenen Königs und Danksagungen 
gegen Gott. Selbständiger ist der Verfasser im zweiten Akte ver- 
fahren. Es fällt von vornherein auf, dass die heiligen drei Könige 
nicht der biblischen Erzählung gemäss zu Herodes kommen und von 
ihm den Aufenthaltsort des Jesuskindes erfahren, sondern dass diese 
Rolle völlig fortgefallen ist. Die Veranlassung dieser Neuerung ist 
nicht etwa das Streben nach Vereinfachung der Handlung, sondern, 
wie Martin Hartmann (Über das altspanische Dreikönigspiel, Bautzen 
1879 S. 11*) richtig hervorgehoben hat, die Schwierigkeit, vor einem 
fürstlichen Publikum Herodes auf die Bühne zu bringen, der im Laufe 
der Zeit mit allen Widerwärtigkeiten ausgestattet ein höchst bedenk- 
licher Vertreter des monarchischen Princips geworden war. Wenn 
auch der Trebbiner Stadtschreiber Bartholomäus Krüger 1580 in 
seiner Action von dem Anfang und Ende der Welt die Könige nur 
mit mehreren Priestern in Jerusalem, mit Herodes zusammentreffen 
lässt, so leitete ihn dabei wohl die Absicht, den Stoff möglichst 
zusammenzudrängen und zugleich etwas vom Hergebrachten Abwei- 
chendes zu liefern. 

Wunderlich ist nun die Art und Weise, in der Pondo aus dem 
Texte des Lasius sich notdürftig einzelne Verse zusammenflickt. 

Der Knecht der drei Könige Joram redet im Auftrage seiner 
Herren die Hohenpriester mit denselben Worten an, mit denen bei 
Lasius der Kanzler Berzay dieselben zu Herodes, der von den Er- 
kundigungen der Fremden gehört hat, beruft. Die Antwort des Simon 
(oder Simeon 36,*') ist aus Versen, welche bei L. von dem Rate des 
Königs Achiabus, dem Priester Simon und Herodes selber gesprochen 
werden, zusammengesetzt, ebenso die des andern Priesters Zedechias 
aus den Reden des Herodes und seines Schwagers Alexas; aus Rück- 
sicht für die jugendlichen Darsteller steht aber für den Namen des 
Teufels hier immer der unschuldigere „Kuckuck": 35,** Furt der 
Jcuckug den Eönnig herr und 36,** Es mus der kucJcug felber fein. 
Bei solcher Mosaikarbeit ist denn auch eine mehrfach schiefe Ge- 
dankenfolge herausgekommen. Auf die Frage der Könige nach dem 
neugebornen Messias führt der eine Priester zwar die auf Bethlehem 
bezügliche Weissagung des Propheten Micha an, fügt aber auch einen 
Rat hinzu, um den er nicht ersucht worden war und auf den auch 
im Folgenden gar nicht eingegangen wird, die Sache geheim zu halten, 
während bei L. eine solche Bitte, von Herodes an die Priester ge- 
richtet, ihren guten Sinn hat. Der andere spricht nur seinen Unwillen 
über die Störung seiner Behaglichkeit aus und verweist die Frager 
an den König, Das er euch fagett ohne fcheu^ Ob Ist die Zeitt vor- 



103 

handen fey. Das ein KonnigJc foltt kommen herr^ worauf der erste sie, 
gleich als ob er einen direkten Auftrag dazu hätte, zu Herodes ein- 
ladet. Ganz unvermittelt aber und ohne ein Wort der Erwiderung 
wenden die Fremden sich nun an einen Boten, der in grosser Eile 
gelaufen kommt, und dieser erklärt in einer ganz verwirrten Rede, 
er eile von Jerusalem nach Nazareth und wisse nichts vom Messias, 
und spricht zugleich von der Prophezeiung Michas und einem grossen 
Blutbade, das zu erwarten sei. Es ist nicht wohl denkbar, dass der 
Verfasser diesen sinnlosen Bericht aus eignem Antriebe an die aus 
Lasius entlehnten Verse angeschlossen habe; ihm muss ein Schauspiel 
vorgelegen haben, in welchem die Könige durch einen Boten oder 
Bauern auf den Weg nach Bethlehem gewiesen werden^); und aus 
diesem fügte er die ganze Partie in sein Stück hinein, ohne viel zu 
fragen, ob sie zum Vorhergehenden stimme oder nicht. Dies von 
Pondo entweder in einer handschriftlichen Aufzeichnung oder einem 
für uns verlorenen Drucke benutzte Drama muss in vielem den süd- 
deutschen Volkskomödien nahe gestanden haben ; denn ich trage kein 
Bedenken, demselben auch andre Züge, welche das Berliner Spiel mit 
diesen gemein hat, zuzuteilen, so S. 40 die Berechnung, welche die 
Könige mit ihren Himmelsgloben beim Erscheinen des Sternes an- 
stellen, um zu sehen, ob es ein natürlicher Stern sei^), und den Dialog 
der Hirten, welcher den ersten Akt beginnt und, wie oben gezeigt 
wurde, eine ganze Reihe von Versen enthält, die in den Volksschau- 
spielen wiederkehren. Allerdings erhellt die weite Verbreitung dieses 
Hirtengesprächs daraus, dass auch Pape dasselbe teilweise verwendet; 
trotzdem möchte ich glauben, dass der Verfasser des Berliner Spieles 
hier nicht aus der lebendigen Volkstradition, sondern aus einer schrift- 
lichen Fixierung derselben geschöpft hat. Seine eigenen Zuthaten, 
soweit wir dies zu kontrolieren vermögen, bestehen wesentlich in der 
breiteren Ausmalung der Situation und ihrer Bedeutsamkeit für die 
Erlösung der Menschen. Er wiederholt öfters die Worte seiner Vor- 
lage: 32,'-* und 44,^-^® kündigen die Könige den Zweck ihrer Reise 
mit denselben Versen an, Maria grüsst beim Abschied (55,^^ f. 56,^® f. 
^^ f ) jeden von ihnen mit demselben Reimpaar, der Epilog schliesst 
mit Worten des Prologs (62,^^-^* = 5,» f. ^^ f.). Auf die Behandlung 
der metrischen Form ist nicht viel Sorgfalt verwandt; Dreireim er- 
scheint ohne besonderen Grund 18,\ 2b,^K 40/. ^®. 58,^ Waisen 8,^ 
21, ^ 44,^^ 48,*\ in den letzten beiden Fällen, weil eine längere Partie 
zwischen ein aus Lasius entlehntes Verspaar eingeschoben ist, endlich 
ein auf eine doppelte Länge angewachsener Vers 20,^'. Dass das 

*) Vergl. das Vordernberger Spiel bei Weinhold S. 165 f., das Rosenheimer 
im Oberbayrischen Archiv 34, 180 und 156 und das Brixlegger bei Pailler 2, 371 
und 418. 

•) Eigentlich gehört aber diese Berechnung an eine frühere Stelle, nämlich 
wenn sie den Stern zum ersten Male gewahr werden. Dahin setzt sie auch das 
Oberuferer Spiel (bei Schröer S. 93 V. 595) und die frühere Redaktion desselben 
von 1693, welche ich in dem angeführten Aufsatze in den Märkischen Forschungen 
18 nachgewiesen habe. 



104 

protestantische Kirchenlied häufig durchklingt, ist ein Zug, den unser 
Weihnachtspiel mit allen gleichzeitigen deutschen Spielen teilt. Luthers 
Vom Himmel hoch da komm ich her^) wird von einem Engel gesungen 
(14j) und auch sonst (59,^®-*^) wörtlich citiert, Nicolaus Hermanns 
Lied Seid fröhlich und jubiliert^) (16,*') und Caspar F&gers Ihr Ghri- 
stenleut^) (10,^. 62,^^) erscheinen ebenfalls als eingelegte Gesänge. 
Abgesehen hiervon hat der Verfasser sich darauf beschränkt, aus den 
drei (oder mehr) ihm vorliegenden Stücken das ihm Zusagende aus- 
zuwählen und mit einigen Änderungen und Einschaltungen zusaounen- 
zustellen und die Beden der Hirten in niederdeutschen Dialekt umzu- 
schreiben. Eine solche Einmischung der Volksmundart muss in Berlin, 
wie um dieselbe Zeit auch sonst in Deutschland, beliebt geworden 
sein, nachdem der mehrfach erwähnte Pondo 1580 hier den Dämon 
und Pythias des Mecklenburger Schulmeisters Omichius, in welchem 
die niederdeutschen Zwischenspiele eine grosse Rolle spielen, zur Auf- 
führung gebracht hatte; die eigenen Dramen Pondos verwenden dies 
Mittel, so weit ich sie kenne, sämtlich. 

Die dichterische Begabung unseres Autors wird nach dem Ge- 
sagten nicht sehr hoch anzuschlagen sein. Wenn man aber sein Werk 
mit dem Vorwurfe eines Cento und Plagiats belegen und verwerfen 
wollte, so ist zu bedenken, dass im 16. Jahrhundert in betreff der 
Ausbeutung fremden Eigentums andere Begriffe herrschten als bei uns^), 
und vor allem, dass seine Komödie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt 
war. Wenn wir dieselbe nur als eine Gelegenheitsdichtung für die 
Weihnachtsfeier am kurfürstlichen Hofe betrachten, werden wir dem 
Verfasser auch einige Ungeschicklichkeiten in der Ausfuhrung leichter 
nachsehen. 

BERLIN. Joh. Bolte. 



Status Mundi, 



In einem Sammelbande von kleinem Octavformat, welcher sich 
auf der Hamburger Stadtbibliothek befindet, steht als fünfte Schrift: 
Status mundi, ex gestis Romanorum, capitulo 144. Dieser Tractat 
umfasst 8 unpaginierte und unfoliierte Blätter oder zwei mit A und 
B signierte halbe Bogen. Weder Jahrzahl, noch Ort, noch Drucker 
sind genannt. 



*) Häufig in gleicher Weise verwandt. Märkische Forschungen 18, 166. 
') Wackernagel, Das deutsche Kirchenlied 3 n. 1369; auch im Oferuferer 
Weihnachtspiel 1312 (Schröer S. 122). 
*) Wackernagel 4 n. 12. 
*) Pilger, Zeitschrift für deutsche Philologie 11, 205«. 



105 

Die Zeit des Druckes lässt sich ungefähr bestimmen, theils aus 
den gothischen Lettern, theils aus den übrigen Schriften des Bandes, 
iheils aus dem Inhalt, vielleicht auch aus dem Namen des ehemaligen 
Besitzers desselben, der ihn durch die Inschrift „Dionyfij Le Feuere" 
auf der ersten Seite des ersten Buches als sein Eigentbum bezeichnet 
bat. Die Schriftzüge stimmen gut zu der Zeit eines Dionyfius Faber 
oder Le Fevre, von dem Jöcher im Gelehrten-Lexicon berichtet, dass 
er 1488 geboren, Cölestiner-Mönch von Vendome, zu Paris Magister 
der freien Künste und berühmter Interpret griechischer und latei- 
nischer Scribenten geworden und 1538 gestorben sei. 

Von den übrigen fünf Stücken des Bandes ist nur eins datiert: 
Coloniae, Martinus de Werdena, 1506. Ein anderes ist am Ende 
defeet und entbehrt also des Eolophons. Diese Schrift ist gedruckt 
za Paris und zwar nach dem Druckersignet ^) auf dem Titelblatt bei 
Enguilbert I und Geoffroy de Marnef, von denen letzterer nach Sil- 
yeftre, Marques typographiques, Paris 1867, bis 1526, ersterer auch 
später noch vorkommt. Brunet führt eine 1503 bei Geoffroy de Marnef 
in 8® erschienene Ausgabe dieser Schrift (Guidonis Juvenalis Refor- 
mationis monafticae vindiciae) an; da unser Druck im Titel als eine 
Ausgabe per eundem (Guid. Juv.) rurfus caftigata bezeichnet ist, so 
wird er wohl ein etwas späterer sein. Weiter haben zwei Stücke gar 
keine Angabe von Ort, Drucker und Jahr, gehören aber, wie die Be- 
schaffenheit des Druckes lehrt, ungefähr in dieselbe Zeit, wie jene 
erstgenannten beiden Bücher, und ebendahin weist das fünfte, welches 
zu Cöln bei Johann Landen erschienen ist. 

Dass wir den Status mundi gleichfalls um oder bald nach 1500, 
jedenfalls vor die Reformation setzen müssen, bezeugt der Inhalt des 
Tractats, weil er nämlich ein Abdruck des 144. Kapitels der Gesta 
Romanorum cum applicationibus moralifatis et mysticis ist. 

Die Erzählung des betreffenden Kapitels ist folgende. Es wird 
von einem Könige berichtet, dessen Reich in eine so plötzliche Ver- 
änderung gerieth, dass gut in schlecht, wahr in falsch, stark in schwach, 
gerecht in ungerecht verwandelt ward. Da den König diese Verän- 
derung wunderte, fragte er vier sehr weise Philosophen um die Ur- 
sache derselben. Nach gründlicher Berathung gingen diese Philosophen 
zu den vier Thoren der Stadt, und sie schrieben an dieselben jeder drei 
Ursachen. Der erste schrieb: Macht ist Recht, daher ist das Land 
ohne Gesetz; Tag ist Nacht, daher ist das Land ohne Weg; Flucht 
ist in der Schlacht, daher ist das Land ohne Ehre. Der zweite schrieb : 
Eins ist zwei, daher ist das Reich ohne Wahrheit; Freund ist Feind, 
daher ist das Reich ohne Treue; schlecht ist gut, daher ist das Reich 
ohne Frömmigkeit. Der dritte schrieb: Die Redlichkeit hat Urlaub*), 

*) bei Silvestre Nr. 974. 

') Batio habet licentiam. Die Uebersetznng ist gegeben nach den Glossen 
mittelalterlicher Vocabularien zu ratio und licentia und nach der im Tractate gege- 
benen ndd. Uebertragung. Graesse, Gesta Bomanorum, 1842, II, 7: „Die Vernunft 
hat Zügellosigkeit bei sich." 



106 

darum ist das Beich ohne Namen; der Beamte ist ein Dieb, daher 
ist das Beich ohne Geld; der Mistkäfer*) will Adler sein, daher ist 
kein unterschied im Vaterlande. Der vierte schrieb: Der Wille ist 
Bathgeber, daher wird das Land schlecht regiert; der Pfenning 
spricht das Urtheil, daher wird das Land schlecht verwaltet; Gott ist 
tot, daher ist das Land voll Missethäter. 

In der Moralifatio, welche auf die Erzählung folgt, werden die 
zwölf Gründe der Philosophen gedeutet und ausgelegt, wird gezeigt, 
wie und weshalb die Welt so schlecht geworden sei und wird strenger 
Tadel nicht gespart. Das Thema war gegen Ende des Mittelalters 
beliebt bei ernster gesinnten Zeitgenossen. Nachdem dann die er- 
sehnte Beformation begonnen hatte, verstummen freilich derartige 
Klagen nicht gänzlich, würde man aber schwerlich eine solche Straf- 
predigt aus den Gesta Bomanorum entlehnt haben. 

Derjenige Unbekannte, welcher durch einen Abdruck des 144. 
Kapitels der Gesta Bomanorum auf die Sitten seiner Mitwelt zu wirken 
versuchte, hat einige Zuthaten gegeben. Er hat einmal den Text um 
drei Distichen und eine prosaische Schlussmahnung gemehrt; ferner 
hat er sein Büchlein mit einigen Holzschnitten geschmückt; und end- 
lich hat er die Antworten der Philosophen auch in niederdeutscher 
Üebersetzung, die Frage des Königs gar in niederdeutschen Versen 
hinzugefügt. Warum er nicht ebenfalls jene Antworten in Beirae 
gesetzt hat, lässt sich verstehen : er fürchtete wohl, durch eine poetische 
Umschreibung die Wirksamkeit der Aussprüche zu verringern. Aber 
weshalb übersetzte er nicht den ganzen Tractat? Auch in dieser Be- 
schränkung offenbart sich der vorreformatorische Charakter der Publi- 
cation. In der Moralifatio wird nämlich der Geistlichkeit stark der 
Text gelesen und selbst des Papstes nicht geschont: das dem Volke 
mundgerecht zu liefern, dazu war der Herausgeber, als guter Katholik, 
wohl zu vorsichtig. 

Da das Buch gänzlich unbekannt zu sein scheint, habe ich es 
für angemessen gehalten, auf dasselbe aufmerksam zu machen, und 
da es niederdeutsche Bestandtheile enthält, dieselben in dieser Zeit- 
schrift mitzutheilen. Den ganzen lateinischen Text absudrucken, ist 
überflüssig, weil er, freilich mit einigen Varianten, in den Ausgaben 
der Gesta Bomanorum von Keller und von Oesterley zu lesen steht. 
Ich beschränke mich deshalb darauf, eine Beschreibung der Einrich- 
tung des Buches und einen Abdruck der Distichen, der lateinischen 
Fassung der Aussprüche der Philosophen und des Schlusses zu liefern. 
Die Abkürzungen habe ich aufgelöst, ae, oe, u, v, i und j nach mo- 
dernem Brauch und nach Lautwerth gesetzt und die Interpunction 



*) Corabola, ein unbekanntes Wort. Wegen der obigen Üebersetzung vgl. die 
des Tractats; Diefenbach, Gloffarium lat.-germ., 1857, unter crabro; und xapaßo?. 
Graesse: ^Die Schnecke will ein Adler sein, darum ist keine Vorsicht in unserm 
Yaterlande." Es ist aber der Unterschied der Stände gemeint, wie die Mora- 
lifatio ausführlich darthut. 



107 

hinzugefügt. Der Druck gebraucht Punct und Kolon, aber nicht ganz 
den Regeln unserer Interpunctionslehre gemäss. 

p. ]. Status Müdi : ex gestis 

Romauorum. capitulo. [144, bandschriftlicher 

Zusatz in alter Schrift,] 
Duodecim rationes qua- 
re totus mundus in mali[-] 
gno pofitus est. 
Holzschnitt, Medaillon: Maria mit dem Kinde, von 
einem Strahlenkränze umgeben, 
p. 2. Holzschnitt, viereckig: ein König in langem Talare, 

mit der Krone auf dem Haupte, in der erhobenen Rechten 
das Scepter tragend. 

Status Mundi Actualis. 
Et fcelus a fuperis habet et fua praemia virtus: 
Huic polus est, illi tartarus apta domus. 

Nota. 
Mane tekel phares*) vigili fi mente notares, 
Rapta refignares et meliora dares. 
p. 3. Die Erzählung, 

p. 4. Holzschnitt: wie auf p. 2. 

Rex ait et quaerit: 
Wiste ick meysters alfo wiiß, 
Jd wer to Präge eflfte to Parijß, 
De my doch künden doen bekant, 
Woer van vergaen ftede, borghe und lant! 
p. 5. Holzschnitt, viereckig: ein Mann in Gelehrtentracht, 

der, mit ausgestrecktem Zeigefinger der rechten Hand, zu 
docieren scheint. 

Primus Philofophus: 
Macht ys recht, daer umme ys dat lant funder nerynge. 
De dach ys de nacht, daer umme ys dat lant funder wech. 
De ftryden folden de entlopen, daer umme ys dat lant 

funder ere. 
p. 6. Potentia est justicia, ideo terra fine lege. 

Dies est nox, ideo terra fine via. 
Fuga est in pugna, ideo regnum fine honore. 
p. 6 u. 7. Die Moralifatio über die Sentenzen, 

p. 8. Holzschnitt, viereckig: ein Gelehrter, in anderer Stel- 

lung und Kleidung als der erste, mit ausgestreckter Linken. 

Secundus Philofophus: 
Eyn is twe, daer umme is dat lant funder waerheyt. 
De frundt ys vyandt, daer umme is nement dar inne is 

gelove. 
Quaet is gued, daerumme is dat lant funder bermherticheyt. 



*) Daniel 5, 25. 



108 

p. 9. Unum est duo, ideo regnum fine veritate. 

Amicus est inimicus, ideo regnum fine fidelitate. 
Malum est bonum, ideo terra fine pietate. 

p* 9 u. 10. Moralifatio. 

p. 10. Derselbe Holzschnitt wie auf p. 1. 

p, IL Holzschnitt, viereckig: ein Philosoph, in anderer Hal- 

tung und Kleidung als die vorhergehenden; er hat, wie 
etwas betheuernd, die linke Hand auf die Brust gelegt. 

Tertius Philofophus: 
Redelicheyt ys verlaten, daer umme ys dat landt funder 

name. 
De dat gemeyne guet boert ys eyn deeff, daer umme ys 

dat lant funder gelt. 
De fchernewevel will eyn am wefen, daer umme ys dat 

lant funder underfcheet. 

p. 12. Ratio habet licentiam, ideo regnum fine nomine. 

Praepofitus est für, ideo regnum fine pecunia. 
Corabola vult effe aquila, ideo nuUa discretio in patria. 

p. 12 u. 1 3. Moralifatio. 

p. 14. Holzschnitt, viereckig: ein Philosoph, wieder anders 

gekleidet, beide Hände ausstreckend. 

Quartus Philofophus: 
Wille ys de raetman, daer umme wert dat lant quaetlick 

regert. 
De penninck gyfft de fententien, daer umme fchuet int 

lant unrechtverdicheyt. 
God ys doet, daer umme ys dat lant vuU funder. 

p. 15. Voluntas est confiliarius, ideo terra male disponitur. 

Denarius dat fententiam, ideo terra male regitur. 
Dens est mortuus, ideo totum regnum peccatoribus est 

plenum. 

p, 15 u. 16. Moralifatio. 

p. 16. Ecce audistis duodecim rationes, quare totus 

mundus est in maligno pofitus^). Quiescite ergo, chariffimi, 
agere perverfe, discite bene^); Efaias. Auscultate ut 
cognofcatis veritatem, et veritas vos liberabit^); quam 
omnis terra approbat, coelum etiam ipfum benedicit, et 
omnia opera trement eam, quoniam non est cum ea quod 
iniquum; ideo permanebit in aeternum^). 
Asper erit victus, labor asper, asperque amictus, 
Aspera cuncta tibi, fi vis fuper aethera fcribi. 

Zum Schluss habe ich noch einige Worte über die deutschen 
Bestandtheile des Werkchens zu äussern, welche ja überhaupt die 

«) 1. Johan. 5, 19. 

') nämlich agere. Jesaias 1, 16. 17. 

8) Ev. Johan. 8, 32. 

*) Vergl. 2. Johan. 2. 



109 

Veranlassung zur Besprechung desselben an dieser Stelle gegeben 
haben. Bemerkenswerth ist der Äccusativ Singularis „name'^ statt 
^namen'', wenn es nicht Druckfehler ist. Die Construction der Prae- 
position ^in^ mit dem Äccusativ auf die Frage: wo? wie wir sie in 
„int lant^ hier finden, ist gegen Ausgang des Mittelalters nicht selten 
(s. Lübben Mndd. WB. und im Glossar zum Reineke Vos unter ;,in^) 
und ist bei einigen Ortsangaben, wie z. B. der Himmelsgegenden, 
durchaus die gebräuchliche. 

Der hier gebrauchte Dialekt ist derjenige, welchen man als mit- 
telniederdeutsche Schriftsprache bezeichnet. Provinzielle Eigenthüm- 
lichkeit, aus welcher sich vielleicht die Heimat des Druckes bestimmen 
Hesse, zeigen ^solden" statt „scolden" oder „fcholden'^ und „vcrgaen, 
verlaten" statt „vorgaen, vorlaten". Danach ist der Druck sicher kein 
Lübeker, ein Schluss, den die Lettern mich dünken zu bestätigen. 
Es giebt zwei niederdeutsche Gebiete, deren Sprache bereits im Mit- 
telalter „scaF in „saP zu wandeln pflegt: das eine ist Westfalen und 
überhaupt die den Niederlanden benachbarten Landschaften, das andere 
ist das Land östlich vom Harz, dessen Mundart man am füglichsten 
Nordschwäbisch nennen kann. Das ;,ver-" statt „vor-^ ist über ein 
weiteres geographisches Gebiet verbreitet, als „fal^, allein es erscheint 
viel unstäter. Man weiss freilich nicht immer, wie viel auf Rechnung 
der Handschriften, wie viel auf die der Herausgeber kommt, da das 
e und das o mancher mittelalterlichen Schreiber sich sehr ähnlich 
sehen, und dty die Abkürzung v\ welche freilich nach der Regel in 
ver aufzulösen ist, vielleicht auch für vor verwendet sein könnte. In 
den beiden Wörtern unsers Tractates, die ;,ver-^ zeigen, ist diese Silbe 
ohne Abkürzung gedruckt, also vollständig sicher. Ich glaube be- 
haupten zu dürfen, dass einmal in jenen beiden Gebieten, welche „fal^ 
bevorzugen, dann aber auch im obern Engern „vor-^ zu ^ver-** ge- 
schwächt zu werden pflegt. Bei beiden Spracheigenthümlichkeiten ist 
nun aber auch noch die Zeit in Betracht zu ziehen. Während in 
jenen östlichen Binnenlanden gegen den Ausgang des Mittelalters 
„schal" und ;,vor-* sich wieder eingebürgert zu haben scheinen, halten 
jene westlichen ^faP und ;,ver-" fest. Darum vermuthe ich den Ur- 
sprung des Status mundi in Westfalen, wahrscheinlich in Münster. 
Die Tendenz, welche sich in der Fublication kundgiebt, lässt es mög- 
lich erscheinen, dass sie aus dem Kreise der Brüder vom gemeinsamen 
Leben hervorgegangen ist. 

HAMBURG. C. ^Valther. 



IIÖ 

Gories Peerse's Gedieht Van Island. 



Im Jahre 1561 erschien bei Joachim Low in Hamburg eine in 
Versen abgefasste Schilderung Islands, die mehreremals neu abgedruckt 
wurde. Die mir vorliegende Ausgabe gehört d. J. 1594 an; einen 
älteren Druck zu Gesicht zu bekommen, ist mir bisher nicht gelungen, 
und ich weiss nur aus den Bemerkungen isländischer Gelehrten des 
16. Jahrb. die ehemalige Existenz zum mindestens zweier älterer 
Drucke zu erweisen, jenes i. J. 1561 bei Low erschienenen ältesten 
und ein oder zwei jüngerer, auf deren Titelblättern Verfasser und 
Drucker sich nicht nannten^). Der Kenntnis der Bibliographen scheint 
das unscheinbare, nicht einmal einen ganzen Bogen umfassende Schrift- 
chen ganz entgangen zu sein, und doch hat die kleine Dichtung von 
drittehalbhundert schlechtgereimten Versen, welche es enthält, eine 
gewisse Bedeutung. Mittelbar und unmittelbar verdankte der Con- 
tinent ihm eine genauere Kenntnis Islands, über das die Kosmographien 
des 16. Jahrb. nur dürftige Notizen boten; unmittelbar, weil es die 
ersten ausführlichen Nachrichten über die Naturverhältnisse Islands 
verbreitete, mittelbar, indem es die monographische Beschreibung 
Islands durch einheimische Gelehrte geradezu veranlasste. 

Der Druck von 1594, acht Blätter in kl. 8^ hat den Titel: 

Van Yfslandt, | Wat vor Egenfchop, wunder |* vnd ardt des 
Volckes, der Deert- | te, Vogel vnd Vische, dar- | fulueft gefunden 
wer- I den. | [Holzschnitt]. [ Gefchreuen dorch einen gebaren | Yfslan- 
der, vnd dorch de yennen, fo Jaer- | likes yn Yfslandt handeln, yn | 
den Drück vorfer- | diget. | Der Holzschnitt, welcher einen Tier- 
bändiger darstellt, der einem Löwen den Rachen aufreisst, steht zum 
Inhalt der Schrift in keinem Bezug. 

Zu Schluss, Bl. 8a, heisst es GORIES PEERSE [ Anno Domine 
[sie] LXl I Gedrficket im Jare, | 1594. | Z. V. C. | 

Darnach ist das im Jahre 1561 zuerst gedruckte oder nieder- 
geschriebene Gedicht von einem gewissen Gories ^J Peerse verfasst 



*) Vergl. A. Jonas Commentariiis f. 99 *Sed hie merito dubitaverim, ppjusne 
horum conviciorum autor [i. e. Peerse] de Islandis meritus sit an vero Typographus 
ille Joachimus Leo (et quicunque sunt alii, qui in suis editionibus nee suum nee 
urbis suae nomen profiteri ausi sunt) qui illa jam bis, si non saepius, typis suis 
Hamburgi evulgavit.' — Gudbr. Thorlacius, ibid. A 6 *In lucem exiit circa a. 1561 
Hamburgi faetus valde deformis patre quodam Germanico propalam : Rhythmi videlicet 
Germanici . . . Nee sufficiebat sordido typographo sordidum illum faetum semel 
emisisse, nisi tertium etiam aut quartum publicasset, quo videlicet magis innocenti 
genti apud Germanos et Danos aliosque vicinos populos summam et numquam 
delendam ignominiam inareret.' — Anatome Blefkeniana F 6 ... *ex Gregoriano 
illo pasquillo (sie vera : quid altera et tertia editione autoris nomen suppressnm est)' 
— Vergl. auch zu v. 170. 

') Gories (Gorges, Joris, Görres usw.) ist = Gregorius in Ostfriesland ; = Ge- 
orgius in Hamburg und in Holland. Vergl. Crecelius, Zs. f. deutsche Philol. 4, 345. 



lii 

worden. Dieser Peerse ist sicher kein Isländer, wie der Titel angibt. 
Das beweisen einzelne grobe Irrtümer, deren er sich sonst nicht 
schuldig gemacht hätte, und die verächtliche Art, in der er von den 
Isländern spricht. Die Angabe des Titels über die Herkunft des Ver- 
fassers rührt auch nicht von diesem selbst her, sondern ist von dem 
Verleger des Druckes von 1594 aus eigener Erfindung auf das Titel- 
blatt gesetzt. Peerse selbst sagt nämlich ausdrücklich, er sei nach 
Island hingereist und habe die Nord- wie die Süd-, die Ost- wie die 
Westküste besucht (vergl. v. 268. 48). Dass ferner die älteren Drucke 
des Gedichtes den Verfasser nicht als Isländer bezeichnet haben können, 
geht daraus hervor, dass diese Angabe, die von Arngrim Jonsson 
sicher Lügen gestraft wäre, in dessen Schrift gegen Peerse, von der 
später noch die Rede sein wird, weder gerügt noch erwähnt wird. 

Es deutet vielmehr alles darauf, dass Peerse ein Hamburger 
gewesen ist. Hamburg besonders war es, das durch seine Island- 
fahrer, die kopmanni observantes reisas in Islandiam, welche Thran, 
Stockfisch, Schafwolle und Schwefel von Island holten, bis ins 
18. Jahrb. den Verkehr Islands mit dem Festlande vermittelte, und 
vor allem, es war der Druckort der Schrift. Dass Peerse Schiffer 
gewesen ist, meinte Jonsson, er kann aber auch Schiffsbarbier*) ge- 
wesen sein. Diese zwei Annahmen sind, wenn man nicht an einen 
Kaufmann denken will, die einzig möglichen, denn von Deutschen 
kamen- nur Schiffer, Schiffsbarbiere, Kaufieute und vielleicht hin und 
wieder ein Geistlicher nach Island. Dass er aber weder gelehrt noch 
überhaupt sehr gebildet war, zeigt die Formlosigkeit seiner Verse und 
Darstellung deutlich genug. 

Die niederdeutsche Mundart des Gedichtes und seiner Reime ist 
die der 'Waterkant', d. h. des Küstenlandes, tonlanges o ist a ge- 
worden, wol steht für we (vergl. Valentin und Namelos Einl. S. 
XIII. XV.). Vereinzelte Danismen erklären sich leicht aus dem 
Aufenthalt des Verfassers in Island, wo die dänische Sprache das 
Verständigungsmittel zwischen den einheimischen Verkäufern und den 
fremden Schiffern um so eher wurde, als das dänische viele Norddeutsche 
und Isländer verstanden, das isländische zu erlernen sehr schwierig war. 

Peerse erzählt von den Sitten der Isländer manches Ungeheuer- 
liche und Unglaubliche. Aber gerade diese für die Isländer so belei- 
digenden Angaben sind die Ursache geworden, dass Peerses kleines, 
als Dichtung unbedeutendes Werkchen für die isländische Litterär- 
geschichte wichtig geworden ist, indem es die isländischen Gelehrten, 
die bisher nur die Geschichte ihres Landes schrieben, veranlasste, auch 
über die Geographie und die Naturverhältnisse ihres Vaterlandes sich 
zu äussern. 

Einem jungen isländischen Gelehrten nämlich, Arngrim 

^) C. Walther, der mich auf die Islandesfarer barberergesellen aufmerksam 
macht, bemerkt, dass dieselben dea Schiffern Arzt und Priester vertreten mussten. 
Ein solcher Schiffsbarbier war z. B. Fr. Härtens, der 1675 eine *Spitzbergische 
oder Groenlandische Reisebeschreibung' herausgab. 



11^ 

y Jonsson, oder wie er sich lateinisch nennt, Arngrimus Jonas (geb. 
1568, gest. 1648) war das Gedicht Peerses zu Gesicht gekommen. 
Entrüstet las er, welche niedrige und viehische Gesittung man seinen 
Landsleuten zuschrieb, und er beschloss, dem Hamburgischen Schiffer, 
dessen niederdeutsche Mundart in jener Zeit den meisten gebildeten 
Dänen verständlich war, in einem besonderen lateinisch geschriebenen 
Werke entgegenzutreten und seine Nachrichten als Lügen zu erweisen. 
Sein Buch^), das erste Werk eines Isländers über die Geographie 
Islands, ist 1593 in Kopenhagen erschienen. Er nimmt darin Gele- 
genheit, auch die Irrtümer Seb. Münsters u. a. über Island zu rügen, 
sein eigentlicher Zorn ist aber gegen Peerse gerichtet, an dem er 
nichts gut findet, einen scurra nennt er ihn, qui nomen suum immortaU 
dedecori consecravü (f. 48), sein Gedicht einen foetus vipereus Germa- 
nicus usw., er beschwört schliesslich Hamburgs Senat und Bürgerschaft, 
dass sie den ferneren Druck des Pasquills Peerses verbieten möchten. 
Dieses Verbot gebiete die Rücksicht auf ein Land, von dem Hamburg 
mehr als eine andere Stadt seit so langen Jahren Vorteil gezogen 
habe. Bemerkenswert ist auch, dass er in seinem ganzen Buche ver- 
meidet, den Namen Peerse zu nennen. Es scheint, als wenn er seine 
ganze Verachtung desselben auch dadurch zeigen will. 

Arngrim verfehlte seinen Zweck vollständig, weder unterblieb 
der fernere Druck des Gedichtes, von dem schon im folgenden Jahre 
eine neue Auflage erschien, noch vermochte er den Glauben des Fest- 
landes an die barbarischen Sitten Islands zu vernichten. Es bewies 
das bald eine neue Schrift über Island, die von einem gewissen 
Blefken verfasst, 1507 erschien und Peerses Angaben wiederholte. 

Arngrim hat freilich die Erfolglosigkeit seiner Apologie selbst 
verschuldet. Hätte er eine schlichte und lesbare Schilderung seiner 
Heimat und ihrer Sitten gegeben, so würde das Begehren des Fest- 
landes, über das vermeintliche Thule näheres zu erfahren, befriedigt 
und seine Schilderung die Quelle aller Urteile über Island geworden 
isein. Aber er erklärt mit grosser Heftigkeit alle Angaben, die mau 
über Island hatte, für Irrtum oder Lüge, er gestaltet seinen Commen- 
tarius de Islandia zu einer Kritik, die nur bei den Lesern der ange- 
griffenen Schriftsteller Interesse erwecken kann, das unnötige gelehrte 
Beiwerk, das er herbeizuziehen liebt, stört den Leser, die Polemik 
und Kritik, die er übt, verfehlt durch seinen Übereifer oft ihren Zweck, 
zu überzeugen. 

Ähnliche Erwägungen haben vielleicht^) die gelehrten Freunde 
Arngrims veranlasst, diesen zu einer neuen, nicht polemisch gehaltenen 
Schrift über Island, welche selbständigen Wert habe, anzuregen. Aber 
während er dieses 1509 vollendete und 1513 gedruckte Buch, die 



*) Brevis commentarius de Islaadia: quo scriptorum de hac insula error^s 
deteguntur et extraneorum quorundam conviciis, ac calumniis, quibus Islandis liberius 
insultare soleat, occuritur: per Arngrimum Joaam Island um. Hafniae 1593. 
112 Bl. kl. 8<>. 

*) Vergl. die Praefatio zur Crymogaea p. 1. 2. 



113 

Crymogaea ^) (von xpu[jL6? und ''(oulol) vorbereitete, erschien bereits die ' 
Schrift Blefkens«). 

Während Peerse anspruchslos erzählt, was er in Island beob- 
achtet oder über seine Einwohner vernommen hat und sein Gedicht 
ohne Arngrims Angriff auf dasselbe bald vergessen wäre, tritt der 
lateinisch schreibende Blefken als Gelehrter und weitgereister Mann 
auf, mit dem Anspruch, die Wissenschaft zu fördern und die Wunder 
in Gottes Schöpfung den Lesern zu Gemüt zu führen, indem er zuver- 
lässige Nachrichten, deren Wahrheit er verbürgt, als Augenzeuge über 
Island veröffentlicht, gern flicht er fromme Äusserungen ein, den Kri- 
tikern ruft er zu, sie sollten nur wie er sich den Mühen und Drang- 
salen einer Reise nach Island unterziehen. 

Er berichtet, dass 1563 zwei Hamburger Islandfahrer, die nach 
alter Gewohnheit von einem Geistlichen begleitet sein wollten, einen 
solchen von dem Superintendent ihrer Stadt Paulus von Eitzen erbeten 
hätten. Von diesem empfohlen habe er am 10. April 1563 mit jenen 
Schifiern Hamburg verlassen und sei am 15. Juni in dem isländischen 
Hafen Haflfnefordt angekommen. In Island habe er sich einer Expe- 
dition nach Grönland angeschlossen, einen Ausbruch der Hekla habe 
er am 10. November beobachtet und diesen Berg auch einmal be- 
stiegen. Von dem Schrecken, den er dabei ausgestanden hätte, sei 
er erkrankt und den Winter über in Island geblieben, bis er mit 
einem portugisischen Schiffe die Insel verlassen konnte. Von Lissabon 
ausist er nach Afrika gekommen, schliesslich, nach Deutschland zurück- 
gekehrt, bei Bonn von Strassenräubern überfallen und seiner ganzen 
Habe beraubt. Das Manuscript seiner Reisebeschreibung sei später 
in einem von seinen Bewohnern verlassenen Hause gefunden und ihm 
wieder zugestellt worden. Auf Bitten seiner Freunde habe er es zum 
Abdruck gebracht. 

Die Bestimmtheit der Daten, welche bei Blefken begegnen, musste 
bei seinen Lesern das Vorurteil erwecken, dass die von ihm gegebenen 
Nachrichten sehr genau und zuverlässig seien. Uns erleichtern sie 
den Nachweis, dass Blefken einer der unverschämtesten Lügner und 
überhaupt nicht in Island gewesen ist. Eitzen, bei dem er in Hamburg 
i. J 1563 will verkehrt haben, war in diesem Jahre überhaupt nicht 
mehr in Hamburg, sondern hatte am 1. Juni 1562 eine Hofprediger- 
stelle in Schleswig angenommen, ferner will er einen Ausbruch der 
Hekla beobachtet haben. Aber aus den vielen Zusammenstellungen, 
die über die vulkanischen Ausbrüche Islands veröffentlicht sind, ist zu 
ersehen, dass i. d. J. 1563 und 1564 überhaupt kein isländischer 
Vulkan in Tätigkeit gewesen ist. Schliesslich erzählt Blefken als 
eigenes Erlebnis a. d. J. 1564, was Peerse bereits 1561 hatte drucken 
und 1554 beobachtet hatte, vergl. zu Vers 203 und 187. 

') Crymogaea sive reram Islandicarum libri III. Hamburg! MDCXIV. 4^ 
') Dithmari Blefkenii Islandia sive Populorum & mirabUium quae in ea 

losula reperiuntur accuratior descriptio: Cui de Gronlandia sub finem quaedam 

adjecta. Lngduni Bat. 1607. 71 S. 12». 

Ifiedardeutsohes Jahrbnoh. IX. 8 



114 

Die Vergleichung dieser und anderer Stellen beweist, dass Blefken 
Peerses Gedicht nicht nur gekannt, sondern sogar oft wörtlich aus- 
geschrieben hat. Es ist die Hauptquelle, aus der er geschöpft hat, 
doch nicht die alleinige. Einige Notizen hat er Münster u. a. Werken 
entnommen, manches hat er durch Hörensagen erfahren, anderes frei 
erfunden. 

Blefken wiederholt, was Peerse übles über die Gesittung der 
Isländer berichtet hatte, er fügt sogar noch ärgeres hinzu, z. B. dass 
die Isländer es ihren Jungfrauen zur Ehre anrechneten, wenn diese 
sich den Deutschen hingeben. 

Die Entrüstung Arngrims, als er Blefkens Buch erhielt, war gross. 
Er fühlte sich als Isländer beleidigt, als Gelehrter gekränkt. Seine 
Schrift vom Jahre 1593, die er für verbreitet in Deutschland und 
Dänemark hielt ^), hatte nicht genügt, die üble Meinung, die ein un- 
gebildeter Schiffer über die Isländer verbreitet hatte, tot zu machen. 
In einem neuen Buche, das Anspruch auf Glaubwürdigkeit machte 
und Eingang in die gelehrten Kreise finden muste, lebten jene Schiffer- 
mährchen wieder auf, in schlimmerer Gestalt, als sie früher gehabt 
hatten. 

Arngrim griff wiederum zur Feder und machte seiner gerechten 
Entrüstung in der 1612 in .Island gedruckten Anatome Blefkeniana^) 
Luft. Er zeiht und überführt Blefken der Lüge, da er 1564 nicht in 
Island gewesen sein könne, und widerlegt, Abschnitt für Abschnitt, 
was Blefken über Island berichtet. 

Auch diesesmal war Arngrims Bemühung ohne den gewünschten 
Erfolg, trotz seiner Anatome fand Blefken einen holländischen Über- 
setzer^) und gläubige Leser. Es beweist das die von La Peyrere 1644 
verfasste Schilderung Islands^), dieselbe übernimmt, wenn auch mit 
Quellenangabe, viele Mitteilungen aus Blefkens Buche ^), u. a. auch 
die verleumderischen Angaben über die Prostitution der jungen Islän- 
derinnen. Und doch kannte der freilich urteilslose und oberflächliche 
Verfasser Schriften Arngrims und verkehrte in Kopenhagen, wo er 
seine Schilderung verfasste, mit dänischen Gelehrten, denen man ein 
Urteil über Island zutrauen muste. 

Wohl durch die i. J. 1663 erschienene Arbeit des Franzosen 
zum Widerspruch angeregt, unternahm es 1666 ein anderer Isländer, 
Theodor Thorlakson®), und wie es scheint, mit besserem Glück als 



^) Anatome (Thorlaci praef.) 411ius exemplaria per Daniam Germaniam et 
forte latins distracta sunt et divalgata.' 

') Anatome Blefkeniana Qua Ditmari Blefkenii viscera, magis praecipua, in 
Libello de Islandia, Anno MDCYII. edito, convulsa, per manifestam exenterationem 
retexuntur. Typis Holensibus in Islandia borcali. Anno MDCXII. 95 Bl. kl. 8^ 

') Verscheyde Voyagien. Tot Dordrecht voor V. Caymax. 1652. 12®. 

*) Relation de Flslande. Paris 1663. 8°. 

*) Aach ein gewisser Daniel Wetter, der über Island im 17. Jahrh. geschrieben 
hat, soll viel aus Blefken übernommen haben. Th. Thorlacius. Y. § 9. 

^) Dissertatio chorographico-historica de Islandia Brevissimam Insulae hujas 



115 

Arngrim, die irrtümlichen Angaben, die über Island im Umlauf waren, 
zu bekämpfen und seinerseits eine Beschreibung der Insel zu geben. 
Geschickter als Arngrim lässt er die Polemik, so sehr sie auch stellen- 
weis sich bemerkbar macht, doch nicht allzusehr vor seiner eigenen 
Beschreibung hervortreten. Bemerkenswert ist übrigens, dass er in 
seiner Schrift — freilich einer akademischen Dissertation — über 
Island in derselben Weise abhandelt, als wenn er über Carthago oder 
das alte Bom zu schreiben hätte. Statt sich auf seine eigenen Augen 
zu berufen, citirt und stützt er sich auf die Angaben älterer Schrift- 
steller, besonders Arngrims. Diese damals zeitgemässe gelehrte Pe- 
danterie scheint dem Werke jedoch nicht geschadet zu haben, denn 
es ist dreimal neu gedruckt worden. 

Die späteren Schilderungen Islands nehmen nicht mehr auf 
Peerses Angaben Bezug. Auffällig bleibt auch für die spätere Zeit, 
dass die isländischen Gelehrten, stets voll Neigung, die Geschichte 
ihrer Heimat zu behandeln, die geographische Erforschung derselben 
Ausländern mehr als billig überlassen. Auch Horrebows Buch über 
Island verdankt seine Entstehung dem Bestreben, den Angaben des 
Hamburgers Anderson entgegenzutreten. 

Was die Glaubwürdigkeit des niederdeutschen Gedichtes betrifft, 
so habe ich trotz Jonas Gegenschrift die Meinung, dass Peerse 
nie mit Bewustsein falsches mitteilt. Ich habe vielmehr aus der Ver- 
gleichung seiner Angaben mit denen neuerer Reisender die Überzeugung 
gewonnen, dass er, wo er aus eigener Anschauung berichten kann, 
durchaus zuverlässig ist, so in seinen Mitteilungen über alles, was er 
bei seinen Küstenfahrten und Küstenreisen in Island, wo er 1554 und 
wahrscheinlich öfter (vergl. zu 15. 64) gewesen ist, Gelegenheit hatte, 
selbst zu sehen. Anders steht es mit der allgemeinen Richtigkeit 
seiner Mitteilungen über die isländischen Sitten. Schwerlich im Stande, 
mit den Isländern in deren eigenen Sprache zu verkehren, hat er 
manches leichtgläubig wiederholt, was die Schifferkreise sich über die 
isländische Unreinlichkeit und Unsittlichkeit erzählten. Dass noch im 
vergangenen Jahrhundert in diesen Kreisen die ungünstigsten Mei- 
nungen über die isländischen Sitten herrschten, lässt sich aus dem 
Buche des hamburgischen Bürgermeisters Anderson ersehen, der, wie 
er selbst sagt, sein Wissen über Island Schiffern verdankt, die ihm 
glaubhafte Männer schienen und in Island gewesen waren. Anderson 
hat Peerses Gedicht nicht gekannt, trotzdem stimmt er mit ihm oft 
ziemlich überein. 

Dass Peerse einiges, was uns unglaublich scheinen will, ohne 
Bedenken für wahr und nicht für übertrieben hält, darf ihm nicht 
allzusehr zum Vorwurf gemacht werden. Die Isländer halten noch 
starrer als etwa Friesen und Niedersachsen am alten fest, trotzdem 
haben sie sich doch schon vielfach in ihren Gewohnheiten denen des 



Defcriptionem proponens . . . Quam sub praesidio Dn. Aeg. Straach Kesp. Theo- 
dorusThorlacius Hola-Islaadus. Wittebergae 1666. 4°. — Ed. tertia ebd. 1690. 4<^. 

8* 



116 

Festlandes genähert. Und doch wissen unsere neueren Reisenden 
bei aller Anerkennung der vortrefflichen Eigenschaften der Isländer 
in Bezug auf ihre Reinlichkeit und die Form ihrer Sitten manches 
auffällige zu erzählen. Diese Reisenden sind vorwiegend mit den bes- 
seren Ständen Islands in Berührung gekommen. Wie mag es vor drei 
Jahrhunderten mit den Bevölkerungsklassen, mit denen Peerse meist 
zu tun hatte, den Fischern und Arbeitern, bestellt gewesen sein? 
Aus Arngrim Jonas ist zwischen den Zeilen herauszulesen, dass in 
der bei den Fischhäfen sich sammelnden Masse böse Zustände ge- 
herrscht haben mögen. 

Der nachfolgende Abdruck wiederholt den Text der Ausgabe 
von 1594 ohne weitere Änderungen, als dass u und v, mitunter auch 
die Interpunction und die Versalien nach heutigem Gebrauch ge- 
regelt sind. Betr. sehn, schm statt sn u. s. w. vergl. Walthers Note S. 76. 

DAr licht ein Landt Nordweft yn der See, 
Vam Düdtfchen Lande, fo men fecht, 
Veer hundert Myle ummetrendt efft mehr, 
Yfslandt fo ys fyn Name recht. 
5 Dat ys eventurlick van Froft, Regen, Windt und Schnee, 
Dartho van ungehüren Bergen aver allen. 
Dar waffet neen Gras funder yn den Dalen. 
Ein hoch Berch, de Schnevels Jokel groth, 
Den nemandt je hefft van Sehne fehn blodt, 
10 Men füth en wol by dortich Myle hen. 
Noch ys dar ein Berch, heth Hekelvelle, 
Den holden dar de Buren vor de helle, 
Dat maket, dat daruth kumpt vaken 
V&rflammen, fyn rokent ys ftedes ane maten. 



3 veerhundert Myle. In Wirklichkeit nicht ganz dreihundert. 

6 aver allen *yor allem, besonders'. 

7 s und er ,au88er'. 

8 isländisch Snäfellsjökul. Jökul, dän. j0kel, bedeutet Gletscher, vergl. 
mnd. jokel *Eiszapfen\ fries. jokling ^Eisberg'. 

10 Diese Angabe stimmt genau mit Ersch u. Gruber, Encyklopaedie II, 31 
S. 130 *Schon lange vorher, ehe man die Küste erblickt, erscheinen einzelne Gletscher- 
berge wie kleine weisse Wolken am Horizonte, wie denn z. B. der Snaefell auf 20, 
der Snaefjälls Jökull auf 30 geogr. M. weit sichtbar ist.* 

11 Hekelvelle ist einige Verse weiter Hekehrelde geschrieben; -velle, 
-velde bedeutet nicht Feld, sondern Berg (nord. fial, dän. fjeld) und Hekelveld ist 
= isl. Heklufjall 'Hekla'. Seb. Münster, Cossmographey 1568 f. MCLXX nennt den 
Berg abwechselnd Hecla und Heckelberg, auch Fischart kennt letzteren Namen. 

12 Cleasby-Vigfusson, Icelandic-engl. dictionary p. 253 *In the Middle Ages 
Hecla became mythical in Europa, and was regarded as a place of punishment Tor 
the damned, the Danes say begone to Heckenfjseld [Til HöUs! til HöUs! til Hekken- 
fiselds! Thiele, Folkesagn (1843) I, 317. II, 174], the North Germans to Hackelberg 
[thom Heckelfeldt tho! Arngrim Jonas, Oomment. f. 20^; vergl. Münster a. a. 0.], 
the Scots to John Hacklebirnies house\ Jonsson und Th. Thorlacius läugnen, dass 
ein Isländer so etwas glaube; Maurer, Island. Yolkssagen, berichtet gleichfalls nichts 
davon, doch bietet sein Register den Verweis *Hecla, eine Hölle in ihr'. 



117 

15 Men hört und fSth feltzam Wunder ock dar, 

Und ys gefcheen by Minfchendencken klar, 

Do ys groth V&er baven uth Hekelvelde ghan fo fterck 

Und hefit vorteret Gras, Minfchen und Hfiserwerck. 

Ock gefcheen dar Erdtbevinge fehr vaken 
20 Und deith groten Schaden yn eren gemaken, 

Brickt darnedder, wat fe hebben gebuwet. 

Van deffen dingen ick nicht alles feggen kan. 

Wat yn vorfchenen Jaren gefchach, weth yderman, 

De yn Yfslandt handeln und dar varen. 
25 Und ys gefcheen binnen twolff Jaren, 

Dat up dat mal yn einer Nacht 

Gefchegen Erdtbevingen mit Macht, 

Achterna men hord ein ftarck gedon, 

Als mit Buffen nicht mach gefchehen, 
30 Thor ftundt ginck ein geweldich Vur 

Uth der Erden fehr groth und ungehfir. 

Idt was fo hefftich und gruwfam groth, 

Dat ydt grote Velfen und Steenberg thofchmeltet hat. 

Uth dem Vur quam damp und fchmock, 
35 Dat men den Dach nicht konde kennen ock. 

Und dat Vur fcheen an den Hemmel klar, 

Gruwfam knarrent horde men dar. 

Ock feggen de Lad dar alle ynt gemein, 

Dat Vur brendt fo wol ym Regen als ym Sunnenfchyn. 
40 Dar ys veel Moraß und mennige Waterfloth. 

Van krafft ys de Weyde vor andern Landen groth. 

So bernen ock de Swevelberg alfo fehr, 

Dat men ydt f&th aver xij Myle edder mehr. 

Uth etliken Bergen kamen Borne alfo heth, 
45 Darinne tho baden weer groth Vordreth. [Bl. 3] 

Sus fynt dar ander Borne nicht fo gantz heth, 

Dar men wol mocht ynne baden an vordreth. 

Ick hebb gereyfet vor Süden, Norden, Often und Weften, 



18 Hüserwerck d. h. Häuser. 

23 in vorschenen jaren *in vorhergeschehenen d. h. vergangenen Jahren'. 

25 Im 16. Jahrh. fanden 1510, 1554, 1580, 1583, 1587 und 1597 in Island 
vulkanische Ausbrüche statt. Peerse, der sein Gedicht 1561 herausgegeben hat, 
musB also den Heklaausbruch d. J. 1554 meinen, der von Seitenkratern um den 
Berg ausging. Von Erdbeben ununterbrochen begleitet, dauerte dieser heftige Aus- 
bruch sechs Wochen. Vergl. Preyer und Zirkel, Reise nach Island (1862) S. 447. 
Garlieb, Island rücksichtlich seiner Vulkane (1819) S. 31. Die Schilderung Peerses 
stimmt auch in den Einzelheiten mit den Nachrichten überein, die man von diesem 
Ausbruch hat. 

43 Zu Peerses Zeit wurde der Schwefel nur im Norden der Insel gewonnen, 
vergl. Arngr. Jonas Comment. f. 41, Garlieb 103 ff. 

48 vor Süden, vor Norden usw. statt südlich, nördlich sagt Peerse ständig 
(vgl. V. 49. 51. 85. 87. 105 u. ö.), ohne dass ich diesen vielleicht der Schiffersprache 
angehörenden Sprachgebrauch sonst belegen kann. 



118 

So dfincket my fyn vor Süden und Weften 
50 Sy de Vifcherye am allerbeften. 

Vor Often und Norden hebben fe beter faken, 

Dar konen fe guden Wattman maken. 

Wente fe hebben dar Schape genoech, 

Kftye und Zegen ein gudt gefoech. 
55 Yfslandt ys an allen Enden fehr gudt, 

Overft de darynne veel reyfen wil, 

Moth lyden froftes, hungers und dörftes veel. 

Dar fynt der Beken fo veel und Waterfchwall, 

Dat men fe nicht kan teilen all. 
60 Darvör tho reyfen ys grote vär, 

Dat fegge ick juw gewifs und ys war. 

So du dar ynt Landt wult reyfen wat, 

Dar vindeftu felden Dörpe noch Stadt. 

Wente fo du reyfen wult aver de bogen Velde, 
65 So möftu mit dy vören Paulun edder Telde. 

Koft und Spyfe möstu mit dy vören, 

Ock werf tu gruwfam kulde darfülueft fporen. 

Du mftst dyn Teldt fetten und nedderfchlan, 

Denn du bywylen nicht kauft vordan ghan, 
70 Ock nicht vörwert reifen edder ryden. 

Regen, Sne, K&lde lert dy fölck reifent myden, 

Alfo dat du nicht eines ftredes vern van dy 

Kanft fehn tho degen, des gelöve my. 

Alle Wege und Stege weyen tho van Sne, 
75 Dar&mm kanftu nicht reifen, ehr du wedder kanft fehen. 

Van den bogen Velden mßftu hebben de mercke 

Und mit dyner Spyfe und Gedrencke dy ftercke. 

Mennich Man moth dar up vorfrefen, 

Dörch Hunger und dßrft fyn Levendt vorlefen. 
80 Du werft yn Yfslandt ock nergen vinden 



52 wattman isl. vadmal *Wollen8toff'. 

55 anallen£nden'an alleu seinen Küsten'. 

66 darynne veel *weit ins Innere'. 

58 Waterschwall * Wasseranschwellungen, also Seen udgl.' 

65 Paulun 'Pavillon, Zelt'. 

73 nicht to degen ^gänzlich, durchaus nicht'. 

76 hogeVelde kann hier wie v. 64 Hochebenen bedeuten, doch liegt es 
nahe, Yeld als dän. fjald (vergl. zu v. 11) 'Berg' aufzufassen. Der Zusammenhang 
ist folgender *Wenn alle Wege von Schnee überweht sind und du vor Schnee nichts 
siehst, kannst du nicht Weiterreisen, denn du must, um die Richtung nicht zu ver- 
fehlen, dich nach den Bergspitzen richten.' Da es in Island keine eigentlichen Wege 
gibt, gelten die Ausführungen Peerses heute noch. — de mercke hebben van 
dänisch Hage mserke af heisst genau betrachten, sich ein Merkmal an einem Gegen- 
stande suchen. 

77 Lies stercken. 

80 ff. Auch diese Angaben über die Fauna Islands sind richtig, vergl. Preyer- 
Zirkel 380 ff., indem Peerse von den gezähmten Haustieren absehend hier nur das 



119 

Nene Hafen, Ree, Herten edder Hinden. 

Neen ander Wildtwerck alfe witte, grawe und brune VSffe, 

Dartho veel wilder, ungetemmeder ßöffe. 

Ock fo byten tho dode veel Schape de Vßffe. 
85 Ock kamen dar vor. Norden witte Baren 

üth Grönlandt up dem Yfe her varen. 

Des Yfes kfimpt alle Jaer vor Norden veel an, 

Dat ys groth und dicke, dat dar neen Schip ankamen kan, 

Dat ys vaken xx edder xxx vadem dicke und fehr groth, 
90 Dat ydt de Schepe (fo fe daryn kamen) vorderven doth. 

Umme S. Johannis dach effte dar ummentrendt [Bl. 4] 

Segeln fe vor Norden yn de Have behend. 

So ys dat Yfs thom meiften deel vorlopen. 

Dar laden fe den Swevel mit groten hupen. 
95 De Swevel wert vor Norden uth den Bergen gegraven. 

Den moten de Perde beth an de See dragen, 

De Berge up und dal, klein und groth, 

Dat fe darunder vaken bliven dodt. 

Umme der bogen Berge willen könen hyr varen neue Wagen, 
100 Dar&mm möten fe de laft up eren Rfiggen dragen. 

Van Vagein kan ick nicht anders fchriven. 

Den de Goßarne und Raven dat vordryven. 

Gröter Raven fynt yn Yfslandt gewifs, 

Als yn neuem Lande tho vinden ys. 
105 Vor Often und Norden fynt ock veel fchSner Valcken, 

Overft fe hebben dar neen Speck by den Balcken. 

Veel witte Raph5ner fyndt avert gantze Land gudt, 

Overft dar ys neen Beer ock neen Brodt. 

Ick fchold ock wol fchriven van Roggen, Weiten und Garften, 
110 Dat kan van Kulde yn Yfslandt nicht waffen. 

Appel, Bereu, Erweten, Bonen, Lyn und Maen 

Kan dar vor Kfilde nicht upgahn. 

In Summa, du werft dar neue Fruchte vinden. 

Du machft fe den ffilven mit dy bringen. 
115 Ock kan nicht waffen, wat men dar plantet und seyet, 

Darumm wert dar ock nicht als Gras gemeyet. 

Overft gude vette Offen und Schape 

De fynt dar wol yn vuUer mate. 

Dat Vehe wert dar yn veer Weken fo vett, 
120 In andern Landen meftet ydt de Haver nicht beth. 



•Wildwerk' aufzählt. Über die Füchse Canis lagopus L., die meist braun, oft weiss, 
selten blaugrau sind, vergl. Horrebows Nachr. 123—126. 

102 Ob *Den dat Gosarne und Raven de vordriven' zu lesen ist ? Peerse ver- 
säumt, der Drosseln, Ammern u. a., besonders aber der Schwimmvögel Erwähnung 
zu tun. 

107 avert = aver't *über das'. 



120 

All wat dar van Perden und MMern ys, 

Dat fynt all Telder und am Gange gewifs. 

Raffeln, Ekenholt und Boken ys dar fehr dür, 

Neen ander Holt denn Bercken waffet dar gehflr. 
125 Torff, Danck, Kodreck und Vifcheknaken 

Hebben fe, dat fe V&r darvan maken, 

Dat fälve moth men dar köpen dur. 

Ock fynt dar vmm dat Landt Walvifche gar ungehur. 

Se ghan dar an dat Landt fehr vaken, 
130 Dat nemandt fick thor See darff maken. 

Van acht efit negen Elen de groten Hakal [Bl. 5] 

Hakal ys ein Yifch 

Kan he up einmal vorfchlingen all, 

Wente fyn Mundt ys fo avergroth, 

Dat men machte daryn fegein ein Both. 
135 Sobald fe de Vifche upkamen fehen, 

So mSten fe na dem Land fick vor[t]ehen. 

Van hundert Elen edder mehr ys de Lenge, 

Nemandt funder dat grote ¥0 kan en bedwingen. 

De L&d k6nen an em nichts hafiften, 
140 Wen fe fchon all ere macht und Wehr upbrachten. 

Sunder kfimpt he twifchen dat Landt und Yfs, 

So ys he dar gefangen gewifs 

Und moth dar fyn levendt laten thohandt, 

A10 denn ys he kamen yn der Minfchen gewalt. 
145 Gruwfame Tenen hebben fe ungefehr, 

Van dren Elen ys de lenge edder mehr. 

Flomen als ein Harnfeh an fynem Koppe hat. 

Syn Stert ys nicht geringer, grSth und mate, 

Dat ein wunder tho gl[o]ven ys. 
150 Ick fegge juw dat vorwar und ys gewifs. 

Dat Landt licht ynt lange und nicht ynt runde, 

Is wol hundert Myl lanck alle ftunde. 

Idt ys mit rügen Hfln[d]en wol begavet, 

Derfulven tho köpen werden dur gelavet. 
155 Begert men der klenen Kinder ein edder mehr, 



121 Moder *Stute'. 

122 Telder *Zelt — PassgäDger' — am Gange gewis 'sicheren Ganges'. 
125 dank 'Seetang'. — Auch diese Angaben stimmen. 

131 Island, hak all (fehlt bei Cleasby-Vigfusson), nach Faber, Fische Islands 
(1829) Scymnus glacialis. Der Bericht Peerses über die Walfische ist fabelhaft, 
jeder Isländer hätte ihn eines besseren belehren können, wenn auch in manchen 
isländ. Sagen von gespenstischen Walen wunderbares erzählt wird. 

147 Flomen *Schuppen\ Lies 'Kop he hat'. 

148 Lies 'grot unmate' ausserordentlich gross. 

151 *ist im grossen und ganzen viereckig, nicht rund'. 

152 alle ftunde 'jedes mal d. h jede der (vier) Küsten'. 



121 

Se geven fe einem ummefus darher. 

Nu ys k6rtlick gefecht van Yfslandes Ardt und Geftalt, 

Ick wil nu ock feggen van des Volckes gewalt, 

Wat fe bruken vor Kleder, Spyfe und Gedrencke, 
160 Ock wat fe driven vor ander Ichwencke. 

Erftlick fchaltu mercken und wol vorftän, 

Dat fe gemeinlick Capellen by eren H&fen han, 

Daryn fe dachlik ghan und beden, 

So baldt fe uth dem Bedde treden. 
165 Mit nemande fe ein wordt reden dohn, 

Ehr fe er Gebedt hebben gedän. 

Hyr fynt ydt billige Lüde. 
«Den Pfalter Davids dachlick Latinfeh fe lefen, 

Dat meifte part vorfteith darvan nicht eine Vefen. 

Veel Kerckheren und Prediger yn dem Lande 
170 Predigen tho mennigen tyden ym Jaer 

Nicht twe mal; dat vs fchand und grote vär. 

Van Perfonen fynt fe groth und ock klein, 

Overft Horerye und Ehebrock ys dar fehr gemein, 

De plegen fe mehr denn anders wor tho dryven. 
175 So deith ydt de gemene Man nicht vor S&nde fchriven. 

Wenn fe einen Dftdefchen konen bedregen fehr, 

Dat achten fe nicht vor eine unehr. 

Bunte Kleder dragen dar beide klein und groth, 

Darby hebben fe ein ftolten modt. 
180 Wor fe thofamen kamen thor ftundt, 

Kuffet de eine den andern vor den Mundt. 



156 Dass die Isländer ihre Kinder zu verschenken geneigt sind, ist eine auch von 
andern Schriftstellern des 16. Jahrh. (Münster, Krantz) geglaubte Fabel. Arngrim 
Jonas Comm. 82 hält für möglich, dass sie entstanden sei, indem die fremden Schiffer 
scherzhaft gemeinte Worte der Isländer für ernst gehalten haben, fügt aber hinzu, 
dass i. J. 1552 der dänische Praefect 15 arme Kinder mit nach Dänemark ge- 
nommen habe. 

162 Die isländischen Kirchen oder Capellen unterscheiden sich äusserlich 
nicht von Wohnhäusern. Aber nur neben den Pfarrhäusern finden sich Kirchen. 

167 Dieser Vers beweist, dass, als Peerse in Island weilte, die Einwohner 
noch den Bräuchen des Katholicismus anhingen. 

168 nicht eine Vesen *gar nichts'. 

170. 171 Diese beiden Verse müssen in den älteren Drucken anders gelautet 
haben. Vergl. A. Jonas Comment. 89: Primum obiicit Germanicus hie noster si 
Diis placet Historicus: Multos ex pastoribus Islandiae toto biennio sacram 
concionem ad populum nullam habere: üt in priore editione huius pasquilli 
legitur, quod tamen posterior editio ojusdem refutat: Dicens, eos dem pastores in 
iutegro anno tantum quinqnies concionari folitos. Übrigens ist anzunehmen, dass in 
Island beim Übergange vom katholischen zum lutherischen Bekenntnis manche kirch- 
lichen Anomalien vorgekommen sind. 

171 vs, lies ys. 

173 Im Jahre 1858 wurden in Island 2488 Kinder ehelich, 449 unehelich ge- 
boren, von Müttern unter 20 Jahr waren 23 verheiratet, 25 unverheiratet. Preyer- 
Zirkel 1860. 



122 

üp deffe wyfe dohn fe fick einander gr5ten 
Und t6get einer dem andern fyn gemftte. 
Dar fynt veel Stene und weinich Sandt, 
185 Und veel ftarcker Lud fyndt dar ynt Landt. 

Se nemen ein Yath Ofemundt yan der Erd up den Bügge, 
Im gantzen Lande ys nicht mehr als eine Brügge. 

Weon fe willen, fo kftnen fe ein fchmale Tonne Beers nemen van der Erde 
up und drincken uth dem Spundthale, gelick alfe de Buer uth dem Lechelen drincket. 

De gebarene Isländers achten dat nicht vor unrein, dat dar vele unreines 
Härs yn der Botteren vormenget ys und underwylen ein par Lüfe, wente ydt ys 
lufich vülck. 

Dartho harden vulen Vifch ungefolten, 
Darby veel Botter mit Hare ungefchmolten. 
190 Ock folten fe dar dat Flefch gär nicht alfo. 
Iffet mager, fo ethen fe Tallich dartho. 
Hakal und Vifch ethen fe rho und ungefolten. 

Hakal ift ein Vifch 
Schur, Drabbel, Meelbrey und Blomen 
Mfiten allene vor de Heren kamen. 

Schur ys dicke Melck. Drabbel wert van f5ter Meick gefaden, beth fe hart 
wert. Blomen ys Schapeswurft. 

195 Ane Solt und ock ane Brodt 

Düncket en de Spyfe wefen gudt. 

Van den Seihunden dat geile Speck 

Ane Solt und Brodt yn eren Beck 

Dat ethen fe fo gyrigen ungefaden, 
200 Alfe werent Höner und Hafenbraden. 

Schape, Offen, wo lang fe ock geftorven weren — 

Sßlcke Spyfe mSgen fe ethen und vorteren. 

Ick fach ydt ein mal fick fo begeven, 



186 osemunt 'Stabeisen'. 

187 Blefken, Islandia p. 50 Unicus in tota insula est pons ex ossibus balae 
constructus. — Winkler erzählt, dass es auch heute in ganz Island nur eine 
Brücke gebe. 

187 Vergl. Blefken p. 30 Vidi Islandicum, qui tonnam Hamburgensem cere- 
visiae plenam tarn facile ori suo admoveret, bibens ex illa, ac si unicam habuisset 
mensuram. 

188 ff. Diese Verse scheinen in Unordnung geraten zu sein. Das Richtige 
wird vielleicht hergestellt, wenn man v. 188 tilgt und an seine Stelle v. 192 setzt, 
so dass die Reihenfolge wird v. 187. 192. 189—191. 193 ff. 

193 schür, isl. skyr, ist aus Schafmilch bereiteter halbfertiger (nicht zum 
*durchbreDnen' gebrachter) Käse, also was in Norddeutschland weisser, Matz- oder 
Schmierkäse heisst. — dravel altnord. drafli, dick eingekochte geronnene Milch. 

197 Seihund isl. selr., dän. ssel, sselhund 'Seehund'. 

198 beck 'Schnabel, Maul'. 

203 Blefken p. 37 Factum est anno LXIIII in loco qui dicitur Ackermisse 
ut mense Januario vaccae aliquot in tenebris aberrarent tantaque erat caligo atque 
nivis profunditas, ut reperiri non possent, mense Aprili primum inventae sunt intactae 
sineque fsetore atque in vicinos distributae, pars aliqua ad praefectum, cum quo tunc 
ego Yivebam, delata, quam aspernare fas non erat, ille pauperibus dari jussit. 



123 

Dat einem fyne Ko was dodt gebleven. 
205 Umme Wynachten was fe geftorven, 

Up Vaftelavendt was fe em unvordorven, 

He yandt fe ym Schnee und toech fe beruth, 

Do fchmeckede em dat Flesch noch als ein Krudt. 

Dith ys alfo gefcheen vor Süden 
210 Des Landes, up Arckermifre bedüden. 

Dat glövet my vorwar und gewifs, 

Dat dith Schrivent nicht gelagen ys. 

De Botter ethen fe dicke, dat Brodt ys dünne, 

De Vifch wert gedröget ym Winde und yn der Sünnen, 
215 Den halen fe uth der See mit Lyvcs vär« 

Dat fegge ick juw gewifs vorwar. 

Dat Water und ock de Waddeke fyn 

Moth en ein gudt Gedrencke fyn. 

Wert en dar Beer mit Schepen hen gebracht, 
220 Se drincken, dewyle ydt wart, mit macht. 

Aver achte Dage laten fe ydt nicht düren, 

Se f&rchten, ydt möchte füs vorfuren. 

Wol dar kümpt, mach flucks mit en drincken, 

Darvör darff he geven nicht einen Twincken, 
225 Darfimm fick ock de Buren darben fchicken, 

So fe mercken, dat fe an Betaling k5nen fitten. 

Ock fteith dar nemandt up vam Difche, 

De fyn Water wil laten, glövet my gewiffe, 

De Hußfrouw moth em dat Becken reken, 
230 Wenn he gelaten hefft, ehr deith fe nicht wyken 

Und moth ydt denn wedder van em nemen. 

Des dhon fe fick gär nichts fchemen. 

So moth fe denn dat uthgeten lyfe, 

Dat ys deffes Landes gebruck und wyfe. 
235 Se fitten und brummen alfe Baren und Hunde, 



210 Arckermisse finde ich aaf keiner Karte Islands. Eine Halbinsel heisst 
Akrenes. — beduden *nämlich'? so gebraucht vermag ich das Wort sonst nicht 
nachzuweisen. 

220 wart *währt' d. h. so lange das Bier reicht. 

224 Twinck 'das Augenblinzeln' d. h. 'nichts'. 

232 Die Entstehung solcher Nachrichten über isländische Sitten des 16. Jahrh. 
wird begreiflich, wenn man liesst, was Winkler S. 147 seiner Reisebeschreibung 
aus d. J. 1858 erzählt *Für mich und meinen Reisegefährten war im Studierzimmer 
des Hausherrn ein gemeinschaftliches Bett errichtet. Als einer von uns des Morgens 
eben das Bett verliess, trat die Frau Pfarrerin ein. Wir dachten, sie würde um- 
kehren vor dem Mann im tiefsten Negligee, allein mit nichten. Sie machte ruhig 
die Thür hinter sich zu, als ob sonst Niemand im Zimmer wäre, und liess sich hart 
neben jenem auf ein Knie nieder, um in einer Schublade eine gute Weile herum- 
zukramen.' 

235 brummen verächtlicher Ausdruck für *Singen'. Ihre einzige Vergnügung, 
wenn sie tractiret werden, bestehet darin, dass sie ihre alten Isländischen Helden- 
lieder aus vollem Halse hersingen, deren sie eine ganze Menge, und eine eigene Me- 
lodie dazu haben, so ganz plump ist.' Horrebow Nachrichten 420. 



124 

Wenn dat Beer uth ys, wiffchen fe aver de Munde, 

Alfo ghan de Gefte wech na eren HÄfen, 

De Wert mach bliven mit fynen Lüfen. 

Gern drincken fe uth Schalen, felden uth Flaffchen, 
240 Nummer dragen fe Geldt yn eren Taffchen. 

Hoeffnegel hebben fe wol, de fe teilen. 

Uth kohörnen Bekeren drincken fe ock dat Beer, 

De fint flitich gedreyet rundt ummeher. 

Ane Geldt ethen und drincken ys dar nene fchande, 
245 Dat ys de maneer van deffem Lande. 

De Hüfer ftän dar yn der Erden, 

Vor den Lüfen kan men fick nicht erweren. 

Des Avendes fe fro tho Bedde ghan. 

Des morgens fe lathe wedder upftan. 
250 By teine efft mehr fchlapen fe yn einem plane, 

Thohope liggen beide, Frouwen und Manne. 

De H6vede und V6the leggen fe thohope fyn, 

Schnuven und vyften alfe ein Hupen Swyne 

Thofamende under eine WattmansFallien. 
255 Er Water geten fe thohope in eine Ballien, 

Dat fe de Nacht aver hebben gelaten, 

Dar uth wafchen fe er H5vet und Mundt mit maten. 

Wattman under und aver her 

Dat ys er Beddinge und ock nicht mehr. 
260 Wenn fe by Winters tyden des Dages upftan, 

So kSnen fe vor Schnee nicht uthghan. 

Kamen fe uth, fe fehen nichtes denn hoge Berge, bedecket mit Schnee, dat 
ys ere Luft und fröuwde. 

Dama leggen fe fick wedder ynth Wattmans Bedde, alfe de Schwyne ym 
Eaven. Denn moten en dat Gefinde edder Kinder ethen und drincken upt Bedde 
bringen, wen fe denn fick fatt gegeten und gedruncken hebben, fo willen fe darna 
anders nicht dohn denn fpelen im Bredtfpele edder Schacktafeln, dar bringen fe 
de tydt midt hen. Darna m5ten de Knechte uth, und föken dode Schape unnd 
vule Viffche, de fe darna ethenn by erem Diffche. 

244 Jonas Comment. f. 97 bemerkt, dass die Gastfreundschaft den Isländern 
hier als Laster angerechnet werde. Genau genommen tadelt Peerse nur, dass die 
Gastfreundschaft über Gebühr in Anspruch genommen wird. 

246 yn. Richtiger hätte Peerse an gesagt, da die Häuser so gebaut sind, 
dass der Erdboden Flur und Fussboden in den Wohnungen bildet. 

250 ff. *Die ganze Stube war für die Nacht in ein Bett umgewandelt. Der 
ganze Raum war mit menschlichen Körpern überdeckt, was ein um so wunderlicheres 
Aussehen hatte, als die Isländer, JuDg und Alt, die Gewohnheit haben, dass immer 
der Eine mit den Füssen zu Häupten des Andern liegt.' Winkel S. 107. 

254 falle, Kleid, Mantel, Decke, vergl. Kilian s. v. 

255 Es ist das an dieser Stelle Erzählte das Ungeheuerlichste, was Peerse 
von den Isländern zu berichten weiss, und stimmt genau mit dem überein, was 
Gatull von den Celtibern weiss. La Peyrere wiederholt diese ihm aus Blefkens Buch 
überkommene Fabel mit der Bemerkung Je croy que les Islandois ne sont pas main- 
tenant si sauvages qu'il ont este. Anderson, Nachrichten von Island (1746) 129 
hat sich von den Schiffern, die seine Gewährsleute waren, erzählen lassen, dass die 
Isländer mit Urin walken, und ihre Weiber, weil sie keine Seife haben, mit Asche 
und Urin waschen. 



125 

Wem deffe dinge nicht wol gevallen 
Und deffe Koft nicht kan vordouwen alle, 
De kan fick yn Yfslandt nicht erneren. 
265 Dat fegge ick ynt gemene mit ehren, 
Und wol dith nicht glöven wil noch kan, 
De fegel fülveft dar henan 
Und reyfe dar, als ick hebbe gedän, 
Dat he de warheit defte beth ervaren kan. 

BERLIN. VV^. Seelmann. 



Niederdeutsehe Inschriften 

in der 

Krypte der Domkirche S. Laurentii zu Lund. 



I. 

Zu der Mitteilung des Herrn Dr. Walther über eine nieder- 
deutsche Inschrift in der Kirche zu Lund (Korrespondenzblatt VII, 72) 
möchte folgendes von Interesse sein. 

Durch die Güte der Herren Docenten Sven Söderberg und Axel 
Ramm in Lund und des Herrn Dr. Anton Blomberg in Stockholm 
liegt mir die Copie einer Anzahl von Inschriften der Krypte in der 
Domkirche S. Laurentii zu Lund vor*). Sie sind gelesen von Herrn 
Axel Ramm, der in allen Fällen, wo seine Lesung von der seiner 
Vorgänger Brunius (Beskrifning öfver Lunds Dorakyrka) und Sjöborg 
(Samlingar för Nordens fornälskare) abweicht, deren Entzifferung bei- 
gefügt hat. 

Es sind darunter mehrere niederdeutsche Inschriften, die wohl 
sämmtlich von dem Baumeister van Düren herstammen. Brunius, 
Skänes Konsthistoria för Medeltiden, S. 101, nennt ihn einen Nieder- 
länder; ich vermuthe, dass das 'van' vor dem Namen diese Bezeich- 
nung veranlasst hat. Möglicherweise hängt er mit einem der beiden 
westfälischen Orte Düren zusammen, schwerlich mit dem bekannten 
jülichschen. Denn die Sprache der Inschriften ist doch wohl gut 
niedersächsisch. Van Düren war nach Brunius Kirchenbaumeister 
von 1513 bis 1527 und „vielleicht noch länger^. Die Inschriften ge- 
hören, so weit sie datiert sind, den Jahren 1513, 1514 und 1525 an. 



*) Ich habe selbst zweimal (1877 und 1882) die betreffenden Darstellungen 
gesehen und die Zuschriften gelesen. Erst durch 0. Walthers Mitteilung im 
Korrespondenzblatt VII, 72 wurde in mir der Wunsch rege, Abschrift der Letzteren 
zu besitzen. D. Schäfer, 



126 

Van Düren ist es gewesen, der im Auftrage des Erzbischofs Birger 
die verfallene Krypte wieder hergestellt hat. 

Die Mehradbd der Inschriften findet sich auf der Aussenseite 
des gross^i steinernen vierkantigen Brunnenbeckens in der Krypte, 
nämlich : 

a) Auf der oberen Südwand desselben in einer Zeile: 

[Dat a]^)nbegyn dat heft ein got behagen; dat end' (= ende) 
dat moet den last [dra]*)gin.*) 
Zur Linken am Bande steht auf einer Leiste: 

VAN 

DVBE 

I6I4 
Unten an der Steinwand entlang in einer Zeile: 

mannich lert der andeF (= anderen) ein goet raet, vy wol 
he feiner dar nicht naen (= na en) staet. 
Zwischen dieser und der oberen Inschrift ist ein Geistlicher ab- 
gebildet, der einer ihm gegenüberstehenden Frauengestalt, welche die 
Hände auf der Brust gekreuzt hat, den Arm warnend entgegenstreckt. 

b) Auf der Ostwand ist ein König dargestellt, mit Krone und 
Scepter, und ihm gerade gegenüber ein Krämer mit Silberkanne und 
Geldbeutel. Der König hält einen Papierstreifen ; auf diesem steht : 

I5I5 
er geit bouen 
alle dinck. 
üeber der Gestalt des Krämers ist zu lesen: 

nein, fprickt fik der penick, war ick w[ende]*), 

dar heft de levfde 

en ende. 

c) auf der Nordwand steht^): 

schone geloüen vnde lütt ich tho geüen, 

dat do[et]*^), | de daren myt vroden leüen; 

dat hebbe ich io | wol bevunden. 

wactt fich ein yder wol, vor he \ blift bünden; 

wan he gebunden is, 

loyca bvt | me (= men) em, dat is wisz''): 

loyca, du bift | en feltzen gast: 

wat du krigest, dat helftü vaft:®) 



*) Hier fehlt ein Stück ; Sj. liest : D . anbegyn, Br. : Dat aubegyn. 
') Fehlt ein Stück; Sj. liest: d— gin, Br. : dragen. 

^) Die einzelnen Wörter der Inschriften des Brunnens sind jedesmal durch 
Punkt von einander gesondert. Sonstige Interpunction fehlt. 
*) Es fehlt ein Stück. Sj. und Br. lasen: wende. 
'^) Die senkrechten Striche bezeichnen die Zeilenschlüsse. 
•) Es fehlt ein Stück; Sj. und Br. lesen: doet. 
') Sj. liest: wis, Br. : wiis. 
^) Das dreimalige Kolon steht in der Originalinschrift. 



127 

d) Auf der Westseite des Brunnens findet sich die Laud; sie 
ist von ungeheurer Grösse und durch eine mit Schloss versehene 
Kette gefesselt, beisst aber trotzdem einem Schafe die Gurgel ab. 
Darüber steht: 

d[e]^) hungerde lus de bit dat fcaep, dat is wys.^®) | 

got betther dat fchap, dar fcoruit is, 

dat dar | ^^) fcoruit is vnd fie nict kan klowen; 

des^^) I moghen fich de hungerdge lus | vol vrowen. ADAM. 

I5I4 
Wenn man diese Zusammenstellung in Betracht zieht, so hat 
wohl kaum eine andere Vermuthung so viel Wahrscheinlichkeit wie 
die, dass die Inschrift auf die persönliche Lage des Kirchenbaumeisters 
van Düren zu beziehen ist. 

Eine andere niederdeutsche Inschrift, die früher an einem Pfeiler 
bei der südlichen Kirchenthür stand, findet sich jetzt aufgerichtet an 
der Ostwand der südlichen Krypte. Es ist diese: 

doman (= do man) fchreflf 1626 aer, des fridages nag fancti 

mar|ckuf dach, 
vor lunden ein groit iamer gefchacht; | 

dar bleft ufier de vifftein hondert doet gefckotten vnde | geflagen : 
dat mögen de fkonfke viffer vael klagen. 

N1*«|-M ADAM born 
DAT ANBEGIN DAT HEFT EIN GOT BEHAGEN 
DAT I ENDE MOT DEN LAST DRAGEN.^^ 
Die Inschrift bezieht sich auf die Schlacht bei Lund 1525 April 28, 
in der Johann Banzau die schonenschen Bauern niederwarf, welche 
sich Sören Norby angeschlossen hatten; vgl. Allen, De tre nordiske 
Rigers Historie, 5,49 ff. 

JENA. Dietrich Schäfer. 



IL 

Vorstehende Mittheilung des Herrn Professor Schäfer ist in 
mehrfacher Beziehung werthvoll und interessant. Es erhellt daraus, 
wie bedeutend der deutsche Einfluss um 1500 in Skandinavien ge- 
wesen ist. Dass ein Ausländer ein Amt bekommt, dass er bei Aus- 
führung eines Baues Einheimischen vorgezogen wird : das ist oft und 



») Ramm: d— ; Sj. und Br.: de. 

'^) Ramm hat hier noch ein Zeichen ^ 

") Die Wörter dieser Inschrift sind nicht, wie die der vorigen, durch einzelne 
Punkte, sondern theils durch Doppelpunkte, theils durch drei übereinander stehende 
Punkte gesondert. 



128 

vielerwegen vorgekommen, zeugt jedoch immerhin auch von einer 
Ueberlegenheit desselben und seines Volkes. Dass er aber die von 
ihm ausgebaute Hauptkirche einer Stadt und eines Landes mit In- 
schriften, nicht in der Landessprache, sondern in seiner eigenen 
Muttersprache, versieht: das ist gewiss eine seltene und bemerkens- 
werthe Erscheinung. Für den freiliefe, der einigermassen die nordische 
und die hansische Geschichte kennt, ist dieselbe nicht unverständlich; 
weiss er doch, dass sogar die skandinavischen Könige fast nur in 
sächsischer, in niederdeutscher Zunge mit den Deutschen verkehrten. 
Aber wie viele wissen das oder sind dessen eingedenk ? Den meisten 
gilt das Mittelniederdeutsche eben auch nur für ein Dialekt oder 
mehrere Dialekte. Wie weit die Gedankenlosigkeit und Unwissenheit 
in diesen Dingen geht, erfuhr ich kürzlich, da mir ein hochgebildeter 
und studierter Mann als schlagenden Beweis für seine Behauptung, 
dass es im 16. Jh. um die Bildung in Schleswig-Holstein übel bestellt 
gewesen wäre, anführte: „die Leute konnten ja nicht einmal Hoch- 
deutsch." Mit demselben Rechte hätte er natürlich jedem Cultur- 
volke jener oder der jetzigen Zeit, das seine eigene Sprache spricht 
und seine eigene Litteratur hat, denselben Vorwurf machen köonen. 
Bei solchen Anschauungen halte ich es nicht für überflüssig, auf das 
Zeugniss aufmerksam zu machen, welches jene Inschrift über die 
Weltstellung des Niederdeutschen ablegt. Es kann keinem Zweifel 
unterworfen sein, dass am Ende des Mittelalters das Niederdeutsche 
mindestens die gleiche internationale Bedeutung hatte wie das Ober- 
deutsche, und ein gleich grosses und wichtiges Sprachgebiet umfasste. 
Ob der Vorname des van Düren nicht überliefert ist? Nach 
unseren Inschriften könnte er Adam geheissen haben, wenn wir das 
an der rechten Kante der Westseite stehende Adam 1514 und das an 
der linken Kante der Südseite befindliche van Düren 1514 als zu- 
sammengehörig betrachten dürfen. Mangelt es vielleicht nach Adam 
1514 an Platz auf der Westseite und steht das van auf einer Linie 
mit Adam 1514, so wäre die Wahrscheinlichkeit vorhanden. Freilich 
scheint die fünfte Inschrift die Vermuthung nicht zu bestätigen. Hier 
finden wir am Schlüsse des ersten Satzes Runen, welche zu lesen sind : 
Got help. Das vierte Zeichen ist nämlich keine Rune, sondern soll 
bloss die beiden Wörter trennen. Dieselben Runen kehren in einer 
dänischen Inschrift*) an einem Pfeiler der nördlichen Hälfte der inneren 
westlichen Kirchenmauer wieder; hier ist aber zwischen Got und help 
nur ein Punkt gesetzt. In jener fünften Inschrift folgt auf die Runen 
wieder der Vorname Adam mit dem Zusätze born. Letzteres Wort 
ist wohl als horner zu lesen, was einen bekannten niederdeutschen Zu- 
namen ergäbe. Also hätten wir einen Adam Borner. Ob dieses der 
Name eines Gehülfen des van Düren gewesen ist, der auf der West- 
seite des Brunnens allein seinen Vornamen eingemeisselt hat? Oder 
ist der volle Name des Baumeisters Adam Borner van Düren gewesen ? 



*) ebenfalls in der Sammlung des Herrn Ramm. 



129 

Was nun zunächst Terpager's Lesung der vierten Inschrift betrifft, 
so muss man sie eine für seine Zeit merkwürdig genaue nennen. Ja, 
ich glaube, dass er in einem Falle noch mehr entziffert hat, als seine 
Nachfolger, nämlich darin, dass er Möiren und vröinen liest. Es wird, 
wie ich bereits in meinem ersten Artikel andeutete, kloioen und 
vrowen dagestanden haben. Es geht ja auch aus den Angaben des 
Herrn Ramm hervor, dass die Inschriften mit der Zeit an Deutlichkeit 
verloren haben. Auf diesen selben Grund ist vielleicht die Form 
vroden der dritten Inschrift zurückzuführen. An ein bisher auch noch 
nicht nachgewiesenes vrode (Klugheit; vom Adjectiv vrot) ist nicht zu 
denken, weil es keinen verständigen Sinn geben würde. Es kann nur 
vroude, Freude, gemeint sein, für welches Wort aber eine Form vrode 
sprachunrichtig wäre und auch meines Wissens unerhört ist. Ent- 
weder also hat ursprünglich vrode gestanden, oder es ist ein Schreib - 
oder vielmehr Meisselfehler des Künstlers. Ferner ist vielleicht über 
penick ein Strich vergangen; denn es müsste penninck lauten; oder es 
ist wieder ein Schreibfehler. Eine eigenthümliche Verschreibung ist 
hungerdge : es scheint, der Künstler wollte erst hungerde meisseln, 
endigte aber mit — ge, als ob er hungerige hätte setzen wollen. 

Die Sprache der Inschriften ist sicher mit Professor Schäfer gut 
niederdeutsch zu nennen. Dass sich ein wenig skandinavischer Ein- 
fluss, auch ausser der Verwendung von Runen, zeigt, ist natürlich 
nicht zum verwundern. Doch ist er, wie gesagt, nur gering. Dahin 
könnte man das v statt w (vy, vol^ viffer, vael), das sc statt seh 
(scaep, scorvit^ gefckotten, skonske), das got statt gut rechnen, wenn 
nur nicht diese Eigenheiten im Niederdeutschen auch sonst gewöhnlich 
wären. Aehnlich steht es mit dem ff in uffer und viffer der letzten 
Inschrift. Im 16. Jh. kommt der Brauch nämlich auf und dauert bis 
ins 18. Jh., im Niederdeutschen /*, ff statt des früheren inlautenden 
V zu schreiben. So wird auch dies hier nicht auf skandinavischen 
Einfluss zu setzen sein, zumal da die nordischen Sprachen das zweite 
Wort (vif) gar nicht einmal mehr kennen. Eher könnte die Schreibung 
levfde in der zweiten Inschrift nordischen Einfluss verrathen. Ganz 
ohne Zweifel ist aber auf die skandinavische Umgebung zurückzuführen : 

1) ein got raet, denn rät, Rath, als Neutrum zu gebrauchen ist den nord- 
germanischen Sprachen im Gegensatz zu den südgermanischen eigen; 

2) he hilft bunden statt he wert (wird) bunden, während das dar lieft 
doet gefckotten der fünften Inschrift nicht bloss Skandinavismus, sondern 
auch Germanismus ist; 3) aer statt jaer (Jahr). Endlich offenbart 
sich schwedische Aussprache des cht in wactt und nict. Ob in dat 
schap dar fcorvit is das dar das dänische Relativ der sein soll? es 
kann allerdings auch durch Versehen dat vor oder it nach dar aus- 
gefallen sein. 

Auffallender als diese Skandinavismen ist ein Alemannismus : der 
Nominativ des Artikels der in der zweiten Inschrift. Da das Wort 
ausgeschrieben dasteht, ist nicht daran zu zweifeln; stünde d\ so 
wäre dies sicher in de aufzulösen. Etwas hochdeutschen Schmuck hat 

Niederdeutschea Jahrbach. IX. Q 



130 

auch das toywol in der ersten Inschrift. Wenngleich altsächsisch hwi 
und mndd. tm vorkommen, so ist doch as. hwo und mndd. wo, wü 
das gewöhnlichere. Wenn man es demnach auch nicht als hoch- 
deutsche Form betrachten darf, so muss es doch wohl als Idiotismus 
irgend eines ndd. Dialektes angesehen werden. Dialektisches ist noch 
einiges mehr vorhanden, als : betther statt beter^ und vor allem in der 
letzten Inschrift : groit statt grot^ groot; uffer statt over; hondert statt 
hundert; gefkotten stekit gefkoten; vael (lies: wael) statt woh Dieseln- 
schrift hat überhaupt manches auffallende, so die als Praesens behan- 
delten und demgemäss mit dem Suffix t versehenen Fraeterita gefchacht 
und hleft statt gefchach und blef. Besonders ist die Form bleft auf- 
fällig. Vgl. übrigens Lübben, Mittelniederdeutsche Grammatik S. 47. 
— Ungleich ist auch die Darstellung des kurzen o in offener Silbe: 
neben boven (über), geloven (geloben), moghen (mögen) findet sich 
gefkotten mit Schliessung der Silbe, ja gar mit üebergang in u in 
uffer und andererseits wird das o in a gewandelt in daren (wagen). 
Schwankend ist der Gebrauch des k und ch im Auslaute der Wörter 
ik (ich) und fic (sich); auch luttich statt ItUtik gehört hierher. 

Zur Erklärung ist noch zu bemerken, dass stän nä, sonst soviel 
wie: trachten nach, hier zu verstehen ist als: thun nach. Das en vor 
staet ist bekanntlich Negationspartikel. — In der dritten Inschrift 
macht die zweite Zeile einige Schwierigkeit. Boren heisst wagen, 
nimmt aber auch nicht selten die Bedeutung von dorven^ dürfen, an. 
Setzen wir die erstere Bedeutung ein, so heisst der Satz: Schöne Ver- 
sprechungen machen und wenig geben, das thun die, welche sich ge- 
trauen in Freuden zu leben. Mir scheint die letztere aber einen 
besseren Sinn zu geben, nur wäre dann de vor dat zu ergänzen: die 
das thun, die dürfen in Freuden leben. — Das vor des 4. Verses ist 
ein erwünschter Beleg dieses Wortes als Conjunction im Sinne von 
'ehe'. — Das wis^ derselben Inschrift und das wys der folgenden sind 
soviel wie gewiss und nicht soviel wie weise. — Mit des Künstlers 
bitterem ürtheil über die Logik, die Vernunftgründe, womit man ihn 
abgespeist hat, lassen sich die Verse v. J, 1520 vergleichen, welche 
Lübben im Mndd. WB. aus dem Bechnungsbuche des Fischeramtes 
in Rostock mitgetheilt hat: 

Ja unde nen is umghewent; 

Dede nu de nyge loyeke nicht bokent C= bekent, kennt), 
De wart bedragen funder wdn. 
Bat gy my rechte vorftän: 
Me (man) giß nu hantfeste unde breve, 
Wen me fe holden fchal, so stän fe fcheve. 
Die Inschriften erheischen zum Schluss noch eine Besprechung 
auf ihren Inhalt. Die der Ostwand ist nach dem Datum die frühste, 
sie hat zwei allgemeine Sentenzen, dass Ehre über alles gehe und 
dass in. Geldsachen die Liebe aufhöre. Die beiden Aussprüche müssen 
zusammengehören, denn der zweite ist dem ersten entgegengesetzt. 
Dass nichtsdestoweniger auf die Ehre im zweiten kein Bezug ge- 



131 

nommen wird, erklärt sich daraus, dass dieser oflfenbar ein litte- 
rarisches Citat ist. Im Zusammenhange mit dem vorhergehenden 
Verse ist es zu verstehen, als ob etwa dastünde: Nein, spricht der 
Pfennig, wo ich hin komme, da hat Ehre und Liebe und Recht ein 
Ende. Der Künstler hat wohl von vornherein betonen wollen, dass 
zum Bauen vor allem Geld gehöre. Er scheint darin und vielleicht 
auch in anderer Hinsicht während seines Baues schlimme Erfahrungen 
gemacht zu haben. Wennschon die obere Inschrift der Südwand, 
dass der Anfang behaglich sei, aber das Ende die Last tragen müsse, 
wiederum eine allgemeine Sentenz ist, welche jeder Arbeit als Motto 
vorgesetzt werden darf, so lässt sich doch die untere vom Priester, 
welcher einer Frau guten Rath giebt, aber selbst nicht danach thut, 
nur als ein Ausfall auf die Geistlichkeit verstehen. Und die Verse 
der Norder- und Westerwand mit ihren Klagen über nicht gehaltene 
Versprechungen — dat hebbe ich io wol bevunden — und aufreibende 
Bedrängniss durch verächtliche Widersacher können sich doch wohl 
nur, wie Professor Schäfer will, auf die persönliche Lage des Künstlers 
beziehen. 

Was den Inschriften noch einen ganz besonderen Werth verleiht, 
das sind ein paar Citate aus Lübeker Fastnachtspielen (s. Ndd. Jahr- 
buch VI, 1880, S. 1 flf.). Das zweimalige Reimpaar 

Dat anbegyn dat heft ein got behagen; 

Dat ende dat mot den laß dragen, 
stimmt zu dem Ende mot de laß dregen, des Fastnachtspieles v. J. 
1481, ist aber nicht eben daher entlehnt, sondern ein, auch in dieser 
gereimten Fassung, sehr verbreitetes Sprichwort. Dagegen vermuthe 
ich, dass die Rede des Pfennigs: Nein^ war ich wende^ dar heß de 
levfde en ende, dem Stücke des Jahres 1495 entnommen ist, das 
den Titel führt: De leve vorwynt alle dyncTc^ der wedderfprek der"^) 
pennynck; vgl. Ndd. Jahrbuch VI, 15. Und der Anfang der Inschrift 
auf der Nordseite ist sicher eine Reminiscenz an die Verse im Henselin : 

Vele loven, weynich gheven 

Kumpt eynem ertzegecJce wol even; 
s. Ndd. Jahrbuch III, 1877, S. 21. 

HAMBüRa. C. WTalther. 



*) der, wie in der Inschrift, statt de! 

9* 



132 



Besehreibung 

der Handschriftensammlung des Freiherrn 
August von Arns^^?^aldt in Hannover. 

I. Handschriften in klein 8**. 

Nr. 3129*.0 Pphs. des 15. Jh. fol. 148. 

Buch der ewigen WeisJieit*). 

f. 1* leer, f. 1^ hir') hevet feck an dat bok dat me nät to latine orologriü 
faple to tiide dat bock der e^Yigren wifheit Et Jtvt enmal en pdeger na en' 
metten vü vnd' eine c'cifixe vn clagede godde inichlike dat he nicht konde 
betrachte noch Jln' marte^ noch jin liden vii ome dar a/Jo bitter was wane he 
dar an hadde wes an de /vlve tyt grote gebreke gehat vü do he in der clage 
JtVt do qwamen Jine iwedige /inne i en vngewonliche vpgetogeheyt vn Ivcli- 
tede ome /ere vü clarlichge — 

f. 146^ do to hat des morges wart id voilebracht wete op Jin ende. 

f. 147» Dit bokelin dat dar betet de ewige wijbeyt bokelin des Jin is de 
goddes like hebben de i di/Jer le/ten tyt i mänige h'te beginet v'lejche vfi i 
etliken wedd' entbemen. vfi des materia is vä dem begine. wete an dat ende 
vä deme "vmetige werdige liden vn/es h'ren Jhv" x'. vü wo en frome mi/che 
dat /vlven liden na /ime vermöge ome na volge vü vä deme w'dige love vn 
vn/prelike lede der reyne ivcvrovwe marien vfi dar ine Jit bejloten twe 
hVderleye materien de vt genome edele vfi nvtte Jit. wo etlike minjchen 
vnwij/enliken vä godde getoge wMe vä f. 147^ eine h'telike rvwe vfi vä eine 
milden vorgeve wo leflik god is. vfi wo bedrage de leve der w'lde is. En vt 
richtinge drier dinge, de eine inigen min/chen aller mey/t an godde mochten 



*) Die Handschriften, deren Nummern mit einem Stern bezeichnet sind, haben 
neuere Einbände und entbehren daher mit den alten Vorsetzblättern die Angaben 
über die früheren Besitzerinnen. 

') Vgl. Die Schriften des Heinrich Seuse nach den ältesten Handschriften io 
jetziger Schriftsprache hrsg. von Fr. H. S. Denifle. I, (Münchea 1880), 305 ff. 
Auf der Burgundischen Bibliothek in Brüssel befindet sich eine niederländische Be- 
arbeitung dieses Traktates in einer Handschrift des 14. Jh , die zu Anfang lücken- 
haft ist, sie beginnt: hy aldus. Vgl. Catalogue des manuscrits de la bibliotheque 
royale des Ducs de Bourgogne. (Bruxelles, 1842) I. No. 2846. Eine abgekürzte 
niederländische Bearbeitung ohne Vorrede und nur 14, resp. 15 Kapitel enthaltend, 
liegt vor in einer Hs. aus dem Anfang des 16. Jh. auf der Bibliothek der Maatschappij 
der nederlandsche letterkunde te Leiden, vgl. den Katalog ihrer Bibliothek I, (Leiden 
1877) 23: Horologium aeternae sapientiae, ofte eeuwige wijsheids uurwijzer, tot nut 
en dienst van alle godminnende zielen, cm godvruchtelyk te leeren leven en godzaliglyk 
te leeren sterven. 227 bll. 8^ M. C. P. Serrure besass einen nicht viel späteren 
Antwerpener Druck : Een suy verlic tractaet van die eewighe wysheit. In welck die 
dienaer vraecht ende die eewighe wysheit die antwoort. Gheprint Thantwerpen by 
my Jan van Ghelen. Vgl. den Katalog seiner Bibliothek I, (Bruxelles 1872) No. 108. 

^) Das fettgedruckte in roter Schrift. 



133 

wedd' Jtan. dat ene wo he Jo tornich möge /eine vfi doch Jb minichlic ge/iu. 
dat andere wrVme he /eck jine andechtigen dicke na h'te lu/te entvt. vnde 
vo bi man Jine wäre iegew'dicheit erkennet. Dat dridde wrVme id god 
Jine frundeu aljb ovele let gan i tit vmmerwerende we d' helle vä vnmetige 
frovde des hemelrikes eddelheyt fatlikes lides. dat ander del des f. 148* 
bokelins wo man Jcal leren Jterven. wo man god andechliken entfan Jcal wo 
man god love Jcal. dat dridde del het de hVdert betrachtinge. gelovet Jy 
god amen. Best der Seite und f. 148^ leer. 

Nr. 3130*. Pphs. des 15. Jh. fol. 61. 

1) Von den neun Felsen*), 

f. 1* van deme anbegine Alle mi/che de neme dvjjer lere war. met 
eyne ganze emjte. wete wa dvt bonc met vlite le/t efte höret le/e de mot 
/eck betere. he wil dene met vrevelle in /v'nde Jterue. IJt auer dat eyn gvt 
mij*che de /ick to godde wil voghen de wert hir geleret welck de /träte Jin to 
/ime or/prüge. wete hir ine /cal men wol vide wat den mynsche noch erret. 
vn wo medde dat he geuäge ys. Dvt buch höret allen cri/te lüde to wo /üdich. 
efte wo hilich dat /e /in. hie hevet fieh Axt bock an f. 1^ Dat ge/chach to 
eyner tyt i deme advete eynes morges vro dat eyn mi/che wart v'manet dat 
he iwert kere /colde — 

f. 35* de viget de het Jine ägel i /e geworpe dat /e nicht vort en kome. 
de mi/che /prach h'te leve wat is de angel. de dar f. 35^ und f. 36* ur- 
sjjrünglich leer, später von einer ungeübten Hand f. 35^ beschrieben, die die Seite 
XU lat, Uebersetxungs'übungen benutzt hat: z. B. exi/tes de du we/ede bis. 
iuetor ervinder. f. 36* zur Hälfte ähnlich verwendet, 

f. 36^ antw'de de /prack. dat is dat /e noch ichteswat opgejichtes vn 
bekümerni//e hebbe met d' w'lde vii leve /eck /ulve vn al or wi/e vn or üfuge 
hebbe /e met wolbevalleheyt — 

f. 58* (de dar ant)w'de de /prack du//e /warte mi/che de is vä deme 
negede wege /tot wete he hadde ichteswat behages Best der Seite ursprünglich 
leer, dann von der Hand, welche f. 36* beschrieben, zu lat, Uebungen benutzt : 
coUita be/meret u, s, w. Äehnlich f. 61*». 

2) Osterpredigt, 

f. 58^ Enghel/che /char der hemele her frawet /eck de gotlicke wndere 
de her fravwen /eck nv vn de heyljamighe ba//vne de Ji nv an ludede dorch 
de /eghevechtighe des groten königes — hir ~vme bidde eck ivck mine aller 
leve/te /u/tere de ghi hir f. 59* vmme /tan dat gi meck helpen anropen de 
barmherdicheyt des alweldigen goddes — dit Jlnt de o/terlicken feste in den dat 
wäre lam gedodet is — 

f. 61* dar vmme bidde we deck herre beware gnedichliken dine denere 
alle pre/ter werdicheyt vil dat alder ynnigste volck mit vn/eme aller hilge/ten 
vadere deme pawe/te Innocencio vort mer vn/en gnedigen herren Erne/tvm 
arzebi/cop dv//er ghanzen men/chop dv//es goddes hv/es vn vorlige /teden frede 



*) Stark verkürzt und unvollständig, vgl. Das Buch von den neun Felsen von 
dem Strassburger Bürger Rulman Merswin hrsg. von C. Schmidt. Leipzig 1859. 
f. 1» = S. 1, f. V> = S. 2, f. 35* = S. 82, f. 36b = s. 84, f. 58* ■= S. 131. Voll- 
ständig enthält diesen Traktat eine andere geldrische Handschrift in kl. 8° der von 
Arnswaldtschen Sammlung, No. 3148 f. I*— 93b. 



134 

vnjeme aller erwerdige/ten key/ere Fredderico in dvjjen fravden der o/terlichen 
feste des bidde we deck dorch JFm x]pm vn/en herren & cetera. Kma Soror 
orate d'm diligeter pro me deXpecti/Jiä oim pro vera paciecia 

Nr. 3131*. Pphs. des 15. Jh. fol. 48. 

Geisterbeschwörung des Heinrich Buschmann^ 
f. 1* Dat ge/cach na d' bort x' do dujet ver hundert vn Jeve vn dritich 
iar v'gä were in deme mane nouebre i deme lade to cleue coUe/che Jtichtes i 
ene dorpe medrich genät gelege bi en' /tat de het duJTjerch op Jute martes auet 
dat Jick opebarde eenes mänes gey/t na d' tit dat he ge/torue was v'tich iar mi 
twelf weke Jin nam was gehete Mrick bu/chman ichte/wane en ackermä vn /ine 
opebarighe gig /us to — 

f. 48^ dat were /es vii twitich wecken des /i got gelouet vn bndiet i 
/inen hoge/te throne nu vii ewichlike am 

Nr. 3132*. Pphs. des 15. Jh. fol. 18. 

Von dem Mitleiden Mariens. 

f. 1^ Ton deme bitter liden dat Maria hadde in ores leven Tones Jhefv 
x^i liden wif i din herte vn vor/ta von meck dat /charpe vii bitter liden dat 
Maria hadde in ores /ones liden van anbeghin bit an dat ende des lideus. deme 
liden ken liden glick is — 

f. 12» Alexander necken /pricket over dat leven bock dat v/e leve frowe 
Maria dre daghe mit groter claghe mit fe/tem wenende bi ores leven /ones grave 
blef de wile Jhefus /ele bi den oltvederen was in der vorhelle on tro/t vn frovde 
do ghevende. &^ Amen .ch reyne moder vn zarte frowe wafie nemen dine 
grote bittere herte leyt enen ende dat dv an dime alder leve/ten kinde /eghe/t 
.at höre mit erbarminghe. .o min zarte kint vor/cheden was f. 12^ vn al/o vor meck 
henghede vn mineme herten vn /inne /o ghar alle craft ghebrocken was do eck nicht 
anders mochte do hadde eck mänich elendech op/ent na mime kinde — 

f. 16^ en tro/tet /eck /ines vn/culdighen levendes en grotter ovighe vn 
ghe/trenghen levendes ener tyt de ander dat edder min tro/t vn mi toverlat lit 
ghenr f. 17 und 18 leer, 

Nr. 3133*. Pphs. des 15. Jh. fol. 58. 

S, Brigittens Vision von dem Leiden Christi% 
f. 1* Dit is funte Brigydte draghe palfio dni noftri Jhs" xp^i ame .at 

mach eck nu /preken wente myn /ele is bedrouet wete an den dot Do /prack 



^) Vgl. W. Seelmann in diesem Jahrbuch, Jahrg. 1880, 32 ff. Zu den von 
ihm (35 ff. vgl. 67) verzeichneten Handschriften des Mirakels füge ich noch eine 
niederländische auf der Burgundischen Bibliothek in Brüssel, die der Katalog wol 
mit Unrecht ins Jahr 1438 setzt, vgl. Catalogue I, No. 1655. 

*) 'Die passie van ons Heeren Jhesu Chr. als het openbaerde aen St© Brigitte' 
befindet sich auf der Burgundischeu Bibliothek in Brüssel in einer Hs. des 15. Jh., 
vgl. Catalogue I, No. 3045, und in zwei Hss. des 16. Jh., vgl. Catalogue I, No. 3028 
und No. 4905, die Brüsseler Hss. No. 3042 und No. 3043, beide vom Jahre 1487, 
enthalten *het leven van Ste Brigitte' und *De revelatien van ons Heeren J. C. 
aen St« Brigitte'. 



135 

Jymon petrus Here wes bedrouejtu deck mine /ele Jette eck vor deck eck wil 
myt deck gan in de dod vnd eck Jechghe deck dat vorwar ick en wil nümer 
von deck Jcheyden eck wil myt deck au dyne drofni/Je ghan — 

f. 6* Brigydta myn brud dit open- f. 6^ bare eck deck von worden to 
worde myn pyne de eck liebbe geleden in de galghen mynes dodes Dejfe ding 
vnd dejfe word de eck deck hebbe opebart vnd noch openbare wil de ghene eck 
al/o eyne duren Jchat. Dit Jchaltu to hope /cryue al/o eck deck hebbe ge/echt 
vnd noch wil Jechghen. Do begüde eck to Jwetede ouer mate von den lede dat 
dat blöd lep meck vt eynem ledemate in dat and' — 

f. 58* dar Jcholde Je myne ghewalt by bekenne myner leue vnd vele 
weren de des nicht to herte neme dat Je meck nicht bekenne wolde myt de 
loue edd' myt d' leue dar vme worden Je vordomet amen f. 58^ leer, 

Nr. 3144. Pphs. des 15. Jh. fol. 316. 

1) Betrachtungen über die XXXV Fussfälle Jesus. 
f. 1* Dit is een fuuerlike oefiTenige van de xxxv. Valien Die onfe lieue 
here in fyne heiligen lyden gevallen is en g^ . • oeget v oeffenige da' in offere mit 
' een pT nF Ich danck dy lieue h'e ihs des mynlike nedervals den du dedes 
opte berch oliuete — f. 48* eil "pjentier Jl dyne hemelsche vad' als Jyn gemynde 
dochter en dyn wtuercoren bruyt da' hi dy om ge/ant heeft. eil da' du dyn 
durber bloet om ge/tort heues. en den bitteren doet voer geleden heues. Amen. 
Deo gracias. f. 48^ leer. 

2) Van negen fonteinen der sundigen zielen, 
f. 49* Hier begynen nege fonteyne der genade om te reynige onfe ziel, 
die irrte tot fjTie heiligen voeten. Alre barmhertich/te her Jhü Ic vermaen 
V der groter pynen die du geleden heb/te voer ons armen Jüderen In dynen 
ou'heiligen voeten gaende altyt tot xxxiii iaren toe bervoets mer alre mee/t 
doe Jl di leide wtten garde onbarmhertelicken ou' die harde Jtenen in den wege 
op ter /traten in die calde /tat van iherujalem — f. 62^ Joe verhoert my 
le/te andacht eil begeert. hemel/che vader in dynen bände beuele ic 
mynen geejt. An. 

3) Betrachtungen für alle Tage bei der Messe. 
f. 62^ Hier begint een deuote oeffenige al dage onder miffen Des 
manendages €rot her alles troe/tes ic ongevallic/te alre menjchen Jneke hulpe 
eii genade waer toe Jal ic mi keren — f. 77^ soe bid ic v dat gi mi wilt 
wejen een vader der genaden eil geen Jtrenge richter als ic v'dient heb. Hier 
toe helpe mi die vader eü die Joen en die heilige gee/t dz ic behalde bliue. 
am. Ontfermer alre mejche comt mit uwe heiligen lyde eü doet te troejt ea te 
hulpe den eilendigen Jlelen des vegevuers — op dat Ji onder de ge/eljcap der 
engele v ewelic moegen lauen. Am. Een Aue maria voer die /chriuer/che. 

4) Der Bosengarten unsefres Herrn und Marien, 
f. 78* Dat prologtts eens deuoteu boexkens geheite de rofengarde ons 
h'en ihü eil maria Een bondeken vä myrre is my my gemynde TuJ/chen 
mynen bor/ten daer /al hi wonen Seer gemynde in "xpo des welcs name die 
noet my niet en dwinget te Jcriuen. Na den geuoelen des eerwerdige maus 
Vbertin'.') van welken na myne ordel onder al die doctoers dejer tyt die gotlike 

') Verwandt scheint ein Traktat, den M. C. P. Serrure besass; *De seven 
saverlicke Cranskens geordineert op den H. Ubertinus oefeninghe alle dage eenen 



136 

v'lichtinge mee/t verlicht heeft. en die hemeljche deuocie ou'vloedelicJ*te 
ont/teken. Soe en moechdy niet glorio/er. noch danckberliker doen gade den 
vader. noch den Joen. noch den heilige gee/t. dan dat gi in on/en gebenediden 
here ihejum xp'm. god en uiyn/che al uwen f. 78^ tyt ou'brenget. Efi dat gi 

V daer af na der mynre broeder raden des bogen doctoers maect een bondeken 
van myrre. die welke altyt wone tu/Jchen uwen borften. Hier om al/o gi my 
mit ene broeder gebeden hebt wilcs name gejcreuen Ji in de boeck des leuens. 
Soe ist dat ic wt on/en boeck dat geheiten is den hof der gülden rojen ons h'en 
ihü efi maria. die geejt des /eine ons h'en ihü xp^i. dat werck v'gadert en 
wtgetagen heb die alre blyncke/te rojen wt welcke roeck gi in dit dael der 
tränen die gotlike Juetich* als do' ene Jpiegel moeget Jmaken op dat die 
Jueticheit ihü en maria een wenich vä v ge/maect waer. dat v dat tytlike en 
die dromelike troe/t der werlt /olde v'drieten. En Jeer gemynde in gade. wes 

V f. 79* in de/en oetmoedigen traectaet my/haget. dat v'geuet on/er Jympelheit 
en en willes doch der v'metelheit niet toe Jcriuen dat ic wt begerten der mynen. 
efi om myns eygenen orbers wil. heb ic dit voer genomen te v'gadere En Joe 
wat V hier in behaecht. ijt dat gi daer wt tot on/e h'e ihiu of maria denckede 
of lejende een wenich deuocien ontfanget. dat en wilt my niet toe J*criuen 
mer dat /criuet hem toe die een geuer is van allen gnede. en da' af is een 
maker een fonteyne en dat begin/el efi da' na /oe /criuet toe de doctoers welker 
name daer gejcreuen Jtaen want van de mynen /oe heb ic luttel of niet da' 
toe gedaen. wetet da' om dat ic dit werck allee v'gadert heb. mer niet gemaect. 
want aljb gi wael weet. ic en byn f. 79^ Joe kun/tich niet. dat ic wat uyes 
/eine maken mocht. mer dat anderen bearbeit en gemaect hebben dat mach ic 
te Jame menge om ander myn/chen /tichticheit efi om myn eygen leringe wat is 
dit bondeke van myrren. Die bitter myrre beteykent bitterheit der pa/Jien. 
mer dat bondeken beteykent ver/amenynge van voel pajjien en lydens — 

f. 89* Hier hegft die oeffenige d' deaoter zielen des manendages van der 
incamacien ons he'n ihü xp*! des ewigen gaeds foen in den buyck der onbeoleeter 
maget maria — 

f. 300^ Ene deuote ouerdenckige vä der nederfeindinge des heiligen 
geiftes — 

f. 313^ ontmoete mi genadelike. op dat my cley cleynheit dinre mögen theit. 
ende myn crancheit dinre crachtelich* ontfenclic /i. ende behage nae die grote 
menichuoldicheit dinre entfermenijje Ouermits on/en beer ihej*ü xp^m myne 
behalder die mitten vader in der enicheit leuet ende regniert god almechtich 
in ewicheit der ewicheiden. Amen f. 314 — 316 leer. 

Auf dem Vorsetzblatt von einer Hand des 16. Jh. : Dyt bock hoert toe 
Ju/ter yeirken dael efi Jiijter ihaerij loeppers byet om gaed wyl voer on byeden 
nv efi als Ji daet Jyn. 

Nr. 3147. Pphs. des 15. Jh. mit Pgtbll. fol. 202.«) 

1) Van geesteliJcen leven ende van gcesteliken doet.^) 
f. 1* Dyt is een noetdorftige efi yfiiehlike reden in allen v'nnftige 
duytfchen boeken Efi in allen Aibtile finne tot ene leuedige inwedige afgefcheide 



hoet te maken van sonderlinghen bloemen. Gheprent Tantwerpen bi mi Henri c 
eckert van Homberch, J509,' vgl. Catalogue de la bibliotheqae de M. C. P. Serrure, 
I, No. 195. 

8) Pergamentbll. : 1, 10, 46/7, 57/8, 67/8, 77/8, 87/8, 98/9, 110, 119, 124/5, 135/6. 

®) Die Vorrede dieses Traktates, f. 1» bis f. 4^, veröffentlichte A. von Arns- 
waldt in seinen *Vier Schriften von Johan Rusbroec in niederdeutscher Sprache.' 



137 

^eftlike leue In der ewiger wy/heit ons here ihü xp^i Julie wi wete al die dit 
boec leje of hoere lejen woe dat deje naevolgede leer een luyter gaii/e eenvoldige 
waerh* J*i Soe is Ji doch Jorchlicke voer al de gene die oers /elfs niet willichlic 
te mael v'gete noch gelate en hebbe in tegewordige reden in eenre Jteruender 
oeffeninge oers bloets eil vleyjchs oerre jlnne efi oerre v'nuftiger werke nae dat 
Ji van gade en van Jyne heymelicke vriende v'maent eil gedreue werde, niet 
en Jterue in gade. wät nv regniere vier becaeringe in d' werlt — 

f. 4^ Wie deje vier becoeringe en nae gejcreue reden en leer ver/taen 
wil Eä gade lauelic eü den nien/che en hem Jelue nuttelic leue wil die Jal 
hem mit alle Jyne inwendige eem/te efi mit oetmoediger oefeninge eü gebede 
tot gade keren eü bidden hem dat he de/e Jynne bekant werde nae Jynre 
noetdorft in den liefften wil gads. Des helpe ons die ewige wysheit — Amen, 
f. 5 leuende, die leuende Jal di laue Dit woert /prac totten hemel/chen 
coninck. een coninck in der eerde die biet ezechias — 

f. 9^ in de coninckryc der leuender daer wi die leuende /teen moete weje 
der nyer /tat iheru/alems van ewe tot ewe. Ame Dit voerjcreue Jermoen is 
van gevoelicker oeffeninge en van enen geejtelicke leue in gade eü in Jyne 
gebade en in /ynre mynen eü in J*ynen laue Hier nae volget van een Jteruende 
oeffeninge eü van f. 10* ene gee/teliche doet in gade Ende daer in is gelegen 
vrede en ewighe Jalicheit. Daer wt coemt onder/cheit eü wert eü al beroeringe 
Mer die ander oeffeninge die leydet tot inwendiger ru/ten eü tot een enige ons 
gejtes mit gade. Eü tot die alre ouerjte we/elicke /alich* Eü hier om die 
ir/te voerworp daer Ji oer in oeffene Jal. is die heilige drieheit der p/one trynitaet. 
Die ander oeffeninge oer voerworp is die gotlicke /ympelheit eü die Jympel 
eenvoldicheit Daer toe /al hem die gee/t oeffene op dat hi oer v'enicht mach 
werden eü in oer ru/te in een ouernoemelic ende in een ouerwe/elic gebrucke 
Salich Xyn die doden die in ga- f. 10^ de Jterue — 

f. 76* daer help ons die ewige drivoldige enich* Als hi wil eü als hi 
weet in tyt en oec in ewicheit Arne. Twe punte heb ic af gelate die wil ic 
noch /ette ter eren gades. Ic heb voel gejcreue van der leuender oeffeninge in 
gade of in doechde Eü van leuender steruender oeffenige in gade op dat wi wete 
die rede der woerde Joe Julie wi merke dat de leue toe hoert natuerlic te werke 
eü te hebbe te wete te myne eü myüe te oeffene eü ge- f. 86^ meynlic al werke 
te doen. Want leue begeert Jyn natuerlicke werken te doen als een groyende 
leuende boem of crude die wajje groyen bloyen eü vrucht brenge eü een Jynlic 
leue die Jinne te regieren eü dat licham te beJorge mer den v'Jtandige leue of 
der ziele die leuet in v'Jtande — 

f. 109* Ic hape al dat in deje boec Jtaet gejcreue dat die waerheit efi 
eendrachtich* daer mede is. wät onje ewige Jalich* aen der heiliger drivoldich* 
is geleecht Daerom hape ic ganjelicke wie daer geern af hoert f. 109^ Jcriuet 
Jpricket of peynjent dattet van alle bedragenheit helpen eü vrie Jal hem. die 
waerheit die hi mynt. Daer om late wi ons onder deJe drieheit eü onder al 



Hannover 1848, S. 223—225 und bezeichnete sie richtig als eine ins kurze ge- 
zogene freie Bearbeitung des Rusbroecschen Traktates van vier becoringen. Ober- 
deutsch findet sich derselbe Auszug (geheissen ein buechelin, seit von vier gar 
sorglichen bekorungen, abgedruckt in C. Schmidts Job. Tauler von Strassburg, 
Hamburg 1841, S. 211—213) selbständig in vielen Handschriften von Taulers 
Predigten und als später hinzugeschriebene Vorrede in der Leipziger und in der 
Strassburger Hs. der früher Tauler beigelegten *Nachfolgung des armen Lebens 
Jesu,' vgl. *Das Buch von geistlicher Armut bisher bekannt als Johann Taulers 
Nachfolgung des armen Lebens Christi.' hrsg. von Fr. H. S. Denifle, München 
1877, VII fg. 



138 

bekende waerheit Des helpe ons got en Maria Jyn moeder. Arne Deo gracias. 
Die Hälfte der Seite lee7\ 

2) Johan RusbroeCy van der sierheit der geesteliker hruhft,^^) 
f. 110» Hier beghynt die Herteit d' greelteliker bruloft die lier Johan 
rufbroec macte te brofel te grroenedael Ecce /pon/us venit Exite obuiam ei etc. 
Siet die brudegom coemt. gaet wt he te gemoet. Deje woerde be/criuet ons 
Süte raatheus die ewangeli/te En xp^s Jprac Je tot /yne iongeren en tot alle 
mi/chen In een pabel of gelickeniJXe die me le/et van de megeden Deje 
brudegom is xpus — 

f. 166^ En dit is die ir/te beduydinge eil ontbindinge die wi begeere te 
doen op de/e voerjeechde woerde xpi ons brudegoms. Arne 

3) Sequencie van deme sacrament. 

f. 166^ Sequeeie vä de /ac'met Lauet Jyon den behalder laue den 
beleider efi den heyrde in laue eil in Jange — 

f. 168*> Efi du die al dinge wetes efi v'moeges die ons /terflicke men/che 
hier voedes make ons taffelgenote efi gejelle der heiliger borgers. Arne 
f. 169 leer. 

4) Leeringen uten spigel der ioncfrouwen. 

f. 170* Dit fjn leeringen die genomen (y irten fpigel d' ioncfrouwe 
maget xpi haldet dattu heb/te op dat een ander dyn croen niet en ontfange 
Efi dattet ouermits dyue ontbliue niet te vergeefs en Jl dattu lange wael 
gelopen heb/te Biede di Jelue gade als een heilich efi leuende wael behagende 
offerhande — 

f. 188» Peregi*inu8 Hier om o maget xp"i Jich voer di dat di de/e richter 
niet öuerjlenlic ouer encome mer voerfich di te tyde dattu moeges l^g'g^ Ic 
Jlapejner myn f. 188*> herte wacket want /oe wie dat hem te tyde voerjlet en 
om xps wil /terue leert die wile dat hem die bloeyende werlt Jmalicke is Syn 
fiele- en/al vä der /entencie gades niet öuer/ienlic gejlage werde Mer hem /al 
geapent werde die doer des hemels mitte wy/en meechde 

5) Een exempel van Elisabeth, 
f. 188*> In eenre tyt op ene heilige keer/nacht doe lach Ely/abet in oere 
gebede Daer v'/cheen oer on/e vrouwe efi vrachde Ely/abet efi /prac wie is die 
men/che die gade mynet van al /yne herten bi/tu dat ely/abet Efi /i en dor/te 
niet ia noch neen /egge — f. 190^ De/e gracie moet ons alle gegeuen werde 
op dat wi got niet en v*lie/e in de/en corte leue des helpe ons got efi Maria, 
die moder ons here Arne Zwei Drittel der Seite leer. 

") Vgl. A. von Arnswaldt a. a. 0. XV fgg. Diese Hs., die er mit G. be- 
zeichnet, enthält nur das 1. Buch des Rusbroecschen Traktates, den er vollständig 
nach einer Kölner Hs. in fol. seiner Sammlung (C.) S. 1—147 veröffentlichte. Aus 
G. teilte er S. 148—149 Ueberschrift und Einleitung mit. Dieser Traktat ist hand- 
schriftlich oft vorhanden, z. B. auf der Burgundischen Bibliothek in Brüssel in 
3 Hss. des 15. Jh., vgl. Catalogue I, No. 1166, 3424, 3775, auf der Bibliothek der 
Maatschappij der nederl. Letterkunde te Leiden in einer Hs. des 15. Jh., 189 blL, 
vgl. ihren Katalog I, S. 22. Auch M. C. P. Serrure besass ihn mit den übrigen 
Rusbroecschen Schriften in einer Hs. des 15. Jh., welche schliesst mit der Be- 
merkung : *dit boec was voleynt int jaer ons beeren dusent vier hondert ende LXXX 
opten XXste dach in april van Suster Martine van Waelputte procuratersse te 
Berghen int besloeten cloester van Sinte Margriete int dal van Josaphat.' vgl. Cata- 
logue H, No. 2062. lieber die oberdeutschen Bearbeitungen in Münchener und 
Strassburger Hss. vgl. v. Arnswaldt a. a. 0. XIX fgg. In der Davidschen Ausgabe 
der Werke des Jan van Rusbroec steht dieser Traktat im 6. Teile, Gent 1869. 



139 

6) Corte lexen van der vigüien, 

f. 191<^ Bit fyn die corte lexen van der Yig:elie En gheue dyn eer niet 
den vremden ende dyn iaren den wreden op dat bi anetueren die van baten 
niet verwlt en werden mit uwen erachte Eii nwe arbeit Ji in ene vreemden 
huyje — f. 201» Ic belie een doep in aflaetinge alre Junde Eii ic wachte der 
opuerrijenijje der dode En dat leue der tocomender werlt in ewicheit. Arne 
Zwei Drittel der Seite, f. 201^ und f. 202 leer. 

Auf dem Vorsetzblatt : Dyt boeck hoert toe nazareth bynen gelre den 
Ju/tere int gemeyn. 

Nr. 3148. Pphs. des 15. Jh. fol. 180. 

1) Von den neun Felsen}^) 

f. 1» Hier begynt dat boeck van den oerjpronge off van de negen velzen 
hoe een menjche gedwonge was te Jcrine Alle menjche nemen de/er waememender 
lere waer mit ene toegekierde groete ganze emjte. want wie dit boeck mit 
emjte lejet off lejen hoert von voer an tot al wt die moet hem betere hi en 
wil dan willens in Junden Jterne en dat v'roekeloejen. Is euer een guet 
menjche die hem geern tot gade vuegede die wort hier geleert off hi is hier 
gewarnt welck die Jtrate is tot Jyne oerjpronge. want me Jal hier wael in vinde 
wat den mejche noch an hanget en wat hem f. 1^ deert en waer hi mede 
gevangen is. dit boeck behoert alle ker/te menjche te lejen te Jien. Jyn Ji Jü- 
dich off woe heilich Ji Jyn dat Ji dit lejen — 

f. 93» Dit boeck wart begonnen in der vajten doe men Jcreef van gads 
gebuerte dnjent iaer en vierde half hondert iaer en twe iaer. Niemant en Jal 
noch en dar vragen doer wen got dit boeck gejcreuen henet. want die menjche 
betrouwet gads guede dattet nimmer meer wt comen en Jal en bekant werden 
in der tyt Die dit boeck Jal lejen die begynt van voer an en lejet al wt dan 
verjtaet hi irjte Ende betert hi dan Jyn leuen met en Jterft aljoe willens en 
wetens in doetlicke Junden Jonder rouwe en biecht Soe f. 93^ Jal got enen 
ewighen val op on laten vallen voer den val behuede ons die ewige waerheit. 
Amen Der Rest der Seite, f. 94 leer, 

2) Een suverlic gedichtenisse eens monincs van S, Bemardus orden, 
f. 95» Een Juuerlic gedichtenijje eens monics vä S. Be'nard' orden. Daer 
af dat hi ghync te bethlee te Jien de gebaerere beeren Ic Jeecht die moenyck doe 
gelejen wart dat ewägeliü. Die hierden Jpraken onderlingen laet ons gaen te 
bethleem eii laet ons Jien dat woert dat daer ghemact is. dat ons die beer 
ghetoent heft. Als benydende deje herden bin ic na gegaen wten huje myns 
vader» mit vuerigher begheerten volgende na als ic bejt mocht den haejtende 
heerden. Op dat ic oec een weer vä den pelgrym te bethleem den geboren 
h*r te Jie. En om mynre cräch* wil nam ic mit my een flejken mit water om 
die Jwaerheit en hette des daghes te v'lichten — 

f. 137^ Dyt is gejcreuen tot ter enicheit des Jueten kyndekyns dat nv 
ghebaren is onse lieue here ihejus xp^s en te verwecken ende te ontfencken 
die myn der geenre die dyt lejen. ende hoeren lejen. Ghebenedyt Ji die Jcepper 
alre creatueren. Amen. Von späterer Hand: Om gaeds wil een Aue mä vo' 
die Jchriu'Jche dz Ji mit gade ewilick moet leue 



") Vgl. Anmerkung zu No. 3130. 



140 

3) Semion an dem Christtage. 
f. 138» In de name ons here ihej*u xp^i Een kynt is ons ghebore eii een 
Joen is ons gegheuen voer een groete. Wetet lieue Jujtere in on/e here ihü 
xpo want wi nv alte Jame in de/en werdighe heilighe hoechtide hebbe ontfanghe 
als ic hope dat lieue J*uete mylde hertighe kynt eS dat ghenuechlike kynt ihejü 
de ghejontmaker En op dat dat kynt in ons bliue en een woninghe in ons 
make nümermeer van ons te Jcheiden — f. 142* Hier van Jeghet dan dat kynt 
dyn lippen Jyn een drnpende honichraet honich en melic onder dyn lippen 
Hier om wäneer deje iofferkens aldes höre ambochte verwUen vlitelic J*oe wejt 
dit kynt ihe/us in altheit en in wyjheit bi gade en bi den menjchen. Amen 
Die Hälfte der Seite und f. 142^ leer, 

4) Johan Bushroee^ vaii der sierheit der geesteUker hndoft}^) 
f. 143* Crijt' die glorio/e Jone en die gotlike claerh* in J*ynre ynwendiger 
toecomjt verlicht eii doerschynt en ontfanct in cracht Jyns gee/ts dat vri herte 
ende al die erachten der zielen geliker wys dat die cracht ende die natuer des 
vuers ontfanct die matere die bereit is den vuere aljo ontfanct crijtus die verhaue 
vri herten mit ynniger heiten Jynre ynwendiger toecomjt ende dit is dat ier/te 
werck der ynwendiger toecomjt xjTi — f. 159» mer hi moe/te dan namaels al 
of mee/t die wijen eii die wegen opgaen die hier voer getoent Jyn beyde in 
vytwendige eB in inwendige leue Ende dat Jolde on lichter Jyn dan Een ander 
die van beneden opwart Geet want hi hedde meer lichtes dan die ander men/chen. 

5) Ee7i exempel. 

f. 159» Een exempel In climato Jtaet een exempel van enem brued' die 
genoemt was anthioechus. Deje woede mit ene heilige vader die Jeer vred/am 
en Jachtmoedich was Als antioechus Jach dat die guede man Joe guetelic mit 
hem omginc dochte hem dattet hem bet dienen Jolde dat hi Jterpeliker geoefent 
worde en harderliker gehanttiert — f. 160^ doe Ji hem te rieht voer Jy Jcoelt 
Jatten efi nv Joe brachte Ji hem in Jcryften geheel vriheit ende quitjcheldinge 
van Jynre Jcholt 

6) Verschiedene Seimone. 

f. 160^ Onje lieue here heuet Jich v'nedert eS is gehoerjam geworde totter 
doet des cruces. Daerom heuet om got verhoecht en heft om enen naem 
ghegeuen den Jo bogen alle knien der hemeljcher der eertjcher Ende der 
heljcher geejte — f. 163^ guetlic wijlic Ende crachtelic 

f. 163^ Dit Jyn Jene püte die dat hemeljche broet an hem hadde dat die 
kynder van ijrahel aten in der woejtenien — f. 164^ Dit Jyn oeck Jenen punten 
van de heiigen Jacrament — f. 168^ ghelyk' wys als hi niet af en gynghe vä 
den cruce he enwaert gheloeft 

f. 168*» Dit Jyn drye punten waer af die hemeljche vader v'blyt als die 
Jonder bekeert — f. 170^ laet hebdy v vonden laet hebdy bekent onJe lieue 
beer Jeecht leert van my want ic Jachtmoedicht ende Amen 

f. 171» Een sermoen vä d' geborte Een lichte quam in die werlt lieue 
here wilt my geue ene wenich te Jpreken mit ynich* myns herte vä der edelre 
gloriojer weeder hoechtyt dejes tegen wordigen feejtes ons lieue here iheju crijti 
— f. 177» Es reyke my lieue here die haut dynre genade die niet gedragen 
en can dyn gerechticheit 



") Eigentlich nur zwei Bruchstücke aus dem 2. Buche, Kapitel 6 — 8 und 
16—21, vgl. in von Arnswaldts Ausgabe S. 52 flf., S. 80 ff. Er spricht über diese 
Hs., die er g. nennt, S. XIX. 



141 

7) OebeL 

f. 177* Bit fal me lefe eer ment fae^met ontzt ouerste priejter eS 
ghewaerighe bij/cop here Jhejii xp'e die di /einen oflFerJten gade den vader een 
reine en een ombenlecte offerhande op den altaer.des heilighen cruces om ons 
arme /ondeiren — f. 179^ dat is my vleys eii myn bloet. En et Jal we/e een 
lauen der werlt. Die my eten die Julien leue ewelic want Jl woene i my eii ic 
f. 180 leef\ 

Auf dem VorRetxhlatt : Dyt boeck hoert toe nazareth byfien gelre intgemeyn. 

Nr. 3166. Pphs. des 16. Jh. fol. 191. 

1) Mathys Wyers Briefe. 

f. 1* Om tot warer godtjalicheyt oirdentlick te comen. grondelick bericht 
wt etlycken brieuen Mathys wyers te vernemen. Chrijtus Jpreeckt Luce IX. 
So iemant my wil nacome. die verlogene hem Jelue. vnde neme Jyn cruys dagelix 
op. vnde volge my na. Vmi amlerer Hand: PL 1658 

f. 2»— 7^ Regi/ter I— XXXVII. 

f. 8» Volgen die brieuen — I Aen B. van V. — f. 16^ II Aen die Jelue — 

f. 21» III Aen V. van G. — (edele joflfrowe) — 

f. 27^ IV Aen Jyne broeder A. W. — 

f. 31» V Aen V van B. — 

f. 35b VI Aen V. van G. — 

f. 40» VII Aen G. van R. — 

f. 43» VIII Aen doctor .1. V. — f. 48» IX Aen den Jeluen — 

f. 51^ X Bekenteni/Je op die di/putation gehalden tot Franckfort tujjcben 
Caluinü vn Veljlum vä des men/che vermöge, dat vä Godt gliericht wordt voir 
die wedergeboirt Aen A. W. Jyii broed'. — 

f. 54^ XI Aen een bedruckte per/oon — f. 61 den 31 Augujti. 1559 

f. 61^ XII Aen P. de V. — f. 66» XIII Aen die Jelue — f. 68»> XIV 
Aen die Jelue — f. 70^ XV Aen die Jelue — f. 72^ XVI Aen die /eine — 
f. 73» XVII Aen die /eine — 

f. 76» XVIII Aen Jyn Jujter A. — 

f. 79^ XIX Aen J. W. — f. 82^ XX Aen den Jelue J. W. — 

f. 86b XXI Aen Jyne broed' A. W. — f. 87^ XXII Aen den Jelue A. W. 
f. 88b xxm Aen Jyne broed' A. W. — 

f. 89» XXIV Aen J. M. — 

f. 90^ XXV Aen F. S. — 

f. 92b XXVI Aen Jyne broed' J. W. — 

f. 93^ XXVII Volgen etliche wtzuech vn bejluys Jyner gejanten brieuen — 

f. 95b Aen Jyne broed' A. W. — f. 96^ XXVIII Aen Jyne broed' A. W. — 
f. 97^ XXIX Aen Jyne broed' A. W. — 

f. 98» XXX Dat van veel dijputere die natuer voir gheejt wordt aengenome 
vnde Valien in ons eygen gericht doir ander te verdoemen in Jtoltheyt der 
dijputatien — 

f. 98^ XXXI Dat wy die tyt Jollen laten varen vS ons Jchicke na der 
eeuwich* 

f. 100» XXXII Dat des godtjaligen menjchen ghejueck. meyninge vnde 
leue niet dan Godt is. vii des wereltlycken menjchen gejueck vnde meyninghe 
niet dan vleejch is. — 

f. 102^ XXXIII Dat men met Jcricken voir den beere wandelen moet. via dz 
boeck f. 103» des gewijjeus geuoch waer te nemen heeft in der heyliger Jcrift — 



142 

t. 106» XXXnil Noch etlycke körte brieuen. vnde wttogen ofte be/luyte 
van brieuen. in XJ^^^^ langwiriger vii Jwarer cranckheyt. voir Jyjieii dootlycken 
afganck gejcreuen. om eens waren Chrijten Jtandt daer wt etlycker maten te 
mögen erkennen. — 

f. 109»» XXXV Aen Jyne broed' A. W — 

f. 111»» XXXVI Aen Jyne broed' J. W. — 

f. 114»» XXXVII Van Jy^en affcheydt. ix. dagen voir Jyn affteruen. Aen 
Jyn JuJ*teren. Lieue Jujteren. In de/en Jcryue wairt al/o met my gelegen, dat 
ick niet meer Jcryuen en mocbte. Dann lieue Jujteren gedenckt dyns ionkjte 
broeders Jyner huyjvrouwen vnde cleyne kynderen. dat Jy toin bejte gejtuert 
werden vn geholpen. als bet die tyt vordert. Myn bertslieue Jujteren Ick ben 
wol in Godt den beere te vreden. vn wil v myn affcheydt gheuen in Jyner 
genaden met dejer myner dootlycker bandt gebonde na den wille Godes. Jo korts 
aljt in bem bejloten is. Godt der beer gheue vrede ouer f. 115* mynen Heuen 
bruederen vn Jujtere. Ick ergeue my tot mynen tegenwoirdigen beroep. eeuwigen 
vrede in den doot mynes vleejcbes. dz Jich bereydt totten eynde. Aber en ontjet 
V niet myn lieue JuJI^ren. Ich ben wel getroojt. Jonder gedenckt myner acbter- 
gelatene aljt die tyt vordert. Myn herts geneycht dootlycke groet vn affcheydt 
aen myn bertslieue Jujteren. uwer afjcheydende lieue broeder Mathys wyer. Op 
dinjdach na paejjche anno Ix. den xvij«"* April. Vnde ontjliep in den beere den 
xxvjten April des morgens Anno 1560. f. 115»» leer. 

2) Joh. Geiler von Keisersberg, Altsdeutung des Ausgangs der Kirider Israel 

au^ Egypten}^) 
f. 116» Ein geijtliche bedeutung des aujsgangs der kinder IJrael von 
Egypto. Durch den hochgeleerten D. Johan geyler von keyjerjperg. vor vil 
iaren gejchriben. vn yetz fleyjjlgklich uberjehen. vnd von neüwes aujz gangen. 
Anno 1504. f. 116»» Von dem vjzgang IJrael von Egypto: f. 117» Aljo Jtadt 
gejchriben in den buch der gejchöpfft' in den Jechs vnd viertzigjten capitel. 
Vnd Jeind die wort die Gott Jprach zu dem heiligen patriarchen Jacob. Du Jolt 
dir nit förchten — f. 191»» das wir Jle in ewigkeit niejjen. Des behelff vns die 
ewig drey faltigkeit. Gott vatter. vn Gott Jun. vnnd Gott heiliger geijt. Amen. 

(Fortsetzung und Schluss im folgenden Jahrhuclie,) 

GREIFSWALD. AI. Reifferscheid. 



^') Vgl. £. Martin in der Allgem. deutschen Biographie VIII, 512 ff., er nennt 
als ältesten Druck dieses Traktates einen vom J. 1510 a. a. 0. 514. In den 'Aeltesten 
Schriften Geilers von Kaysersberg', hrsg. von L. Dacheux, Freiburg 1882 S. XXXXVIII» 



143 



Die Hamburger Islandesfahrer. 

Zu Gories Dichtung. 



Dem Herausgeber der S. 116 ff. abgedruckten Beschreibung Islands 
gehen noch folgende Mittheilungen zu: 

„Die Schiffergesellschaft in Hamburg ist im Besitze eines Rech- 
nungsbuches der von Ihnen erwähnten ehemaligen Sunte Annen 
Broderfchop der Islandesfarer(s) oder, wie diese sich selbst im Buche 
oft noch mit der älteren Form benennen, der Islandesfare($)^Islandesfar(s). 
Das Buch umfasst die Jahre 1520 bis 1561. Herr Dr. F. Voigt, der 
zur Zeit dasselbe von der Gesellschaft entlehnt hat, gestattete mir 
nicht nur Einsicht in dasselbe, sondern suchte selbst nach Gories 
Peerse und fand bald unter dem Jahre 1560 folgende Notiz: 

Item noch vann Gorghes Perssen entfanghenn vann brockeghelde 
inne Islandt 2 <%. 

Ich habe noch das Jahr 1561 und eine Reihe früherer Jahre 
auf G. P. durchgesehen, aber ihn nicht weiter finden können. Schiffs- 
kapitän ist er also sicher nicht gewesen, sonst müsste sein Name im 
Verzeichniss dessen, was die einzelnen Schiffer an Fisch mitgebracht 
haben, vorkommen. Er kann zur Schiffsmannschaft gehört haben; 
er kann als Kaufmann oder im Auftrage eines Kaufmanns bei der 
Fahrt des Jahres 1560 betheiligt gewesen sein; er kann endlich auch 
als Barbier eines Schiffes mitgefahren sein. Diese letzte Möglichkeit 
verlangt eine Begründung. 

Die Islandsfahrer und später bis in die neueste Zeit die Grön- 
landsfahrer nahmen Barbiergesellen mit, die zugleich Arzt und Geist- 
lichen auf dem Schiffe vertreten mussten. Auf diese Islandesfarer 
barberergeseüen nimmt eine vom Hamburger Rathe dem Barbier-Amte 
ertheilte Verordnung v. J. 1544 Rücksicht; s. Rüdiger, Die ältesten 
Hamburgischen Zunftrollen S. 16. Auch im Rechnungsfahrerbuche 
der Islandsfahrer sind mir zwei Stellen aufgefallen, welche diesen 
Brauch bezeugen, nämlich: 

1) item untfangen van Hans van Bargen dem fyskweeJcer anno [15] 21^ 
is 1 fulveren halsbant^ wycht 10 lot myn 1 qfuentynj^ und deffen 
bant heft gegeven eyn bartfcher gefeile, was in Hermen Deffholte 
[fchepej und het Fabajan Moller. Got gnade der leven feien etc. 
Er starb also wohl auf der Reise. 

2) 1523 item fo hebbe ik entf fangen] van enem barft]fcheren, het 
Willem, van broJce halven, iß 20 ß. 

Die Islandsfahrer haben selber ihre Rechnungen im Buche ver- 
zeichnet. Wenngleich einige etwas undeutlich und unorthographisch 
schreiben, so zeigen doch wiederum auch viele, dass sie eine gute 
Schulbildung genossen hatten. Allein von diesem Standpunkt zur Ab- 
fassung und Herausgabe eines Gedichtes, wie das P.'s über Island, 
ist noch ein grosser Schritt. Dagegen dürfen wir uns unter diesen 



144 

Barbiergesellen Leute vorstellen, die sogar eine Art gelehrter Bildung 
sich erworben hatten. Darum vermuthe ich eher, dass G. P. ein 
solcher Barbier, als dass er ein Schiflfer gewesen ist. Ein Schiffsbarbierer 
war auch Friderich Martens, der 1675 seine „Spitzbergifche oder Groen- 
landifche Reifebefchreibung gethan im Jahr 1671" herausgab. 

Noch bemerke ich, dass der gewöhnliche Landungsplatz der 
Hamburger Islandsfahrer in der Haneforde oder Hanenforde gewesen 
sein wird. Regelmässig jedes Jahr wird ein Theil des Fanges als 
zum Besten der dortigen Kirche verkauft notiert; meistens heisst es 
bloss : darmede is de JcarJcenfyfk^ mit dem Jcerchenfissche^ van der karJcen 
ßfke. Es scheinen durchschnittlich 100 Fische oder mehr, aus denen ca. 
8 bis 10 e% gelöst wurden, für die Kirche bestimmt gewesen zusein; 
1556 sind es gar 250 Fische. Man könnte meinen, mit der Kirche sei 
die St. Johanniskirche in Hamburg gemeint, in welcher die Islands- 
fahrer eine Kapelle besassen. Aber 1544 heisst es ausdrücklich: van 
diffem fiske hart 100 der karken in der Hanenforde^ und 1545: item 
entf fangen] van Markes Yven van 114 ffisken]^ is geven tor karken in 
Islant in der Hanenforde. An diese schenken L544 auch Jürgen vam 
Hagen fyne koplüde 10 .% 2 ß, und in derselben hat die Gesellschaft 
eine Lade (1557); auch das hyllyghe laken, das im J. 1557 gebucht wird, 
war wohl für diese Kirche bestimmt. Ich habe /iawe-, Hanenforde 
gelesen; der Name kann aber vielleicht Have-, Havenforde lauten, wenn- 
gleich nie über dem dritten Buchstaben das für v bestimmte diakritische 
Zeichen erscheint. Auf der Karte finde ich Hafnarßord (kbr, Ortelius, 
Additamentum IV. Theatri Orbis Terrarum. Antwerp., Plantin, 1590) 
oder Hafnafjords Hafn, Havnefjord gleich südlich von Beffaftadir, und 
so wird man unter der Haneforde wohl diesen Ort zu verstehen haben. 
Ackermiffe halte ich mit Ihnen für verdruckt für Akerniffe oder isländisch 
Akranes, das, wie Beffaftadir und Reykjavik, am Faxafjördr liegt. Hier 
an diesem Fjord ist also der Haupttummelplatz der Hamburger gewesen. 
Einzelne fuhren aber auch nach West- und Nord-Island, wenigstens in 
den späteren Jahren des Rechnungsbuches. 

Der Ausdruck, mit dem diese Schiffer unterschieden werden, 
ist ganz derselbe, von dem Sie schon S. 117 mit Recht bemerkt haben, 
dass er sich sonst nicht nachweisen lasse. Er erklärt sich wohl aus 
der Beschaffenheit Islands als einer Insel. Ich gebe hier die Stellen, 
welche mir aufgefallen sind: 1558 van Hanss Elers vor toeften; 1559 
ebenso, und van Hans Rolffes vor norden; 1560 van Glawes Fre/fenn 
vor wefftenn, van Hans unde Jurghenn Ellers vor wefften, vann Hyn- 
ryek Lüffenn de vor norden feghelft]; 1561 van dem fchypper Hans 
Eoleves den Nordervarer. Nicht gefunden habe ich: vor fuden^ dessen 
Fehlen sich nach Obigem versteht, aber auch nicht: vor often. 

Unter den Waaren, welche die Hamburger von Island holten, 
spielen Fische und Schwefel die erste, ja fast die einzige Rolle. 
Ausserdem werden nur noch ein paar Mal Häute und Thran erwähnt. 
Andere Exportwaaren werden nicht genannt. Von dem Import schweigt 
das Rechnungsbuch. Nur einmal, 1522, findet sich eine merkwürdige 



145 

Angabe, die man dahin zu ziehen geneigt sein könnte: noch geven vor 
Jcardenfpele^ de ik uppe de fcheppe dede, do fe wolden tho fegel gan 
2 t% myn 3 ß. Dieser bestimmte Ausdruck „Kartenspiele** lässt 
schhessen, dass auch folgende Ausgaben von 1521 von solchen Spielen 
reden: noch ghegeven vor S doffyn groter fpele, yd doffyn vor 9^U ß, 
— J29^li ß; noch geven vor 3 doffyn Mener fpele, dat doffyn 2^1% ß^ — 
7^/2 ß. Da jedoch eine Einnahme für diese Karten nicht notiert ist, 
so können dieselben hier nicht als Handelsartikel gemeint sein, sondern 
der gütige Rekensman dieser beiden Jahre, Helmeke Holste, hat die 
Karten offenbar zum Zeitvertreib der Schiffsmannschaft gekauft. 
Hamburg, 16. 7. 84. C. Walther.« 



Niederdeutsches Vaterunser 
mit Glossen. 



Das Original des im Folgenden nebst den eingefügten Glossen 
mitgeteilten Vaterunsers findet sich in der dem XV. Jahrh. angehörenden 
Handschrift No. 64 fol. 211b ff., welche in der Bibliothek der Gesell- 
schaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden 
aufbewahrt wird. Der Abdruck ist eine möglichst genaue Wiedergabe 
der Vorlage, nur habe ich die vorgefundenen Kompendien mit Aus- 
nahme von m. 1. aufgelöst und eine angemessene Interpunktion hergestellt. 

Mathei V capitulo Do Christus van den scharen was ghesteghen 
in den berch vnde sat vnde leret hadde sijne Jungeren de stucke der 
salicheit vnde vele andere lere to der vuUenkomenheijt vnde rechticheit, 
Do lerede he se, wo se beden scholden, vnde sede Mathei vi capitulo : 
Wanne gij bedet, so ne spreket nicht vele, alse de ethnici, de heijden, 
don, de des wonet, dat se in velem sprekende twidet werden. Ne 
werdet en nicht lik, wente iuwe vader de weit wol, wes iw not is, er 
wan gij biddet. glosa: God de vornijmpt de danken ane wort; doch 
so leret de wort vnde reijneget dat herte to vtleggende de godes gaue. 
Lucae xi capitulo. Do ihesus was in der stede vnde dar bedet hadde, 
do sprak eijn sijner Jungeren to eme: Her, lere vns beden, also 
iohannes lerde sijne lungeren Mathei quinto capitulo, Lucae xi. Vnde 
do sede he en: wan gi bedet, so spreket aldus. m. 1.*) Vader vnse, 
de du bist in den hemmelen. glosa: dat is in den hilgen luden, 
m. 1. ghehilget werde dijn name. Augustinus: Godes name is sin 
bekenninge, dar ane wi ene bekennet, dat is de cristen loue hijr in 
der tijt vnde in dem hemmele is dat de clare beschowinge. In der 
bekenninge des louen so werde wij gehilget, also dat he got hetet 
vnde wij van sijner gnade hetet gode. m. 1. To kome din rike. 
Augustinus : So komet godes rike, wan de sunde in vns nicht woldich 



>) =s MatheuB ludet (Matthäus lautet). 
Kiederdentsclies Jalubucli. IX, 10 



146 

ne wert, mer god allene, so dat ijo de begheringe ga to der ewicheit. 
m. DiJQ wille de werde in der erde alse in deme heramele. 
Augustinus: Alse dijnen willen vorvuUet de engele in deme hemmele, 
Also lat vns sunder dijnen willen vorvullen in der erden, m. lü. 
Vnse dagelikes ouerweselike brod gif vns hude. Augustinus: 
dat dagelikes brot is vnses liues nottruft edder christus licham edder 
de gnade godes, desser bedorue wi alle dage. m. L Vnde vorgif 
vns vnse schult, alse wij vorgeuen vnsen schuldeneren. 
Augustinus: wanne du gnade biddest, so mostu gnade don den, de 
gnade van dij biddet. m. lu. Vnde en leijde vns nicht in de 
bekoringe. Augustinus: bekoringe edder bedrofnisse. Bekoringe 
mote wij alle liden, vnde darto werde wij gelijdet also to eijnem sode, 
men de wert in de bekoringe leijdet, de vulbort gift vnde wolde gerne 
dod sunde don. m. Sunder lose vns van ouele. Amen. Glosa: 
dar wij alrede in ghekomen sin. Augustinus: dat is ok van deme 
ewigen ouele. Augustinus: de ersten dre stucke van desseme bode 
de boret to deme ewighen leuende. Unde de lösten dre stucke sin 
to dessen tijtliken leuende, dat vns settet to deme ewighen. Unde 
dat mijddelste stucke van deme daghelikes brode höret beijde to der 
sele in godes gnade, de brot is, vnde ok to deme lichamme, deme 
wij men brod schollen begheren dachlikes, dat is nowe nottroft. 
mt.*) Vorgheue gij den luden ere arch, so vorgif t iw iuwe hemmelsche 
vader iuwe sunde. Ne vorgheue gij auer nicht den luden. Noch iuwe 
vader ne vorgift iuw iuwe sunde nicht. Bern.') We nicht vorgheuen 
ne wil dat arch den luden, de openet sik den wech der ewigen vor- 
domnisse, vnde eme ne werdet sijue sunde nicht vorgheuen van gode. 
Unde eme ne helpen nicht alle de guden werke to deme ewigen leuende. 
Men de ewige helle is eme opene dorch sine hochuard, dat he nicht 
vorgheuen ne wil. De her alle der werlde nam sijnen dotvient Judam 
to sik vnde kussede ene an sijnen munt vnde sede mt 26 : vrunt, 
worto bistu komen? Beda: wille wij van gode ghetwijdet werden 
vmme gud des liues vnde der sele. So mote wij vnsen neghesten dat 
sulue don vnde en des gunnen, dat wij bidden. Amen. 



*) Matthäus 6, 14 u. 15. -- ») = Bernhard. 

AURICH. H. Deiter. 



ZM^ei Briefe Jacob Grimms 

an Albert Hoefer. 



I. 

Hochgeehrter herr Professor, 
Kuhn^) war dieser tage bei mir und meldete dafs Ihre Zeitschrift*) 
eröffnet werden solle, ich habe eine abhandlung dafür bereit, die in 



147 

uüsrer academie gelesen worden ist, aber deren frühere erscheinung 
ich wünsche, sie handelt von dem finnischen epos Kalevala und ist 
eigentlich mythologisch, zugleich linguistisch, und wie mir scheint von 
allgemeinem interesse. etwa 2 bogen wird sie füllen, wollen Sie sie 
gleich und vollständig drucken lassen, so liegt das ms. bereit; ich 
erbitte mir Ihre gefällige erklärung, damit ich nicht gehindert bin 
anderwärts darüber zu verfügen®). 

Es freut mich zu hören, dafs es Ihnen zu Greifswalde nach 
wünsch ergeht. Hochachtend Ihr ergebenster 

Berlin 14 merz 1845. Jac. Grimm. 

^) Derselbe Ad. Kuhn trat 1850 ohne es zu beabsichtigen mit Hoefer in Kon- 
kurrenz. Er schrieb in dieser Angelegenheit am 13. Aug. 1850 an Hoefer: 'Werther 
freund ! Beifolgend übersende ich Ihnen den prospectus zu einer neuen Zeitschrift, 
die wie Sie ersehen werden, Ihnen concurrenz machen will; aber ich muss gleich 
zum besseren verständniss bemerken, unbewusst, da die fuudamente zu ihr in dem 
guten glauben gelegt wurden, dass Ihre Zeitschrift zu erscheinen aufhören würde. 
Nun höre ich freUich, dass Sic, ungeachtet Reimer den verlag nicht länger über- 
nehmen will, gesonnen sind, dieselbe auf eigene kosten fortzusetzen und bedauere 
deshalb, dass wenigstens die möglichkeit einer concurrenz unseres Unternehmens mit 
dem Ihrigen vorhanden ist, indess glaube ich doch, namentlich wenn wir einen blick 
auf die letzten hefte werfen, dass wir dennoch friedlich werden neben einander be- 
stehen können, zumal da unser unternehmen sich einen weit engeren kreis gezogen 
hat als das Ihrige, indem es allein die in den gymnasialunterricht fallenden sprachen 
in seinen bereich ziehen will und eigentliche sanscritica, wie sie in Ihrem letzten 
hefte ausschliesslich vorhanden sind, ganz ausschliessen wird. Allein ich mache mir 
vielleicht ganz unnöthige besorgniss, indem Sie vielleicht gar noch nicht so fest über die 
fortsetzung Ihrer Zeitschrift entschlossen sind, wie es das gerücht sagt, und es würde 
mir daher sehr erwünscht sein, wenn Sie mich bald mit einer antwort erfreuen wollten.' 

') Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache. Herausgegeben von A. Hoefer. 
Schon im Mai 1844 hatte Hoefer mit 6. Beimer in Berlin mündlichen Kontrakt ge- 
schlossen. Erst den 9. Juni 1845 erschien der Prospekt, im folgenden Monat das 
1. Heft. BJ. 1—2 erschienen bei Reimer in den Jahren 1845—1850, 3—4 in Greifs- 
wald, G. A. Kochsche Verlagsbuchhandlung, 1851—1854. 

') Hoefer brachte J. Grimms Abhandlung *Ueber das finnische Epos' gleich 
in dem 1. Hefte der Zeitschrift S. 13 — 55, S. 1—12 gab er 'Andeutungen zur Er- 
öffnung der Zeitschrift' 

n. 

Hochgeehrter herr Professor, 
durch Übersendung Ihrer festrede *) haben Sie mir eine wahre 
freude gemacht, nicht sowol, weil Sie gutes darin ^) von mir sagen, 
als weil ich nun sehe, dasz eine leidige mishelligkeit ') zwischen uns 
bei Ihnen verwischt, wie sie auch bei mir längst vergessen ist. die 
Philologie hat es an sich kleinigkeiten ohne noth eifrig aufzunehmen, 
ich bin mir so mancher irrthümer bewust, derentwegen ich mich genug 
im stillen tadle, dasz ich dann meine andere würden einen tadel ohne 
üble empfindung ertragen, was ich meinerseits auch thue. Was wird 
denn in fünfzig jähren von mir anders zu rühmen sein als das verdienst 
der gegebnen anregung? meine grammatik bedarf längst der um- 
arbeitenden Verfeinerung, ich werde nicht dazu gelangen das nach- 
gesammelte und weiter gefundne der weit mit zutheilen; wer es künftig 

10* 



148 

leistet, über dem wird man mich bald vergessen, je älter man wird, 
desto mehr vervielfältigen sich die plane und Vorsätze, während die 
kraft der ausführung abnimmt, ein guter theil von dem jetzt in mir 
schwebenden wird also mit mir untergehen müssen. 

Ich wünsche Ihnen ein frohes, fleisziges leben*). Ihr bruder 
Edmund lebt, soviel ich weisz in Schwaben, sonst würde ich einen 
grusz an ihn beifügen und ihm für die wolgerathne samlung 'wie das 
volk spricht' danken, was er sonst geschrieben hat, ist von mir noch 
ungelesen. 

Ihr ergebenster 

Berlin 11 juli 1857. Jac. Grimm. 

*) Die deutsche Philologie insbesondere als Mythologie und als Sprach- 
forschung. Eine Rede zur Feier des allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät des 
Königs Friedrich Wilhelm IV. (15. October 1856). Greifswald, 1857. 

«) S. 10—12, 15, 18—19. 

*) Veranlasst durch J. Grimms tadelnde Besprechung der 'Denkmäler nieder- 
deutscher Sprache und Literatur nach alten Drucken und Handschriften heraus- 
gegeben von Albert Hoefer. I. Claws Bur, ein niederdeutsches Fastnachtspiel.' in 
den Götting. gel. Anzeigen 1850, 759—767. Sie schliesst mit der Bemerkung: 
*Rec. ist kein Kostverächter und stets bestrebt gewesen, die eigenthümlichen Vor- 
theile der niederdeutschen Sprache kennen zu lernen; man hat dafür leicht aber 
zehnmal soviel Quellen und Hülfsmittel zu brauchen, als von Hrn. Hoefer Seite 65 
an der Spitze seiner Anmerkungen aufgezählt werden, dessen philologische Arbeiten 
auf andern Gebieten anerkennenswerth sind, der aber zu dem Ausspruch *dass es 
an der Zeit sei einer unverdienten Nichtachtung der niederdeutschen Sprache end- 
lich einmal entgegen zu treten' weder an sich, noch eben durch vorliegende Leistung 
berechtigt scheint. Dennoch wünsche ich der begonnenen Sammlung Fortsetzung 
und empfehle dafür ausser dem vollständigen Abdruck des Keisebuchs des Ludolf 
von Suchen den der ungemein seltenen Sebastian Brands hochdeutsches Original 
überbietenden Narragonia, Rostock, 1519.' Hoefer suchte sich zu rechtfertigen in 
seiner Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache, HI. 1. 2. 203—215. Er er- 
klärte, er fühle sich berufen, dem was er unter Nichtachtung des Niederdeutschen 
verstanden, weiter entgegen zu treten, ja er glaube, soviel an ihm, mit dem ersten 
ernstlichen, obschon nicht fehlerlosen Versuche bereits den Anfang zur Lösung der 
Aufgabe gemacht zu haben, die er nicht blos für sich, sondern ebenso für andere 
als nothwendig und verdienstlich bezeichnet habe. — Von der Sammlung erschien 
1851 nur noch der 2. Band: Burkard Waldis, Parabel vom verlorenen Sohn, ein 
niederdeutsches Fastnachtspiel. Auf dem Umschlage seiner Zeitschrift HI. 3 (1852) 
kündigte Hoefer den 3. Band: *Schone kunstlike weltsproke' als unter der Presse 
befindlich an, es blieb bei einem Probedruck der beiden ersten Bogen. Für die 
folgenden Bände waren bestimmt: die Gandersheimer Chronik, für die Hoefer schon 
fleissige Vorarbeiten gemacht, Theophilus, Reineke Vos, Historia Trojana und dat 
nie schip van Narragonien. 

*) Wie fleissig Hoefer bis in seine letzten Tage gewesen, bezeugt sein reicher 
literarischer Nachlass, den er der hiesigen Universitätsbibliothek vermacht hat. Im 
nächsten Jahrbuche gedenke ich einen ausführlichen Nekrolog Hoefers zu geben, der 
mir immer ein lieber Kollege gewesen ist. 

GEEIFSWALD. AI. Reifferscheid. 



149 



Heinrieh August Lübben. 

Gedäehtnissrede, 

gehalten in der gemeinschaftlichen Sitzung des Vereins für 
niederdeutsche Sprachforschung und des hansischen Geschichts- 
vereins in Goslar am 3. Juni 1884 von 
K. STRACKERJAN. 

Vor bald 40 Jahren war, noch ehe Kl. Groth hervorgetreten war, 
schon einmal die Frage von der Stellung des Plattdeutschen der Ge- 
genstand lebhafter Erörterung. Unser verstorbener Freund Lübben 
beteiligte sich an derselben durch eine Flugschrift, welche das Datum 
des 9. Februar 1846 trägt. Gestatten Sie mir, daraus eine der 
Schlussbemerkungen mitzuteilen: ;,Es hält schwer und man fühlt eine 
Art von Beklemmung und Gewissensangst, von einer Sprache, die man 
mit der Muttermilch eingesogen hat und zu der man wieder greift, 
wenn sich das Herz den Freunden aufschliesst und mit ihnen sich in 
die Poesie der Jugend eintaucht, sagen zu müssen, dass sie schlechter 
ist, als die, welche man durch den Zwang der Schule und des Lebens 
gelernt hat. Man ist gewohnt, die Sprache der Kinderjahre so lieblich, 
so zutraulich, so gemütreich zu finden, und hat auch eine bessere 
Einsicht die Mängel offenbart, an denen sie leidet, so zögert man, 
der Wahrheit die Ehre zu geben, weil sie unsern geheimen Wünschen 
widerspricht. Man sucht lieber nach Gründen, um diese Mängel, 
wenn nicht als Vorzüge darzustellen, doch zu beschönigen und mit 
einem milderen Namen zu belegen. Man muss sich aber im späteren 
Leben von so manchem mit widerstrebendem Herzen trennen, was 
Liebe verdiente, warum nicht auch von einem Gegenstande, welcher 
der Liebe nicht wert ist und worüber der Geist der Geschichte sein 
Urteil gesprochen hat?" Welches Gewicht solche Worte grade aus 
der Feder unsers Lübbens haben, das vollständig zu würdigen ist 
ein jüngeres Geschlecht kaum im Stande, welches für eine Jugend, 
wie Lübben sie gehabt hat, schwer ein Verständnis gewinnen kann. 
In seinem Geburtsorte wie in ganz Jeverland war damals das Deutsche, 
wie man allgemein das Hochdeutsche nannte, wie eine fremde Sprache, 
die man nur ;,durch den Zwang der Schule und des Lebens^ lernte, 
kaum aber ;,des Lebens^, wenn man nicht ein öffentliches Amt be- 
kleidete oder mit einer der wenigen eingewanderten Familien verkehrte, 
die des Plattdeutschen nicht mächtig waren. Auch in der Stadt Jever 
war das Plattdeutsche allgemein in den einheimischen Familien die 
Familiensprache, um so mehr in Hooksiel, dem noch abgeschlosseneren 
Geburtsorte Lübbens. Ja, es ist mir zweifelhaft, ob Lübbens Vater, 
der in Hooksiel Schullehrer war und zugleich als erster und alleiniger 



150 

Postbeamter des Orts dem öffentlichen Verkehr diente, mündlich, auch 
in der Schule, sich des Hochdeutschen bedient hat; sein geschriebenes 
Hochdeutsch ging wenigstens nicht über die Leistungen eines Volks- 
schülers der Gegenwart hinaus. Auch auf dem Gymnasium zu Jever, 
welches Lübben im Alter von vierzehn Jahren bezog, war Plattdeutsch 
unter den Schülern die alleinige Verkehrssprache. Wohl alle seine 
Altersgenossen, die in jener Zeit mit ihm bekannt geworden sind, 
haben auch später für den täglichen Verkehr mit ihm das Plattdeutsche 
beibehalten. Die letzten Worte, die ich mit ihm an seinem Sterbe- 
bette gesprochen habe, waren plattdeutsch, und ihm entschlüpfte nur 
ein hochdeutsches Wort, um durch den Gegensatz ein drastisches 
Scherzwort zu steigern. Mit seiner Mutter, dem seine Sohnestreue 
noch Jahrzehnte nach seiner Verheirathung nicht blos Unterhalt, 
sondern auch in seinem Hause Obdach und die Ehrenstelle in der 
Familie gewährte, habe ich ihn nur plattdeutsch sprechen hören, sowie 
auch ich nie mit ihr hochdeutsch gesprochen habe. So war das Platt- 
deutsche Lübbens Muttersprache im engsten wie weitesten Sinne. 

Da mir Lübbens Lebens- und Entwickelungsgang in seinen Haupt- 
zügen so unmittelbar gleichsam vor Augen steht, so konnte ich die 
von mir mitgeteilten Worte nicht ohne eine gewisse Bührung lesen, 
als ich kurz nach seinem Tode, vielleicht zum ersten Mal seit ihrem 
Erscheinen, jene Schrift in die Hand nahm. Dieselbe war wie ein 
Scheidebrief, mit dem er seine Muttersprache, die treue und geliebte 
Gefährtin seiner Jugend, von sich wies, um der vornehmeren Schwester 
Platz zu machen, nicht um deren Vornehmheit willen, sondern weil 
seine wissenschaftliche Überzeugung sie als allein berechtigt und be- 
fähigt anerkannte, um für ihn selbst wie das gesamte deutsche Volk 
eine gesteigerte und vertiefte Bildung zu vermitteln. 

Dieser Scheidebrief bezeichnet für Lübbens wissenschaftlichen 
Lebensgang einen wichtigen Wendepunkt. Schon die Vorarbeiten 
hatten ihn genötigt, sich seiner geliebten Muttersprache objectiv gegen- 
über zu stellen, sie nicht blos einfach kühl und nüchtern zu betrachten, 
sondern zugleich mit dem wissenschaftlichen Büstzeug, wie es die noch 
junge deutsche Sprachforschung darbot, der Sache möglichst tief auf 
den Grund zu gehen. Wie es in seiner Natur lag, stets entschieden 
bis zur [Jnbeugsamkeit, wo er eine feste, auf wissenschaftlichen Gründen 
beruhende Überzeugung gewonnen hatte, so überwand er jetzt mit 
Entschlossenheit seine innersten Neigungen, um zunächst für sich volle 
Freiheit zu gewinnen. So gewann er zugleich die Stellung zum Platt- 
deutschen, in der er in solchem Masse befähigt ward zu derThätig- 
keit und den Leistungen, um derentwillen wir grade hier an dieser 
Stelle vorzugsweise sein Andenken ehren. Denn seine Herzensneiguug 
zu der Jugendgefährtin hatte er wohl zurückdrängen, aber nicht unter- 
drücken können; aber nachdem er sich mit ihr über das richtige 
gegenseitige Verhältnis auseinandergesetzt hatte, so ward die alte 
Neigung wieder allmählich immer stärker, um ihr, dem neuen Ver- 
hältnisse entsprechend, in Treue zu dienen und seine besten Kräfte 



151 

zu widmen. So genoss er in der Beschäftigung mit ihr und ihrer 
Vergangenheit die Befriedigung eines tiefwurzelnden Herzensbedürf- 
nisses, so dass er darin auch oft Stärkung zu zäher Ausdauer fand 
bei Hemmnissen, vor denen mancher andere entmutigt die Flinfe in 
den Graben geworfen hätte. Auf der andern Seite aber hatte er bei 
alledem jene nüchterne Objectivität gewonnen, mit welcher es ihm 
leicht wurde, die Einflüsse einer individuellen Voreingenommenheit 
abzuweisen oder geistreichen Einfällen, wie nähere Freunde sie oft 
von ihm hörten, weit mehr, als seine Schriften es ahnen lassen, 
energisch Thür und Thor zu verschliessen, damit sie nicht seine mit 
mathematischer Strenge gezogenen Zirkel zerstörten. 

Wenn wir nun von hieraus einen Rückblick werfen auf die Ent- 
wicklung Lübbens, wie sie seinen Arbeiten für die Erforschung des 
Niederdeutschen voranging, so heben sich wenige Hauptmomente hervor, 
die auf seine wissenschaftliche und sittliche Bildung Einfluss gewonnen 
haben. Was bei ihm einschlug, schlug tief ein und wurzelte auch fest, 
so dass es späteren Eindrücken leicht Widerstand leistete. Deshalb 
fand zwar auch manches, was zur Abrundung vielleicht hätte will- 
kommen sein können, keinen Eingang; aber da er nur in sich aufnahm, 
was dem Kern nach gut und edel war, so ward er so früh, wie es 
Wenigen vergönnt ist, ein in sich fest abgeschlossener Charakter, 
wissenschaftlich wie sittlich. Aus der Einfachheit der Verhältnisse 
in Hooksiel und in seinem elterlichen Hause hat er bis zum Tode in 
seltenem Grade Einfachheit und Anspruchslosigkeit hinsichtlich der 
äussern Lebensgenüsse bewahrt. Als er auf das Gymnasium kam, 
hatten die Schüler bei der Duldsamkeit, wie sie in jener Zeit noch 
allgemeiner, dort unter dem Einflüsse Örtlicher Verhältnisse noch be- 
sonders herrschte, eine grössere Freiheit des Lebens, als für manche 
verträglich war. Die Ausschreitungen, die vorkamen, wirkten aber 
eher durch den Gegensatz, als an sich, nachteilig auf Lübben. Es 
entging ihm damit der regere Verkehr mit einer grössern Anzahl von 
Mitschülern, der für den Verkehr auf dem Markte des Lebens doch 
eine gute Vorschule sein kann. Von bedeutendem positiven Einflüsse 
war aber für ihn der damalige treffliche Rector Seebicht, ein Thü- 
ringer, der in Pforta geschult war, ein Mann von der grössten per- 
sönlichen Liebenswürdigkeit, dessen Sicherheit und Schärfe in der 
grammatischen Behandlung, besonders der griechischen Schriftsteller, 
grade Lübbens Veranlagung sehr förderte. Seine Studienzeit 1838 
bis 1841 teilte Lübben zwischen Jena, Leipzig und Berlin. Er war 
als Student der Theologie eingeschrieben, zunächst um ein theologisches 
Stipendium zu geniessen, jedoch zugleich dem Herkommen im Olden- 
burgischen entsprechend, wo die Lehrerstellen an den höhern Schulen 
regelmässig mit Theologen besetzt wurden. Lübben war, so viel ich 
weiss, der erste Oldenburger, der planmässig Philologie studirte. Er 
fand als Student keine Neigung, sich mit den damaligen Gegensätzen 
in der Theologie abzufinden; noch mehr wirkte aber die entschiedene 
Hinneigung zu philologischen Studien, dass er diese immer mehr 



152 

bevorzugte. Er machte kurz nacheinander in Berlin das s. g. Ober- 
lehrer-, in Oldenburg das erste theologische Examen. Das zweite 
theologische Examen hat er nie gemacht, weil glückliche Umstände 
ihm sehr bald eine namentlich für den Anfang sehr lohnende Laufbahn 
im Schuldienste eröffneten. In Jena gehörte er der damals ungeteilten 
Burschenschaft an, die auf dem Burgkeller ihre Kneipe und darnach 
ihren Namen hatte. Es lag nicht in seinem Wesen, sich sehr thätig 
an ihrem äussern Leben zu beteiligen. Das innere Leben der Ver- 
bindung war damals auch nicht grade sehr rege, hatte aber Inhalt 
genug, um seinen Ansichten und Wünschen für die Zukunft Deutsch- 
lands die Richtung oder wenigstens Kräftigung zu geben. Nicht lange 
nachher, im Juni 1840, erlebten wir gemeinschaftlich die nächsten 
Wirkungen des Thronwechsels in Berlin. Obgleich wir beide für 
manche Äusserungen der Volksstimmung, die wir beobachteten, kaum 
ein Verständnis, geschweige denn Sympathien hatten, so kam es uns 
doch vor, als wenn wir den Pulsschlag der Geschichte jetzt unmittelbar 
fühlten, und so wenig unsere Wünsche und Hoffnungen damals schon 
eine fest umrissene Form annehmen konnten, so wurzelte doch zum 
Teil in den Eindrücken dieser Zeit die nicht lange nachher von Lübben 
kräftig vertretene Überzeugung, dass die Hauptstadt Preussens auch 
die Hauptstadt Deutschlands sein müsse. Von Lübbens Universitäts- 
lehrern haben wohl am meisten In Jena Göttling, in Leipzig Moritz 
Haupt auf ihn gewirkt, am nachhaltigsten jedenfalls in Berlin Lach- 
mann, Böckh und Ranke, nicht blos insofern er die von diesen ver- 
tretenen Wissenschaften vor allen andern Fächern stets bevorzugte, 
sondern auch hinsichtlich der Methode, mit welcher er sie getrieben 
hat. So möchte ich z. B. auf Lachmanns Einfluss zum Teil die knappe, 
prägnante Worterklärung zurückführen, die Lübben zuerst in seineiii 
Wörterbuche zu der Nibelungen Not, nach meinem Dünken ein Muster 
eines Special-Lexikons, anwandte und später in so grossem Umfange 
wieder in dem mittelniederdeutschen W^örterbuche. 

Michaelis 1844 wurde Lübben an das Gymnasium zu Oldenburg 
berufen, nachdem er schon einige Jahre in Jever am Gymnasium thätig 
gewesen war. Es war dies eine Auszeichnung, die zum Teil seinen 
germanistischen Studien galt, die bisher in keiner Weise im Lande 
vertreten gewesen waren, und wie er der Zeit nach der erste Germanist 
Oldenburgs gewesen ist, so ist er es dem Range nach in einem Masse 
geblieben, dass so leicht auf einen Ersatz nicht zu hoffen ist. Die 
ersten 6 bis 10 Jahre nach seiner Umsiedelung haben auf seine Thä- 
tigkeit sehr anregend gewirkt und ihr namentlich ein vielseitigeres 
Gepräge gegeben. Er fand ein reges geistiges Leben vor, besonders 
in einem noch bestehenden literarischen Vereine, der damals seine 
Blütezeit hatte, worauf dann die Ereignisse von 1848 folgten, die 
seine Bestrebungen eine Zeit lang über den Kreis rein wissenschaft- 
licher Arbeit hinaus erweiterten. Den Kern seines Wesens berührte 
das alles aber nicht, sowie auch alles, was im spätem Leben an ihn 
herantrat, wohl fördernd oder hemmend auf das Was und Wie seines 



153 

Thuns und Empfindens Einfluss haben konnte, aber ohne den schon 
früh fest und sicher gelegten Grund seiner eigentlichen Persönlichkeit 
irgendwie umzuwandeln. 

Im Grunde seines Wesens war Lübben entschieden mehr zu ge- 
lehrter, wissenschaftlicher, als zu praktischer Thätigkeit berufen, ich 
meine zu einer praktischen Thätigkeit, bei welcher der Schwerpunkt 
des Berufes in dem persönlichen Wechselverkehr mit anderen, sei es 
noch jugendlichen, oder erwachsenen Personen beruht. Die Aufgabe 
eines Amtsrichters, der im mündlichen Verfahren einem stets wech- 
selnden Publikum für dessen stets wechselnde Anforderungen von dem, 
was er sich wissenschaftlich angeeignet hat, ohne langes Besinnen das 
jeweilig Beste zu bieten suchen muss, ist eine andere, als die eines 
Beisitzers von einem höchsten Gerichte, der die vorliegenden Fälle 
mit dem ganzen wissenschaftlichen Apparate seines eigenen Könnens 
und der vorhandenen literarischen Hülfsmittel so zu behandeln strebt, 
dass die Entscheidung als Präjudiz, die Begründung zur Fortbildung 
des Bechts dienen kann. Dieser Vergleich passt nicht ganz auf die 
verschiedenen Berufsstellungen Lübbens; ich unterlasse auch, dies im 
Einzelnen an den verschiedenen Perioden seiner dienstlichen Berufs- 
thätigkeit nachzuweisen. Nur das bemerke ich, dass trotz seiner 
musterhaften Treue in Erfüllung seiner dienstlichen Obliegenheiten und 
trotz der allgemeinen Achtung, welche er sich durch seine wissen- 
schaftliche und sittliche Gediegenheit erworben hatte, ihm auch bittere 
Enttäuschungen nicht erspart geblieben sind, besonders in dem reiferen 
Mannesalter. Während des Urlaubs, den er zur Vollendung des Mnd. 
Wörterbuchs erhalten hatte, wurde er zum Bibliothekar ernannt. Das 
war eine Stellung, in welcher er so ganz seinem eigentlichsten Berufe, 
seiner innersten Neigung leben konnte; aber aus dem Vollen hat er 
dies auch nicht ausgenossen, da nur zu bald die körperliche Schwäche 
hervortrat, deren Steigerung sein Leben so vor der Zeit abschloss, 
nach meiner Überzeugung auch noch beschleunigt durch den zähen 
Widerstand, mit welchem seine Pflichttreue sie zu überwinden suchte. 

Wenn nun nach meiner Ansicht ein praktischer Beruf in dem 
oben angedeuteten Sinne der Persönlichkeit Lübbens weniger entsprach, 
so heisst das natürlich nicht, dass er unpraktisch war. Das war er 
nicht einmal in den kleineren oder grösseren Angelegenheiten des 
täglichen Lebens. Aber wie der Vertreter eines praktischen Berufs 
in Ausübung desselben oft recht unpraktisch sein kann, so kann auch 
der Mann der reinen Wissenschaft im Ausbau derselben sich als sehr 
praktisch bewähren, und dies letztere war namentlich bei Lübben der 
Fall, dessen Geschick, für seine wissenschaftlichen Arbeiten die kür- 
zesten Wege und angemessensten Handgriffe aufzufinden, ich oft be- 
neidet habe. 

Indessen war er nicht vorzugsweise der gelehrte Stubenhocker. 
Er liebte den geselligen Verkehr, der ihm Anregung bot, wie er selbst 
auch in hohem Grade sie zu geben verstand, aber diese Wechselwirkung 
stand gleichsam im umgekehrten Verhältnisse zu der Zahl der Teil- 



154 

nehmer. Er mochte wohl sprechen, war aber doch nicht eigentlich 
gesprächig. Das zeigte sich schon früh, das hat er auch nie ganz 
abgelegt. In unserer Verbindung in Jena war zu unserer Zeit her- 
gebracht, dass zu Weihnachten ein Tannenbaum mit allerlei kleinen 
Sächelchen behängt und diesen je ein Sprüchlein beigefügt ward, 
welches dem Empfänger mit einem Scherzworte, zuweilen auch mit 
beissendem Witze eine beherzigenswerte Beobachtung zu Gemüte führte. 
Lübben selbst erzählt in einem Briefe aus jener Zeit an einen 
Freund: „Ich als stiller Studio, der nicht viel Lärm machte, bekam 
eine Trommel ohne Trommelstöcke mit den Worten: 

Viel tausendmal mehr Lärm machst Du, 
Als Trommeln — wenn sie sind in Ruh." 

Dies Verschen, an welchem Lübben selbst seine harmlose Freude 
hatte, sollte sich zunächst nur auf sein zurückhaltendes Wesen auf 
der Kneipe beziehen, die damals vielleicht von 80 bis 100 Verbin- 
dungsmitgliedern besucht wurde, es zeugte aber zugleich von der Be- 
achtung, deren die altern Verbindungsgenossen den stillen Fuchs wert 
hielten, hat sich dann aber auch noch in einem andern Sinn als pro- 
phetisch für sein ganzes Leben bewährt. Wie gründlich und umfassend 
sein Wissen, wie gediegen sein Schaffen auch war, das Trommeln hat 
er nie verstanden. Er konnte fast kindlich sich jeder Anerkennung 
freuen, die in der Bitte um eine wissenschaftliche Auskunft oder in 
der unerwarteten Mitteilung irgend eines Beitrags für seine Arbeiten 
ausgesprochen lag, aber es widerstand seinem innersten Wesen, sich 
auf den Markt zu stellen und dort geltend zu machen. Dabei zeigte 
er seinerseits eine üneigennützigkeit, man kann wohl sagen, Freigebig- 
keit, wie ich sie in diesem Grade selten habe kennen lernen. Ich 
habe selbst noch Excerpte liegen, die er bei seinen Arbeiten nebenbei 
gemacht hatte, um sie später zu verarbeiten, die er aber sofort brachte, 
als er zufällig erfuhr, dass ich eine Arbeit vorhatte, für welche sie 
vielleicht brauchbar sein könnten. 

Wer Lübben nur oberflächlich kannte, dem mochte er vielleicht 
als eine etwas trockene Natur erscheinen. Neben seinem gediegenen 
Ernste besass er aber eine reiche Ader von Humor, und namentlich 
im engern Freundeskreise fiel ihm an geeigneter Stelle leicht ein 
treffendes, geistreiches Wort zu, besonders auch von jener Art, die 
man mit einer gewissen contradictio in adjecto trockene Witze nennt. 
Ebenso kann sich der vielleicht ein falsches Bild von seiner Darstel- 
lungsgabe machen, welcher ihn nur aus seinen streng wissenschaftlichen 
Werken kennt, in denen er stets nur den Stoff, den Inhalt zur Geltung 
zu bringen sucht und allen Schmuck der Rede und jede Fülle des 
Ausdrucks als unnützes Beiwerk bei Seite schiebt. Wo er sich aber 
einmal durch die vorliegende Aufgabe für berechtigt halten konnte, 
sich beim Schreiben gehen zu lassen, da war seine Sprache fliessend 
und gewandt, elegant und reich an ansprechenden Wendungen, nirgend 
eine Spur von überlegter Arbeit am Stil. So leicht, wie ihm die Ge- 
danken zuströmten, so leicht floss auch das Wort aus der Feder. In 



155 

dieser Weise schrieb er besonders viel in der schon berührten Zeit 
seiner ersten Jahre in Oldenburg, wo er zu manchen Vorträgen über 
allgemeiner interessirende und verständliche Gegenstände veranlasst 
wurde, ebenso auch in der politischen Bewegung in den ersten Jahren 
von 1848 an, wo ihm die Umstände die Redaction eines kleinen Par- 
teiblattes aufnötigten und er sich auch gelegentlich durch Flugschriften 
an verschiedenen Tagesfragen beteiligte. Immer zeigte er eine sichere 
und gewandte Herrschaft über die Sprache, ja offenbarte auch eine 
nicht geringe Begabung für Ironie und Satire, mitunter selbst in Versen. 
Diese journalistische Thätigkeit stimmte aber doch nicht recht zu 
seinem Wesen; er war froh, als er sie abschütteln und, ungestört 
durch sie, sich wieder der ernsten wissenschaftlichen Arbeit zuwenden 
konnte, in die er sich um so lieber vertiefte, als der Bückschlag der 
fünfziger Jahre für seine auf die Zukunft Deutschlands gerichteten 
Hoffnungen von ihm sehr schmerzlich empfunden wurde. Zu bedauern 
ist aber, dass in dem Masse, in welchem seine wissenschaftlichen Ar- 
beiten sich immer entschiedener auf ein bestimmtes, fest umgrenztes 
Feld concentrirten, ihm desto weniger Anregung geboten und Zeit 
gelassen wurde, einzelne Fragen in Essay -Form zu behandeln, wozu 
er ein so grosses Geschick hatte. 

Lübbens Leistungen für die Wissenschaft eingehender zu be- 
sprechen, halte ich mich an dieser Stelle nicht berufen. Was er für 
den Verein unmittelbar gewirkt hat, können Sie besser beurteilen als 
ich, der ich Ihren Arbeiten mehr aus der Ferne zugesehen, als mich 
daran beteiligt habe, und das Werk, in welchem Lübben hauptsächlich 
sich ein Denkmal gesetzt hat, kennen Sie durch eigenen Gebrauch 
sicherlich besser, als ich es Ihnen darlegen könnte. Eine oberfläch- 
liche Betrachtung würde in dem Niederdeutschen Wörterbuche viel- 
leicht nur das Werk eines ungewöhnlichen Gelehrtenfleisses erkennen, 
wobei ein sorgfältiges Excerpieren, Sondieren, Ordnen, Abschreiben und 
Gorrigieren die Hauptsache gewesen. Gewiss ist das eine Hauptsache, 
und wir haben in dieser Beziehung Lübbens Ausdauer in hohem Grade 
anzuerkennen, mit der mancherlei Hemmnisse zu überwinden nicht 
blos die Liebe zur Sache genügte, sondern oft auch eine grosse mora- 
lische Kraft nötig war. Ohne diese wäre es nicht möglich gewesen, 
ein solches Werk in vergleichsweise so kurzer Zeit herzustellen; aber 
darin liegt nicht die höchste und letzte Aufgabe des Lexikographen, 
die liegt, wenn wir es nach der äusseren Einrichtung des Niederd. 
Wörterbuchs bezeichnen, in den wenigen Wörtern und Sätzchen, die 
hier den Belegstellen in Cursivschrift vorangeschickt oder eingestreut 
sind. Nicht grade überall, aber doch in sehr vielen Artikeln hatte 
sich eben hierin Scharfsinn und Combinationsgabe darzulegen, sowie 
Sicherheit in der Wahl des treffendsten Ausdrucks. Da hilft auch 
nicht immer, um das Beste zu finden, angestrengtes und wiederholtes 
Nachdenken, es bedarf dazu einer besonderen Divinationsgabe, die 
durch Übung zwar geschärft, aber nicht erworben werden ^kann. In 
dieser Beziehung habe ich Lübben besonders wegen einer kleinen 



156 

Arbeit bewundert, in welcher er 1856 in Haupts Zeitschrift in knappster 
Form friesische Namen besprochen hat, weil unsere Arbeiten sich hier 
begegnen. Obgleich die deutsche Onomastik damals noch nicht mit 
so sicherer Methode arbeiten konnte wie jetzt, hat Lübben von den 
sieben Siegeln, welche die Deutung der rätselhaften friesischen Namen 
verschlossen, mit seiner sichern Hand wenigstens vier gelöst. Dabei 
war er aber überall, wo es Unerklärtes zu erklären gab, äusserst vor- 
sichtig, fast zu ängstlich in seiner wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, 
und dies schien fast noch zuzunehmen, seit er für das Wörterbuch 
zu arbeiten begonnen hatte. 

Der persönliche Charakter Lübbens war ganz wie sein wissen- 
schaftlicher Charakter, — stets gewissenhaft und treu, strenge gegen 
sich in der Erfüllung seiner Pflichten und anspruchslos in seinen An- 
forderungen an das äussere Leben, zäh in allem, was er einmal erfasst 
hatte, auch andern gegenüber nicht blos in Zuneigung, sondern auch 
in Abneigung, besonders, wo er die volle Wahrheit des innern Wesens 
vermisste, obgleich duldsam gegen menschliche Schwächen, wenn der 
innere Kern nur gesund war, vielleicht etwas zu gleichgültig gegen 
manche Formen des äusseren Lebens, aber auch zugleich seinerseits 
durchaus unzugänglich für blos conventionelle oder gar mit Neben- 
zwecken verbundene Höflichkeit und Zuvorkommenheit, und wenn ich 
Lübbens Wesen und Verdienste heute nicht ganz mit dem siehern 
Masse einer vollständigen Gerechtigkeit gewürdigt habe, so ist das 
wieder ein Zeugnis über ihn. Ich musste mir manchmal Zwang an- 
legen, weil ich ihn in Gedanken an meiner Seite stehen sah, wie er 
warnte, nicht die Freundschaft über die ruhig und zwar wohlwollend, 
aber zugleich streng wägende Wahrheit zu setzen. Um aber alles in 
einem kurzen Worte zusammenzufassen, so sei es mir gestattet, die 
Verse Hartmanns von Aue zu wiederholen, mit denen Lübbens Freunde 
aus dem germanistischen Kränzchen einen Lorbeerkranz für sein 
Grab widmeten: 

Swer an rehte güete 

wendet sin gemüete, 

dem vdget scelde und ere, — 

Er hat den lop erworben^ 

ist im der Up erstorben^ 

so lebt doch iemer sin name. 



LEBENSDATEN UND SCHRIFTEN. 

1818 Januar 21. Geboren zu Hooksiel (an der Jade, Amt Jever). 
1832 — 38. Gymnasiast in *Jever. 

1838 Ostern — 1839 Ostern. Inscribirt als Stud. theol. in Jena. Stu- 
dium der Theologie und Philologie. 



157 

1839 Ostern — 1840 Ostern. Desgleichen in Leipzig. 

1840 Ostern — 1841 Michaelis. Desgleichen in Berlin. (Vorlesungen 
bei Lachmann, Böckh, Neander, W, Grimm, Ranke u. a.) 

1841. Examen pro facultate docendi in Berlin* Dr. phil. auf Grund 
einer bei der Universität Jena eingereichten Dissertation 'De 
imaginationis ratione apud Aristotelem'. 

1842, Lehrer am Gymnasium in Jever. Tentamen theologicum. 
1844 Michaelis. Lehrer am Gymnasium in Oldenburg. 

1869. Verbindung mit K. Gh. Schiller zur Herausgabe eines mittel- 
niederdeutschen Wörterbuches. 

1873 August 4. Stirbt Karl Christian Schiller zu Schwerin. 

1875 Pfingsten. Präses des Vereins für niederdeutsche Sprachforchung. 

1876. Dreijähriger Urlaub zur Vollendung des mittelniederdeutschen 
Wörterbuches. 

1877 — 84. Redacteur des Jahrbuches des Vereins für niederdeutsche 
Sprachforschung. 

1877 Juli 1. Bibliothekar der Grossherzoglichen Öffentlichen Biblio- 
thek in Oldenburg. 

1884 März 15. Gestorben nach längeren asthmatischen Leiden in 
Folge einer Rippenfellentzündung. 

Biographische Notieen und Nekrologe sind gegeben im Programm 
des Gymnasiums in Oldenburg Ostern 1845 S. 19; von K. Stracker jan in 
der Allgemeinen Deutschen Biographie; von H, Brandes in der Zeit- 
schrift für Deutsche Philologie Bd. 16 S. 369—873. 

Bücher. 

1846. Das Plattdeutsche in seiner jetzigen Stellung zum Hochdeut- 
schen. Oldenburg. Schulze'sche Buchhandlung. 40 S. 8^ 

1848. Bemerkungen über Bemerkungen. Gegen Herrn Alex. Klei- 
kamp. Von Sebastus. Oldenburg. Schulze'sche Buchhandlung. 
16 S. 8^ 

1848. Die bremer Zeitung. Ein Votum. Von einem langjährigen 
Leser. Oldenburg. Schmidt. 16 S. 8^ 

1854. Wörterbuch zu der Nibelunge Not. Oldenburg. Druck und 
Verlag von Gerhard Stalling. IV u. 160 S. 8«. 

1865. Wörterbuch zu der Nibelunge Not (Liet). Zweite vermehrte 
und verbesserte Auflage. Oldenburg. Stalling's Verlag. IV u. 
206 S. 8^ 

1867. Reinke de Vos nach der ältesten Ausgabe (Lübeck 1498). 
Mit Einleitung, Anmerkungen und einem Wörterbuche. Olden- 
burg. Druck und Verlag von Gerhard Stalling. XXII, VIII u. 
347 S. 8^ 



158 

1868. Mittelniederdeutsche Gedichte aus Handschriften herausgegeben. 
Oldenburg. Stalling. IV u. 62 S. 8^ 

1868. Deutsches Lesebuch für höhere Schulen. Von Franz Kern und 
A. Lübben. Th. 1. 2. V u. 422 S. Oldenburg. Schmidts 
Verlag. 8^ 

1869. Zeno, oder die Legende von den heiligen drei Königen. — 
Ancelmus, vom Leiden Christi. Nach Handschriften heraus- 
gegeben. Bremen. J. Kühtmann. XXIII u. 146 S. 8®. 

1871 — 1881. Mittelniederdeutsches Wörterbuch von Karl Schiller und 
August Lübben. (Lieferung 1—31 oder) Bd. I. A— E. (1871—) 
1875. VIII, XVI u. 756 S. — IL G— L. 1876. 758 S. — 
m. M-R. 1877. 538 S. — IV. S-T. 1878. 649 S. — 
V. ü— Z. 1880. XX u. 791 S. — VL (Nachtrag.) 1881. 
II u. 319 S. Bremen. Verlag von J. Kühtmann's Buchhandlung, 
seit 1880 Verlag von Hinricus Fischer, Norden. 8^ 

1873. Deutsches Lesebuch für höhere Schulen. Von Franz Kern 
und A. Lübben. Th. 1. Zweite durchgesehene Auflage. Olden- 
burg. Schmidt's Verlag. IV u. 351 S. 8^ 

1875. Deutsches Lesebuch für höhere Schulen. Von Franz Kern 
und A. Lübben. Th. 2. Zweite Auflage. Oldenburg. Schmidt's 
Verlag. V u. 421 S. 8^ 

1877. Wörterbuch zu der Nibelunge Not [Liet]. Dritte vermehrte 
und verbesserte Auflage. Oldenburg. Stalling. IV u. 210 S. 8®. 

1879. Der Sachsenspiegel, Landrecht und Lehnrecht. Nach dem 
Oldenburger Codex picturatus von 1336 herausgegeben von A. 
Lübben. Mit Abbildungen in Lithographie und einem Vorwort 
zu denselben von F. von Alten. Oldenburg. Schulze'sche Hof- 
Buchhandlung und Hof-Buchdruckerei. XVI u. 148 S. 8®. 

1882. Mittelniederdeutsche Grammatik nebst Chrestomathie und 
Glossar. Leipzig. T. 0. Weigel. VIII u. 221 S. 8^ 

1884. Mittelniederdeutsches Handwörtei^buch. Auch mit dem Titel 
Wörterbücher, herausgegeben vom Verein für niederdeutsche 
Sprachforschung. Bd. 2. Norden und Leipzig. Diedr. Soltau^s 
Verlag. 8^ [Im Drtuikj ca. 30 Bogen.] 

Abhandlungen in Programmen und Zeitschriften. 

1845. Über die Behandlung der deutschen Sprache und Literatur- 
geschichte auf Gymnasien. Programm zur Ankündigung der 
Schulfeierlichkeiten des Gymnasiums zu Ostern 1845. Oldenburg. 
Schulze'sche Buchhandlung. 13 S. 4^. 

1846. Über einige Spuren des Heidenthums in unserer Heimat. Ein 
Vortrag. Jeverländische Nachrichten 1846 No. 38—40. 

1854. Einiges über friesische Namen. Zeitschrift f. deutsches Alter- 
thum 10, 293—307. 



159 

1863. Zu Reinke Vos [v. 76. 258]. Germania 8, 370—373. 
1863. Die Thiernamen in Reineke Vos. Programm des Gymnasiums 
zu Oldenburg. 56 S. 8®. 

1865. Neues Bruchstück von Albrecht von Halberstadt. Germania 
10, 237—245. \ 

1866, Versus memoriales. Programm des Gymnasiums zu Oldenburg. 
42 S. 8^ 

1869. Ancelmus scal de passio heten. Zeitschr. f. deutsche Philol. 
1, 469—473. 

1870. Nibelungenl. 1405, 4. (L.). — usik (mhd. unsich). Zeitschr. 
f. deutsche Philol. 2, 191. 192. 

1871. Zu Reinke Vos. Zeitschr. f. deutsche Philol. 3, 306 
1871. Altvil. Zeitschr. f. deutsche Philol. 3, 317. 

1873. Bemerkungen zu der Ausgabe des Reinke Vos von K. Schröder. 

Zeitschr. f. deutsche Philol. 5, 57. 
1873. Altfriesisches. Zeitschr. f. deutsche Philol. 6, 454. 

1873. Mit äi zusammengesetzte Wörter. Zeitschr. f. deutsche Philol. 
6, 454—466. 

1874. Mittheilungen aus niederdeutschen Handschriften. Programm 
des Gymnasiums zu Oldenburg. 25 S. 4^ 

1875. Einleitung [des Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprach- 
forschung]. Niederd. Jahrb. 1, 1 — 4. 

1875. Zur Characteristik der mittelniederdeutschen Literatur. Niederd. 
Jahrb. 1, 5—14. 

1875. Über Flurnamen. Germanistische Studien. Herausg. von K, 
Bartsch. 2, 259—273. 

1876. Niederdeutsche Tischzucht. Germania 21, 424—430. 
1876. Inwritze deda. Zeitschr. f. deutsche Philol. 8, 239. 240. 

1876. Blau. Zeitschr. f. deutsche Philol. 8, 240. 241. 

1877. Medicinalia pro equis conservandis. Nd. Jahrb. 2, 19 — 23. 

1877. Zu den historischen Volksliedern von R. v. Liliencron. Nd. 
Jahrb. 2, 35—39. 

1878. Zu Germania 23, 53 f. [betr. rirap, lanchlachtich etc.]. Ger- 
mania 23, 341. 342. 

1878. Henneke Knecht, Str. 10. Germania 23, 445. 

1879. Aus dem Vocabelbuche eines Schülers. Nd. Jahrb. 4, 27. 
1879. Zum Umlaut. Nd. Jahrb. 4, 41—44. 

1879. Spieghel der zonden. Nd. Jahrb. 4, 54—61. 

1881. Aus dem zu Herford gehaltenen Vortrag über 'de modersprake\ 

Nd. Korrespondenz-Blatt 6, 64—67. 
1881. Die niederdeutschen noch nicht weiter bekannten Handschriften 

der Bibliothek zu Wolfenbüttel. Nd. Jahrb. 6, 68—74. 



1B81. Etwas über niederdeutsche Familiennamen. Niederd. Jahrb. 

6, 145—151. 
1881. Zu Gerhard von Minden. Festgabe für Wilhelm Crecelius in 

Elberfeld. S. 108—111. 

1881. Zur deutschen Lexikographie. Zeitschr. f. deutsche Philol. 13, 
367-381. 439—444. 

1882. Zum Sachsenspiegel. Germania 27, 379. 

1882. Bruchstück einer Unterweisung über die zehn Gebote. Von 

R. Sprenger und A. Lübben. Nd. Jahrb. 7, 62—70. 
1882. Das Paradies des Klausners Johannes. Nd. Jahrb. 7, 80 — 100. 

1882. Die Halberstädter nd. Bibelübersetzung von 1522. Nd. Jahrb. 
8, 108—115. 

1883. Beiträge zur Kenntnis älterer deutscher Volkslieder. Zeitschr. 
f. deutsche Philol 15, 48—65. 

Ausserdem Recensionen in der Germania, der Zeitschrift für 
deutsche Philologie und im Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche 
Sprachforschung sowie kleinere Beiträge für das Korrespondenzblatt 
desselben Vereines und die Oldenburger Zeitung. 

Im J. 1850 und 1851 ist von Lübben 'Der oldenburgische Volks- 
freund. Mittheilungen aus allen Gebieten des öfifentlichen Lebens. 
Jahrg. 2 und 3 no. 1—26', später 'Der Gesellschafter. Ein nützlicher 
und unterhaltender Volkskalender. Jg. 1853. Oldenburg. Stalling, 
redigirt worden. 






•• -S.: 










ItV^^ 



jiif r -iiiV'-^'****' 




w 







»^ 




Ill,'ll 



l|(fl(f[ 




I« 



Hilf 

;J.'UlliJJilJfl.'||l||[||fl| 



III 



^044098638 588 



r%^' 



-r:*. i*^ 



.■.■.S'ix